Riza Altun Teil II: Mit dem Paradigma der PKK den Sozialismus neu schaffen

Teil II des Gesprächs mit Riza Altun, Mitbegründer der PKK und Mitglied des KCK-Exekutivrats. Unter anderem erklärt er, warum die freiheitlichen Kräfte eine demokratische internationale Einheit benötigen.

  • ANF REDAKTION Samstag, 13 Jan 2018, 11:34

Heute veröffentlichen wir Teil II des ausführlichen Gesprächs mit Riza Altun. Riza Altun ist Mitbegründer der PKK und Mitglied des KCK-Exekutivrats. In diesem Gespräch geht er weiter auf die Fragen zu politischen und militärischen Strategien und Taktiken der kurdischen Freiheitsbewegung ein. Er vertieft die Kritik am Realsozialismus und erläutert ihr Verständnis von Demokratie und den Grundlagen von Organisierung.

riza foto 2

Im Westen, insbesondere in Lateinamerika, werden die Regime des Iran und Syriens nicht nur als IS-Gegner, sondern darüber hinaus auch als Antiimperialisten betrachtet. In letzter Zeit hat auch Tayyip Erdoğan angefangen, eine antiamerikanische und antieuropäische Sprache zu benutzen. Was liegt Ihrer Meinung nach dem Antiamerikanismus dieser Staaten zugrunde? Sind deren Haltungen wirklich antiamerikanisch oder handelt es sich um einen inneren Kampf zwischen den imperialistischen und kolonialistischen Kräften?

Im Westen gibt es wirklich viele Kräfte, die wir als antisystemisch bezeichnen können. Das muss anerkannt werden. Auch historisch gesehen gibt es viele Strömungen und Kräfte, die einen wahren Freiheitskampf geführt haben. Sie sind auch heute noch wirklich intensive antisystemische Kräfte. Auch Lateinamerika ist ein wichtiges Zentrum dieser Kämpfe. Wenn wir uns die Ereignisse nach der Entdeckung des amerikanischen Kontinents vor Augen führen, vor allen die in den 1960ern entstandenen Guerillabewegungen und die sozialistische Linie, dann sehen wir es als einen äußerst wichtigen Ort des revolutionären Kampfes. Doch beide Gebiete sind gleichzeitig auch problematisch. Beispielsweise sind die antisystemischen  Bewegungen ziemlich zerstreut, voneinander getrennt und marginal. Es gibt sowohl Probleme bei der eigenen Transformation zu einer antisystemischen und im wirklichen Sinne freiheitlichen Kraft, als auch Probleme, die vorhandenen ideologischen, politischen, militärischen Kräfte zu erkennen und über diese eine eigene Identität zu entwickeln. In diesem Sinne ist es problematisch.

Obwohl sie gegen das System sind, gibt es eine ernsthafte Rückständigkeit und einen Dogmatismus.

Diese Kritik kann für den Westen verallgemeinert werden. Wenn wir zum Beispiel die 150-jährige Geschichte des Marxismus bewerten, sehen wir, dass er hauptsächlich im Realsozialismus endete. Die Notwenigkeit des Realsozialismus kann unter allen Gesichtspunkten diskutiert werden. Natürlich drückt der Marxismus eine Systemfeindlichkeit aus. Er bringt einen bedeutenden Wendepunkt gegen die Herrschaft und Hegemonie und eine 100- bis 150-jährige Erfahrung zum Ausdruck. Dies kann niemand verleugnen. Am Ende aber müssen wir einen Weg zur Befreiung hinterfragen, der in den Realsozialismus umschlug und eine Rolle einnahm, in der er die bestehende Ordnung wie frisches Blut fütterte. Nun kann mit der realsozialistischen Perspektive weder eine freiheitliche Linie erreicht noch eine erfolgreiche Linie bewertet und unterstützt werden. Ähnlich verhält es sich, wenn wir den Anarchismus betrachten. Es gibt verschiedene Strömungen des Anarchismus, deren Unterschiede quantitativer Natur sind. Fundamentale Unterschiede gibt es nicht. Philosophisch haben ihr Freiheits- und Gleichheitsansatz sowie ihre Gegnerschaft zur Hegemonie einem äußerst reichen Erfahrungsschatz aufgebaut. Da diese philosophische und ideologische Erfahrung jedoch mehr im ideologischen und weniger im Bereich von Organisation, Kampf und Widerstand gezeigt wird, gibt es keinen Widerhall in der Gesellschaft, und die Kraft, eine wirkliche Freiheitslinie zu repräsentieren, wird nicht aufgebracht. Weil dies nicht passiert, betrachten sie Kämpfe an anderen Orten der Welt mit ihrem eigenen Ansatz, ihrer eigenen Logik, ihren Schablonen. Diese Gleichung befreit sie trotz ihrer radikalen Sprache nicht vom Leben und der Beziehung des kapitalistischen Systems. Das ist ein ernsthaftes Problem der Freiheitsfront. In diese Front kann man auch die feministischen und ökologischen Kreise mit einbeziehen. Man kann also eine Vielzahl von Strömungen in diesem Zusammenhang bewerten. Wenn man aus diesem Blickwinkel schaut, dann gibt es trotz ihrer Gegnerschaft zum System eine ernsthafte Rückständigkeit und einen Dogmatismus. Es gibt eine ernsthafte Verschlossenheit nach Innen, und man abstrahiert sich selbst. Dieses sich selbst Abstrahieren ist sowieso gleichbedeutend mit Liquidation.

Ähnliches gilt auch für Lateinamerika. Lateinamerika ist eine Region, die in ihrer Geschichte wirklich schon viele Phasen durchgemacht hat. Es wurde ein Kampf gegen den spanischen und portugiesischen Kolonialismus, den US-amerikanischen Imperialismus und später ein Kampf um den Sozialismus geführt. Insbesondere im Kampf um Sozialismus wurde ab den 60ern viel von der Guerilla beigetragen. Das muss man zunächst anerkennen. Jedoch gibt es nun in der Auseinandersetzung mit dem Thema ernsthafte Probleme.

Mit den grundlegenden Werkzeugen des Kapitalismus kann der Sozialismus nicht aufgebaut werden

Wir können zum Beispiel klar feststellen, dass diejenigen, die sich im Namen des Sozialismus bewegen, ohne Zweifel den Realsozialismus nicht überwinden konnten. Es ist niemals möglich, eine richtige sozialistische Linie anzunehmen, solange man mehr nationalstaatliche und machtbasierte Ansätze zur Grundlage nimmt. Hierher rührt das eigentliche Problem der Sichtweise und Praxis der antisystemischen Kräfte in Europa und Lateinamerika.

Man nähert sich der Angelegenheit so an, als ob Gegnerschaft zum System automatisch antikapitalistisch sei. Der Antikapitalismus hat seine eigenen Kriterien. Es gibt also Länder, die den Kapitalismus und Imperialismus repräsentieren, und dies sind Feinde. Daraus folgt der Trugschluss, mit diesen Ländern zu brechen sei der grundlegende Ansatz und stelle an sich Freiheit dar. Wenn wir uns aber ihr Leben anschauen, dann leben sie selbst den Kapitalismus und Imperialismus. Sie leben in ihren Städten, unter ihrer Macht, mit ihrer Identität und innerhalb ihrer Märkte. Sie leben den Kapitalismus also tagtäglich von Kopf bis Fuß und denken trotzdem, ihr Ansatz sei freiheitlich. Hier gibt es einen Fehler. Wir wissen, dass dies das wirkliche Problem des Realsozialismus ist. Sie denken, es sei möglich, einen Sozialismus mit den grundlegenden Instrumenten des Kapitalismus zu schaffen.

Die meisten systemkritischen Bewegungen verschließen die Augen vor der Tatsache, dass sie den Kapitalismus und Imperialismus in jeder Hinsicht leben und selbst deren Ideologie und Dogmen verinnerlichen. Sie täuschen sich selbst, indem sie nur mit einer ideologischen und dogmatischen Rhetorik gegen den Imperialismus und Kapitalismus sind. Beispielsweise stellen sich diese Bewegungen nicht Fragen wie „Was ist der Mittleren Osten? Was ist seine historische und soziologische Situation? Wie ist die Beziehung der politischen Mächte mit den globalen Machtzentren?“, recherchieren nicht dazu und treffen trotzdem Urteile. Das ist eigentlich eine große Gefahr.

Jedoch müssten sie zuallererst das globale imperialistische System zusammen mit seinen Untereinheiten, den Nationalstaaten durchdenken. Es ist wichtig zu begreifen, dass die Widersprüche zwischen den Staaten nicht aus Phänomenen wie Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit herrühren, sondern mit Ausbeutung und Hegemonie zusammenhängt. Diese Kräfte können sich nicht im ideologischen Sinne gegeneinander positionieren. Ideologisch können sich bloß die Gesellschaften und die revolutionären sozialistischen Bewegungen und sozialen Kreise gegen sie stellen.

Der Ansatz „Hoch lebe der Imperialismus, der mich nicht anrührt!“ ist nicht richtig

Lass uns nach Lateinamerika schauen. Ich diskutiere auf keinen Fall, ob Lateinamerika antiimperialistisch ist oder nicht. Wir haben keinerlei Einwände gegen eine Linie, die einen demokratischen Kampf gegen den Imperialismus führt. Doch da gibt es eine Realität, die geschaffen wurde. Diese müssen wir sehen.

Wir müssen hinterfragen, wie antiimperialistisch der Realsozialismus in Lateinamerika ist. Er ist antiamerikanisch, sicher. Aber Antiamerikanismus bedeutet nicht Antiimperialismus. Die USA sind imperialistisch, und es ist möglich, eine Haltung gegen den US-amerikanischen Imperialismus einzunehmen. Aber antiimperialistisch zu sein, ist etwas anderes. Antiimperialistisch zu sein bedeutet, gegen das kapitalistische Weltsystem, das imperialistische Weltsystem, die globale Hegemonie des Imperialismus und gegen die untergeordneten hegemonialen Zentren des Imperialismus eingestellt zu sein. Nur zu sagen „Ich bin gegen die USA“ drückt also nichts aus. Dies ist der Punkt, an dem Lateinamerika steht. Es positioniert sich gegen die USA und hat in diesem Kampf große Erfolge erzielt, aber es pflegt auch Beziehungen mit hegemonialen Zentren, die mit dem Imperialismus verbunden sind. Der westeuropäische Kapitalismus ist aber auch ein Imperialismus. Die lateinamerikanischen RevolutionärInnen sollten den Antiamerikanismus auf ein Level heben, das den westlichen Imperialismus als ganzen umfasst. Sie ist aufgrund dessen mit ernsthaften Problemen konfrontiert. Es ist unlogisch zu behaupten, dass der Imperialismus, der mit nicht anrührt, hoch leben solle.

Der Antiamerikanismus hat Lateinamerika niemals zum Sieg verholfen

Der Imperialismus ist eine Hauptströmung, die sich in verschiedenen Zentren organisiert. Es ist nicht möglich, eines dieser Zentren zu besiegen, ohne gegen alle zu sein. In dieser Hinsicht hat der Antiamerikanismus Lateinamerika niemals zum Sieg verholfen. Weil es keine Umwandlung in einen konsequenten Antiimperialismus gibt, wird auch kein Sieg erlangt. Daher konnten sie sich trotz des Kampfes gegen die Portugiesen und Spanier nicht von den Abhängigkeitsverhältnissen befreien. Die Guerillakriege in den 60ern, die im Namen des Realsozialismus stattfanden, konnten trotz der Atmosphäre, die sie global schufen, nicht das erwünschte Ergebnis erzielen. Warum wurde das damals nicht geschafft? Das muss hinterfragt werden. Vor allem rührt das aus den unzureichenden Ansätzen her.

Wenn wir es konkret benennen, wird es leichter zu verstehen sein. Es ist wichtig, zu sehen, wohin der Antiamerikanismus sie gebracht hat. Wir sprachen von den untergeordneten hegemonialen Zentren des imperialistischen Weltsystems. Der Ort der nationalstaatlichen Herrschaft und Hegemonie ist gleichzeitig auch eine hegemoniale Untereinheit des Imperialismus. Der Kolonialismus ist davon eine hegemoniale Untereinheit. Sie können nicht vom Imperialismus unabhängig und getrennt gedacht werden. Jedes Zentrum also, welches sich innerhalb des globalen kapitalistischen Systems als Nationalstaat organisiert, stellt gleichzeitig auch eine imperialistische Untereinheit dar. Wieder ist jede kolonialistische Kraft eine Untereinheit der imperialistischen Hegemonie. Der Imperialismus wird durch diese zu einem Weltsystem. Wenn wir aber den antiimperialistischen Ansatz in Lateinamerika betrachten, dann akzeptieren sie mehr Kräfte innerhalb des Weltsystem, die eher im Widerspruch und Konflikt mit den USA stehen, als antiimperialistisch zu sein, und wollen durch Beziehungen mit diesen an Dynamik gewinnen.

Durch die Verleugnung der KurdInnen haben sie einen Nationalstaat aufgebaut

Schauen wir uns konkrete Beispiele an, die Situation im viergeteilten Kurdistan an. Die Vierteilung Kurdistans entspricht der Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es im Mittleren Osten ein Weltsystem, in dem die imperialistischen Kräfte Kurdistan geteilt und zwischen vier kolonialistischen Kräften aufgeteilt haben. Dies ist nicht das Ergebnis des selbstständigen Handelns der türkischen Republik, des Irans oder der arabischen Staaten. Das kapitalistische System teilte Kurdistan auf diese Staaten auf. Diese vier Kolonialstaaten wurden durch die Finanzierung der Imperialisten zu Nationalstaaten geformt. Über die Verleugnung der KurdInnen wurden diese Kolonialstaaten zu Nationalstaaten transformiert. Aber in dieser Entstehungsphase sind von Zeit zu Zeit Widersprüche aufgetreten.

Mit dem Blick aus Lateinamerika ist diese Realität nicht zu erkennen. Sie behandeln das imperialistische System nicht als Ganzes. Wenn eines der Regime im Iran, Syrien, Türkei oder Irak aus irgendeinem aktuellen Anlass mit den USA in Konflikt gerät, denken einige diese kolonialistischen Kräfte seien antiimperialistisch. Aus diesem Grund werden die Genozide dieser Regime in Kurdistan nicht gesehen. Diese Sichtweise muss sich ändern. Das globale Staatensystem ist als Ganzes ein kapitalistisches, imperialistisches und kolonialistisches System. Die Widersprüche innerhalb dieses Systems können auf keine Weise als antiimperialistisch angesehen werden.

Beispielsweise wurde die gegenwärtige Herrschaft in der Türkei, trotz ihres kolonialistischen, faschistischen und fundamentalistischen Charakters, aufgrund ihrer Widersprüche mit den USA von Zeit zu Zeit unterstützt, als sei es eine antiimperialistische Kraft. Aber die Verbindung ihres kolonialistischen Charakters und ihres Kolonialismus gegen die KurdInnen mit dem Imperialismus wurde nicht wahrgenommen. Wie antiimperialistisch ist dies wirklich? Ob der Nationalismus, der tiefgreifende Fundamentalismus oder der Etatismus in der Türkei; sie alle sind ein Zentrum des kapitalistischen Systems. Die Türkei ist der strategische Verbündete der USA und eine der größten militärischen Kräfte. Was ist das also für ein Ansatz, ihr aufgrund der Widersprüche mit den USA eine antiimperialistische Mission zuzuschreiben. Es ist ein kapitalistisch-liberaler Ansatz, der sich selbst innerhalb des herrschenden Systems definiert.

Auch die Herangehensweise an die Baath-Parteien ist dieselbe. Eine Zeit waren die Baath-Parteien die Favoritinnen der revolutionären Bewegungen in Lateinamerika. Alle wissen, dass die Baath-Parteien die kaputtesten und imperialistischsten Formen des arabischen Nationalismus und arabischen Etatismus sind. Es ist eine Katastrophe, dass sie als antiimperialistisch angesehen werden, weil sie eine enge Bindung zum Sowjetblock und von Zeit zu Zeit Widersprüche mit den USA und eine Feindschaft zu Israel hatten. Die Baath-Regime sind für ihre Grausamkeiten gegen die arabischen Gesellschaften und alle regionalen Völker bekannt.

Ähnliches gilt auch für den Iran. Im Iran herrscht ein fundamentalistisches Regime, das eine Konfession des Islam zur eigenen Grundlage nimmt. Seine gegenwärtige Struktur ist nicht vom kapitalistischen System losgelöst, sondern pflegt enge Beziehungen mit dem Imperialismus. Aufgrund der Konflikte mit den USA den Iran als antiimperialistisch zu verstehen und Beziehungen aufzubauen, zeigt uns die problematische Lage des Antiimperialismus in Lateinamerika. Schauen wir uns die jüngste Phase an, zeigt sich dies noch konkreter. Wenn sich die Ansätze der linken Regierungen in Lateinamerika vor Augen geführt werden, ist das oben gesagte leicht verständlich. Schau dir Kuba, Venezuela und andere lateinamerikanische Länder an, in denen es linke Regierungen gibt. Sie loben die hegemonialen Untereinheiten des Imperialismus im Mittleren Osten und Asien, nur weil diese eine antiamerikanische Haltung einnehmen. Das ist ein ernsthafter Trugschluss.

Ich möchte nochmal unterstreichen, dass Antiamerikanismus nicht mit Antiimperialismus gleichzusetzen ist. Antiamerikanismus bedeutet gegen ein Zentrum des Imperialismus zu sein. Aber Antiamerikanismus für sich allein bedeutet, auf eine verdeckte Art und Weise die anderen kolonialistischen und imperialistischen Kräfte zu legitimieren. Deshalb braucht es für den Blick auf das globale kapitalistische System und seine imperialistische Hegemonie ein sehr tiefgründiges Paradigma. Bei der Darstellung dieser paradigmatischen Sichtweise muss sich davon befreit werden, pragmatisch aktuelle Situationen als eigenen Ausgangspunkt zu nehmen. Es braucht eine globale Sichtweise. Mit dieser Sichtweise muss gut verfolgt und analysiert werden, wer wirklich ein verlängerter Arm der imperialistischen Hegemonie ist und wer dagegen ankämpft. An diesem Punkt haben sowohl die antisystemischen Bewegungen als auch die Kreise in Lateinamerika, die eine tiefgreifende Freiheitstradition repräsentieren, ernste fehlerhafte Ansätze. Diese irreführenden Ansätze müssen überwunden werden.

Der US-Verteidigungsminister hat sich vor der Offensive auf Raqqa mit dem türkischen Ministerpräsidenten Binali Yıldırım in London getroffen. Nach diesem Treffen gab es eine Erklärung von den USA, in der es hieß, dass die YPG keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit seien. Denken Sie, das waren nur Worte, um die Zweifel der türkischen Seite zu zerstreuen, oder eine markante Zusammenfassung der Politik der imperialistischen und kolonialistischen Kräfte im Allgemeinen und der amerikanischen Politik im Besonderen?

Der Satz, den der US-Verteidigungsminister vor der Raqqa-Offensive formulierte, ist sehr wichtig. Das ist etwas, was ich zu erklären versuche. Er hat es in einem Satz sehr gut zum Ausdruck gebracht. Es ist keine Wahl der USA, sondern eine Notwenigkeit. Denn es ist in Syrien keine Kraft verblieben, mit der die USA nicht versucht hätte ein Bündnis zu schließen. Diese alle aufzuzählen würde dieses Interview sprengen; deshalb werde ich nicht in die Details gehen.

Mit welchen Kräften haben die USA nicht versucht, ein Bündnis zu schließen? Sie haben es mit den Saudis, der Türkei und allen salafistischen Gruppen, die mit diesen beiden Staaten verbunden sind, versucht. Sie haben es mit der FSA und ähnlichen Kräften versucht. Es ist also keine Kraft geblieben, mit der sie es nicht versucht hätten. Doch mit keinem konnten sie die gewünschten Ergebnisse erzielen. Sie haben viel in die Bündnisse mit der Türkei, Saudi Arabien und Katar investiert, aber waren am Ende in Konfrontationskurs mit ihnen. Die Al-Nusra Front und den IS mit eingeschlossen ist keine salafistische oder oppositionelle Kraft übrig geblieben, mit denen die USA nicht eine Beziehung aufgebaut hätten. Alle waren erfolglos. Währenddessen wurde die kurdische Bewegung nicht ein bisschen unterstützt, und ihre Existenz wurde nicht mal ausgesprochen.

Der Freiheitskampf der KurdInnen wurde den Saudis und dem türkischen Kolonialismus geopfert. Auch die Situation des Regimes wurde beachtet, und mit dem Gedanken langfristiger Staatsbeziehung wurde der Freiheitskampf auch dem Regime geopfert. Es gab den Glauben, die salafistischen Kräfte könnten unter Kontrolle genommen und so ein Ergebnis erreicht werden. Doch die Rechnung ging nicht auf. Die Investitionen in die salafistischen Kräfte wurden zum Bumerang und schufen einen noch religiöseren und salafistischeren Mittleren Osten. Die Politik der USA ist letztendlich fehlgeschlagen. Selbst die Türkei als 40- bis 50-jährige strategische Verbündete hat von der Linie der NATO und des Westens abgelassen und ist über den IS und die Al-Nusra Front zu einer salafistischen und osmanischen Linie übergegangen. All dies hat die USA sehr beansprucht.

Auf der anderen Seite hat sie die nationalistische Linie der KurdInnen gestärkt. Sie hat die KDP in Südkurdistan, die einen föderalen Staat repräsentiert, unbegrenzt unterstützt. Aber auch bei ihren Investitionen für die KDP sind dieselben Probleme und Ergebnisse hervorgetreten. Die Linie der KDP hat einerseits unter der Hand Abmachungen mit dem IS ausgehandelt und ist andererseits ein strategisches Bündnis mit der Türkei eingegangen. Auf diese Weise haben sie die Investitionen der USA in die Region ins Leere laufen lassen. Das hat dazu geführt, dass die USA weder in Südkurdistan noch in Rojava Fuß fassen konnten. Die Mauern, auf die sie bauen wollten, waren eingestürzt. Das führte zu einem chaotischen Zustand. Die USA hatte tatsächlich niemanden, außer ihr wirklich unliebsame Kräfte, auf die sie setzen konnte. Der Irak ist in die Hand des Iran geraten. Die KDP-Linie in die Hand der Türkei. Gruppen wie die Al-Nusra, der IS, Ahrar el Sham sind in die Hände der Saudis und Türken geraten. Zudem hatten diese Gruppen schwerwiegende Menschenrechtsverbrechen begangen, weswegen eine Zusammenarbeit mit ihnen kaum zu rechtfertigen wäre. Das Regime in Syrien hatte ohnehin keine aussichtsreiche Zukunft. Die USA haben also auf verschiedenste Akteure gesetzt und waren am Ende bankrott. Es gab keine ernsthafte Kraft im Mittleren Osten, auf die sie sich nunmehr stützen konnte.

Durch diese Beziehung hat die USA an Prestige gewonnen

Der kurdische Widerstand, insbesondere der Widerstand in Cizîrê und Kobanê, hat an diesem Punkt eine neue Situation geschaffen. Deshalb sind die USA dazu gezwungen gewesen, Beziehungen mit Kräften aufzunehmen, deren Entwicklung sie nicht wollten und für deren Unterdrückung sie sogar konkret die Türkei und Saudi Arabien unterstützen. Dies möchte niemand sehen. Gab es denn Aufrufe der YPG und PYD an die USA wie: „sie töten uns, kommt und helft uns, dafür werden wir uns euch ergeben?“ Nein. Obwohl es solch einen Diskurs nicht gab, mussten die USA an diesem Punkt intervenieren und eine taktische Beziehung mit diesen Kräften eingehen.

Die USA hatten in solch einer Situation keine andere Option. Zudem wollten die USA einen Teil des erfolgreichen Kampfes gegen den IS für sich beanspruchen. Während diese Beziehung den USA viel Prestige verschaffte, hat die YPG materielle Ressourcen, die sie für ihren Freiheitskampf benötigen, erlangt. Die USA haben im Kampf gegen den IS in Kobanê an Prestige in der internationalen und amerikanischen Öffentlichkeit gewonnen. Mit taktischen Beziehungen haben sie sich Räume eröffnet. Der Osten des Euphrat ist heute ein Gebiet, das mehr durch einen Freiheitskampf gewonnen wurde. Die USA hingegen haben mit taktischen Beziehungen und Unterstützungen eine Legitimität für ihre eigene Präsenz geschaffen und eine Möglichkeit zur neuen Festsetzung im Mittleren Osten gefunden. Doch eines muss richtig verstanden werden:

Die Präsenz der USA in Syrien ist nicht nur mit der Situation in Syrien begrenzt. Es geht nicht darum, Nordsyrien auszubeuten und große materielle Ergebnisse zu erzielen. Es ist nämlich schwierig, in einem zerstörten Syrien viele materielle Gewinne zu erzielen. Das Wesentliche für die USA ist es, als Welt-Hegemonie im Mittleren Osten zu sein und den Entwicklungen eine Richtung zu geben. Das können sie nur, wenn sie selbst in dem Gebiet präsent sind. In dieser Hinsicht ist diese Beziehung für die USA äußerst wichtig. Und es ist klar, dass die USA die Hegemonie einer sozialistischen Linie in Nordsyrien nicht leicht verdauen werden. Deshalb gibt es neben Beziehungen auch einen sehr ernsthaften Kampf zwischen beiden Seiten.

Eine neue Welt und ein neuer Mittlerer Osten entstehen

Die USA verfolgen eine Politik mit dem Ziel, innerhalb der KurdInnen die nationalistische Linie vorherrschend zu machen. Sie nähren die verfaulte und fortwährend Niederlagen einsteckende nationalistische und etatistische Linie der KDP, um die freiheitliche Linie in Rojava zu vernichten. Dabei wird die Türkei als ein Element der Unterdrückung gegen die KurdInnen in Rojava genutzt. Mit der Unterstützung für die Türkei gegen die PKK, wird eigentlich versucht, die Wirkung der Linie Öcalans in Rojava zu schwächen. Zusammengefasst wird die Botschaft vermittelt: „Solange du dich nicht von der Linie der PKK entfernst, gibt es keine Ruhe für dich.“ Das ist eine Politik, die Rojava-Revolution von der sozialistischen Linie abzubringen und in das liberale Weltsystem zu integrieren. Diese Beziehung wird bis zu einem gewissen Punkt weiterlaufen. Aber neue politische Entwicklungen können jederzeit neue Situationen hervorbringen. Das ist keine sehr gewollte Situation für die USA. Das gleiche gilt auch für die Kräfte in Nordsyrien. Auf beiden Seiten gibt es eine Notwenigkeit. Die USA werden durch die Politik ihrer Verbündeten im Mittleren Osten dazu gezwungen.

Aber das Problem hängt nicht nur mit den Politiken zusammen; weder die USA noch ihre Verbündeten sind in der Lage, mit ihrer alten Herangehensweise und politischen Zielen etwas im Mittleren Osten zu erreichen. Es entsteht derzeit eine neue Welt und ein neuer Mittlerer Osten. Weiterhin auf das Alte zu bestehen, bedeutet nichts anderes, als zu versuchen, gegen die Strom zu schwimmen. Aber auch wenn die USA sich noch flexibler verhalten, werden sie doch keinen radikaleren Politikwechsel vollführen können. Deshalb versuchen sie, ihren Verbündeten wie der Türkei und Saudi Arabien den Kurs vorzugeben. Aber die Dinge entwickeln sich nicht in ihrem Interesse. Wie sehr die USA die Situation auch als taktisch bewerten mögen, müssen sie doch einsehen, dass sie ohne ihre kurdischen Verbündeten alleine dastehen würden. Da sie keine andere Kraft als Verbündete haben, um ihre Präsenz in der Region zu gewährleisten, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sie sich in naher Zukunft in Konflikte mit ihren taktischen Verbündeten begeben.

Sowohl die Politik der regionalen Mächte als auch die Herangehensweise der Türkei zwingen die USA praktisch dazu. Daher ist die derzeitige Situation weder für die YPG noch für die USA eine Frage der Wahl, sondern eine der Notwendigkeit. Aber natürlich muss auch bewertet werden, wie diese Notwenigkeit überhaupt zustande gekommen ist.

Es sind die lokalen Zentren, die Politik der KollaborateurInnen und sogar die Politik der USA selbst, die die erfolglosen Politiken des US-Imperialismus im Mittleren Osten zum Zusammenbruch brachten. Mit ihrer Politik haben sie sich selbst in einen Teufelskreis begeben und zur Liquidation in der Region verurteilt. Mit dieser Erkenntnis werden sie sich entweder wie in Vietnam zurückziehen müssen oder dazu gezwungen sein, eine unerwartete Beziehung einzugehen. Ein Rückzug käme für eine Welt-Hegemonie einer Kapitulation gleich.

Da Rückzug also keine Option darstellt, ist es für sie eine Notwenigkeit, eine unerwartete Beziehung einzugehen. Doch für die PYD gilt eine ähnliche Situation. Wenn der Freiheitskampf der KurdInnen auf globaler Ebene wirklich von den antisystemischen und antiimperialistischen Kräften richtig verstanden worden wäre, dann wäre die freiheitliche Linie heute noch viel unverfälschter, sichtbarer und zehnmal mehr dominanter.

Doch weil jeder sich der Sache zaghaft und skeptisch annähert. sich dadurch selbst isoliert und keine Initiative ergreift, weil niemand begreift, dass hier die Existenz zugleich eine ideologische, freiheitliche Annäherung ist, sind diese Probleme entstanden. Um in der Hölle des Mittleren Ostens auf den Beinen bleiben zu können, war es deshalb notwendig, taktische Bündnisse einzugehen. Welcher Situation ähnelt das? Es ähnelt den Vereinbarungen mit den Kapitalisten, die Lenin traf, um die Oktoberrevolution am Leben zu halten. Es ähnelt der Situation, als Stalin im Kampf gegen den Faschismus, ohne es zu wollen, an derselben Front wie die Imperialisten kämpfte.

Sie haben gesagt, die USA stünden im Mittleren Osten vor einem Zusammenbruch. Kann gesagt werden, dass die USA die Ergebnisse des Kobanê-Widerstands nutzen, um sich politisch vom Neuen zu behaupten und durchzusetzen? Wurde den kollabierenden USA mit dem Widerstand eine neue Möglichkeit gegeben, in das Gebiet einzugreifen?

Ohne Zweifel gewinnt eine sozialistische Bewegung nicht mit reflexartigen und dogmatischen Ansätzen, sondern mit einer richtigen Politik. Es handelt sich hier um das gegenseitige Bedürfnis beider Seiten für den Erfolg. Wir hätten in solch einer Situation ja nicht sagen können: „Die sollen im Mittleren Osten sterben und wir mit ihnen zusammen.“ Nun gibt es eine Gleichung, die durch die Entwicklungen geschaffen wurde. Das darf nicht falsch interpretiert werden.

Die USA sind an diesem Punkt aufgrund ihrer fehlgeschlagenen Politik angelangt. Aber es darf auch das Todesurteil für die FreiheitskämpferInnen nicht übersehen werden. Wer hat das Todesurteil gesprochen? Alle außer den Widerstand leistenden KurdInnen. Wie hätten nun die Freiheitskräfte mit ihren begrenzten Möglichkeiten auf den Beinen bleiben sollen? Das muss auch beachtet werden. Wir konnten uns entscheiden, entweder mit einem umfassenden Widerstand in die Geschichte als heldenhafte VerliererInnen einzugehen oder in dieser Situation durch Politik und Strategie zu siegen. Deshalb habe ich das Beispiel von Stalin gegeben.

Der IS ist keine x-beliebige salafistische Kraft

Der IS hat einen strategischen Angriff gegen die KurdInnen unternommen. Diese ernsthafte Situation muss hinterfragt werden. Denken wir mal in folgender Logik: Warum hat der IS in solch einer starken Position, wo ihn im Mittleren Osten niemand stoppen konnte, wo er in einer Nacht fast 60 Prozent des Irak einnahm und das syrische und irakische Regime hätte stürzen können, diese Offensive nicht zu Ende geführt? Warum hat er einen strategischen Angriff auf Kurdistan, insbesondere auf Cizîrê und Kobanê begonnen? Wenn der IS sich gegen den syrischen und irakischen Staat gewendet hätte, dann wären beide Staaten in einer Nacht in ihre Hände gefallen. Dafür gibt es Beispiele. Wir sprechen von einem IS, der in einer Nacht Raqqa zu seiner Hauptstadt machte und Mosul stürzte sowie hundertausendköpfige Armeen zerschlug und sich einen Namen machte.

Es ist zu beachten, dass die genannten Entwicklungen sich nicht auf den Einfluss des IS begrenzen. Die Golfstaaten und Jordanien waren sogar bereit, zu fliehen und zu kapitulieren, als sie den Namen des IS hörten. Doch der IS hat sich nicht weiter gegen die Regime gerichtet, sondern sich den KurdInnen und Rojava zugewandt. Und dies ist der Beweis dafür, dass der IS keine x-beliebige salafistische Kraft ist. Er ist in den Beziehungen der globalen und regionalen hegemonialen Kräfte und deren strategischen und taktischen Beziehungen entsprechend entstanden und agiert dementsprechend.

Als nicht mehr viel übrig blieb bis zum endgültigen Sieg des IS, wurde dieser mit den KurdInnen konfrontiert. Alle regionalen und globalen reaktionären Kräfte wurden auf die KurdInnen losgelassen. Zwei Zentren sind angesichts solch eines brutalen Angriffs von Bedeutung: Şengal und Kobanê. Diese Punkte bedeuten die Liquidation der KurdInnen und der freiheitlichen politischen Linie. Die regionale Reaktion hat gegen unsere Freiheitsbewegung und die KurdInnen eine Fetwa ausgerufen.

Denn im Mittleren Osten werden die KurdInnen mit Demokratie und Freiheit identifiziert. Die PKK hat sich mit beidem identifiziert. Die Liquidation der PKK bedeutet sowohl die Vernichtung der sozialistischen Freiheitslinie, als auch die Vernichtung der KurdInnen. Deshalb wurde genau zu dieser Zeit im Mittleren Osten die rückständigste ideologische Kraft zur Grundlage genommen und die KurdInnen in Şengal und Kobanê angegriffen. Die Erfolge an beiden Orten sind ein Erfolg für unsere Freiheitsbewegung und die KurdInnen.

Wenn die KurdInnen ihre Existenz bewahren wollen, sind sie dazu gezwungen, Widerstand zu leisten. Wenn sie auch die sozialistische Linie zum Erfolg bringen wollen, dann sind sie gezwungen zu kämpfen. Deshalb haben die PKK und die YPG alles in ihrer Macht stehende getan. Es war ein Kampf um Existenz und Freiheit. Entweder würden sie siegen und sich behaupten oder verlieren und untergehen. Der an beiden Orten geführte Kampf und die Erfolge haben die kurdische Identität zu einer grundlegenden Identität auf der Welt gemacht.

Was sind die Punkte, die den IS zum Zusammenbruch brachten?

Gibt es im Mittleren Osten und global eine Kraft, die im Kampf gegen den IS konsequent und erfolgreich war? Kann davon gesprochen werden, dass der Irak, der Iran, Syrien oder die USA gesiegt hätten? Natürlich nicht. Sie alle haben keine eigene Besonderheit außer von den Erfolgen anderer Kämpfe und Widerstände zu profitieren.

Es gibt nur eine einzige Linie, die radikal gegen den IS gekämpft und gesiegt hat, und das ist die Linie der PKK und ihrer Führung sowie Versionen der PKK-Linie im Mittleren Osten. Was ist das in Kobanê? Es ist der Ausdruck der Führungslinie bei der YPG. Die KurdInnen haben dem IS in Kobanê regelrecht eine Niederlage beigebracht. In Kobanê hat der IS einen Bruch erlebt. Der IS hatte dort seine ganze Kraft mobilisiert. Entweder hätte er Kobanê zu Fall gebracht und so die KurdInnen und die Freiheit ausgelöscht oder ihre Niederlage wäre ihr Ende gewesen. Was ist am Ende passiert? Die SiegerInnen in Kobanê wurden zu einer großen Kraft im Mittleren Osten. Die Besiegten wurden liquidiert.

Nach dem Sieg in Kobanê konnte den Rückzug des IS niemand mehr aufhalten. Es gab eine Serie von Siegen einen Monat nach dem Fall von Kobanê in Til Ebyad, zehn Tage später in den Abduleziz-Bergen, daraufhin bei Hesekê und Eyn İsa sowie zuletzt in Raqqa und Dêra Zor bis zur Grenze von Jordanien. Dasselbe auch im Irak. Wir dürfen uns nicht von der Reklame- und Propagandakraft der aufgeblasenen globalen imperialistischen Kräfte täuschen lassen. Als der IS im Irak vorrückte, konnte der Irak als ein Staat mit solch reichen Ressourcen nicht eine Stunde gegen den IS Widerstand leisten. Der IS hat die Grenze von Syrien übertreten und Mosul eingenommen.

Von Mosul aus hat der IS innerhalb von zwei Tagen die Grenze vom Iran erreicht gehabt und stand vor den Toren Bagdads. Auf der anderen Seite stand er an der Grenze zu Jordanien. Das hat alles insgesamt drei bis fünf Tage gedauert. Keine Kraft konnte ihn aufhalten. Weder die von den USA angeführte internationale Koalition noch regionale Hegemonialkräfte oder der Iran konnten ihm Einhalt gebieten. Obwohl der Iran die Unterstützung der Hizbullah-Kräfte in Anspruch nahm und seine al-Quds-Einheiten einsetzte, konnte er den IS nicht aufhalten.

Der IS wurde in Şengal aufgehalten und brach in Kobanê zusammen

Der IS wurde in Şengal aufgehalten und brach in Kobanê zusammen. Der IS wurde in Şengal zu einem großen Massaker angeleitet. Von dem Moment an, als der IS das Massaker an den ÊzîdInnen begann, hat der kurdische Nationalismus das Volk entwaffnet und ist geflohen. [Gemeint ist der Rückzug der Peşmerga-Einheiten der KDP, der die Bevölkerung schutzlos zurück ließ und den Genozid an den ÊzîdInnen ab dem 3. August 2014 erst ermöglichte. Der Rückzug wird in großen Teilen der kurdischen Gesellschaft als Verrat der KDP gesehen.] Das Volk wurde den Massakern ausgeliefert. Bis die PKK-Guerilla von den Bergen und die YPG-Kräfte aus Rojava kamen, wurden zehntausende Menschen ermordet. Doch als diese beiden Kräfte ankamen, wurden die Massaker beendet. Daraufhin wurde der IS kontinuierlich zurückgedrängt. Wenn wir in diesen Gebieten verloren hätten, dann gäbe es die KurdInnen heute nicht mehr. Und das wäre letztlich ein Ergebnis der Situation, in welche die Kurden von der Politik des Weltsystems nach dem 1. Weltkrieg gedrängt worden waren.

Zudem wäre es ein Punkt gewesen, an dem die nationalstaatlichen, nationalistischen und religiösen Ansätze in der Region und der mordende Charakter gewonnen hätten. Doch dies ist nicht geschehen. Die KurdInnen sind für ihre ethnische und kulturelle Identität zusammengekommen und haben an diesen beiden Orten gekämpft. Auch die 40-jährige sozialistische und freiheitliche Linie der PKK-Bewegung sollte beseitigt werden. Im Grunde ist das Kurdentum mit der Linie der Demokratie, der Freiheit und des Sozialismus ineinander übergegangen. Das ist die Linie, die die KurdInnen zum Sieg führt. Durch den Kampf der KurdInnen und der anderen revolutionären Kräfte in Rojava hat die sozialistische Identität und Ideologie, die nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus zertreten werde sollte, einen neuen Wert und Ruf gewonnen.

Wenn Kobanê gefallen oder das Massaker in Şengal zu Ende gebracht worden wäre, dann hätte die Freiheitslinie keinerlei Wert mehr gehabt. Die Linie hat deshalb einen Existenzkampf geführt. Entweder würde sie es schaffen, ein Licht zu sein, das der Welt die Freiheit verspricht, oder sie würde untergehen und von der Bildfläche verschwinden. Es war eine schwere, opferreiche Situation. An beiden Orten wurden Siege errungen, die der Freiheit den Weg ebneten. Der Weg für die ethnische und kulturelle Identität der KurdInnen wurde geöffnet. Wenn heute an vielen Orten versucht wird, über die KurdInnen Politik zu führen, dann rührt es daher. Von einer kurdischen Linie, die diese beiden Orte verleugnet, kann nicht die Rede sein. Bei denjenigen, die dies ablehnen und trotz dessen für das Kurdentum einstehen, tritt die Charakterlosigkeit sofort hervor, die zur Niederlage führt. Doch diejenigen, die die Tiefe und Würde dieser beiden Siege begreifen, können sich darauf stützend behaupten.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Beziehungen, die Sie mit den USA, Russland und anderen regionalen Kräften entwickeln, und dem Paradigmenwechsel der PKK? Hätten sie sich als PKK, wenn sich ihr Paradigma nicht geändert hätte, in solche Beziehungen begeben? Das wird von vielen Kreisen auf diese Weise interpretiert, dass sich die PKK vom sozialistischen Kampf losgesagt hätte. Hat sich die PKK mit dem Paradigmenwechsel vom Sozialismus abgewandt?

Die PKK-Bewegung ist seit ihrer Entstehung eine sozialistische Bewegung. Doch wenn wir uns die Zeit und die historischen Bedingungen anschauen, in denen die PKK entstanden ist, dann trug sie viele Einflüsse des damaligen Realsozialismus in sich. Parallel dazu trug sie die Einflüsse der nationalen Befreiungsbewegungen, insbesondere der Guerillakriege in Vietnam und Lateinamerika, der nationalen Befreiungsbewegungen in Afrika und der chinesischen Revolution. In diesem Sinne ist sie als eine sozialistische und nationale Befreiungsbewegung entstanden. Wenn wir aber auf die globalen Bedingungen und ideologische Hegemonie schauen, sehen wir, dass sie mehr eine Bewegung ist, die unter den Einflüssen des Realsozialismus geformt wurde. Die PKK hat eine lange Zeit auf Grundlage dieser Qualitäten ihrer Gründung einen nationalen Befreiungskampf geführt.

Doch der Zusammenbruch des Ostblocks und die aufeinander folgende Integration der nationalen Befreiungsbewegungen in Form von Nationalstaaten ins globale kapitalistische System haben einem Hinterfragen der eigenen Vorstellungen den Weg geebnet. Sowohl der Realsozialismus als auch die nationale Befreiung wurden hinterfragt. Der Niedergang des Realsozialismus und die Integration der nationalen Befreiungsbewegungen ins kapitalistische Weltsystem haben dazu geführt, dass eine Vielzahl von freiheitlichen Strömungen zusammengebrochen ist. Es ist eine Situation der Niederlagen entstanden. Auch die PKK-Bewegung hat die Schmerzen solch einer Phase erlebt. Während die PKK die Schmerzen solch einer Phase erlebte, ist sie zudem auch mit Repression und Angriffen konfrontiert gewesen, die sonst keine sozialistische und nationale Befreiungsbewegung erlebt hat. Der erste Schritt der Intervention des imperialistischen Systems in den Mittleren Osten war eine spezifische Operation gegen die PKK. Mit einem Komplott gegen unsere Führung, das wir als internationales Komplott bezeichnen, sollte durch die Geiselnahme unserer Führung die PKK buchstäblich kopflos und ideologielos gemacht werden.

Das war für die PKK selbstverständlich eine wichtige Situation. Wenn die PKK mit dieser Offensive des Imperialismus nicht zerschlagen wurde, dann hängt dies mit einer Eigenheit zusammen, die die PKK entgegen anderer realsozialistischer und nationaler Befreiungsbewegungen trägt. Wenn die PKK in ihrer Gründung auch intensive realsozialistische Einflüsse trug, dann wogen ihre eigenen Besonderheiten immer schwer. Das war nicht nur ideologisch, sondern auch organisatorisch so. Das Denken der historischen Glaubensgemeinschaften im Mittleren Osten und ihr Organisationsverständnis haben trotz des Zusammenbruchs des Realsozialismus und der darauf folgenden Geiselnahme der Führung gewährleistet, dass die PKK auf den Beinen blieb. Das ist die Grundlage, die die PKK-Führung höchstpersönlich geschaffen hat. Die Entführung unserer Führung hat eine neue Situation hervorgebracht. Es gab sowieso bereits vor der Entführung eine ernsthafte Suche nach ideologischen und politischen Auswegen. Der Schwerpunkt auf der Frauenbefreiung und die Waffenruhe als Streben nach einer demokratischen Lösung unterstreichen diese Suche. Die Entführung war in jeder Hinsicht ein Anlass für neue Aufbrüche. Das, was wir als Paradigmenwechsel bezeichnen, hat sich an diesem Punkt herausgebildet.

Die PKK hat sich nicht vom Sozialismus losgesagt

Es ist ein ernsthaftes Problem, dass anstatt einen zusammengebrochenen Realsozialismus zu hinterfragen und hieraus im Namen der unterdrückten Völker und gesellschaftlichen Kreise einen neuen Durchbruch zu wagen, diejenigen hinterfragt werden, die aus dem Zusammenbruch einen Ausweg suchen. Damit meinen wir nicht das Hinterfragen oder das Verstehen dieses Durchbruchs, sondern dass der zusammengebrochene Realsozialismus immer noch als Basis genommen wird, immer noch als Sozialismus betrachtet wird. Auf Basis des Realsozialismus können neue Auswege für den Sozialismus weder angemessen bewertet, noch kann ein wirklicher Sozialismus aufgebaut werden. Der Paradigmenwechsel der PKK bedeutet in seinem Kern keine Abkehr vom Sozialismus. Das möchte ich unterstreichen. Es handelt sich bei dem Paradigmenwechsel vielmehr um eine Kritik an den ideologischen, philosophischen und politischen Betrachtungsweisen des Realsozialismus. Darauf basierend beabsichtigt die PKK, den Sozialismus auf einer freieren, gerechteren und demokratischeren Basis neu aufzubauen und zu vervollständigen. Die PKK ist deshalb keineswegs vom Sozialismus abgerückt.

Ganz im Gegenteil wird auf Basis einer umfassenden Kritik am Realsozialismus und an den bisherigen antisystemischen Bewegungen ein neues Sozialismusverständnis aufgebaut. Die in diesem Verständnis genutzten Begriffe sind Begriffe, die ausgehend von einer Kritik des Realsozialismus entwickelt wurden. Diese müssen als freiheitliche, gleiche und demokratische Begriffe des neuen Sozialismus gesehen werden. Der gegenwärtige Krieg im Mittleren Osten und die darauf aufbauenden Beziehungen sind nicht alleine mit einer ideologischen Situation zu erklären. Es ist mehr eine Notwenigkeit der politischen Situation. Die PKK mit der alten realsozialistischen Linie hätte den Kampf auch auf diese Art und Weise geführt. Das hat sie sowieso auch. Doch mit der Kraft und dem Vertrauen, das sich mit dem Paradigmenwechsel entwickelt hat, konnte sie eine noch vorteilhaftere Position erreichen, um der Krise im Mittleren Osten entgegenzutreten. Ohne diesen Paradigmenwechsel hätte sie vielleicht Widerstand leisten und kämpfen können. Doch sie hätte keine Chance gehabt, so viele Erfolge zu erzielen. Mit dem Vertrauen aus dem Paradigmenwechsel hat sie den Vorteil erlangt, noch viel ernsthaftere Ergebnisse zu erzielen.

In der Terminologie, die Sie verwenden, treten neben dem Sozialismus mehr Begriffe wie Demokratie, Demokratische Nation, Frauenbefreiung, Umwelt und Ökologie in den Vordergrund. Fügen Sie diesen neue Bedeutungen hinzu, die über die traditionellen Bedeutungen hinausgehen? Nutzen Sie diese Begriffe anstatt des Begriffs des Sozialismus? Oder sehen Sie diese als Konzepte, die mit dem Inhalt des Sozialismusbegriffs zusammenhängen?

Begriffe wie Demokratie, Demokratische Nation, Frauenbefreiung oder Ökologie stehen nicht im Widerspruch zum Sozialismus. Der Sozialismus als allgemeiner Begriff bleibt also bestehen. Sie sollten als Begriffe verstanden werden, die den Sozialismus inhaltlich füllen. Wenn ich auf einige der Fragen einzeln antworten soll, dann gibt es beim Begriff der Demokratie aus liberaler, kapitalistischer und realsozialistischer Sichtweise eine Verzerrung. Der Demokratiebegriff wird verzerrt. Was versuchen die Herrschenden mit dem Begriff der Demokratie auszudrücken? Eine Leitungsart des Staates. Es ist ein großer Fehler und Irrtum die Demokratie so zu betrachten. Es ist niemals möglich den Staat und die Demokratie zusammenzubringen. Die Demokratie kann mehr als Selbstverwaltungsmodell vorstaatlicher Gesellschaften konzipiert werden.

Wie verwalteten sich die Gesellschaften vor der Entstehung der Zivilisation, als sie noch kein Bedürfnis nach dem Staat hatten? Die Gesellschaften hatten ihre eigenen Selbstverwaltungen. Aber diese Selbstverwaltungen stützten sich nicht auf irgendeine Ausbeutung, Repression oder Besatzung. Es war mehr eine demokratische Art der Leitung. Der Bereich der Demokratie muss mehr mit solch einer Leitung erklärt werden. Das liberale Geschichtsverständnis hat die Zeit, in der sich die Gesellschaft demokratisch verwaltete, verleugnet. Die Demokratie wurde den Gesellschaften wie eine Erfindung der Zivilisation serviert. Die klassenbasierten, städtischen und staatlichen Zivilisationsstrukturen haben den Demokratiebegriff buchstäblich wie eine Tarnung genutzt, um ihre Ausbeutung und Vorherrschaft über die Gesellschaft zu decken. Es ist also eine Verzerrung.

In unserem Sozialismusverständnis nutzen wir die Demokratie als eine Form der Leitung

Es kann sowieso nicht erwartet werden, dass der Staat oder die Art der Leitung irgendeiner Klasse demokratisch sein könnten. Das ist eine Täuschung. Wenn wir also im wahrsten Sinne den Sozialismus zur Grundlage nehmen, dann konzipieren wir ein Leitungsverständnis des Sozialismus. Es gibt Begriffe, die der Art der Leitung des Realsozialismus zugesprochen werden. Die MarxistInnen nutzen den Begriff der Diktatur des Proletariats. Auch den Staat nutzen sie als einen Hauptbegriff der sozialistischen Literatur. Sie sehen eine Staatsform vor, die sich auf die Vorherrschaft einer Klasse stützt.

Die Demokratie konzipieren sie als eine Administrationsform des Staates. Sie verzerren also den Demokratiebegriff, der als Selbstverwaltungsform der Menschheitsgeschichte über lange Zeiten seinen Stempel aufgedrückt hat, derart, dass sie ihn zu einem Verwaltungssystem des Staates erklären. Das ist eine sehr problematische Situation. Wenn wir erklären, wir seien Sozialisten, und den Sozialismus mit Gleichheit und Freiheit ausdrücken, dann müssen wir zuallererst das Leitungsverständnis des Sozialismus zu einem freiheitlichen Ausdruck bringen und konzipieren. Es ist nicht sehr schwer, dies aus der gesellschaftlichen Geschichte zu ziehen und zu nutzen.

Das kann aus dem gleichberechtigten und freiheitlichen Leben der Gesellschaften geschehen, das diese trotz kapitalistischer und imperialistischer Bedingungen immer noch fortführen. Viele heute dem zeitgenössischen Demokratiebegriff zugesprochenen Bedeutungen sind eigentlich Merkmale des kommunalen Lebens der natürlichen Gesellschaft und damit Jahrtausende alt. Deshalb kann der Demokratiebegriff als aktueller Begriff der gleichberechtigten und freiheitlichen Leitungsart der natürlichen Gesellschaft genutzt werden. In diesem Sinne nutzen wir den Begriff häufig. Wenn ich es klarer ausdrücke, nutzen wir den Demokratiebegriff als eine Art der Leitung unseres sozialistischen Verständnisses. Es ist kein Demokratiebegriff, der sich am Staat orientiert.

Wir nutzen einen Begriff der Demokratie im Sinne der gesellschaftlichen Selbstverwaltung. Deshalb darf dies nicht mit dem Verständnis aufgefasst werden, es sei etwas anderes als der Sozialismus oder eine Abkehr davon, sondern ganz im Gegenteil wird dem Sozialismus Bedeutung und ein System gegeben. Das gilt auch für die anderen Begriffe. Bevor wir nicht den Realsozialismus kritisierten, hätten wir den Sozialismus nicht im wahrsten Sinne in eine lebenswerte Situation bringen können.

Beispielsweise ist auch die Ökologie bedeutend. Ob der Ansatz des kapitalistischen Weltsystems oder ein sozialistischer: Die Beziehung zwischen Natur und Gesellschaft ist wirklich problematisch. Der Kapitalismus hat durch den Industrialismus und sein Gesetz des Profits die Welt lebensunfreundlich gemacht. Während der Planet immer lebensunfreundlicher wird, ist auch die Menschheit in ihrer Existenz bedroht. In solch einer bedrohlichen Lage den Sozialismusbegriff utopisch mit abstrakter Freiheit und Gleichheit zu verwenden, drückt in einer zusammengebrochenen Welt nicht viel aus. Also muss der Sozialismus auch über einen Ansatz verfügen die Welt und Menschheit zu retten. Es braucht also einen ideologischen Ansatz dem ökologischen Schaden auf der Welt durch den Kapitalismus zuvorzukommen. Im Realsozialismus gibt es so etwas nicht. In Bezug auf den Kapitalismus wird als allgemeiner Diskurs gesagt, dass die Natur und Umwelt ausgebeutet werden.

Aber der Realsozialismus kann sich mit seinen industriellen und nationalstaatlichen Ansätzen nicht davon befreien, selbst auch ein Teil dieser ökologischen Zerstörung zu sein. Daneben wird der Begriff der Ökologie auch nicht auf eine ideologische Grundlagen gestützt, indem ihre Verbindung zur Gesellschaft nicht richtig ideologisch ausgedrückt wird. Auch dies ist eine sehr ernsthafte Situation. Die ideologischen Ansätze des Realsozialismus sind problematisch. Eine unbegrenzte Industrie, Entwicklung mit Industrie zu identifizieren und den Menschen als Herrscher der Natur zu sehen, sind ernste ideologische Probleme. Ein Sozialismus ohne Ökologie ist undenkbar. Lassen wir mal einen Sozialismus ohne Ökologie, nicht mal ein Leben ohne Ökologie ist denkbar. Wenn die Verbindung des Sozialismus zum Leben aufgebaut wird, wird ihre Verbindung zur Ökologie noch besser verstanden werden.

Die größten Widerlichkeiten werden der Frau vom kapitalistischen System aufgezwungen

Das gilt auch für die Linie der Frauenfreiheitsideologie. Der Kapitalismus hat die Frau in ein Objekt und eine Ware verwandelt. Die größten Widerlichkeiten werden der Frau vom kapitalistischen System aufgezwungen. Die sexistische, patriarchale Mentalität wird am intensivsten im kapitalistischen System gelebt. Weder kann die Welt gerettet noch Gleichberechtigung, Freiheit und Demokratie herbeigeführt werden, ohne den Platz der Frauenbefreiung in der Gesellschaft zu denken und dies zu einem sozialistischen Ausdruck und zu einer sozialistischen Grundlage zu machen. Die Frage der Freiheit der Frau ist ein solch tiefgreifendes Problem, das sich nicht wie in der realsozialistischen Zeit mit dem Ansatz „Mit der Revolution wird sich die Frauenfrage schon von selbst lösen“ lösen lässt. Sie muss als Hauptfrage des Sozialismus, sogar des Lebens an sich angesehen werden. Diejenigen, die keine authentische Herangehensweise an die Frage der Frauenfreiheit entwickeln, haben eine große Schwäche in ihrem sozialistischen Verständnis.

Die PKK baut den Sozialismus mit dem Paradigmenwechsel und der wahren Sozialwissenschaft von neuem auf

Wenn wir all dies nun zusammen betrachten, dann treten die halbherzigen und unzureichenden Ansätze des Realsozialismus gegenüber den Problemen des Aufbaus des Sozialismus zutage. Die philosophischen, ideologischen und politischen Lücken, die für die Liquidation des Realsozialismus eine Rolle spielten, treten hervor. Mit ihrem Paradigmenwechsel nimmt sich die PKK dieser Probleme an, schafft Antworten und baut den Sozialismus mit einer weiterentwickelten, wahren Sozialwissenschaft von Neuem auf.

Das ist keine Trennung vom Sozialismus. Damit wird der zusammengebrochene und besiegte Realsozialismus sehr gut bewertet, und mit einem paradigmatischen Ansatz wird dem Sozialismus Ausdruck verliehen. Deshalb werden die antiimperialistischen Kräfte, die sozialistischen, freiheitlichen und antisystemischen Bewegungen auf der ganzen Welt keine Chance haben sich zu entwickeln, wenn sie sich selbst nicht auf diese Grundlage stellen. Diejenigen, die mit dem Sturz des Realsozialismus auch gestürzt sind, haben ihr Schicksal also so sehr an falsche Tatsachen geknüpft. Das muss man richtig sehen. Aber weil eine Bewegung wie die PKK, die auch früher Probleme mit dem Realsozialismus hatte, sich all dem richtig annäherte und kritisierte, konnte sie sich behaupten, obwohl sich die ganze Welt gegen sie stellt. Ihre Existenz und Kraft hat sie nicht entwickelt, indem sie sich vom Sozialismus trennte, sondern durch die sozialistische Philosophie, Ideologie und das Leben selbst. Das Ergebnis dessen ist, dass sie im Mittleren Osten eine ernsthafte ideologische, politische Kraft wurde.

Der Imperialismus unserer Zeit möchte ein neues Weltsystem gründen, das das gegenwärtige Nationalstaatensystem und sogar die nationale Identität überwindet. Es wird vielleicht nicht oft zum Ausdruck gebracht, aber es geht um etwas, das die Kategorie Nation überwindet wie eine neue Weltregierung oder ein neuer globaler Staat. Ist das Konzept der Demokratischen Nation eine neue Annäherung der sozialistischen Bewegung, die Gesellschaften auf der Welt erneut zusammenzubringen gegen die Konzepte des Imperialismus?

Die Gesellschaftsformel, auf die sich der Kapitalismus stützt, ist der Nationalstaat. Wenn wir von Nationalstaat sprechen, kommt einem eine kapitalistische Form in den Sinn. Also die Gründung eines Herrschaftssystems über die Kategorie der Nation, die ja eine gesellschaftliche Form ist. Diese Form wird vom kapitalistischen Monopol vollständig in einen Bereich der Ausbeutung und Gewalt umgewandelt. Das grundlegende Problem ist, dass die sehr flexible und poröse Kategorie der Nation durch die Hand des Staates umgestaltet wird. Während dieser Umgestaltung wird der Versuch unternommen, die Gesellschaft zu homogenisieren. Das bedeutet im Ergebnis, dass alle unterschiedlichen sozialen und kulturellen Qualitäten der Gesellschaft förmlich einem Genozid ausgesetzt werden. Es wird also ein grundlegendes Problem erschaffen, indem die Nation kapitalistisch gestaltet wird und zu einem Herrschaftsinstrument des Staates wird. Hier liegt das Hauptproblem des Realsozialismus. Es ist der größte Fehler, zu denken, Freiheit könne mit den zentralen Werkzeugen und Argumenten des Kapitalismus erlangt werden.

Des Weiteren ist ein zentrales Problem des Realsozialismus, dass er über keine tiefgreifende Analyse von Phänomenen wie Staat und Nation verfügt, während er gegen den Kapitalismus das sozialistische Paradigma formuliert. Die Nation wird anstatt als kulturelles Phänomen mehr als unanfechtbares ethnisches Phänomen behandelt. Der Staat gilt als unverzichtbares Zuhause für jede Nation. Die Verbindung des Staates und der ethnische Aufbau einer Nation mit der Ausbeutung des kapitalistischen Systems wurden nicht genügend dargelegt. Dies hat sich mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus noch klarer gezeigt. Es war also ein großer Fehler, die Freiheit mit dem Staat in Verbindung zu setzten und die gesellschaftliche Form zum Nationalstaatsmodell zu führen. Das realsozialistische Modell hat dies 70 bis 80 Jahre versucht. Am Ende konnte es sich nicht davor retten, Teil des kapitalistischen Weltsystems zu werden.

Wenn wir wirklich etwas genauer schauen, dann ist es unmöglich das Nationalstaatensystem an die Seite der Freiheit zu stellen. Das Staatssystem ist ein der Freiheit feindlich gesonnenes politisches System. Aus dem Staat kann keine Freiheit erwachsen. Die Nation hingegen ist eine abgegrenzte Form, die in sich sehr verschiedene gesellschaftliche, ethnische und religiöse Identitäten trägt. Weil der Nationenbegriff über so viel Inhalt verfügt, verträgt er keine Singularität. Während im Nationalstaatensystem der Staat ein Mittel zur Ausbeutung und Herrschaft ist, wird die Nation zu einem monistischen System, das sich auf eine ethnische, religiöse ideologische Struktur stützt. Es beruht also auf der Assimilation und dem Absterben gesellschaftlicher Unterschiede und Reichtümer. Für eine Fortsetzung der Ausbeutung ist solch ein Modell nötig. Der Kapitalismus hält sich damit am Leben.

Mit der Herrschaft des Staates und der Singularität der Nation wird ein mörderisches Regime begründet. Als der Realsozialismus als Alternative auftrat, konnte er das Nationalstaatensystem und sein Paradigma nicht überwinden. Mit seinen Begriffen hat er sich dem Kapitalismus genähert, als sei er bloß eine bessere Kopie. Also sind diese Begrifflichkeiten problematisch. Es kann keine sozialistische Identität entwickelt werden, ohne sich den Begriff des Nationalstaats von Neuem vorzunehmen und eine tatsächliche Alternative zu ihm zu entwickeln. Wenn wir den Staatsbegriff hinterfragen und erklären, dass wir selbst keinen Staat wollen, wundern sich alle darüber. Sowohl diejenigen, die sich dem Begriff ethnisch-nationalistisch annähern, als auch die SozialistInnen. Die ethnischen NationalistInnen werden wütend auf uns, weil wir gegen den Staat sind, den sie glauben als Mittel zu brauchen, um ihre eigene ethnische Identität an die Spitze der Macht zu stellen. Und die RealsozialistInnen denken, sie könnten das Problem von Freiheit und Gleichheit mit Hilfe des Staates lösen. Unsere Ablehnung des Staates wird als Ablehnung des Sozialismus und der Nation verstanden.

Obwohl der Staat eigentlich eine Institution ist, die beides vernichtet. Keine SozialistIn kann sich politisch durch den Staat ausdrücken. Der Staat ist im Grunde Feindschaft zur Freiheit und Gleichheit. Der Staat kann niemals mit der Freiheit in Einklang gebracht werden. Deshalb muss der Staat als Phänomen beiseitegelassen werden. In unserem Paradigma haben wir den Staat sehr gut bewertet und als Schwäche des Realsozialismus dargelegt. Die Phänomene von Nation und Staat müssen voneinander getrennt werden. Die Nation kann als gesellschaftliche Form akzeptiert werden, wenn sie von Staatlichkeit losgelöst ist. Sie darf nicht zur Grundlage von Nationalstaatlichkeit gemacht werden. Die Definition der Nation ist daher wichtig und muss besonders gut verstanden werden.

Der Mittlere Osten kann mit der demokratischen Nation vom Neuen aufgebaut werden

Die Nation ist eine gesellschaftliche Form. Doch innerhalb dieser Form sprechen wir von einer kulturreichen, glaubensreichen und ideenreichen Gesellschaft. Die Gesellschaft ist vielfältig und entsteht durch eine Einheit der Vielfalt. Die Nation kann als gemeinsamer Nenner definiert werden, in dem die Unterschiede zusammenkommen, indem sie sich aufeinander beziehen. Die Nation kann also im Grunde nicht definiert werden, indem die Unterschiede abgelehnt und sich allein auf eine einzige ethnische Identität, einen Glauben oder eine Ideologie gestützt wird. Dies würde die Vernichtung aller Unterschiedlichkeiten bedeuten. Das ist keine Freiheit, sondern Faschismus. Deshalb muss die Gesellschaft definiert und aufgebaut werden, ohne die demokratische Struktur in ihrer Essenz zu beeinträchtigen. Die Demokratische Nation ist die Form, in der die Gesellschaft mit ihrer Vielfalt anerkannt und infolge dessen demokratisch aufgebaut wurde. Die Demokratische Nation ist die wahre Entstehungsart der Nationenwerdung.

Jeder undemokratische gesellschaftliche Aufbau und Entstehungsprozess sozialer Einheiten ist problematisch und entspricht nicht der freiheitlichen Natur der Gesellschaft. Deshalb entstehen fortwährend Gewalt und Konflikte. Alle gesellschaftlichen Entitäten, die die Nation bilden, können ohne Herrschaft nur mit einem demokratischen Verwaltungssystem und der demokratischen Politik zusammengehalten werden. Die Demokratie ist ein System, das unglaubliche Möglichkeiten schafft, wo sich jeder selbst ausdrückt, organisiert und verwaltet.

Wenn wir uns die Besonderheiten des Mittleren Ostens vor Augen führen, dann ist dies für uns noch existenzieller. Im Mittleren Osten trägt keine einzige Gesellschaft einen monistischen Charakter. Die mittelöstlichen Gesellschaften sind immer miteinander verwoben und in sich pluralistisch. Es ist nicht möglich, die Gesellschaften in religiöser, konfessioneller, ethnischer und kultureller Hinsicht zu differenzieren. Vielleicht können die kulturell dominierenden Gebiete der Gesellschaften eine Nation definieren und dementsprechend Gliederungen vornehmen. Doch selbst dabei kann keine Rede von einer einzigen Nation sein. Das passendste Konzept für den neuen gesellschaftlichen Aufbau unter den Bedingungen des Mittleren Ostens ist das Konzept der Demokratischen Nation. Das Konzept betont den kulturellen und demokratischen Charakter des Aufbaus der Nation. Es ist zugleich Ausdruck des gleichberechtigten und freien Zusammenlebens der kulturellen Nationen, das auf einer demokratischen Grundlage basiert. Die Demokratische Nation lehnt den Monopolismus des Kapitalismus und den Nationalstaat ab, der sich wie das Fleisch um den Knochen legt. Stattdessen setzt sie sich den Aufbau eines sozialistischen und kommunalen Lebens zum Ziel.

Deshalb braucht es ein Paradigma, das sowohl die gegenwärtigen Probleme löst als auch den Nationalstaat überwindet, um das sozialistische Leben aufzubauen. Ohne ein Paradigma zu haben, das den Nationalstaat überwindet, kann niemand SozialistIn sein, noch irgendein gesellschaftliches Problem lösen. Der Staat ist kein Mechanismus, den der Sozialismus erfunden hätte. Auch die Nation ist kein Mechanismus, den sich der Sozialismus als Grundlage nehmen würde. Doch die Nation als gesellschaftliche Form ist neu zu definieren und mit dem Sozialismus zusammenzubringen. Das ist es, was die PKK und ihre Führung tun. Also wird der Begriff und Aufbau der Demokratischen Nation die gesellschaftliche Form sein, in der sich die vom Sozialismus versprochenen Freiheiten am besten ausdrücken. Es wird eine Gesellschaft sein, in der sich alle frei ausdrücken können, die Unterschiede zusammenleben können und die verschiedenen Unterschiede sich sowohl organisieren als auch Respekt gegenüber anderen haben.

Dieses Modell können wir auf zwei Weisen diskutieren. Wenn wir auf nationalstaatlicher Grundlage schauen, gibt es im Mittleren Osten Kriege, Massaker, Chaos, Hegemonien und Ausbeutung. Das zeigen das faschistische Regime in der Türkei, die arabischen Emirate am Golf und die anderen arabischen Staaten. Deutlich wird, dass der Nationalstaat unbegrenzte Herrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung mit sich bringt. Denn das System wurde dementsprechend ausgerichtet. In solch einem System und mit dessen Mitteln kann keine Freiheit erlangt werden.

Wenn in einem Nationalstaat eine Glaubensgruppe oder ethnische Gesellschaft vorherrscht, dann erkennt sie das Recht der anderen auf Leben nicht an. Die AraberInnen erkennen das Lebensrecht der KurdInnen nicht an, so wie die IranerInnen und TürkInnen die KurdInnen nicht anerkennen. Die SchiitInnen erkennen die SunnitInnen nicht an, sowie die SunnitInnen die SchiitInnen nicht. Dasselbe gilt auch für die MuslimInnen gegen die ChristInnen und die ChristInnen gegen die MuslimInnen. Die monotheistischen Religionen erkennen den anderen Religionen kein Lebensrecht zu. Es ist ein System, dass immer darauf ausgerichtet ist, den anderen auszulöschen. In solch einem Mittleren Osten selbst mit den alten staatlichen und nationalen Argumenten zu agieren, bedeutet buchstäblich als neue mordende Kraft das Chaos zu befeuern. Das kann kein Sozialismus sein! Das ist kein Sozialismus. Sozialismus bedeutet, die vom Kapitalismus entwickelten grundlegenden Begriffe und Phänomene gut zu erkennen und gegen sie Alternativen zu schaffen.

Wenn wir uns Sozialismus, Freiheit und Gleichheit aneignen und die Auffassung vertreten, dass es im Sozialismus keinen Platz für Hegemonie und Unterdrückung gibt, und denken, dass der Staat ein Werkzeug für Herrschaft und Ausbeutung ist, dann müssen alle Begriffe und Modelle auch mit diesem Denken übereinstimmen. Sozialismus kann nicht entstehen, in dem andere ausgeschlossen werden. Die Demokratische Nation muss als Begriff gedacht werden, der Werte wie Freiheit und Gleichheit, die Gesellschaftlichkeit erst bilden, zur Grundlage nimmt. Dieser Begriff überwindet den Nationalstaat. Es ist ein Begriff, in dem Alle ihre Freiheit ausdrücken könne, so wie es für den Sozialismus notwendig ist.

In Ihrer Bewegung gibt es Organisationen wie die PKK, KCK, PAJK, KJK, HPG; in den verschiedenen Teilen Kurdistans gibt es weitere Organisationen wie zum Beispiel in Rojava PYD, TEV-DEM, KONGRA-STAR, YPG, YPJ und in Nordsyrien wiederum den Demokratischen Rat Syrien und die Demokratischen Kräfte Syriens. Diese haben sogar noch weitere Unterorganisationen. Sind sie die Form, in welcher sich das von Öcalan entwickelte Paradigma und die sozialistische Ideologie in der Praxis ausdrücken? Was sind Rolle und Funktion dieser, und wie ist deren Beziehung untereinander?

Das müsste im Detail ausführlich diskutiert werden; aber ich versuche die Frage etwas allgemeiner zu beantworten und Grundzüge zu erklären. Wir sprechen von einem Paradigma, das unsere Führung entwickelt hat. Dieses Paradigma ist nicht begrenzt auf eine einzelne Gesellschaft oder Geographie. Es handelt sich vielmehr um ein universelles sozialistisches Paradigma. Wir agieren vom Standpunkt des globalen Sozialismus aus. Das Paradigma muss zuallererst so verstanden werden. Die Führung hat das neue Paradigma durch die Kritik am Realsozialismus hervorgebracht. Sie hat damit ein neues Paradigma des Sozialismus entworfen. Dieses Paradigma darf nicht nur als das spezielle einer einzelnen Organisation betrachtet werden. Es ist jederzeit möglich, dass eine Vielzahl von Kräften sich diesem Paradigma annehmen und es auf die eigene Region oder eigene Probleme anwenden. Darin liegt eine gewisse Universalität, die sich in der Anwendung des Paradigmas äußert.

Dieses Paradigma ist auch kein spezifisches für die KurdInnen oder den Mittleren Osten. Es muss als ein Ideenkomplex behandelt werden, der überall auf der Welt gültig ist und auch überall angewendet werden kann. Deshalb nähern sich dem Mittleren Osten viele Kräfte auf diese Weise an. Wenn wir zum Beispiel Rojava betrachten, sind dort die PYD und die YPG/YPJ-Kräfte. Die Kräfte der PYD und YPG setzen sich mehr mit den Problemen der KurdInnen in Syrien auseinander. Aber sie begrenzen sich nicht nur auf die KurdInnen. Im Kern versuchen sie, die kurdische Frage zu lösen, aber vernachlässigen auch nicht den universellen Charakter der Frage.

Aus diesem Grund zeichnet sowohl die ideelle als auch die praktisch-organisatorische Struktur eine gewisse Universalität aus. An diesem Punkt wird das Paradigma als Orientierung angenommen. Diejenigen, die das Paradigma jeweils für sich annehmen, sind also keine PKKlerInnen. Die PYD und YPG sind nicht PKKlerInnen, aber sie sind kurdische Kräfte, die das Paradigma der Führung als ihre Grundlage angenommen haben. Andere Kräfte in Ost-, Süd- und Nordkurdistan nähern sich dem Paradigma genauso an. Jeder formuliert politisch, sozial, organisatorisch und praktisch sein eigenes Problem entsprechend des Paradigmas und kämpft.

Sagen wir mal: es gibt Kräfte in Nordkurdistan, die gegen den Kolonialismus in der Türkei kämpfen. In Rojava gibt es die Kraft der YPG/YPJ. In Ost- und Südkurdistan gibt es verschiedene Kräfte. Weil sie immer denselben paradigmatischen Ansatz verteidigen, gibt es natürlicherweise ein Beziehungssystem. Hier muss im Wesentlichen das Paradigma gesehen werden. Das Paradigma gibt jedem politischen, sozialen, ethnischen und kulturellen Kreis sowie der Frau die Chance, ihre eigene Selbstverwaltung zu entwickeln. Jede und jeder verfügt über die volle Entscheidungskraft, in seinem eigenen Bereich über Autonomie. Zudem haben all diese Kreise gemeinsame Probleme und Lebensbereiche, die alle interessieren. Auch hier hat jede das Recht, ihren Willen darzulegen. Das ist eine rechtliche Situation. Aber wichtiger ist das Moralische. Mit Moral meine ich, dass keine Person oder Gruppe über der Freiheit und den Willen einer anderen stehen sollte.

Das gilt für alle Themen, vor allem für die Freiheit und Organisierung der Frauen. Sagen wir mal, es gibt die Dimension der Frauenfreiheit in diesem Paradigma. Die Frau hat in diesem Paradigma ihre eigene Freiheit gesehen, ihren sozialistischen Ansatz mit der Frauenidentität in die Hand genommen und auf eine eigene Art und Weise mit dem Sozialismus vereinigt. Wie wir sehen, ist sie dadurch eine sehr wichtige Kraft geworden. Im Guerillakrieg in Nordkurdistan hat sich die Frau in eine große Freiheits- und Organisierungskraft verwandelt. Die YPJ hat die ganze Welt beeinflusst. Sie hat in Rojava eine ideologische, organisatorische und militärische Kraft entwickelt, die eine brutale Kraft wie den IS aufhalten konnte. Alle Gebilde in der Region können in diesem Kontext bewertet werden. Verschiedene Bewegungen, wie die ökologischen Bewegungen, können so betrachtet werden.

Das Paradigma der Führung ist in Kurdistan eine zentrale Anleitung

Dieses von Öcalan entwickelte Paradigma ist keines nur für KurdInnen oder den Mittleren Osten. Man kann vielleicht das als den kleinsten Nenner der Bewegungen bezeichnen, die dieses Paradigma vertreten. Die PKK und PYD sind jeweils Bewegungen, die sich in Kurdistan klar die Revolution zum Ziel gesetzt haben. Deshalb ist für sie das Paradigma der Führung in Kurdistan eine zentrale Anleitung. Aber es ist ein großer Fehler, dieses Paradigma selbst nur auf ein Paradigma zur Befreiung der kurdischen Gesellschaft zu reduzieren. Ganz im Gegenteil betrachtet oder misst dieses Paradigma keiner ethnischen Gemeinschaft mehr Wert zu als einer anderen.

Es ist ein sozialistisches Paradigma, das zunächst im Mittleren Osten und dann zunehmend auf der ganzen Welt auf internationalistischer Basis entwickelt werden muss. Natürlicherweise müssen diejenigen, die sich dem Paradigma annehmen, in Beziehung zueinander stehen, sich gegenseitig unterstützen und sogar untereinander ein gemeinsames System entwickeln. Wir können in dieser Krise des Kapitalismus nicht akzeptieren, dass die freiheitlichen Bewegungen auf der Welt so zerstreut sind. Deshalb ist es unumgänglich, mit den antikapitalistischen und antiimperialistischen Kräften eine Einheit zu gründen. Das muss sogar breiter gefasst werden. Gegen den globalen Kapitalismus müssen wir die globale Demokratie aufbauen.

Die freiheitlichen Kräfte brauchen eine demokratische internationale Einheit

Der Kapitalismus steckt tief in einer Krise und kann sich selbst nicht mehr erhalten. Die globale Hegemonie des Imperialismus bricht. Wenn er sich heute noch auf den Beinen hält, dann weil sich die sozialistische Linke nicht genügend ausdrücken kann und sich nicht in einem gemeinsamen Kampf organisiert. Genauso wie das globale kapitalistische System von einem Zentrum geleitet wird, brauchen auch die freiheitlichen Kräfte eine demokratische internationale Einheit. Ohne sie werden wir den Kapitalismus und Imperialismus nicht überwinden können. Es gibt in dieser Frage viele Erfahrungen, auf die wir uns beziehen sollten. Insbesondere die erste, zweite und dritte Internationale sind trotz ihrer Mängel wichtige Erfahrungen. Für heute gilt dies noch umso mehr.

Kein Paradigma, das nicht universell ist, kann einen sozialistischen Charakter haben. Aus diesem Grund denken wir, dass es dringend einer freiheitlichen Internationalen bedarf. Es gibt hoffnungsvolle Entwicklungen in diese Richtung. Insbesondere die Revolution in Rojava hat trotz einiger Fehler dahingehend zahlreiche positive Entwicklungen hervorgebracht. Rojava wurde zu einem Zentrum des Interesses sozialistisch-revolutionärer Bewegungen aus der Region. Auch international gibt es ein großes Interesse. Es ist von großer Bedeutung, dass von den verschiedensten Orten der Welt Menschen kommen, um wirklich für die Freiheit zu kämpfen. Doch dies reicht nicht aus. Wenn wir uns die Folgen des Paradigmas anschauen, dann bedarf es der Schaffung einer Internationalen, an der sich alle Kräfte der Welt organisiert beteiligen können.

**************

Zur Person:
Riza Altun ist eines der Gründungsmitglieder der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Er ist Mitglied im Zentralkomitee der PKK und im Exekutivrat der KCK (Koma Civakên Kurdistan – Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans). Mehr als zehn Jahre verbrachte er ab Anfang der 1980er in türkischen Gefängnissen, unter anderem in dem berüchtigten Gefängnis Nr. 5 in Diyarbakir (Amed). Zurzeit ist er Sprecher der Außenbeziehungs-Kommission der KCK.

**************

Home | Impressum & Kontakt | Copyright © Ajansa Nûçeyan a Firatê 2018. Alle Rechte vorbehalten