Häuser der Hoffnung in Şırnak

von medico international, 17.10.2018.

Neue Häuser entstehen

Über 500.000 Menschen haben vor über zwei Jahren nach der brutalen Niederschlagung jugendlicher Aufstände in den Städten des kurdisch geprägten Südosten der Türkei ihr Zuhause verloren. Das türkische Militär zerstörte ganze Stadtteile, Tausende mussten fliehen. Nun werden die Städte auf Anweisung der staatlichen Wohnungsbaubehörde neu aufgebaut – eine Rückkehr wird für ehemalige Bewohner*innen extrem schwer gemacht.

Etwa 1000 vertriebene Familien aus Şırnak bauen in umliegenden Dörfern in gemeinschaftlicher Arbeit Häuser auf und schaffen sich ein neues Obdach. Sie setzen ihr Recht zu bleiben durch und schaffen die Grundlage für eine demokratisch verfasste Türkei, in der alle die gleichen Rechte haben. medico unterstützt sie seit Beginn dabei und begleitet die Entwicklungen vor Ort so gut es geht. Die Repression der türkischen Staatsbehörden nimmt zu und Helfer*innen werden verfolgt.

Selbstorganisierter Hausbau

Zement, Fenster, Türen, Bausteine und Farbe: Das Baumatrial wird in die Dörfer geliefert. Unter Anleitung bauen die Menschen ihre Häuser selber auf. Sie unterstützen sich gegenseitig. Alte Dorfbewohner*innen unterstützen die neuen Nachbar*innen. Sie haben Grundstücke zur Verfügung gestellt, damit die obdachlosen Familien sich ein neues Lebens aufbauen können. Die Besorgung und Anlieferung des Materials kann nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden, denn das Projekt ist den Sicherheitsbehörden ein Dorn im Auge. Noch sind nicht alle benötigten Häuser gebaut, Baumaterial wird weiterhin dringend benötigt!

Gemeinschaftliches Leben

Die Hilfsbereitschaft und Solidarität untereinander ist groß. In den Stadtteilen Şırnaks hatten die Bewohner*innen eine soziale Infrastruktur in Cafés, kleinen Läden oder auf der Straße. Einige Nachbar*innen sind zusammen geflohen und bis jetzt zusammengelieben. Viele werden sich nicht wieder sehen. In den Dörfern ist das gemeinschaftliche Leben ein wichtiger Schritt, um die Gewalttaten und die Vertreibung zu verarbeiten. Der Wille zu bleiben und für eine demokratische Türkei einzustehen, in der alle gleiche Rechte haben – jenseits ethnischer oder religiöser Herkunft – ist ungebrochen.

Selbstversorgung

Einige Familien haben schon die ersten Gärten angelegt und Tiere angeschafft. So können sich die Menschen vorerst selbst versorgen. Dies allein reicht nicht um über den Winter zu kommen, aber eine erste Verpflegung ist mit den kleinen Gärten gewährleistet. Für eine autonome Versorgung werden nun Kooperativenstrukturen geplant, die das gemeinschaftliche (Über-)Leben sichern, jenseits staatlicher Abhängigkeiten.

wie weiter?

Die staatliche Repression in der Türkei nimmt weiter zu. Die Hoffnungen vor den letzten Parlamentswahlen im Sommer, das AKP-Regime zu stürzen, haben sich in Luft aufgelöst. Und trotzdem, die kurdenfreundliche Partei HDP hat den Einzug ins Parlament mit ganz unterschiedlichen Kanditat*innen geschafft und streitet dort unter schwierigen Bedingungen weiter für eine vielfältige und demokratische Türkei.

medico-Partner*innen sitzen in der Türkei in Haft, wurden kurzzeitig inhaftiert oder mussten fliehen. Sie machen trotzdem weiter, ungebrochen der Verfolgung und der Angst ins Gefängnis zu kommen. Ihr Einsatz für Menschenrechte, für Vielfalt und Demokratie braucht unsere Öffentlichkeit und Unterstützung!