Wettlauf um Deir Ez-Zor? Um was es geht

ANHA 8.9.2017. Analyse von Dilyar Cizîrî

Das Baath-Regime (von Assad) ist mithilfe des Iran und der Hesbollah (aus dem Libanon) in den Weiten der syrischen Wüste bis nach Deir Es-Zor vorgedrungen. Somit ist der Ring gesprengt worden, in den das IS-Regime Truppen des Baath-Regimes um den Flughafen der Stadt und um zwei Stadtteile seit zwei Jahren eingeschlossen hatte. Die Regime-Kräfte wollen zusammen mit dem Iran und Russland weiter vorrücken bis zur irakischen Staatsgrenze.

Hauptziel des Iran ist in dieser Situation, mithilfe der Hashdi Shabi – Kräfte (der irakischen schiitischen Milizen) auf der irakischen Seite und den libanesischen Hesbollah-Kräften in Syrien sowie den Truppen des syrischen Regimes auf der syrischen Seite die beiden Länder an der syrisch-irakischen Grenze zu verbinden und so einen Land-Korridor herzustellen. Das will Amerika natürlich nicht. Deshalb hatte es vor, mit seinen Parteigängern das Gebiet westlich des Euphrat um Deir Ez-Zor bis hinunter nach Bou Kamal zu besetzen. Wir können sagen, dass die Stadt Bou Kamal direkt an der Grenze noch wichtiger ist als Deir Ez-Zor, das Tor zur Grenze. Deshalb will jeder diese Stadt (Bou Kamal) erreichen, die noch in der Hand des IS ist.

Im Juli 2016 erreichten Oppositionskräfte, die sich selbst „Neue Syrische Armee“ nannten, die Stadt Bou Kamal und griffen sie an. Aber der IS wehrte den Angriff ab, und Dutzende Bewaffnete wurden getötet, viele gefangen genommen. Die USA hattten diesen Angriff auf Bou Kamal unterstützt; aber es war ein Mißerfolg.

Im Mai 2017 versuchten bewaffnete Oppositionskräfte mit dem Namen „Wüstenvulkan“, vom Süden, von der jordanischen Grenze aus die irakische Grenze zu erreichen. Jordanien und Amerika unnterstützten das Ziel, bis zur Stadt Bou Kamal vorzustossen und von dort das Euphrat-Tal zu kontrollieren. Die Kräfte des syrischen Regimes ihrerseits kamen diesen Kräften zuvor, indem sie mithilfe des Iran und der Hesbollah über Tadmur (Palmyra) direkt nach Deir Ez-Zor vordrangen. Die Operation besagter Oppositionskräfte ging also trotz amerikanischer Unterstützung ins Leere; sie konnten Bou Kamal nicht erreichen.

Der Euphrat fließt sowieso ab Rakka bis Bou Kamal 260 km durch die syrische Wüste; bewohnt sind nur die Flussufer. Ausserhalb des Flusstales gibt es nur unbewohnte Wüste. Deshalb konnten die Truppen des syrischen Regimes durch diese Wüste bis nach Deir Ez-Zor vordringen, ohne auf ernsthaften Widerstand seitens des IS zu stossen. In diesen Wüstengegenden gibt es keine menschliche Besiedlung, keine Städte oder Dörfer. Nur das Oasenstädtchen Sukhna – und das wurde duurch Bomben aus der Luft und vom Erdboden aus praktisch ausradiert. Von Sukhna bis nach Deir Ez-Zor erstreckt sich eine Wüstengegend ohne Lebensmöglichkeit.

Warum gerade jetzt nach Deir Ez-Zor?

Wieso führte das Regime und seine Unterstützer gerade jetzt diesen Vorstoß durch und nicht schon vorher? Tatsächlich hat der IS seine Hauptkraft auf die Verteidigung von Rakka konzentriert. Seine in der Wüste stationierten Kräfte hat er zur Verteidigung in Rakka zusammengezogen. Hinzu kommt, dass die in der Wüste übrig gebliebenen Kräfte, wie zu erfahren war, nach den Niedrlagen von Mossul und Rakka demoralisiert waren und sich aus ihren Stellungen zurückzogen. Die Truppen des Regimes ergriffen bewußt diese Gelegenheit und konnten so vordringen. Während dort, wo dieser geographischem Vorteil fehlte, nämlich südöstlich von Rakka entlang des besiedelten Euphrattales, das Regime mit Ach und Krach das Städtchen Medan erreichen konnte, dann aber vor einigen Tagen von den IS-Kämpfern wieder zurückgeworfen wurde und große Verluste auch bei den Bundesgenossen erlitt.

Was sich hier abzeichnet, ist, dass der IS den Kräften des Regimes Deir Ez-Zor und seine besiedelte Umgebung ganz und gar nicht so ohne weiteres überlassen wird. Ich bin der Ansicht, dass er nicht zulassen wird, dass diese Kräfte ans Nordufer übersetzen. Hinzu kommt, dass es in Deir Ez-Zor so gut wie keine Anhänger des Regimes gibt. Ganz im Gegenteil, die Bewohner der Stadt und der umliegenden Dörfer sind gegen das syrische Regime eingestellt. Das zeigte sich schon zu Beginn der syrischen Revolution, ist doch Deir Ez-Zor die Stadt, in welcher es die größten Massenaktionen gegen das syrische Regime gab.

Ebû Xewla, der Kommandant des unter dem Dach der DKS (Demokratischen Kräfte Syriens) agierenden Militärrates von Deir Ez-Zor, erklärte Reuters gegenüber, dass die Offensive zur Befreiung der Stadt in kurzer Zeit beginnen werde. Die Kämpfer des Militärrates liegen sowieso in Ebû Xeşeb in kurzer Entfernung zur Stadt in Stellung. Auch von Şeddade aus haben es die Kämpfer nicht weit bis Deir Ez-Zor. Alles Leute, die zum größten Teil selbst aus der Gegend stammen. Das heißt, wenn die Offensive beginnt, wird das Volk dort die Krieger unterstützen.

Es wird sich sehr schnell klären, wer die Gegend von Deir Ez-Zor und die Euphrat-Linie hinunter bis Bou Kamal unter Kontrolle bekommt. Und diese Kraft wird dem weiteren Verlauf des Krieges ihren Stempel aufdrücken.