Şengal: Die Êzidî sind diesmal nicht geflohen

Selami Aslan von Mezopotamya Ajansi, Şengal, 24.10.2017

(Şengal (Sindjar auf Arabisch), die Heimatregion der Êzidî im Nordirak, gehört zu den „umstrittenen“ Gebieten, die nach dem 16. Oktober von den Peshmerga der Autonomen Region Kurdistan geräumt und von den Hashdi Shaabi (schiitischen Milizen) der Baghdader Regierung besetzt worden sind vergl.“Info zur Kurd. Rev. Nr. 75).

Die Vertreter des Volkes von Şengal informierten, dass trotz der Präsenz der Hashdi Shaabi in ihrer Stadt sich an der Situation nichts geändert habe. „Wer uns akzeptiert, den akzeptieren wir auch. Aber wir leisten Widerstand gegen denjenigen, der die Errungenschaften des Êzidî-Volkes, die wir mit dem Blut unserer Märtyrer erreicht haben, antastet.“ Der Aufbau des Autonomie-Projekts von Şengal geht ohne Unterbrechung weiter.

Seit der IS am 3. August 2014 Şengal überfiel, haben die Êzidî ihre Geschichte neu geschrieben. Damals dem Massaker ausgeliefert, haben sie sich inzwischern organisiert und Organe aufgebaut, um sich einerseits mit eigenen KriegerInnen selbst verteidigen und andererseits auf politischer und diplomatischer Ebene vertreten zu können. Um die Probleme zu lösen, welche die Êzidî erlebt haben, fanden sie Wege wie die Autonomie, und haben solche Forderungen auch schon der irakischen Regierung unterbreitet.

Als die Peshmerga-Kräfte diesmal nun wieder, nach dem Massaker2014 die Region verliessen und die Hashdi Shaabi in Şengal einzogen, warden die Êzidî dieses Mal vorbereitet. Sie gaben bekannt, dass dieser Einzug ihre eigene Lage überhaupt nicht ändert. In diesen drei Jahren haben die Êzidî die YBŞ, die YJŞ und die Êzidxan Asayiş aufgestellt, in welche das Volk vertraut, so dass es sich nicht wieder flüchtete.

Kein zweiter Exodus, weil es jetzt die YBŞ und die YJŞ gibt

Der Rat der Demokratischen Autonomie von Şengal gab gegenüber der ‚Mezopotamya Ajansi‘ seine Einschätzung vom Einzug der Hashdi Shaabi in die Stadt, der Situation in Şengal selbst sowie dem Zielen und Lösungsprojekten der Êzidî. Hecî Hesen Piso, der Vorsitzende des Exekutivrates von Şengal, meint, dass in etlichen Städten Iraks mit dem Rückzug der Peshmerga das Volk allein gelassen worden ist und diese Situation woanders, in Kirkuk zum Beispiel, zum Auszug des Volkes aus der Stadt geführt hat, dass aber in Şengal derartiges nicht zu beobachten war. Warum nicht? „So, wie die Hashdi Shaabi nach Kirkuk kamen, kamen sie auch nach Şengal. Aber hier hat niemand seine Heimat verlassen. Denn in Şengal gab es eine Kraft, und das Volk vertraute dieser Kraft. Diesde Kraft, das sind die YBŞ, die YJŞ und die Êzidxan Asayiş. Unser Volk ist überzeugt, dass diese Kräfte es nicht allein lassen werden.“

Wer uns akzeptiert, den akzeptieren wir auch

Piso berichtet, dass sie als Êzidî, als die Hashdi Shaabi in Şengal eingezogen waren, auf keinen Fall eine neue militärische Auseinandersetzung wollten, und dass eine Lösung im Akzeptieren der gegenseitigen Absichten gefunden wurde: „Wir wollten mit den Hashdi Shaaabi keinen neuen Krieg vom Zaume brechen; aber wir wollen auch nicht auf unseren freien Willen verzichten, nämlich auf unsere bewaffneten Kräfte, die wir unter großen Anstrengungen und Schwierigkeiten in diesen drei Jahren aufgebaut haben. Wer uns akzeptiert, den akzeptieren wir auch. Wir wollen gute Beziehungen aufbauen. Aber wir leisten Widerstand gegen jeden, der die Errungenschaften des Êzidî-Volkes, die wir mit dem Blut unserer Märtyrer erreicht haben, antastet. Denn das können wir nicht akzeptieren.“

Die vier Grundforderungen der Êzidî

Piso zählt die vier Grundforderungen und -Ziele der Êzidî gegenüber der irakisichen Zentralregierung auf, die drei Tage zuvor den Vertretern der Vereinten Nationen in Baghdad mitgeteilt worden sind:

Erstens ein autonomes Şengal, das zu Baghdad gehört. Zu Mossul gehören akzeptieren wird nicht.

Zweitens, dass die Verteidigungskräfte der Êzidî akzeptiert werden. Das heisst die YBŞ, die YJŞ und die Êzidxan Asayiş, welche die Zukunft und die Sicherheit der Êzidî garantieren.

Drittens: Für den Fall, dass unsere Kräfte für uns selbst nicht ausreichen oder die Regierung das nicht akzeptieren will, soll eine mit der Regierung gemeinsame Kraft aufgestellt werden.

Viertens: Der Völkermord, den die Êzidî mit dem 73. Ferman erlitten haben, muss anerkannt und die Schuldigen für diesen Ferman vor dem Gericht verurteilt und bestraft werden.“

Wir verwalten unsere Ländereien selbst

Qasim Xelef ist verantwortlich für die Rechtskommission des Demokratischen Autonomen Rates von Şengal. Auch er berichtet, dass der Einzug der Hashdi Shaabi keine Störung ihrer Arbeit mit sich brachte und dass sowohl auf administrativer wie auf militärischer Ebene der Status Quo ihrerseits fortgeführt wurde. Die nach Şengal gekommenen Kräfte der Hashdi Shaabi wollten einige Male auf ihre Gebiete eindringen; aber das hat man ihnen nicht erlaubt. „Ich denke, die Hashdi Shaabi sind eine militärische Kraft, die sich vorübergehend in Şengal aufhält. Sie werden wieder abziehen, und wir werden unser Land wieder selber sichern. Dazu sind wir bereit und in der Lage. Damit dieses unsere Recht von der irakischen Regierung akzeptiert wird, führen wir Gespräche mit den Vereinten Nationen und mit Amerika; die müssen in dieser Hinsicht Druck auf die irakische Regierung ausüben. Denn gemäß der irakischen Verfassung haben wir dieses Recht.“

Diesmal haben wir dank der Ideen von Führer Apo Widerstand geleistet

Qîmet Xwêdêda (50) ist Mitglied des Demokratischen Autonomen Rates von Şengal. Er ist Vater von 11 Kindern, wovon 4 in den Reihen der YBŞ sind. Die Baghdader Regierung solle die Räte, die militärischen Kräfte und die Asyiş als Ausdruck der Autonomie von Şengal akzeptieren. „Dieses Mal haben wir unsere Heimat nicht verlassen, denn wir haben dank der Ideen von Führer Apo Widerstand gleistet. Infolge dieser Ideen haben wir Selbstverteidigungskräfte aufgestellt, denn wir sind überzeugt, dass wir mit unseren eigenen Händen und Kräften uns selbst verteidigen können. Wir haben die Angst vor dem Ferman überwunden, denn zum ersten Mal in unserer Geschichte haben wir erfahren, dass wir, wenn wir kämpfen, Widerstand leisten können.“

Das Êzidî-Volk vertraut jetzt auf seine eigene Kraft

Xoxê Cindi (55) ist die Mutter des YBŞ – Kommandanten Dijwar Feqîr und gleichzeitig Im Exekutivausschuss des Demokratischen Autonomen Rates von Şengal. Sie meint dazu, dass die Pehmerga nun zum zweiten Mal Şengal im Stich gelassen haben: „Die Peshmerga sind abgehauen, aber die YBŞ und die Yhaben keine einzige Stellung aufgegeben. Was bedeutet das ? Dass die Êzidî jetzt stark im Widerstand sind. Immer wieder haben sie uns gesagt: ‚Wir stärken euch den Rücken:‘ Aber bei der geringsten Angst sind sie geflohen. Das soll eine Kraft sein? Wir sind uns bewußt, was sie darstellen. Einmal ist das passiert; aber jetzt stützen wir uns nicht mehr auf die Peshmerga. Wir stützen uns auf unsere eigene Kraft; wir lehnen unseren Rücken an unsere jungen Männer und Mädchen. Jetzt weiß das Volk der Êzidî Bescheid. Früher, wenn wir ein Zelt zu Ehren von Führer Apo aufstellten, kam das Volk nicht, weil es Angst vor den Peshmerga hatte. Das ist jetzt anders.“

Die Êzidî-Mütter freuen sich, dass sich ihre Kinder den YBŞ und Yangeschlossen haben, berichtet Xoxê Cindî, und fährt fort: „Unser Wunsch ist, dass die irakische Regierung den YBŞ und den YJŞ brüderlich die Hand reicht und sie akzeptiert. Dass sie die Autonomie von Şengal akzeptiert. Niemand darf mehr kommen und über uns herrschen, uns massakrieren, unser Existenzrecht infrage stellen. Das gilt auch für die Hashdi Shaabi, eine konfessionelle Truppe. Aber wenn sie Religion und Glauben der Êzidî respektieren, dann können sie sichauf demselben Gebiet aufhalten wie unsere Kinder. Das kann sich nur stabilisieren, wenn sie unseren Willen respektieren. Wenn sie unseren Rat, unsere Streitkräfte und unsere Autonomie akzeptieren.“