Im Êzidî – Dorf Koço hat der IS sämtliche Bewohner ausgelöscht

Mezopotamya Ajansi 12.11.2017.

Şengal. – Ein Journalist dieser Nachrichten-Agentur besucht das Dorf Koço in Şengal. Auf Schritt und Tritt stößt er auf Spuren des „73. Ferman“, des Massakers. Alles ist totenstill; hier lebt kein Mensch mehr. Das Dorf ist dem Erdboden gleichgemacht. Was übrig bleibt, sind 11 Massengräber. Nur in der Schule, in der die Bewohner zuerst zusammengetrieben worden waren, hängen die Bilder aller Ermordeten.

Am 3. August erlebte Şengal ein unvergleichbares Massaker, das in die Geschichte der Êzidî als „der 73. Ferman“ eingneht. Und am Schlimmsten von allen erging es dem Dorf Koço. Sämtliche Einwohner des Dorfes, vom Säugling bis zum Greis, wurden zuerst gefangen genommen und dann gruppenweise abgeführt und ermordet. Als Journalist, der sich selbst vor dem IS gerettet hatte, besuche ich das Dorf, in dem keine Menschenseele mehr wohnt, auf den Spuren des Massakers.

Das Dorf liegt im Süden der Region Şengal, genauer 8 km südlich der Stadt Şengal im Westen der Ebene von Mossul (vergl. Karte in „Info zur Kurdischen Revolution“ Nr. 30 vom 4.11.2016). Östlich von Koço liegt Tel Afer, westlich El Ba‘aj. Das Dorf liegt an der Grenze zwischen dem arabischen und dem êzidischen Siedlungsgebiet; es stößt U-förmig in die arabischen Gebiete hinein. Es zählte 1.700 Einwohner. Es war das dritte Dorf, das der IS überfiel – die ersten beiden Dörfer waren Girzêr und Siba.

Wie es dazu kam

Dorfbewohner, die in den ersten Tagen der „Ferman“ zu fliehen versuchten, sind von Arabern der Umgebung, die mit dem IS arbeiteten, aufgehalten worden. Die Bewohner von Koço sahen in den arabischen Nachbarn sowas wie „Paten“; man kannte sich ja. Die sagten zu ihnen: „Geht nicht weg, die tun euch nichts. Wenn ihr in die Berge flieht, holen sie euch doch wieder ein.“ Zuerst wurden ihnen das Geld, der Goldschmuck und die wertvollen Sachen weggenommen, am zweiten Tag die Waffen in ihren Händen. Dann werden sie im gelben Schulgebäude am Eingang des Dorfes konzentriert und in Gruppen von Männern, Frauen und Kindern getrennt.

Dann werden sie in Gruppen von 15 bis 20 Personen in Kleinlastern und Transportern an Orte außerhalb des Dorfes gebracht und mit Schnellfeuergewehren ausgelöscht. Die in der Schule Festgehaltenen hörten die Schüsse und verstanden, dass das Massaker begonnen hatte. Die einen wurden vom IS getötet, die anderen lebendig begraben. Auch die Frauen und die erziehbaren Kinder, die der IS getrennt gefangen hielt, wurden schließliich alle ermordet. Nur zwei Leute überlebten das Massaker an diesem Tag.

Warum hat der Ferman das Dorf Koço am schlimmsten getroffen?“ frage ich die Leute von Şengal. Ihre Antwort: „Sie sahen in den Arabern sowas wie Paten und vertrauten ihnen. Sie verließen das Dorf nicht. Sie konnten sich nicht selbst verteidigen. Deshalb hat der IS alle gekriegt.“ Als ersten unter den arabischen Stämmen der Umgebung ist da der Stamm der Mitêwite zu nennen. Man weiß, dass etliche von diesem Stamm sogar Emire, also Führer beim IS waren.

Dort lebt niemand mehr

Koço wird dem Erdboden gleichgemacht, Türen und Fenster der Häuser werden kaputtgeschlagen, alles wird geraubt. Die meisten Häuser werden angezündet, einige vom IS als Soldatenquartiere benutzt. Jetzt lebt niemand mehr in Koço. Das Dorf war 3 Jahre lang vom IS besetzt; dann vertrieben am 25. Mai 2017 die Hashdi Shaabi den IS. Sie besetzen heute nur einen Militärposten.

Das Dorf lebt noch in der Totenstille nach dem Massaker. Auf den Strassen und in den Gassen trifft man keine Menschenseele. Alles dem Erdboden gleichgemacht. Übrig geblieben sind 11 Massengräber. Wieviel Leichen in jedem dieser Gräber liegen, weiß man nicht. Im größten, so schätzt man, liegen die Körper von 200 Ermordeten. Manche Massengräber waren vorher ausgegraben worden, bei anderen hat man einfach Erde über die Leichen geworfen. Nachdem das Dorf befreit worden ist, wurden die Massengräber mit Eisengittern eingezäunt.

Unter den Leichen versteckt gerettet

Niçman Süleyman ist ein Êzidî-Kämpfer aus dem Dorf Tel Qeseb, der heute die Gegend schützt. Sein Onkel ist einer von zwei Leuten, die das Massaker in Koço überlebt haben. Er sollte in einem dieser Massengräber lebendig begraben werden, rettete sich aber unter den Leichen versteckt. Süleyman, der mit uns durch‘s Dorf geht, erzählt die Geschichte von der Rettung seines Onkels, als wir an dem Massengrab stehen, wo es passiert ist.

Süleyman erinnert daran, dass die Peshmerga die Dorfbewohner im Stich gelassen haben, und dass Koco das letzte Dorf der Êzidî gen Süden war. Von den Bewohnern der arabischen Dörfern sagt er: „Sie kannten die Êzidî gut. Sie sagten ihnen, der IS würde ihnen nichts antun. Deshalb ist niemand aus dem Dorf weg. Als der IS kam, versammelte er alle in der Schule und sagte ihnen, sie würden in die Berge geschickt. Und dass alle zu Muslimen gemacht würden. Als das niemand akzeptieren wollte, wurden alle ausgelöscht. In Gruppen wurden sie weggebracht und an verschiedenen Orten niedergemäht. Mein Onkel war einer von ihnen. Er heißt Xalil. Er rettete sich, indem er in der allgemeinen Panik sich unter den Leichen versteckte. Jetzt lebt er in Zakhu.“

In der Schule, wo sie gefangen waren, hängen jetzt ihre Fotos

Koço Museum

Was die Schule am Eingang des Dorfes angeht, in welcher der IS die Dorfbewohner gefangen hielt, so ist sie von dem in Europa arbeitenden „Ezda“ – Verein zu einem Museum hergerichtet worden. Von den 1.254 Gefangenen des IS hängen die Bilder an der Wand, dazu ihre Namen, Vornamen und Herkunft. Die Kinder, die Frauen, die Jungen und die Alten, von allen werden die Fotos gezeigt. Im ersten Stock hatte der IS die Frauen und Kinder, im Erdgeschoß die Männer eingesperrt. Nichts hat man in der Schule verändert. Da sind noch die Sandalen und die roten Kleider der Frauen, wie sie sie abgelegt hatten. Fenster und Türen der Schule sind kaputt, aber an den Wänden hängen die Fotos, unter ihnen auch die von Nadia Murad‘s Mutter und ihrer 6 Brüder.