Die Lösung: „nationale Einheit“? Cemil Bayık (KCK) zum Aufstand in Irakisch-Kurdistan

ANFnews (deutsch) 24.123.2017

Am 17. Oktober haben sich Peshmerga und autonome kurdische Verwaltung vor den irakischen Truppen aus den „umstrittenen“ Gebieten Nordiraks mit der Großstadt Kirkuk zurückgezogen. 150 000 Kurden sind vor den schiitischen Milizen Iraks geflohen. Und am 18. Dezember brachen Aufstände in den kurdisch verwalteten Gebieten aus: Offizielle Gebäude sowie Parteizentralen von PUK (Talabani), KDP (Barzani) und Goran wurden zerstört.

Cemil Bayik, Vize-Vorsitzender des KCK, sagte dazu in einem Interview, das von „Ronahi TV“ am 24.12.2017 gesendet wurde:

„Die Ursache der Probleme im Süden ist die Regierung selbst

Einer der Gründe dafür, dass sich die Situation im Süden so entwickelt hat, ist, dass die südkurdische Regierung der nationalen Einheit nicht zustimmt und stattdessen ihre eigenen Interessen verfolgt. Nicht auf die Menschen zu hören, sich nicht auf ihre Probleme zu konzentrieren sondern die eigenen Machtinteressen vorn anzustellen und sich zu bereichern, ist einer der Gründe für die aktuelle Lage. Sie haben nichts für die Bevölkerung getan. Sie haben sich von der nationalen Einheit und den entsprechenden Dringlichkeiten abgewandt. Sie bildeten keine nationalen Beziehungen zu anderen Teilen Kurdistans. Sie unterstützten die Kurd*innen nicht, sondern sie unterstützten die Invasoren.“

Die „nationale Einheit“ als Alternative? Nein, das sehen wir nicht als Lösung.

Gemeint ist offensichtlich die „nationale Einheit“ der Kurden. Die aufgegebenen Gebiete mit Kirkuk werden von Kurden, Arabern, Turkmenen usw. verschiedener Konfessionen und Sprachen besiedelt. Denen bringt die „nationale Einheit“ der Kurden keine Lösung. Sondern das Konzept der „demokratischen Nation“, wie es von Öcalan entwickelt und in Nordsyrien praktiziert wird: Nämlich innerhalb gegebener Staatsgrenzen (=Nation) leben die unterschiedlichen Komponenten der Bevölkerung in basis-demokratischer Selbstverwaltung unter Wahrung ihrer unterschiedlichen Kulturen, Religionen, Sprachen…

Übrigens existiert sowas nicht nur in Nordsyrien, sondern auch im Irak: nämlich in Şengal, wo vor allem Êzidî siedeln. Es gehört zu den „umstrittenen“ Gebieten: die Peshmerga haben sich wieder zurückgezogen, die schiitischen Milizen sind eingerückt. Aber die Selbstverwaltung erreichte durch Verhandlungen, dass ihre Autonomie respektiert wird (s. „Info zur kurdischen Revolution“ Nr. 76 und 79).

Das irakische Kurdistan wurde bisher autonom von Kurden regiert, nämlich von den kleptokratischen Clans der Barzani und Talabani. Gegen die kam es jetzt zum Aufstand der Bevölkerung. Cemil Bayık‘s „nationale Einheit“ liest sich wie ein Appell an die KDP und die PUK, also an die (kurdischen) Herrschenden dort. Was wir vermissen: dass die Aufständischen ermuntert werden, wie sie ihre Herrschaft durch den Aufbau alternativer Strukturen ersetzen können – Versammlungen, Räte, Selbstverwaltung, Selbstverteidigung…

(kursiver Text: Ingo von der Redaktion)