Die PKK-Guerilla in Kirkuk

YÖP 20.10.2017, von Dılar Dirik.

(…) Kirkuk mit seiner Umgebung kennt eine sehr reiche Geschichte und ist heutzutage vor allem als vielsprachig, multi-konfessionell und reich an Identitaten bekannt. Wenn man hierher kommt, kriegt man gesagt: „JedeR spricht hier drei Sprachen: Kurdisch, Arabisch und Turkmenisch“. Die Kurden, Araber und Turkmenen sowie andere Identitäten leben hier nicht in gertrennten Stadtvierteln, sondern ihre Häuser stehen nebeneinander. Dass zwischen den Völkern geheiratet wird, ist hier üblich. Im Grunde wird das, was Öcalan als „demokratische Nation“ definiert, hier seit Jahrhunderten vorgelebt.

(…) 2014, als dem Volk jede Hoffnung verrlorenging, als der IS an Orten wie Şengal, Mossul und Tel Afer Massaker verübte, eilten die Guerillas von HPG (PKK-Einheiten) und YJA Star (Fraueneinheiten der PKK) von den Bergen herunter und stellten sich den IS-Konvois entgegen. Ein Jahr später, als ich mich (im Rahmen meiner soziologischen Studien) in der Gegend aufhielt, konnte ich feststellen, wie bekannt und beliebt die Guerillas waren, vor allem in der multiethnischen Stadt Kirkuk. Nicht etwa, weil sie Kurden waren, sondern gerade in arabischen Schichten hat man sich geradezu mit ihnen identifiziert.

Eine ältere arabische Frau bereitete mir in ihrem Haus einen herzlichen Empfang. Schon drei Bomben-Attentate (von Islamisten) waren auf das Haus verübt worden. Ganz in ihrer Nähe war eine Unterkunft der Guerillas. Um ihre Familie zu schützen, besuchte sie diese nie selber – aber sie schickte alle paar Tage ihre Enkelkinder mit einerm Korb voll Brot zu ihnen hin.

Ein junger Kakai-Kurde führte mich überall hin. Er war bei den PUK-Peshmergas, weil er vom Sold lebte. Aber er machte begeistert bei der PKK-Jugend mit: „Wir hier sind von der PKK sehr beeindruckt. Was uns am meisten auffällt, ist ihre Kameradschaft zwischen Männern und Frauen. In unserer Gesellschaft ist das ganz anders. Diese Guerillas machen keinen Krieg um Land, Erdöl oder Geld. Nur aus Patriotismus kamen sie zu unserer Verteidigung. Alle anderen sind abgehauen, aber die haben sich an unsere Seite gestellt. Und dann sehen wir, wie die Verantwortlichen der Autonomen Region Kurdistan im Luxus leben, das Geld des Volkes verprassen. Dem gegenüber die Lebensbedingungen der PKKler: sie sitzen am Tischtuch auf dem Boden und essen Oliven, Käse und Brot, genau wie wir auch. Die Leute merken sich das.“

Die inzwischen gefallene Gulan Gulveda von YJA Star erzählte mir: „Obwohl die Leute hier so konservativ sind, schicken sie ihre Töchter ohne Scheu zu uns. In euch haben wir Vertrauen, sagen sie, ihr seid rechtschaffen. Als ein Guerilla-Bataillon von einem Ort wegverlegt werden sollte, kamen die Mütter, die Mädchen, die Männer: ‚Wo geht ihr hin? Geht nicht weg von hier! Es sind schon so viele Verwandte von uns gegangen, der IS ist über uns hergefallen, aber bis jetzt haben wir durchgehalten; wir wollen nicht, dass ihr weggeht.‘ Es hat sich eine derartig starke Verbindung entwickelt. Denn seit Jahren haben die Verantwortlichen hier nur die eigene Macht, den eigenen Vorteil im Auge gehabt. Um das Volk haben sie sich nicht gekümmert. Und jetzt sehen sie, wie die Guerillas selbstlos, sauber, mit offenem Blick eine demokratische Lebensweise führen. Das macht den Leuten wieder Hoffnung, da kriegen sie wieder Lust zum Leben.“

Eine andere Genossin von YJA erzählte mir: „Bei den Menschen ist die Hoffnung regelrecht aufgeblüht. Ein Beispiel: Als unsere Genossin Armanç in Kirkuk schwer verletzt wurde und einige Tage im Koma lag, haben wir, eine Gruppe von Partisaninnen, sie im Krankenhaus besucht. Ich habe schon etliche Krankenhäuser gesehen hier, ich bin ja aus irakisch-Kurdistan. Es tut mir sehr weh, mit dieser Trostlosigkeit der Menschen jeden Tag konfrontiert zu werden. Ein Volk, das so viele seiner Kinder der Revolution geopfert hat, wie kann es so hoffnungslos und verzweifelt werden? Als wir an jenem Tag ins Krankenhaus kamen, wir Frauen im Guerilla-Dress, da hellten sich die Gesichter der Leute auf einmal auf, sie lachten und freuten sich. Einfach unglaublich! Sowas habe ich noch nie in diesem Land gesehen, was wir damals in Kirkuk erlebten.“ (…)

Und jetzt wurde ein Referendum abgehalten für einen „freien Staat“. Das zeigt doch nur, dass die Politik bankrott ist. Was für ein „freies Kurdistan“, in dem es keine Selbstverteidigung gibt, keine Spur von Selbstbestimmung, eigener Wirtschaft, eigener Politik… ein höchst beschränktes Konzept von „Freiheit“ !