Als Ärztin bei der Guerilla

Silav Newal ist als Jugendliche in die Berge gegangen und hat dort gelernt, Verletzten erste Hilfe zu leisten. Jetzt ist sie Guerillaärztin in Botan.

JIYAN AMARGî / ŞIRNAX, 4. Nov. 2018.

Seit Jahrzehnten führt die PKK-Guerilla einen ununterbrochenen Kampf gegen den türkischen Staat. Dieser Kampf wird ständig weiterentwickelt und hat verschiedene Dimensionen.

Silav Newal ist Mitglied der Frauenguerilla YJA-Star und hat sich in den Bergen im Gesundheitsbereich ausbilden lassen. Jetzt ist sie Ärztin in den Bergen Botans und behandelt ihre kranken oder verletzten Weggefährtinnen.

Silav Newal ist in der kurdischen Widerstandshochburg Amed zur Welt gekommen. Wie sie zur Guerilla kam, erzählt sie mit folgenden Worten: „Ich wurde 1994 in Amed geboren. 2010 habe ich mich der Guerilla angeschlossen. Als ich noch klein war, lebte meine Familie im Dorf. Damals kamen Guerillakämpfer zu uns nach Hause. Sie haben mein Interesse an der Guerilla geweckt. Vor allem Heval Numan, der damals Gebietskommandant von Amed war, hat mich sehr beeindruckt.“

Die Guerilla als einziger Ausweg für Frauen

Für Frauen gebe es innerhalb des Systems nicht die Möglichkeit, ein freies und sinnvolles Leben zu leben, erklärt die Guerillakämpferin: „Frauen werden innerhalb des Systems nicht akzeptiert, daher ist die Guerilla der einzige Ausweg für Frauen. Die Menschen in Amed sind für ihren Patriotismus bekannt. Es besteht vielleicht kein großes Bewusstsein über die historischen Hintergründe, aber die staatliche Verleugnungs- und Vernichtungspolitik der Gegenwart löst große Wut aus. Wenn du die Realität siehst, stellst du fest, dass das Leben innerhalb des Systems unerträglich und sinnlos ist. Als ich Heval Numan das erste Mal sah, war ich zwar noch ein Kind, aber was er über den Vorsitzenden und die Werte der Partei erzählte, beeindruckte mich trotzdem sehr.“

Bei der Guerilla geht es nicht nur um Waffen

Silav ging als Jugendliche in die Berge: „Bei der Guerilla fielen mir als erstes die Lebensweise und die genossenschaftlichen Beziehungen untereinander auf. Vor allem beeindruckten mich die Frauen, die mit der Waffe in der Hand in den Bergen für Freiheit kämpften. Ich begriff, dass die Beziehungen der Menschen zueinander innerhalb des Systems nicht aufrichtig waren. Die Guerilla steht für eine ganz neue Identität, für ein neues System und für Freiheit. Von außen betrachtet sieht es so aus, als ob die Guerilla bloß bewaffnet kämpft, aber es ist viel mehr. Es geht um Bewusstsein und das Wissen über alle Einzelheiten des Lebens. Wissen ist eine Notwendigkeit, die Bedingungen erfordern es. Die Guerilla muss auf alles vorbereitet sein und sich immer weiterentwickeln.“

„Wir leben im Krieg“

Wie sie dazu kam, sich im Gesundheitsbereich weiterzuentwickeln, erklärt Silav mit folgenden Worten: „Zunächst wollte ich mit dieser Arbeit nichts zu tun haben. Ich dachte mir, dass ich in dieser Bewegung alles lernen kann, nur Medizinerin wollte ich nicht werden, das erschien mir zu schwierig. In der Offensive in Elkê im Jahr 2015 habe ich dann miterlebt, dass Freundinnen und Freunde verletzt wurden und es niemanden gab, der erste Hilfe leisten konnte. Weil niemand sie behandeln konnte, sind sie gefallen. Das hat mich sehr betroffen gemacht. Zu der Zeit habe ich begriffen, dass es bei der Guerilla nicht ausreicht, sich nur mit Waffen auszukennen. Wir leben im Krieg, es kommt immer zu Verletzungen, daher ist die Medizin wichtig und sinnvoll.“

„Ich habe meine Angst verloren“

Silav begann, sich theoretisches Wissen über die medizinische Behandlung Verletzter anzueignen. Dann gab es weitere Verletzte und sie musste sich in der Praxis beweisen. „Es macht mich glücklich, wenn ich sehe, dass sich der Gesundheitszustand der Verletzten bessert, wenn ich sie behandelt habe. Bei uns geht es nicht nur um eine körperliche Behandlung, auch die Psyche spielt eine große Rolle. Wir fühlen den Schmerz der Betroffenen mit und es ist, als ob wir selbst verletzt seien. Die moralische Unterstützung ist bei der ersten Hilfe von großer Bedeutung. Ich habe meine Angst verloren.“