Am Nordufer des Euphrat ist das Leben wieder bunt

ANF News von Bêrîtan Sarya aus Deir Ez-Zor, 10.11.2017.

Die beiden Dörfer, die wir am NW-Ufer des Euphrat besuchten, sind erst im Verlauf der „Cizre-Sturm“ – Offensive, die am 9. September begann, befreit worden – vorher lag die ganze Gegend im Herrschaftsbereich des IS, also in der Finsternis. Heute sind die beiden Ufer des Flusses zum größten Teil vom IS gesäubert. Aber zwischen dem nördlichen und dem südlichen Uferbereich herrscht ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Denn der Fluss trennt wie eine natürliche Grenze die von den DKS befreiten Gebiete im Norden von den vom Assad-Regime besetzten im Süden.

Zwei verschiedene Lebenswelten, sage ich. Denn die zivile Bevölkerung strömt von den südlichen Gebieten, wo sie unter dem IS, dann unter dem Regime leben mußte, in die nördlichen befreiten Dörfer. Hatten doch die Regime-Kräfte während des Kampfes gegen den IS unterschiedslos IS und Zivilbevölkerung aus der Luft bombardiert und alles in Ruinen verwandelt.

Wir fahren am Nordufer entlang. Unser Führer kennt das Dorf Mihamida am besten. Hier beginnt unsere Fahrt. Obwohl diese Gegend erst kürzlich vom IS befreit worden ist, blüht überall neues Leben. Zwar ist auch hier gekämpft worden; aber die Dörfer zeigen kaum Spuren der Zerstörung, und das zivile Leben geht seinen Gang.Deir Ez-Zor bunte Kleider

Wir erreichen Mihamida und halten vor einem Laden. Bunte Frauenkleider trocknen an der Leine. Noch vor einem Monat durften hier unter dem IS noch keine bunten Frauenkleider verkauft werden. Frauen in farbigen Kleider galten als un-islamisch und wurden schwer bestraft, sogar getötet.

Wann befreien uns die Kurden endlich?“

Als wir den Laden fotographieren, nähern sich uns zwei Frauen und machen das Siegeszeichen. Beide kommen aus der Gegend von Bou Kamel, die noch vom IS besetzt ist, und haben hier im Dorf Zuflucht gesucht. „ Das war kein Leben vorher, das war der Tod. Aber jetzt geht es uns gut,“ sagen sie.

Beim Erzählen fallen sie sich gegenseitig ins Wort. „Für uns Frauen war das Leben sehr schwer. Wie konnten wir das nur aushalten? Unsere Kleider mussten alle schwarz sein. Wir gingen nicht raus, sonst hätten sie uns festgenommen. Aber jetzt können wir rausgehen und rumspazieren, wie wir wollen. Wir lebten im Dorf Şamiye (bei Deir Ez-Zor); aber unsere Augen waren nur darauf gerichtet, wie weit die Kurden schon gekommen waren. Wann befreien uns die Kurden endlich? fragten wir uns. Hoffentlich befreien sie auch noch Şamiye. Wir waren halt gezwungen, uns hierher zu flüchten. Aber jetzt ist unsere Lage zufriedenstellend. Die Freiheit ist wie ein Paradies. Wir fühlen uns wie Vögel, deren Käfig zerbrochen ist. Früher haben sie uns sogar mitgenommen, wenn unter den schwarzen Umhängen etwas Farbiges zu sehen war.“

Die Leute von Deir Ez-Zor sind aufgeschlossener als gedacht

Wir sind schon viel herumgekommen und haben nicht erwartet, dass die Frauen von Deir Ez-Zor so locker und aufgeschlossen sind. Im Gegensatz zu Til Hemis, Hol, Grê Spi und sogar Minbic, den anderen (arabischen) Gebieten, die zwar befreit worden sind, wo aber die Frauen sich immer noch scheuen, vor die Kamera zu treten, und lieber flüchten, wenn sie eine Kamera sehen.Deir Ez-Zor Landkarte

Die Provinz Deir Ez-Zor war 2014-2015 größtenteils vom IS besetzt; nur ein Teil der Stadt selbst war unter Kontrolle des Assad-Regimes und vom IS umzingelt. Sicher hat der IS seinen Einfluss auf Teile der Bevölkerung ausgeübt und viele organisiert. Aber was wir in den Dörfern sehen können, zeigt klar, dass sein Einfluss doch nicht so groß war wie gedacht. Das Volk von Deir Ez-Zor, vor allem die Frauen haben, noch bevor der Krieg zu Ende ist, die Furcht vor dem IS, vor seinen grausamen und mörderischen Gesetzen schon aus ihren Herzen und Hirnen getilgt.

Je länger wir durch die Gegend fahren, umso mehr überzeugen wir uns, dass die Gesellschaft von Deir Ez-Zor, obwohl erst vor kurzem befreit, schon ihre Freiheit in vollen Zügen genießt, vielleicht schon zwangloser als in anderen befreiten Gebieten.

Rückkehr in die Dörfer

Wir fahren weiter durch das Dorf Mihamida. Ein Kontrollposten der Inneren Sicherheit von Deir Ez-Zor: wir sprechen mit Hamid Hasan Ahmed, dem Wachhabenden. Er hatte das Dorf, als der Krieg näher kam, verlassen und war ins DKS – kontrollierte Gebiet gewechselt. Jetzt, wo die DKS das Dorf gerett und die Sicherheit wieder hergestellt haben, ist er wieder zurückgekehrt.

Auf der Weiterfahrt begegnen wir einem Konvoi von Zivilisten, die in ihre Dörfer zurückkehren. Die hatten sie wegen dem Krieg verlassen müssen; jetzt sind sie vom IS gesäubert und entmint, und die Rückkehr ist möglich.

Großer Zustrom aus den Gebieten unter Kontrolle des Assad-Regimes

In einer anderen Ecke des Dorfes treffen wir Zivilisten aus Gegenden, die vom Assad-Regime vom IS befreit worden sind; die Bewohner haben es aber vorgezogen, sich in von den DKS kontrollierten Dörfern niederzulassen. Wir sprechen mit Ali Samir, der mit seiner Familie eine Schule bewohnt. Sie kommen aus Şamiye in der Nähe von Bou Kamel. Er erzählt: „Unser Dorf war vom IS besetzt; wir sind erst vor 4 – 5 Tagen hierher gekommen. Hier können wir frei leben, hier sind wir in Sicherheit. Das Leben unter dem IS war ganz schlecht. Wir waren gezwungen, einen langen Bart zu tragen und Kleidung, wie sie es wollten. Die Frauen mußten schwarze Kleider tragen und sogar ihr Gesicht verhüllen. Aber Gottseidank ist unser Leben hier gut.“

Den Fanatikern zum Possen – Vergnügungsfahrt mit Musik auf dem Motorrad

Wir fahren übers Land und begegnen fortwährend ganzen Familien auf leichten Motorrädern. In Nordsyriens sind das die Haupt-Verkehrsmittel, verfügen die Familien doch über keine größeren Einkommen. In Zeiten des IS aber wurden sie zu Alpträumen, weil oft Sprengfallen eingebaut waren. Deir Ez-Zor Motorrad

Heute können die Familien auf ihren Motorrädern sorglos umherfahren. Wir unterhalten uns mit einer Familie, die neben uns herfährt mit Musik in voller Lautstärke. Musik war ja unter dem IS verboten, und jetzt haben sie da einiges nachzuholen. Für mich ist das wie im Film. Wie fühlt ihr euch jetzt, frage ich sie. Die Frau lacht laut: „Ich bin sehr glücklich. Unter den IS-Banden hätte ich mit meinem Mann nicht so spazieren fahren können.“Deir Ez-Zor Motorradler

Endlich ein ruhiges Leben. Und das Brot ist billig.

Wir nähern uns einer ausgelassenen Gruppe von Jungen in Mihamida. Wieder fällt mir auf, wie heißblütig die Leute hier sind, und wie sie die Umwelt genießen. „Wir haben sehr schwierige Zeiten erlebt. Zigaretten waren verboten; wir mussten uns kleiden, wie sie es wollten. Damals war das Brot, überhaupt alles sehr teuer. Jetzt ist es preiswert. Jetzt haben wir ein schönes Leben.Wenn wir beim IS keinen Bart trugen, haben sie uns festgenommen und uns den Ausweis abgenommen. Jetzt sind wir wirklich froh, dass wir vom IS befreit sind. Unser Leben ist wunderbar.“

Zwei Brüder hat der IS getötet

Wir nähern uns dem Dorf Sawuma, ebenfalls seit einem Monat befreit. Eine Gruppe sitzt vor einem Laden. „Hat euch der IS Böses angetan?“ Zuerst antworten alle: „Eigentlich nicht, weil wir das Haus nicht verlassen haben.“ Aber dann steht einer auf und berichtet, dass der IS seinem Neffen den Kopf abgeschnitten hat.

Wieso?“ fragen wir. Er erzählt die Geschichte von seinem Neffen Abdulhamid Aramis aus Deir Ez-Zor. Dabei stellt sich heraus, dass es nicht nur seinem Neffen so ging, sondern dass auch dessen Bruder das gleiche Schicksal wiederfuhr. „Mein Neffe war früher bei der Freien Syrischen Armee; aber die verließ er und kam nach Hause. Eines Tages saß er vor der Tür seines Bruders. Da kam ein IS-Bandit und schoß ihm in den Kopf. Ein deutscher Islamist hat das getan. Sein Bruder ging zum Gericht und verlangte Gerechtigkeit. Aber eines Tages, als er das Grab des Getöteten bsuchte, nahmen sie ihn mit. Später erfuhren wir, dass man ihn zu einem Park gebracht und ihm den Kopf abgeschnitten hatte. Gottseidank ist unser Leben jetzt in Ordnung.“

Frauen in bunten Kleidern auf den Baumwollfeldern

Unterwegs beim Dorf Sawuma sehen wir eine Gruppe Frauen auf einem Baumwollfeld. „Buntgekleidete Frauen im Baumwollfeld!“ (der Text eines Liedes) stosse ich überrascht aus. Deir Ez-Zor mit seiner fruchtbaren Erde war einst eines der berühmtesten landwirtschaftlichen Gebiete von Syrien. Obwohl der IS entlang der Frontlinie viele Minen gelegt hatte, blieben die Dörfer hier weitgehend verschont. Die Leute der Umgebung nutzen das und pflücken gerade die Baumwolle. Aber nicht schwarzverhüllt, sondern in bunten Kleidern, was den natürlichen Farben der Landschaft Tupfer hinzufügt. Deir Ez-Zor Baumwolle

Sie sind frohgelaunt, empfangen uns mit Lachen, und eine Mutter legt gleich los: „Gottseidank sind die DKS gekommen. Vorher blieben wir weitgehend zuhause. Bei der Feldarbeit mussten wir uns von Kopf bis Fuss verhüllen. Taten wir das nicht, dann töteten sie uns. Aber jetzt haben wir ein schönes und sicheres Leben.“

Zum Schluss erreichen wir einen Hügel, von dem aus wir das Euphrat-Tal überblicken. Hier oben stehen viele Dörfler, die alle ins Handy sprechen. Weil der IS in den Dörfern die Telefonleitungen herausgerissen hat, erklärt uns unser Führer, und nur hier oben Verbindung existiert. Wir blicken auf den Fluß und die Gebiete dahinter, welche vom Assad-Regime kontrolliert werden. Auf der DKS-Seite erstrecken sich fruchtbare Äcker.