Wie die YPJ die Zukunft Syriens sieht

YPG Press Office 22.11.2017.

Erklärung von Nesrîn Ebdullah, Presse-Sprecherin der YPJ (Frauen – Verteidigungseinheiten) nach dem Sieg über den IS – ins „Unreine“ direkt ins Mikrofon gesprochen.

Erst seit einigen Jahren ist die Revolution des Volkes in Nordsyrien auf den Plan getreten. In diesen Jahren hat das Volk so viel leiden müssen. Die Leute sind getötet, vertrieben, ins Elend gestürzt worden. Wenn man nur an die Lage der Kinder denkt, ist offensichtlich, welche Tragödie das syrische Volk erleiden muss. Hunderttausende Kinder sind jetzt Waisen und haben keine Schule.

Nesrîn Ebdullah

Das ist vor allem Ergebnis des autokratischen Assad-Regimes. Es gibt keine Spur von Demokratie. Infolge dieses Regimes hat sich auch der Terrorismus hier ausgebreitet. Diese Land ist den Kräften, die daraus Profit ziehen wollen, zugefallen. Als Resultat sind wir jetzt in eine Position geraten, wo definitiv eine permanente Lösung für die Krise gefunden werden muss. Alle Kräfte am Boden, und in erster Linie das Saddam-Regime, versuchen sich als Gegner des „Terrorismus“ zu legitimieren. Für uns ist es das Hauptziel, mit dem Terrorismus Schluss zu machen, und zweitens die von ihm verursachten Probleme zu lösen.

Nach dem Fall von Rakka, seit Jahren die stärkste Festung des IS, sind keine Gründe mehr übrig, die als Vorwände für einen neuen Konflikt herhalten können. Nach der Befreiung von Rakka befinden wir uns jetzt in einer neuen Phase. Als nächstes stehen für Syrien Gespräche an, um eine Lösung zu finden und den Konflikt zu de-eskalieren.

Wenn wir das Problem nicht lösen, werden ganz sicher noch größere Probleme entstehen. Jeder, der nur in Syrien bleiben und hier seine Herrschaft errichten will, aber keine politische Lösung der Krise unterstützt und eine solche nicht sichert, jeder muss jetzt einen anderen Grund suchen, um hier zu bleiben, als den, den sie jahrelang vorgeschoben haben. Und nur das syrische Volk wird wieder die Zeche zahlen müssen.

Sowohl das Land als auch das Volk dürfen nicht wieder zum Opfer der Politik internationaler Kräfte gegen Syrien werden. Das Volk muss selber neuen Konflikten vorbeugen und seine Zukunft selbst bestimmen.

Es wurden etliche Versuche unternommen, um die Krise zu lösen, wie die Treffen in Genf. Aber das ist keine Lösung. Auch zwanzig weitere Konferenzen in Genf werden nichts lösen. Wenn du nicht den Willen des Volkes ins Auge fasst, wirst du nicht in der Lage sein, die andauernden Krisen zu einer Lösung zu bringen. Die Teilnehmer solcher Treffen müssen die Leute in Syrien repräsentieren. Wenn alle Teile und Komponenten der Gesellschaft dort repräsentiert sind, und wenn die politische Lösung das Hauptziel ist, auf das sich alle verständigen, dann führen die Anstrengungen in kurzer Zeit, da sind wir sicher, zu einer Beendigung der Krise.

Was bisher als Ergebnis herauskam, hat offensichtlich das Problerm nur weiter vertieft. Deshalb sehe ich im Bündnis und in der Zusammenarbeit einiger Kräfte hier nur den respektiven Eigennutz. Selbst was diese Bündnisse ihnen selbst bringen, ist unklar.

Das syrische Volk kann einen neuen Konflikt nicht mehr mitmachen. Es muss jetzt seinen Willen und seine Herangehensweise klar zum Ausdruck bringen. Es muss abwägen, wieviel die internationalen Kräfte für Syrien und wieviel sie für sich selbst herausschlagen.

Das gilt auch für das syrische Regime. Wenn es eine Lösung für das derzeitige Chaos im Lande zu haben vorgibt,dann muss es das zeigen. Jedenfalls geht das nicht mit den bankrotten Konzepten und Herangehensweisen der Baath-Partei, mit ihrer sogenannten Demokratie. Nach so viel Leiden, so vielen bösen Erfahrungen und so viel Blut ist das Regime nicht mehr akzeptabel. Wenn also Rußland, Iran und andere tatsächlich die Krise lösen wollen, müssen sie gewisse Haltungen ändern. Denn es ist ja, wie gesagt, weil die Diskussionen nur um den Vorteil einer jeden Seite gehen, dass es bisher zu keiner Lösung kam. „Was kriege ich, was bekommst du?“ Und die Bedrohungen gegen Syrien werden jeden Tag schärfer und schlimmer als in der Vergangenheit.

Eine Bedrohung ist die Besetzung syrischen Territoriums. Mit der Absicht, es auch dann nicht mehr zu räumen, wenn alles vorbei ist. Die Türkei ist eine gutes Beispiel. Erdogan verfolgt da irre Träume, wie wenn er Imperator des Mittleren Ostens wäre. Wie wenn er eine „erdoganische Souveränität“ schaffen könnte. Er träumt immer noch von früher, als die Osmanen die ganze Region beherrschten.

Da wird Cerablus so langsam zu einer türkischen Stadt. Die türkisiche Verwaltung versucht, die Identität der Bewohner zu ändern, ihre Kultur auszutauschen, sogar ihre Sprache. Die Bewohner von El Bab erleben gerade eine Krise. Die Sicherheitsprobleme haben sich gegenüber den letzten Jahren (unter dem IS) noch zugespitzt in diesen beiden Städten; jeden Tag werden Leute entführt, getötet. Und die Gefechte der von der Türkei unterstützten Rebellengruppen untereinander kosten jeden Tag viele Tote.

Das Volkes kann sich nicht frei äußern. Es lebt im Schatten der Kanonen. Was es die letzten Jahre erleben mußte, hat es terrorisiert und atomisiert. Auch wenn es das Elend weiter aushält, hat es doch ungeheuer gelitten. Es blieb ihm ja kein Mechanismus zur Selbstverteidigung, insbesondere dort, wo das Regime herrscht, der IS oder andere von der Türkei unterstützte Gangs.

Idlib Afrin

Google-Map Stand 26.11.2017

Die Lage in Idlib ist ein bißchen anders. Dass die Türkei jetzt in Idlib sitzt, ist sowas wie eine privilegierte Invasion. Eine internationale Allianz hat das geschehen lassen. Rußland, der Iran und andere Länder sind Teil dieser Allianz. Angeblich, um zu De-eskalieren und vielleicht sogar den Konflikt in der Region zu beenden. Aber nichts wurde getan, um das Versprechen einzulösen. Alles, was die Türkei will, ist mehr Einfluß auf die Region zu kriegen. Und nicht nur Länder wie der Iran, Rußland und das Assad-Regime sind Teil dieser Übereinkunft. Es geht auch gegen das arabische Volk, gegen alle Ethnien, die eine gemeinsame Zukunft in Syrien erhoffen.

Der Besetzung kann nur vom Volk selbst begegnet werden. Denn die Zustimmung zur türkischen Invasion Syriens stützt sich nur auf die jeweiligen Vorteile internationaler Kräfte, nicht der Völker. Deshalb muss das syrische Volk eingreifen und seine Interessen in die Waagschale werfen. Das Assad-Regime profitiert von diesem Konflikt. Je länger das Chaos andauert, um so länger bewahrt es Autorität über Syrien. Auch die Russen und die Iraner ziehen Vorteile aus dem Krieg. Angeblich handeln sie im Namen des Volkes; aber das stimmt nicht. Die Syrer müssen da klar durchblicken.

Die Türkei hat einen Teil Syriens besetzt, und leider hat dem fast niemand widersprochen. Dabei war es die Türkei, die dem IS geholfen hat, über die Grenze nach Syrien zu gelangen. Es war die Türkei, die dem IS das syrische Volk ausgeliefert hat. Es war die Türkei, die den Aufstand des syrischen Volkes umgeleitet hat hin zu einem Prozess der Massaker. Und es ist die Türkei, die jegliche Stabilisierung in der Region blockiert. Es ist die Türkei, die illegitim hier ist und keine Absicht hat, wieder abzuhauen.

Ich muss sagen, die Türkei sieht ihre Präsenz in Syrien als strategischen Schritt. Das müssen beide klar sehen, das Assad-Regime und Rußland. Sie wollen das syrische Territorium in Stücke teilen gemäß ihrer politischen Zweckmäßigkeit. Jeder will sich eine Portion davon schnappen. Möglicherweise ist es das syrische Volk wieder, was am meisten darunter leidet.

Das ist ein ernsthafte Bedrohung für das Volk, der sofort begegnet werden muss. Aber wir erinnern uns auch an die letzten Erfahrungen mit der Türkei, wo sie für ihre Verbrechen nicht bestraft worden ist. Auch die UNO blieb stumm. Das Assad-Regime hätte die Türkei an der Invasion seines Landes hindern sollen – es blieb leider stumm wie ein Grab. Die Türkei ist verantwortlich für den Zustrom von illegitimen Söldnern aus der ganzen Welt, sogar für den IS. Sie schickte die Leute über ihre Grenzen und wurde wieder nicht belangt.

Ehrlich, ich glaube und betone, nach dem Fall Rakka‘s, dass die IS-Mitglieder irgendwohin geflohen sind, dass seine Überbleibsel sicherlich weiter existieren, und dass die Türkei sie gegen Europa einsetzen wird, so wie sie es im Mittleren Osten getan hat. Denn die ideologische, philosophische und politische Denkweise von Erdogan basiert ja auf Terrorismus. Er setzt hemmungslos Terrorismus ein, um seine Herrschaft auszubauen. Das sollte meiner Ansicht nach die UNO bedenken. Wenn ich gegenüber Erdogan stumm bleibe, eröffnet diese Haltung dem Terrorismus nicht einen neuen Lebensraum? Und wenn das geschieht, wer ist dann verantwortlich? Wer wird für die Aggression bezahlen? Hätte es von Anfang an eine klare Haltung gegeben gegen die Verbrechen Erdogan‘s, dann hätten die Syrer nicht so viel Blut vergiessen müssen.

Jetzt hat sich die Türkei Afrin als neues Ziel vorgenommen. Bis jetzt hat es Afrin durch seine Gangster attackieren lassen. Jetzt setzt sie auch ihre Armee ein. Dabei dürfte es gemäß der Vereinbarung zur Errichtung von sogenannten Deeskalations-Zonen keine Bodentruppen geben. Nur ein paar Sicherheits-Einheiten wie die Polizei sollten für Ruhe und Ordnung sorgen. Aber die türkische Armee marschiert ein und bezieht dort Stellungen, vor den Augen der ganzen Welt. Bei der Gelegenheit, wo sie schon in Idlib sind, attackieren sie auch Afrin.

Die Türkei beschuldigt YPG und YPJ für die Angriffe. Denn das sind kurdische Kräfte, was für die Türkei inakzeptabel ist. Sie hat lieber terroristische Kräfte in Afrin als uns – und die UNO bleibt stumm. YPG und YPJ sind starke Kräfte, die am effektivsten die Schlacht gegen den IS geführt und ihn besiegt haben. Die ganze Welt kennt und akzeptiert diese Tatsache. Die Aggression gegen unsere Kräfte und unser Volk, insbesondere in Afrin, führt zum Zustrom Zehntausender von Fliehenden aus fast der ganzen Umgebung nach Afrin, das sie als den Ort wahrnehmen, wo jeder frei und heil leben kann.

Aber egal, wer uns angreift, als YPG-YPJ haben wir das Recht auf Selbstverteidigung. Wir sind nicht die Aggressoren in diesem Konflikt; unser Hauptanliegen ist, das Volk zu schützen. Unser Kampf versteht sich als legitime Notwehr. Seit Jahren halten wir uns an diese klare Prinzipien. Wir greifen niemanden an, auch wenn wir die stärkste Kraft der Welt wären. Aber wir verteidigen unsere Errungenschaften auch gegen die stärksten Kräfte, wenn sie uns angreifen. YPG und YPJ sind Berufsarmeen. Sie haben sich im Kampf gegen den IS bewiesen. Wir verfügen über die Schlagkraft und die Effizienz, uns selbst zu schützen. Wenn sie uns zerstören wollen und unser Volk, dann sollten sie wissen, dass wir genügend Macht haben, uns selbst zu schützen und wenn nötig auch unterschiedliche Aktionsformen einzusetzen. Wir sind eine Selbstverteidigungskraft und zugleich eine friedliche Kraft. Solltest du versuchen, den Frieden zwischen den Leuten zu zerstören, dann wirst du eine empfindliche Antwort kriegen.

Sowohl Rußland als auch die USA haben Bodentruppen hier, im Verbund mit anderen Koalitionskräften. Sie sind stark genug, es zu verhindern. Sie können einen Friedensprozeß zur Lösung der Krise garantieren. Sie sollten sich ihrer Verantwortung bewußt sein. Wenn die Türkei Angriffe gegen uns führt, egal welcher Art, sind auch die, welche ihre Augen davor verschließen, verantwortlich. Rußland und die USA sind verantwortlich für das, was heute in Idlib vor sich geht. Angesichts der Verbrechen der Türkei in Cerablus und El Bab war es ein schwerer Fehler, die Türkei wieder nach Idlib reinzulassen.

Ich hoffe, dass von nun an die Bemühungen zur Lösung des Chaos in Syrien auf demokratische und friedliche Wege setzen. Wir sind bereit, unseren Platz einzunehmen bei solchen Versuchen.