Nothilfe Afrin: Warten auf Rückkehr

 von „medico international“, 24. Sept. 2018.
Die Situation der etwa 100.000 Flüchtlinge aus Afrin in Shehba spitzt sich zu: medico stellt erneut Mittel für Nothilfe zur Verfügung, während Erdoğan einen Staatsempfang in Berlin bekommt.

Die Hitze macht den Menschen in den provisorisch errichteten Flüchtlingscamps besonders zu schaffen. Ob Skorpionbisse, schlechte Wasserqualität oder Mangelernährung – die Situation für die etwa zehntausend Flüchtlinge aus Afrin ist in den drei provisorisch errichteten Camps schwer auszuhalten. Etwa 100.000 Personen halten sich insgesamt in der Region Tal Refaat, auch Shehba genannt, auf – umgeben von Regierungstruppen auf der einen und der türkischen Besatzung auf der anderen Seiten. Sie alle sind im Frühjahr vor den türkischen Luftbombardements und unberechenbaren, islamistischen Milizen geflohen, die sich unter Duldung der türkischen Verwaltung bis heute frei in Afrin bewegen. Eine Rückkehr unter der türkischen Besatzung in Afrin ist für die meisten Flüchtlinge zurzeit keine Option. Berichte über Zerstörung und Verfolgung unter türkischer Herrschaft, der Zurückgekehrten schrecken ab. Die lokale Bevölkerung wird unter Druck gesetzt, die meisten demokratischen Errungenschaften sind zu Nichte gemacht.

So bleibt als einzige Option das Warten in den Flüchtlingscamps. Bis nach nach Kobane oder Aleppo haben es die meisten Familien nicht geschafft. Dafür hätten sie syrisches Regimegebiet durchqueren müssen. Zu Beginn wurde von Soldaten hierfür Wegzoll erhoben, und auch jetzt werden Genehmigungen zur Passage nur selten erteilt. Und selbst wenn sie den Weg nehmen könnten – sie wüssten nicht, wohin sie dann gehen sollten. Also warten sie auf die Rückkehr nach Afrin, in ihren Häusern und ihren Höfen oder in den Wohnungen in den Städten. Dieses Warten zögert sich seit inzwischen einem halben Jahr raus. Drei Flüchtlingscamps sind inzwischen entstanden; viele Familien haben sich in verlassenen Gebäuden in der Umgebung niedergelassen. In diesen  Dörfern hatte der IS gewütet und die Menschen von dort vertrieben. Viele Häuser und Felder sind deshalb noch vermint, was besonders zu Beginn Tote und Verletzte forderte.

Medikamente für Gesundheitsposten

Ohne die Nothelfenden vom Kurdischen Roten Halbmond und ehemaligen Verwaltungsmitarbeiter*innen aus Afrin Stadt wäre die Situation für die Menschen wohl kaum zu ertragen. Denn sie organisieren die Hilfe, auch wenn sie nur schwer durchkommt. medico unterstützte sie dabei von Beginn an und steht auch jetzt noch in regelmäßigem Austausch. „ Es braucht internationalen Druck. Die hilfsbedürftigen und kranken Menschen brauchen eine angemessene Behandlung. Und zur Vermeidung der Ausbreitung von weiteren Krankheiten braucht es dringend eine humanitäre Intervention von außen; internationale Hilfsorganisationen sind hier gefragt.“ sagt uns  Amina Nour vom Kurdischen Roten Halbmond, die seit Wochen als Ärztin an dem Gesundheitsposten in Sherawa arbeitet. Die Nothelfer*innen sind non-stop im Einsatz, oft sind sie selber geflohen. Meist übernachten sie direkt in den Gesundheitsposten, da sie keine andere Unterkunft haben. Sie dokumentieren die Flüchtlinge und die Kranken, um den Überblick nicht zu verlieren. Sie berichten weiter von der notdürftigen Versorgungslage: Hilfe gelingt nur schwer zu ihnen. Es fehlt an vielem Grundlegendem, und trotzdem versuchen sie, die Gesundheitsversorgung so gut es eben geht aufrecht zu halten.

Inzwischen konnten sie in der Shehba-Region sieben Gesundheitsposten aufbauen. In kleine Zelten findet die Erstversorgung der Kranken statt; zwischen 60 und 150 Patienten werden am Tag behandelt. Die Menschen kommen mit Atemwegs- oder Darmerkrankungen zu den Helfer*innen. Masern, Krätze oder Leishmaniose sind ebenfalls häufige Krankheitsbilder, in der Regel verursacht durch die schlechten hygienischen Bedingungen, die Hitze und Mangelernährung. Aktuell unterstützt medico die Ausstattung dieser Gesundheitspunkte mit Medikamenten. In dem Ort Fafin ist in den letzten Wochen ein kleines Krankenhaus eröffnet worden, um Patienten längerfristig zu versorgen. Aber auch hier fehlt es an Personal und Ausstattung. Schwerverletzte Unfallopfer oder KrebspaptientInnen finden dort keine Hilfe, sondern müssen Wege in das nächstgelegene Krankenhaus nach Aleppo finden.  Der Weg führt durch syrisches Regimegebiet; für das Passieren braucht es Genehmigungen, die oft lange dauern oder willkürlich nicht erteilt werden. Wie lange die Nothelfer*innen diese prekäre Versorgungslage aufrechterhalten können, ist nicht klar. Sie sind dafür auf Hilfe und Aufmerksamkeit von außen angewiesen. Internationale Hilfe gelangt jedoch kaum zu ihnen.

Bis zur Rückkehr: Warten und Selbstorgansierung

In den Flüchtlingscamps fangen Bewohner*innen und Verwaltungsmitarbeiter*innen an, das Camp-Leben selber in die Hand zu nehmen. Es gibt inzwischen eine Kinderbetreuung, Schulen, Kulturprogramm und verschiedene Workshops. Dabei geht es auch darum, Erlebtes zu verarbeiten. Die Bombenangriffe aus der Luft, die Übergriffe der islamistischen Milizen und die Flucht aus Afrin lassen sich unter diesen Lebensumständen schwer vergessen. Besonders die Kinder schlafen schlecht und werden immer wieder von den Kriegserinnerungen eingeholt. Eine Normalität und ein Alltag scheinen zurzeit in weiter Ferne. Eine Rückkehr in das besetzte Afrin ist für die meisten derzeit keine Option. Diejenigen, die zurückgegangen sind, berichten von Zerstörung und Verfolgung unter türkischer Herrschaft. Auch können sich die Milizen weiter frei bewegen und setzen die zurückgebliebene Bevölkerung unter Druck.

Wie es für die knapp 100.000 Menschen aus Afrin weitergehen wird, mag niemand vorhersehen. Die Auseinandersetzungen um Idlib stehen zurzeit im Fokus dieses schon längst entgrenzten Stellvertreterkrieges. Die türkische Verantwortung für den Rückzug der islamistischen Milizen aus Idlib bietet eine eher düstere Perspektive für eine Rückkehr nach Afrin. Die geplanten Demilitarisierungszonen grenzen direkt an Afrin und Shehba. Ein Rückzug der Türkei ist nicht in Sicht.

In der diesem fragilen Gefüge dürfen die Menschen in Shehba nicht vergessen werden. Es ist die Pflicht der internationalen Gemeinschaft, für den Schutz der zivilen Bevölkerung in Syrien einzutreten, in Idlib und in Afrin. Dies bedeutet für die wartenden Menschen in Shehba, die Rückkehr nach Afrin zu organisieren und eine humanitäre Versorgung für die Flüchtlinge in Shehba zu garantieren. Während die Bundesregierung die Normalisierung der Beziehungen zur Türkei sucht und Erdogan in Berlin empfängt, bleibt die Situation der Menschen, die unter der türkischen Besatzung leiden, weiter ungeklärt. Der völkerrechtswidrige Militäreinsatz der Türkei in Afrin fand unter Zuhilfenahme des  deutschen Leopard-II-Panzers statt. Eine indirekte Verantwortung der deutschen Bundesregierung ist nicht von der Hand zu weisen. Die Reduzierung der Rüstungsexporte beruhigt vielleicht kurzzeitig die Gemüter; eine klare Absage an Aufrüstung und Waffenexporte ist dies jedoch noch lange nicht.
 

medico unterstützt weiter die humanitäre Hilfe in Nordsyrien – besonders für die Geflüchteten aus Afrin. Während sich die Bundesregierung für die Normalisierung der Beziehung mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan einsetzt, setzt sich medico für den endgültigen Stopp der Rüstungsexporte ein.

Die Redaktion des „Info zur Kurdischen Revolution“ verteilte auf den Montags-Demos selbstgepflücktes Obst. Von den Spenden, die wir dabei sammelten, überwiesen wir am 10. August 1.000 € an Heyva Sor a-Kurd für diie nach Shahba Geflüchteten aus Afrin, und in den nächsten Tagen können wir weitere 500 € überweisen.