Die Frauen von Idlib werden in den Krieg eingreifen

ANF / Bêrîtan Sarya aus Til Rifat (Şehba), 8.10.2017.

(Die syrische Provinz Idlib (westlich von Aleppo) ist (neben dem befreiten Nordsyrien) die einzige Großregion, die nicht vom Assad-Regime kontrolliert wird, sondern hauptsächlich von „Hayat Tahrir Al-Scham“, der früheren Al-Nusra. Sie wird seit Jahren von Assad bombardiert, auch mit Fassbomben und Giftgas, sowie von den Russen. In diesen Tagen hat Erdoğan syrische Verbände, die er finanziert, und auch einige türkische Truppen in die Provinz geschickt. Unsere Medien berichten darüber und spekulieren, ob die Türken auch Afrin (N von Idlib) angreifen werden.

Was unsere Medien vernachlässigen: In Nordsyrien ist ein revolutionärer Prozeß im Gange, eine Frauen-Revolution. Das hat auch seine Auswirkungen auf Idlib.) (Die Redaktion)

Eine der ersten Frauen – Kämpferinnen von Idlib ist Dr. Nadya Hasan, die den Folterkellern des Assad-Regimes und von El Nusra entkommen ist und im befreiten Teil von Şehba Zuflucht gefunden hat, wo sie im Rahmen der „Ceyş El Siwar“ (Armee der Revolution) eine Frauen-Truppe aufbaut: in der Geschichte von Idlib ein Novum, was dieser Geschichte ihren Stempel aufdrücken wird.

Idlib Kämpferin

In Til Rifat, dem Zentrum der „Ceyş El Siwar“, treffen wir uns mit Nadya Hasan, einer der ersten Frauen-Kriegerinnen von Idlib. Zwar versteht sich die (arabische) Ceyş El Siwar als Bestandteil der DKS (Demokratischen Kräfte Syriens); aber eine Frau wie Nadya Hasan, die ein Kopftuch trägt und gleichzeitig den Battle-Dress, machte uns schon neugierig. Wir erfahren, dass sie dabei ist, in den Reihen der Ceyş El Siwar eine Militär-Truppe aus Frauen von Idlib aufzubauen. In jüngster Zeit haben sich 10 Frauen aus Idlib als Kämpferinnen den Ceyş El Siwar angeschlossen. Nadya Hasan ist eine der Frauen, die als Kriegerinnen innerhalb der Ceyş El Siwar der Geschichte von Idlib, Hama und Homs ihren Stempel aufdrücken wollen. Im Grunde hat diese Geschichte jetzt schon begonnen, indem Frauen von Idlib zum ersten Mal Kriegerinnen werden. Wie alle Frauen von Idlib haben auch sie viel Leid seit Beginn der syrischen Revolution durchgemacht und sind aus Idlib in die Şehba-Region gerflohen, um diesen Leiden Einhalt zu gebieten, indem sie sich den Ceyş El Siwar unter dem Dach der DKS anschließen.

Was die Frauen von Idlib erdulden müssen, hat Nadya Hasan am eigenen Leib erfahren. Sie ist verheiratet, hat fünf Kinder und ist zugleich Ärztin. Aber als Frau hat sie viel dafür bezahlen müssen, Ärztin geworden zu sein. Jetzt ist sie wie ihr Mann eine der KämpferInnen von Ceyş El Siwar, und sie erzählt uns, warum sie das geworden ist, mit welchen Absichten:

In der Phase, als die Revolution ausbrach, arbeitete ich im Martini-Krankenhaus von Aleppo zusammen mit dem Arzt Mahmut El Aryen. Die Regime-Kräfte brachten in dieses Krankenhaus ihre Verwundeten, und etliche der Verwundeten starben im Krankenhaus. Das Regime beschuldigte uns, verantwortlich für deren Tod zu sein. Deshalb verhafteten sie uns; ein ganzes Jahr verbrachte ich im Gefängnis. Als der syrische Geheimdienst mich festnahm, sagte er: ‚Wir werden dir die Muttermilch, die du getrunken hast, wieder aus deiner Nase rausquetschen‘. Genau das taten sie. Sie folterten mich derart, dass ich meine Familie und sogar meine Kinder vergaß. Nichts, keine Einzelheit aus dieser Phase kann ich mehr vergessen. Meine Approbation war für sie nicht gültig.

Als sie mich freiliessen, kehrte ich sofort nach Idlib zurück. Zu der Zeit tobten heftige Kämpfe zwischen den Kräften des Regimes und den Oppositionellen in Idlib. Als Ärztin arbeitete ich unter sehr schwierigen Bedingungen. Eines Tages kamen auch die Leute von El Nusra und verhafteten mich. Sie beschuldigten mich, Agentin des Regimes zu sein. El Nusra mißhandelte und folterte mich genauso schwer wie vorher das Regime.

Nach der Freilassung floh ich in das von Ceyş El Siwar kontrollierte Gebiet. Ich konnte sehen, dass dort, wo Ceyş El Siwar war, die Freiheit herrschte, Gottseidank. Derzeit sind wir in den Reihen von Ceyş El Siwar zehn Genossinnen, alle freiwillig. Wenn wir genügend sind, werden wir ein militärisches Training absolvieren und unsere Frauen-Truppe gründen. Das Volk von Idlib und die Frauen werden das sehen können. Als Frauen hat man uns immer wehrlos gelassen; aber wir müssen uns selber wehren können.

Wir sind uns bewußt, dass derzeit unsere Schwestern in Idlib viel leiden müssen. In den vergangenen sechs Jahren haben sie viele der Unsrigen umgebracht. Das Regime, der IS, Al Nusra, sie töten immer noch. Ich rufe unseren Schwestern zu: Unsere Freiheit, die kriegen wir im Kampf der DKS! Und Ceyş El Siwar sind Teil der DKS. Sie sollen sich uns zuwenden: zusammen wollen wir Schluss machen mit der grausamen Unterdrückung, wollen wir Idlib befreien!“