Syrien: Schattenreich der Angst

von Katja Maurer / medico international, 25. Sept. 2018.

Gibt es in diesen Trümmern eine Zukunft für die palästinensische Gemeinde in Syrien? Der Damaszener Stadtteil Jarmuk. (Foto: Jafra)

Assads Macht scheint gesichert, aber der Konflikt ist nicht zu Ende. Ein Überblick aus Sicht der medico-Partner.

Von Katja Maurer

Junge Frauen werden über Nacht alt, sechsjährigen Jungen sprießt plötzlich ein Bart. Das ist keine Variante des magischen Realismus auf Arabisch. In ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Roman „Die Verängstigten“ beschreibt die syrische Schriftstellerin Dima Wannous, was mit Menschen geschieht, die Angst als Grundvoraussetzung ihrer Existenz erfahren. Ein ganzes Land mit seiner multireligiösen Bevölkerung lebt seit Jahrzehnten im Schatten dieser Angst. Dieser Schatten tut so weh, wie die Angst selbst, sagt die Mittdreißigerin. Ihre Beschreibung verletzter Seelen spielt deshalb immer wieder beim Psychiater in Damaskus. Nur wer kann Wunden heilen, die vielen schon in den 1980er Jahren zugefügt wurden, als das Assad-Regime den Aufstand der Muslimbrüder mit einem Massaker in der Stadt Hama beendete, bei dem bis zu 30.000 Menschen ums Leben kamen? Für die syrische Schriftstellerin ist das einer der Ausgangspunkte der Zerstörung, die nun das ganze Land erfasst hat. Man könnte auch die Niederschlagung der kurdischen Demonstrationen 2004 nennen. In allen kurdischen Gemeinden und Stadtvierteln Syriens kam es zu Massenverhaftungen insbesondere von Jugendlichen, viele erlebten Folter.

Diese Angsterfahrung ist mit der Niederschlagung der „Revolution“, wie die syrischen Aktiven den demokratischen Aufstand von 2011 nennen, weil er alle eingeübten Mentalitäten mit einem Schlag verändert hatte, allgemein geworden. Der syrische Menschenrechtsanwalt Anwar Al-Bouni, der selbst jahrelang im Gefängnis saß und jetzt in Europa im Exil lebt, wirft am Telefon einige Schlaglichter: Seiner Schätzung nach sitzen 150.000 Menschen in Syrien im Gefängnis, zumeist aus politischen Gründen. 80.000 davon seien namentlich bekannt. Aber es gäbe viele Tausend Verschwundene. Manches Schicksal hat sich mit der bitteren Euphorie des vorläufigen Sieges von Assad geklärt: Das Regime gab den Tod von mindestens 5.000 Gefangenen bekannt. Offenbar in der Annahme, dass keiner sich mehr traut, den Skandal syrischer Gefängnisse beim Namen zu nennen: ein Staatsverbrechen.

Die aktuellen Zahlen zur syrischen Katastrophe lassen sich nicht in eine Sprache fassen, die die Anonymität der Ziffern aufheben kann. Die Todesopfer des sieben Jahre anhaltenden Konflikts liegen zwischen 300.000 und 500.000. Es gibt laut der UNO sechs Millionen Binnenvertriebene. 5,6 Millionen sind in die Nachbarländer geflohen. Zwei Drittel des Landes haben die Regierungstruppen mit Hilfe der russischen Armee und einer militärischen Strategie, die keine Rücksicht auf Zivilisten und Völkerrecht nimmt, zurückerobert. Es verbleiben die kurdischen Gebiete im Norden, die unter der Kontrolle der PYD (mit Unterstützung der US-Armee) stehen und die Region Idlib, wohin alle verbracht wurden, die nicht in den eroberten Gebieten bleiben konnten oder wollten.

Niemandsland Idlib

Nach Idlib sind auch Kolleginnen und Kollegen aus der medico-Projektregion Ost-Ghouta geflohen, die im lokalen Komitee von Erbin u.a. die freien und demokratischen Schulen in Kellergeschossen betrieben hatten, sowie Frauen aus dem Frauenhaus in Douma. Der in Deutschland lebende syrische Sozialwissenschaftler Omar Sharaf, mit dem medico immer wieder zusammenarbeitet, kommt aus der Region Ost-Ghouta und steht im Kontakt mit den Kollegen vor Ort. Idlib, so Sharaf, sei ein Niemandsland ohne staatliche oder lokal legitimierte Institutionen. Jederzeit könne man Opfer eines Übergriffes irgendeiner Gruppierung werden. In der Grenzregion zur Türkei leben drei Millionen Menschen, zwei von drei sind intern Vertriebene. Viele hofften, das Land Richtung Türkei verlassen zu können. Manche Familien hätten es mehr als zehnmal erfolglos versucht, seien dabei ausgeraubt und von Schleppern zusammengeschlagen worden.

Während Mitglieder der demokratischen Opposition aus Erbin versuchen, sich ins Ausland durchzuschlagen, regiert in Erbin das syrische Militär und die Baath-Partei. In Erbin, so Sharaf, sei das allerdings eine Truppe aus wenigen syrischen und russischen Soldaten, nicht mehr als 30 Mann, die sich als Machtdemonstration rund um das Rathaus aufhielten. Sharaf glaubt, dass Flüchtlinge aus den Nachbarländern zurückkehren würden, sobald die Kriegshandlungen zu Ende gingen und sie nicht persönlich von Verfolgung bedroht seien. Zu prekär sei etwa ihre Situation im Libanon und in Jordanien.

Jarmuk in Trümmern

Auch die palästinensisch-syrische Partnerorganisation Jafra ist mit der neuen Situation befasst. Erste Familien versuchen in das einstige Palästinenserlager in den Damaszener Stadtteil Jarmuk zurückzukehren. Der Stadtteil ist zu 80 Prozent zerstört. Es gab die Ankündigung, dass Häuser enteignet würden, wenn sich ihre Besitzer nicht binnen wenigen Wochen zurückmelden würden. Wesam Sabaneh, Gründungsdirektor von Jafra, berichtet, dass sich erste Familien zurückgemeldet hätten, aber die Klärung des Eigentums nicht gelungen sei. Es gab große Befürchtungen, dass die syrischen Autoritäten eine Wiederbesiedlung von Jarmuk durch Palästinenserinnen und Palästinenser verhindern würden. Immerhin fand hier 2011 eine der größten Demonstrationen zur Demokratisierung von Syrien statt. Syrisches Militär hatte den Stadtteil, in dem islamistische Milizen diverser Coleur die Kontrolle ausübten, jahrelang eingekesselt und ausgehungert. Mit dem fast vollständigen Exodus der ursprünglichen Bewohnerschaft schien die Hoffnung dahin, hier könne irgendwann ein Wiederaufbau unter palästinensischer Ägide stattfinden. Nun gibt es Versuche, alle palästinensischen Fraktionen, die sich in Gegner und Befürworter Assads zum Teil auch militärisch gespalten hatten, in dem Ziel zu einigen, Jarmuk wieder palästinensisch zu machen. Ausgang ungewiss.

Offen ist auch die Situation in den kurdisch dominierten Gebieten im Norden, die mehr als 25 Prozent des syrischen Territoriums ausmachen. Ein Repräsentant des Demokratischen Rats, der beansprucht, alle Bewohnerinnen und Bewohner gleich welcher religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit institutionell zu vertreten, erklärte auf Anfrage von medico, dass der Konflikt zwar noch nicht zu Ende sei, aber Assad vorerst bleibe. Damit begründet der Rat die Gespräche, die seit Juli 2018 mit Vertretern aus Damaskus geführt werden. Es sei dabei vor allen Dingen um Absprachen im Dienstleistungssektor und auf Verwaltungsebene gegangen. Ziel des Rates ist die politische Autonomie der nordsyrischen Föderation, eine nur kulturelle Autonomie sei nicht akzeptabel. Eine politische Autonomie beinhaltet auch die Praxis, die schon jetzt in den nordsyrischen Gebieten stattfindet: Mehrsprachigkeit in Bildung und Ämtern, demokratische Wahl der Räte auf allen Ebenen, der Aufbau einer sozialen Infrastruktur, die allen gleichermaßen zugänglich ist. Die Hoffnung ist, dass die Schaffung neuer Institutionen entlang dieser Prinzipien auf lokaler Ebene langfristig die Autonomie sichern kann.

Leise Hoffnung

Das aktuelle syrische Szenario aus Angst, Flucht, Vertreibung, aber auch Rückkehr und leiser Hoffnung, je nach Region, könnte allerdings schon im nächsten drohenden militärischen Angriff untergehen. Die Koalition um Assad will nun auch Idlib unter ihre Kontrolle bringen. Schon jetzt gibt es einen Propagandakrieg. Im August veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium eine Erklärung, in der die Weißhelme bezichtigt werden, Verteidigungsstrategien gegen Giftgasangriffe mit der Bevölkerung zu üben, obwohl doch klar sei, dass die Rebellen/Terroristen in Idlib das Giftgas einsetzten. Trump seinerseits droht schon mit Angriffen, falls es zu Bombardierungen in Idlib kommt. Und die russische Flotte weist große Truppenbewegungen im Mittelmeer auf. So viel Getöse schon vor der Schlacht. Mittendrin die Weißhelme, die ohnehin der Russen liebster Feind sind. Gegen die gut finanzierten und organisierten Zivilschutzmänner hat Russland über das Internet eine solche Schlammschlacht gestartet, dass man sich erst mal ein paar Seiten durchklicken muss, um auf Informationen zu stoßen, die nicht aus russischer Quelle stammen. Es ist eben auch ein Krieg um die Wahrnehmung, in dem die Wahrheit von der Haltung abhängt.

Für die vielfältigen Arbeiten in Syrien und mit syrischen Flüchtlingen im Libanon ist medico auf Ihre Unterstützung angewiesen, gerade dann, wenn es um Befreiungsbemühungen geht, die den Horizont eines demokratisch verfassten Syriens nicht aufgeben.

Spendenstichwort: Syrien


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 3/2018.