Neue Universität in Rojava

ANF / Mustafa Mamay aus Qamişlo, 4.1.2018

Die Rojava-Universität ist die erste Universität im Nahen Osten, die kostenlos und ohne Prüfungen funktioniert, und zwar schon seit zwei Universitätsjahren. Sie zählt 7 Fakultäten: Ingenieurwesen für Erdöl, Chemie und Landwirtschaft, daneben Kurdische Sprache und Literatur, mit über 1.000 Studierenden in den beiden Jahren. Im zweiten Jahr kamen die Fakultäten für Schöne Künste und für Jineoloji hinzu.

Der erste Schritt zum Aufbau eines Hochschulwesens in Rojava ist 2014 mit der Eröffnung der Mesopotamischen Akademie für Gesellschaftswissenschaften getan worden. Mit der 2015 in Afrin gegründeten Universität entstand die erste Universität von Nordsyrien überhaupt. Die Mesopotamische Akademie setzt ihren Schwerpunkt auf Geschichte und Soziologie; die Studierenden schließen nach einem Lehrjahr mit einer These ab und unterrichten dann als Fachlehrer an Schulen.

Gleiche Möglichkeit für alle

Damit alle Studierenden die gleichen Möglichkeiten haben, hsteht an der Rojava-Universität allen das Recht zu, ohne Kosten und ohne Prüfungen zu studieren. Im ersten Jahr waren 400, im zweiten Jahr 700 eingeschrieben; alle mit dem Abitur haben Zugang. Die Fakultäten für Agrarwissenschaft und für Erdölwesen haben den Abschluss eines technischen bzw. beruflich orientierten Gymnasiums zur Voraussetzung.

Die Erziehungswissenschaftliche Fakultät zählt die Fächer Geographie, Geschichte, Biologie, Mathematik, Chemie, Klassenlehrer-Pädagogik und Physik. Die Ersten, welche diese Fakultät abschließen, sollen das akademische Lehrpersonal aufstocken.

Gleichzeitig lernen und lehren

An der Universität herrschen Parallel-Strukturen: Die Akademiker, welche ihr Universitätstudium abgeschlossen und nach der Revolution von Rojava sich an Unterrichts-Kursen weitergebildet haben, nehmen weiter am Studium teil. An der Rojava-Universtität ist jedeR zugleich LehrendeR und StudierendeR.

Im Unterrichtssystem der Universität gibt es keine Stufen, die durch Prüfungen erreicht werden. Ein neues Modell wird ausprobiert: die Studierenden werden im Verlauf von drei Phasen, die jeweils 4 Monate dauern, von Versammlungen begleitet, auf denen die Präsenz, die Fortschritte und das Interesse sowie etwaige Unzulänglichkeiten und deren Gründe zur Sprache kommen. Der Unterricht wird entsprechend den Bewertungen und Schlussfolgerungen dieser Versammlungen ausgerichtet.

Demokratische Selbstverwaltung

An der Rojava-Universität gibt es die Hierarchie, die man ansonsten gewohnt ist, wie Rektor, Dekan, Bereichsleiter usw. nicht; Lehrende und Studierende verwalten und leiten sich selbst über eine Koordination. Das in Nordsyrien vorherrschende Prinzip, dass in den politischen, gesellschaftlichen und militärischen Strukturen Frauen und Männer gleich vertreten sind, gilt auch an den Universitäten. In jeder Fakultät existiert eine Koordination von 2 SprecherInnen und mindestens 3 StellvertreterInnen. In der Koordination sind zwei Studierende, nämlich eine Frau und ein Mann. Je nachdem wieviel Studierende in den Fakultäten Aufgaben bekleiden, vergrößert sich ihre Anzahl in der Koordination. Das oberste Organ der Universität ist der Rat, welcher sich aus den Koordinationen aller Fakultäten zusammensetzt.

Am Ende eines Unterrichtsjahres werden Versammlungen abgehalten zuerst von den Studierenden, dann von den Lehrenden und schließlich breit angelegt von der Fakultäts-Koordination, um zu besprechen, welche Unzulänglichkeiten im Verlauf des Unterrichts aufgetaucht sind und was im nächsten Jahr geändert und verbessert werden muss.

Unterricht in mehreren Sprachen

An der Rojava-Universität wird die Vielsprachigkeit sehr ernst genommen. Unterrichtssprachen sind Kurdisch und Arabisch. Es werden Vorbereitungen getroffen, dass bei Bedarf auch Unterricht in Aramäisch, Armenisch und anderen Sprachen gegeben werden kann. Der Lehrkörper zählt 150 Leute.

Als Zusatz zu den Universitäten von Afrin und Rojava wurde dieses Jahr in Kobane eine Universität eröffnet mit den Abteilungen Physik, Chemie, Mathematik sowie Kurdische Sprache und Literatur.

Während an der Rojava-Universität in diesem Jahr die Fakultäten für Schöne Künste und für Jineoloji eröffnet wurden, bereitet man für nächstes Jahre eine Medien-Fakultät mit den Fächern Geschichte, Soziologie, Archäologie und Philosophie vor.

Da das Baath-Regime seit 2012 in Nordsyrien nicht mehr präsent ist, wurde auch der auf arabischem Nationalismus basierende Lehrplan abgelöst und neu entworfen. In den Regionen Afrin und Euphrat sorgt die Demokratische Föderation Nordsyrien für das Schulwesen von der Grundschule bis zur Universität. Was die Region Cizîr angeht, so wurde das Unterrichtswesen der Gymnasien noch nicht geändert.

Quellenmaterial fehlt

An der Universität gibt es Unterrichtsquellen nur beschränkt, da die Materialien für den früheren Unterricht kaum mehr zu gebrauchen sind. Abgesehen von neuen Quellen, die mit eigenen Mitteln erschlossen wurden, werden Bücher international bekannter Akademiker benutzt. Der einzige Bereich, wo ausreichend Quellen-Material zur Verfügung steht, ist Kurdische Sprache und Literatur. In der Abteilung für klassische und moderne kurdische Literatur werden zum Studium die Bücher kurdischer Intellektueller und Dichter benutzt.

Daneben machen die promovierten Fachleute jedes Wochenende mit allen Akademikern ihrer Abteilung Versammlungen, auf denen kollektiv die Lehrstoffe und die geeigneten Quellen diskutiert werden. In jeder Abteilung sind Geschichte, Soziologie und Demokratische Nation Pflichtfächer.

Intensiv-Lernprogramme

Wegen der Unterrichtsausfälle aufgrund des Krieges sind Lücken zu schließen, was man mit Intensiv-Unterricht versucht. Täglich sind 6 Stunden Unterricht notwendig. An manchen Fakultäten wird der Stoff von 4 Jahren auf 2 Jahre zusammengepresst. Die Studierenden haben sogar auf die Sommerferien verzichtet. Um 8 Uhr morgens beginnt der Unterricht und hört erst um 14 Uhr mit dem Glockenläuten auf. So kommt es, dass die Agrar-, Erdöl- und Chemie – Ingenieure nach 3 Jahren und 4 Monaten mit dem Studium fertig sind und die Studierenden der Fakultät für Kurdische Sprache und Literatur sowie der Pädagogischen Fakultät schon nach 2 Jahren ihr Diplom erhalten können.