Nalin Dilpak: Selbstverteidigung lässt sich nicht aufschieben

Zur Entstehung der kurdischen Frauenarmee erklärt die Guerillakommandantin Nalin Dilpak: „Innerhalb des Systems wissen Männer, wie sie sich schützen, sich organisieren und wie sie Krieg führen. Wir Frauen lernten es in der Praxis, indem wir es taten.“

DİLPAK DAĞ / BEHDÎNAN, 24. Okt. 2018.

Die YJA-Star-Kommandantin Nalin Dilpak hat sich im Radiosender Dengê Welat zur Entstehung einer autonomen Frauenarmee bei der kurdischen Guerilla Mitte der neunziger Jahre geäußert.

Wieso bestand Bedarf nach einer eigenen Frauenarmee?

Unsere Bewegung hat sich schon immer an der Frauenrevolution beteiligt. Dieser Schwerpunkt stand im Zusammenhang mit der Ideologie, der Philosophie und dem Leben von Abdullah Öcalan. Von Beginn an wurde in der Revolution in Kurdistan daran gedacht, dass Frauen überall beteiligt sein müssen. Frauen wurde eine große Rolle und Mission beigemessen. So konnten Frauen nach eigenen Vorstellungen, aus eigenem Willen, mit ihren eigenen Besonderheiten an der Revolution teilnehmen.

Später bereitete der Vorsitzende Abdullah Öcalan uns in Schulungen auf die Gründung einer Frauenarmee vor und sorgte dafür, dass wir selbst den Bedarf danach erkannten.

Hinsichtlich ihres eigenen Leben und eigener Vorstellungen standen Frauen unter hohem Druck und waren wehrlos. Um sich selbst und die eigene Meinung verteidigen zu können, war eine Waffe notwendig, aber eine solche hatten Frauen nicht. Der Vorsitzende sah diesen Bedarf und wollte Frauen eine Waffe in die Hand geben. „Solange ihr im Mittleren Osten über keine militärischen Verteidigungsstrukturen verfügt, wird mit euch nicht gerechnet“, sagte er. Diese Feststellung traf auf Frauen noch viel stärker zu. Auch in linken oder sozialistischen Organisationen gab es keinen Mechanismus, der Frauen miteinbezog, die Rechenschaft verlangten. Bei Frauen wurde der Wunsch stärker, Rechenschaft zu fordern. Die Frage, welche Mittel und Wege dafür erforderlich waren, führte zur Gründung der Frauenarmee.

Außerdem stand im neuen Jahrhundert der dritte Weltkrieg an. Es wurde bereits davon ausgegangen, dass er noch härter verlaufen wird als die vorangegangenen Weltkriege. Dafür mussten auf allen Ebenen Vorbereitungen getroffen werden. Der Vorsitzende sah voraus, dass in diesem Krieg, in dem wir uns heute befinden, eine extrem frauenfeindliche Politik den Ton angeben wird. Zur Vorbereitung darauf musste eine Frauenarmee gegründet werden.

Heute werden Städte und Dörfer entvölkert, Frauen werden wahllos ermordet und versklavt, aber sie werden übersehen. Ihre Existenz wird gar nicht in die Rechnung einbezogen. Ihre Häuser werden geplündert, ihr Leben, ihre Städte, ihre Dörfer, ihr Geschlecht, ihre komplette Existenz wird geplündert. Frauen werden vernichtet und dieser Angriff findet sowohl auf militärischer Ebene statt als auch auf kultureller Ebene. Frauen sind zu wehrlosen Wesen gemacht worden, ihnen sollte jede Basis für die eigene Selbstverteidigung entzogen werden. Psychisch und physisch ist ihnen jede Grundlage genommen worden, auf der sie sich selbst verteidigen könnten. Gegen das System aufzubegehren, gegen den Staat, gegen die Familie, gegen Männer aufzubegehren war damals eine Illusion.

Wie haben die Frauen es aufgenommen, als Abdullah Öcalan dieses Thema aufbrachte? Wie haben sie reagiert?

Am Anfang konnte niemand etwas mit dieser Idee anfangen. Als Öcalan die Gründung einer Frauenarmee thematisierte, bereitete uns Frauen die Frage Sorge, wie wir uns gegen die Männer verteidigen könnten, falls sie auf uns losgehen sollten. Es bestand Angst und Sorge. Eine eigene Armee machte uns Angst, der Gedanke, uns selbst zu verwalten und eigenständig zu organisieren, machte uns Angst. Wir hatten Zweifel daran, dass wir uns selbst schützen können. Unter uns redeten wir heimlich über unsere Ängste. Wir fragten uns, was mit uns geschehen wird, was wir tun sollen und wer das Kommando geben wird, wenn wir auf uns gestellt sind. Diese Ängste hatten ihren Ursprung tief in der Geschichte.

Wie ging es dann weiter?

Es war nicht einfach, aber allen Befürchtungen zum Trotz wurde die Frauenarmee gegründet. Wir verdanken Abdullah Öcalan viel. Nach all den großen Ängsten zu Beginn fürchten wir jetzt nur noch, dass der Frauenarmee etwas zustoßen könnte. Wir arbeiten ständig daran, sie auszubauen und weiterzuentwickeln. Wir sind Frauen, die den Geschmack der Freiheit wahrgenommen habe, deshalb hat unsere Sorge jetzt ganz andere Dimensionen angenommen.

Die Frauenarmee ist innerhalb einer bereits bestehenden Guerillaarmee entstanden. Was hat die Autonomie von Frauen mit sich gebracht?

Diesen Widerspruch haben sowohl Frauen als auch Männer empfunden. Es gab bereits eine Armee, die für Freiheit, für die Befreiung von den Herrschenden kämpfte. Den Grundstein zu dieser Armee hatte der Vorsitzende gelegt und beide Geschlechter kämpften in ihr Schulter an Schulter. Sie kämpften für ein Volk, dem die Freiheit und das Recht auf Leben genommen worden war. Wofür brauchten wir dann innerhalb dieser Armee eine neue Armee, wozu sollte das gut sein? Natürlich gibt es in einer allgemeinen Armee bestimmte Probleme, auch wenn es in ihr Freiheit, Einheit und Demokratie gibt, aber damals war wir uns dessen nicht bewusst. Warum wird die Armee von Männern dominiert? Weil es eine Vergangenheit und eine Grundlage dafür gibt. Männer können kämpfen, Männer haben Selbstvertrauen. Innerhalb des Systems wissen Männer, wie sie sich schützen, sich organisieren und wie sie Krieg führen. Frauen lernen es gerade erst. Das gilt für alle Bereiche des Lebens, sowohl gedanklich als auch physisch. Wir lernten es durch die Praxis: indem wir es taten.

Natürlich traten dabei große Probleme auf. Unsere größte Sorge war, ob wir überhaupt verstanden hatten, was der Vorsitzende von uns wollte. Das hatten wir nicht, und das war unser größtes Problem. Die Umsetzung bereitete uns Schwierigkeiten. Wir kamen schließlich aus einem System, in dem wir versklavt waren. Bei der Interpretation von Befreiung und der Gründung einer Frauenarmee traten vor allem unsere reaktionären Seiten in den Vordergrund. Das galt nicht nur für die Frauen, sondern auch für die Männer. Die Männer, mit denen wir gemeinsam kämpften, hatten nicht wirklich verinnerlicht, was Demokratie bedeutet, und sich geistig und gedanklich befreit. Wenn der Vorsitzende einen Schritt setzte, um eine Entwicklung voranzutreiben, dauerte es immer mindestens ein Jahr, bis verstanden wurde, was er meinte. Er sagte trotzdem nie wie die klassischen revolutionären Organisagionen: ‚Zuerst wird das Land befreit und demokratisiert, und dann befreien wir die Frauen!‘ Das hätte nicht zu seiner Philosophie und seinem Verständnis von Freiheit gepasst. Bei jedem Schritt, den er setzte, wurde gleichzeitig etwas für die Frauenbefreiung getan. Das verlief immer parallel, und so ist es bis heute geblieben. Frauenbefreiung lässt sich nicht aufschieben. Und jetzt können Frauen sich selbst schützen. Dass Frauen heute nicht mehr vor dem Feind und seiner Denkweise kapitulieren, ist der Frauenarmee zu verdanken. Jede einzelne Frau, die gegen die herrschende Mentalität aufbegehrt, zeigt der gesamten Gesellschaft, dass man sich wehren kann und sich nicht beugen muss.

Wenn im Nahen Osten die Grundlagen für eine Frauenarmee gelegt werden, dann hat das Auswirkungen nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt. Und nicht nur auf die kurdischen Frauen. Schon jetzt haben in unseren Reihen nicht nur kurdische Frauen Platz, sondern auch Türkinnen und Turkmeninnen, Perserinnen, Araberinnen, Aramäerinnen und Frauen aus Europa.

Wir haben erlebt, dass in den Gegenden, wo wir die Frauen vom Islamischen Staat befreiten, sie den schwarzen Umhang wegwarfen und unsere Kämpferinnen umarmten.  Militärischen Einheiten aus Frauen zu begegnen, gibt ihnen enormes Vertrauen. Sie spüren, dass sie ihre Rücken an eine Frauensarmee anlehnen konnten, dass Frauen sich nicht mehr alleine fühlen müssen. Das erzeugt bei den Frauen des Mittleren Ostens ein neues Lebensgefühl.

Der Feind hat es gerade auf die Frauen abgesehen. Er versucht, unsere freiheitsliebenden Familien im Namen von Sitte und Tradition zu verunsichern, vor allem unsere Mütter: ‚Holt eure Töchter (aus den Bergen) zurück; wir machen ihnen garnichts!‘ Das ist die alte Unterdrücker-Mentalität; darauf dürfen unsere Familien nicht hereinfallen! Im Vergleich zu den 90er Jahren haben sich die Bedingungen in den Bergen Kurdistans verbessert: mit den Schulungen, mit der Technik, mit der Versorgung. Seit 40 Jahren hat uns der Feind nicht kleingekriegt. Und wir sind eine junge Bewegung, eine junge Partei, eine junge Armee. Jeden Tag beginnen wir von Neuem, mit neuer Zuversicht.