Kirkuk: „Verrat“ war es nicht!

YÖP vom 20.10.2017. Diskussionsbeitrag von Halil Savda.

„Dass wir das Referendum gemacht haben, war ein Fehler. Die Verwaltung von Kirkuk muss ausgewechselt werden. Kirkuk muss zusammen mit dem Irak eine gemeinsame Verwaltung kriegen. Man muss zu den Grenzen von 2014 zurückkehren. Wird das nicht getan, kann es zu einem großen Krieg kommen und wir zu einer großen Niederlage.“

Das sind die Worte von Pavel Talabani.

Wann hat er sie ausgesprochen?

Am 10. Oktober. Zwei Wochen nach dem Referendum… Als Pavel diese Worte sagte, sah das Panorama noch anders aus als heute.

Waren das seine persönlichen Meinungen?

Nein.

Woher wissen wir das?

Pavel hat diese Ansichten im TV-Sender der PUK, im KURDSAT, gesagt.

Eine Woche nach dieser Rede sind die Einheiten der irakischen Armee und die Kräfte der Hashdi Shaabi gegen Kirkuk vorgerückt, die Peshmerga haben ihre Stellungen aufgegeben, und Kirkuk geriet unter Kontrolle der irakischen Armee und der Hashdi Shaabi. Auf Kirkuk folgten Mahmur, Bashika und Shengal.

Wie ist es so weit gekommen?

Aus der Sicht eines unvernünftigen Teams wegen einer unfähigen Regierung. Die Geschehnisse als „Verrat“ oder „Kapitulation“ zu bezeichnen, ist eine primitive, oberflächliche Einschätzung. *

Mesud Barzani‘s Regierung des autonomen Kurdistan hat entgegen dem Rest der ganzen Welt das Referendum nicht auf später verschoben.

Die USA hatten vorgeschlagen, innerhalb eines Jahres in Gespräche mit dem Irak die Probleme zu lösen. Barzani hat diesen Vorschlag vom Tisch gewischt.

Die USA haben sofort nach dem Referendum, um die angespannte Lage zu mildern, diesmal gesagt: „Teile die Verwaltung von Kirkuk mit dem Irak, einschließlich der Erdölstätten bei Kirkuk…“ Barzani hat diesen Vorschlag abgelehnt.

Nordirak

Was passierte?

Am 16. und 17. Oktober sicherten sich das irakische Heer und die Hashdi Shaabi innerhalb von 24 Stunden die Kontnrolle von Shengal, Kirkuk und Bashika.

Wir konnten im Fernsehen weinende Peshmerga sehen. Sogar Journalisten, die live filmten, konnten wir weinen sehen. 100.000 Frauen und Männer kehrten Kirkuk den Rücken.

Für die dort lebenden Kurden war das ein Trauma. Barzani, der am 25. September während des Referendums auf jedem Platz laut posaunte, kam 3 Tage lang nicht aus seinem Haus. Man hörte nichts von ihm.

Was wäre geschehen, hätte er die Ratschläge der USA befolgt?

Hätte er das Referendum verschoben, dann wäre seine de-facto-Herrschaft über Kirkuk, Shengal und Bashika weiter gegangen. Hätte er nach dem Referendum einer gemeinsamen Verwaltung von Kirkuk zugestimmt, dann würden wir nicht solcheTränen im Fernsehen sehen.

Wochen vor dem Referendum hatten die PUK (Talabanis), die Partei Goran und der KCK (der PKK nahestehende Dachorganisation) den Zeitpunkt für das Referendum und die Regierung Barzanis kritisiert.

Barzani hörte auf niemanden; er wollte als strahlender Held der kurdischen Geschichte der letzten 200 Jahre dastehen.

Warum? Wegen seinem Ego. Als Gefangener seines Ego‘s hat er das Ganze selber ausgeheckt. Der Vorteil für seine Partei war ihm wichtiger als der Vorteil für das Volk von Kurdistan.

Und er verrechnete sich wie Rußland bei seinen regionalen Kalkulationen.

Was war das Ergebnis?

Schaden für das Volk. Die Frauen und Männer von Kurdistan erlitten ein Trauma, das nicht mehr zu tilgen ist.

Führerschaft auszuüben heißt, dass man fähig und weitsichtig ist. Barsani ist in beiden Tests durchgefallen.

Seinem größten Unterstützer, den USA, geht es nicht darum, eine kurdische Regierung zu schaffen, statt die Hegemonie des Iraks zu unterstützen.

Den USA geht es darum, den Bevölkerungsmassen des Irans etwas entgegenzusetzen. Das kann ihrer Ansicht nach nur ein gemäßigter Schiit wie Abadi.

Im Irak sind im April 2018 Neuwahlen. Die Dynamik des Referendums hätte dazu geführt, das es mit der Regierung Abadi aus gewesen wäre.

Der iranische und russische Einfluß auf diese Gegend hätte sich verdichtet. Die USA, Abadi und manche Verantwortliche der Region Kurdistans haben mit der Intervention von Kirkuk diese Entwicklungen gestoppt.

Den Preis dafür zahlt nicht nur Barzani, sondern alle Bewohner Kurdistans müssen büssen.

Die „Niederlage“ von Kirkuk hat leider den Sieg von Rakka in den Schatten gestellt.

Aber trotz eines unfähigen und kurzsichtigen Führers sind die Entwicklungen nicht so verheerend, wie man dachte. Die Kirkuk-Krise ist unter Kontrolle und kann gelöst werden. Der PUK-Verantwortliche von Kirkuk, Aso Mamen, verkündete am Mittwoch: „Morgen ziehen sich die Hashdi Shaabi zurück“. Und einige Stunden später gab der irakische Präsident Abadi den Befehl an die Hashdi Shaabi „Rückzug!“

Schon Mittwoch Nacht begannen die Hashdi Shaabi, sich von Khaneqin und dann auch von den anderen Regionen zurückzuziehen.

Gleichzeitig mit diesem Rückzug begannen die Führer des Volkes von Kurdistan, angefangen in Khaneqin auf die Strassen zu gehen, um ihre angeknackste Ehre wieder herzustellen.

Wie wenn die Kirkuk-Krise konntrolliert gelöst würde.

Diese Entwicklungen haben den Kritiken des KCK recht gegeben. Die Vorschläge von Pavel Talabani wurden realisiert.

Wenn man aus dem, was man mit Barzani erlebt hat, nicht die notwendigen Schlüsse zieht, dann stehen die Völker vom Irak und dem Gebiet Kurdistan schwierige Tage bevor.

Es wird noch viel Wasser unter der Brücke durchfließen.

———————————————————-* YÖP („Yeni Özgür Politika“) titelte am 17.10.2017 „Kirkuk wurde ausgeliefert!“ über die ganze 1. Seite. Und am 18.10 über die ganze 5. Seite: „Der Verrat kennt keine Grenzen“. Gottseidank entschloss sich das „unvernünftige“ Team der YÖP, am 20.10. obigen Diskussionsbeitrag abzudrucken.