Salih Muslim: Ohne Lösung breitet sich der Krieg aus

ANHA/ANFnews, 13.1.2018. Interview von Halit Ermiş und Duyar Ehmo mit Salih Muslim.

Der außenpolitische Sprecher der Demokratischen Bewegung Salih Muslim erklärt, dass Syrien zum Ort der Abrechnung im 3. Weltkrieg geworden sei,  und warnt, dass wenn man diesen Krieg jetzt nicht beende, dieser sich auf die ganze Region ausweite.

Wohin entwickelt sich der fortdauernde Dritte Weltkrieg in Syrien und dem Mittleren Osten?

salih mu

Das, was in Syrien gerade passiert, ist der Dritte Weltkrieg. Hier wird er ausgetragen, hier wird miteinander abgerechnet. Wohin es gehen wird, ist immer noch nicht sicher.

Der seit sieben Jahren andauernde Krieg muss etwas abkühlen. Vielleicht wird der Krieg nicht zu hundert Prozent enden können, aber seine Intensität muss abnehmen. Der Krieg hat sich in Nordsyrien mittlerweile anderen Regionen zugewandt. Vor allem Idlib. Das wird ein neues Feld sein, auf dem Rechnungen beglichen werden. Ein anderer Fokus wird die im Süden der Nordsyrienföderation liegende Umgebung von Dêra Zor sein. Die hegemonialen Kräfte können den Krieg auch in andere Länder und an andere Orte verlagern. Es könnten Orte wie Pakistan, Iran und Jemen sein. Sie können den Krieg von Syrien auf andere Gebiete richten.

Auf der anderen Seite gibt es immer noch Auseinandersetzungen um Idlib, Damaskus und Dêra Zor. Diese werden sich noch verschärfen. In Nordsyrien wird die Situation noch ein wenig anders sein. Wenn die Türkei nicht angreift, wird unsere Region ein bisschen mehr Frieden und Ruhe erreichen.

Im syrischen Bürgerkrieg ist Idlib in der letzten Zeit in den Vordergrund gerückt. Warum ist die Bedeutung von Idlib so zentral?

Idlib ist seit der Antike ein Fokus religiöser Organisationen und Strukturen. Organisationen wie die Muslimbruderschaft sind dort seit langem präsent. Als die Auseinandersetzungen in Syrien begannen, wurden die religiösen Angelegenheiten in den Vordergrund gerückt. Sowohl aus diesem Grund, als auch wegen der Nähe zur Türkei ist die aktuelle Lage in Idlib heute so. Sie haben die Region in Astana (Gespräche Rußland-Iran-Türkei) zur „konfliktfreien“ Zone erklärt und versammelten alle Dschihad-Aktivisten aus Orten wie Damaskus und Homs dort. Jetzt gibt es die größten Probleme vor allem in Idlib.

In Astana wurde der Türkei die Aufgabe erteilt, die Region von Dschihadisten zu säubern. Aber offensichtlich gab es da Widersprüche. Was passiert in dieser Hinsicht?

Als der Krieg in Syrien begann, hatte die Türkei Pläne. So wurden die dschihadistischen und islamistischen Organisationen, die zu Beginn des Krieges gegründet wurden, von vielen verschiedenen Mächten unterstützt. Strukturen wie Khorasan, El Nusra, Tevhid und die Muslimbruderschaft bildeten sich vor Ort neu. Die Türkei gab diesen Strukturen weitgehende Unterstützung. Und sie breiteten sich überall in Syrien aus. Das Hauptziel der Türkei war es, Syrien vollständig zu zerstören und ein Syrien den eigenen Zwecken entsprechend zu schaffen. Diese Pläne sollten zunächst hauptsächlich gegen die Kurd*innen entwickelt werden. Zuletzt haben wir gesehen, dass die Türkei diese Gruppen in einem Gebiet (Idlib) versammelt hat.

Die USA und Russland sagten zur Türkei: „Ihr habt die Gruppen dorthin gebracht, bewaffnet, versorgt und unterstützt. Wie auch immer ihr das anstellt, kontrolliert das jetzt.“ Aber die Türkei will diese Situation nicht, denn alle Politik, die sie in Syrien entwickeln wollte, ist zusammengebrochen. Jetzt verfügt die Türkei nur noch über Idlib. Die internationale Kräfte wollen die Türkei benutzen, um die Region zu säubern.

Die Türkei hat im Dritten Weltkrieg im Mittleren Osten eine Entscheidung getroffen. Sie richtete sich nach Russland und dem Iran, statt nach den USA und dem europäischen Block. Kann die Türkei in Idlib ihre Interessen gegen Russland und den Iran durchsetzen?

Dass Russland und der Iran die gleiche Haltung wie die Türkei in Astana eingenommen hat, war rein taktisch. Es waren fast alle auf dem Treffen  außer Kräften aus Syrien selbst… Jetzt können sie sagen, „die Türkei hält sich nicht an unsere Abmachungen. Sie muss dieses Gebiet verlassen“.

Die Türkei blieb in Idlib und den anderen Orten, in die sie eindrang, stecken. Jetzt ist sie sehr pessimistisch. In den letzten Jahren wollte sie durch den Abschuss des russischen Flugzeugs die NATO mit hineinziehen, aber diese Rechnung ging nicht auf. Sie wollten die USA hineinziehen, aber auch das klappte nicht. Als sie scheiterte, begann sie, die Nähe zu Russland zu suchen. Allerdings sind es  Russland und der Iran, welche die Türkei für ihre taktische Politik benutzen.

Die Türkei hat vor kurzem die iranischen und russischen Verantwortlichen aufgefordert, die Operationen Syriens auf Idlib zu stoppen. Was bedeutet das?

Sie haben sich in Astana auf einige Gebiete geeinigt. Es gibt eine Bahnlinie in Idlib. Es gibt dort El Nusra, die unter dem Namen Heyet Tahrir al-Şam auftritt. Gemäß der Vereinbarung müssen Nusra und andere Organisationen diese und ähnliche Orte verlassen. Es gab eine Vereinbarung mit dem Assad- Regime bezüglich des militärischen Eindringens in die Region. Aber trotz des Vorrückens der Kräfte des syrischen Regimes wurden diese Gruppen nicht aus ihren jeweiligen Gebieten abgezogen. Die Türkei wurde dazu aufgerufen, sie abzuziehen. Sie forderten, dass sie die Verpflichtungen der Vereinbarungen von Astana erfüllen sollen. Dennoch kämpfen die von der Türkei unterstützten Ehrar Al-Şam gegen das Regime. Die Türkei kann diesen Gruppen auch gar nicht sagen, „kämpft nicht“, denn die kämpfen für ihre eigenen Gebiete auf syrischem Boden. Entweder bekämpft die Türkei diese Gruppen, was die Türkei in einen Krieg hineinziehen würde, oder sie beendet die Unterstützung, die sie ihnen gegeben hat und verhält sich wie vereinbart. Russland-Iran sagen der Türkei, „entweder machst du das, wenn nicht, machen wir es.“

Wie beeinflusst diese Situation den Kriegsverlauf in Idlib?

Nun schauen Sie, in Idlib stehen die Chancen schlecht, dass der Krieg rasch endet. Der Krieg dort wird sich in die Länge ziehen. Denn neben der politischen und militärischen Lage ist auch die geografische eine ganz andere. Da es ein gebirgiges Gebiet ist, ist es für einen Guerilla-Krieg sehr geeignet. Ich glaube nicht, dass es in kurzer Zeit vorbei sein wird. Mit der Befreiung von Raqqa wurde das Tor für eine neue Phase aufgestoßen. Wenn man dort den Weg einer politischen Lösung einschlägt, kann das Problem sogar kurzfristig gelöst werden. Wenn nicht, dann wird sich der Krieg noch weiter in die Länge ziehen. Das wird die Türkei in größte Probleme stürzen.

Vielleicht ist es jetzt nicht so sehr auf der Tagesordnung, aber wie ist die Situation in Cerablus und Al-Bab?

Niemand will die Präsenz der Türkei in Syrien. Das wollen weder Syrien noch die internationalen Kräfte. Sie sagten: „Gib mir Aleppo, nimm Al-Bab.“ Die Türkei verlor zuerst Aleppo, und jetzt kann sie Al-Bab nicht halten. Die Menschen dort machen ihren Unmut über die Anwesenheit der Türkei deutlich. Proteste gegen sie haben sich ebenfalls entwickelt. Al-Bab hat zu Problemen für die Türkei gesorgt. Russland mag das Eindringen der Türkei dort genehmigt haben, aber das bedeutet nicht, dass sie dort dauerhaft bleiben kann.

Auf der anderen Seite bleiben wir nicht still. Es gibt dort kurdische Siedlungen. Die Türkei versucht dort, die Demographie zu ändern. Wir können demgegenüber nicht schweigen. Die Anwesenheit der Türkei ist nicht richtig; sie muss die Region verlassen. Am Ende wird sie von dort verschwinden; aber wir können keinen sicheren Zeitpunkt benennen. Sie wird dann wie aus Al-Bab auch aus Idlib verschwinden. Sie hat in all ihren politischen Vorhaben eine Niederlage erlitten. Und so wird es weitergehen.

Wie sehen Sie die Möglichkeit des Angriffs des türkischen Staates auf Efrîn?

Wenn es einen solchen Angriff geben sollte, wird sich der Krieg in der Türkei ausbreiten, und es wird der Beginn des Zusammenbruchs der Türkei werden. Es ist überhaupt nicht gut für sie, Efrîn anzugreifen. Das weiss sie auch, und angesichts dessen würde keine der internationalen Kräfte einen solchen Angriff dulden. Es gibt das Beispiel Kobanê – Efrîn ist bereit. Die Kurd*innen werden, wo auch immer sie sind, Verantwortung für ihre Städte übernehmen. Alle sollten sich dessen bewusst sein.

Was bedeutet es, Efrîn anzugreifen?

Der Angriff auf Efrîn ist ein Angriff auf alle Kurd*innen. Während der Schlacht von Kobanê kamen junge Leute aus Nordkurdistan in die Region und leisteten einen unerbittlichen Widerstand. In Efrîn wird dieser noch stärker wachsen. Das kurdische Volk wird sich überall erheben, und es wird einen umfassenden Krieg geben. (…)

(Vollständiges Interview auf ak-zur-kurdischen-revolution.de)