Was der Sieg von Rakka für die Êzidî-Frauen bedeutet

YÖP 19.10.2017, Erem Kansoy aus Rakka.

Interview mit Dersim Êzîdxan, Kommandantin des YJŞ – Bataillons in Rakka.

Am 3. August 2014 überfielen die IS-Banden Şengal (Nordirak), entführten Tausende von êzidischen Frauen und Kinder und verkauften sie auf den Sklavenmärkten von Rakka. Êzidî-Frauen, welche in Freiheit waren oder die Freiheit erlangten, stellten Einheiten zur Selbstverteidigung auf, die YJŞ, und begannen den Krieg in Şengal, um ihre Geschlechtsgenossinenaus den Fesseln des IS zu retten. Als die Offensive zur Befreiung von Rakka begann, zog ein Bataillon hierher, kämpfte mit, um Rache zu nehmen, und trug seinen Anteil bei an der Säuberung Rakkas von den IS-Schergen. Dersim Êzîdxan, die Kommandantin dieser Einheit, hat drei Monate lang an dieser Front gekämpft und teilte uns nun ihre Gefühle und Gedanken bei der Befreiung Rakkas mit.

Am 3. August 2014 hat Şengal ein grauenhaftes Massaker erlebt. Dieser ‚Ferman‘ (Vernichtungsdekret) hat die Êzîden schwer erschüttert. Denn es war der 74. Ferman, der sie getroffen hat in ihrer Geschichte. So konnte das nicht weitergehen. Nach dem Ferman haben sich die Êzîdi-Frauen organisiert, haben sich ihrer Identität gestellt und eine bewaffnete Truppe aufgestellt. Dersim selbst trat zuerst den YPJ (Frauenverteidigungskräften Rojavas) bei und verkündete ein Jahr später die Gründung der YJŞ. Diese stellten sich in Şengal an jedem Ort auf, nahmen in jeder Stellung Platz und bekämpften den IS. Das war für die Êzîdi-Gesellschaft die größte Errungenschaft. Und mit dem in Şengal erlangten Kampfgeist, mit unnachgiebiger Entschlossenheit, mit unserer hier gereiften Ideologie und politischen Überzeugung wandten wir uns Rakka zu.

Jetzt sind es an die dreinhalb Monate, dass wir in Rakka Krieg führen. Und zwar kämpfen wir Êzîdinnen an vorderter Front gegen den IS, mit unseren Waffen, aber auch mit unseren Vorstellungen und Zielen und mit unseren Werten. Das ist für die Êzîdinnen eine ganz wichtige Entwicklung. Denn sie haben in Rakka der ganzen Welt gezeigt, dass sie sich selbst verteidigen können. Der Kampf, dern wir hier geliefert haben, ist eine Antwort auf den Ferman des IS. Und zugleich ist es eine Antwort auf unsere Freunde, die uns den Rücken gekehrt haben, weil man ja nichts mehr machen könne. Wir meinen, eine gute Arbeit geleistet zu haben. Wir haben hier unsere gefangenen Frauen und Kinder befreit. Das ist doch eine gute Nachricht für die vier Teile Kurdistans und für die ganze Welt, für alle Völker.

Ja, wir kämpften in Rakka in vorderster Linie. Gleich zu Beginn wurden zwei unserer Genossinnen verwundet. Das freute unsere Feinde, schärfte aber unsere Kampfeserfahrung. In den Stellungen, Schulter an Schulter mit den GenossInnen von YPG und YPJ, versetzten wir den IS-Banden schwere Schläge. Unsere Spezialistinnen für Attentate erfüllten ihre Aufgaben wunderbar. Wenn der Feind das Trällern der Êzîdi-Frauen in den Stellungen hörte, bekam er es mit der Angst zu tun. ‚Egal was geschieht, aber auf keinen Fall darf ich durch eine Frau getötet werden‘, sagten sie sich. Kurz und gut, wir haben unsere Rache genommen, wir haben sie nicht in der Luft hängen lassen.

Dass Rakkka befreit worden ist, bedeutet gleichzeitig, dass Vergeltung genommen wurde für alle Frauen auf der Welt, die weiter unter der Männerherrschaft unterdrückt werden. Jede Frau, egal wo sie ist, muss aufstehen und ihre Freiheit suchen. Und die Frauen können beruhigt sein. Niemals wird mehr jemand so ohne weiteres in unsere Gebiete, in unser Land einfallen. Versuchen sie das, werden wir keine Minute, keine Sekunde zögern, sie zu bekriegen. Wir werden den Kampf aufnehmen.“