Cemil Bayık: Die Befreiung Rakka’s zeigt, wie ein Demokratisches Syrien aussehen wird

YÖP vom 19.8.2017, Tijda Yağmur

Cemil Bayık ist Ko-Vorsitzender des KCK (Koma Civâken Kurdistan = Union der Gemeinschaften Kurdistans), einer von der PKK inspirierten Dachorganisation. Er ist einer der bekanntesten PKK-Führer. Aus einem längeren Beitrag geben wir seine Meinung über die Auswirkungen wieder, welche die Befreiung Rakkas für die syrische Revolution haben wird. (Red.)

Cemil Bayık

Wie die Zukunft von Rojava und Nordsyrien aussehen wird, dazu legt die Befreiung Rakkas die Eckpunkte. Und natürlich nicht nur für die Revolution in Rojava und die Lage in Nordsyrien wird es sich klären, sondern die Befreiung Rakkas wird auch die Merkmale für ein demokratisches Syrien zeichnen. Insofern wird Rakka eine historische Rolle spielen. Die Befreiung Rakkas wird zeigen, dass Nordsyrien geographisch und als Föderation eine Einheit (und keine Abspaltung) bildet. Es ist ja überwiegend eine arabische Stadt. Die Befreiungskämpfer sind überwiegend Araber aus der Stadt selbst, mit einem kleineren Anteil an Kurden, und auch der Zivile Rat von Rakka, der die Stadt verwalten wird, setzt sich entsprechend zusammen. Rakka festigt das arabisch-kurdische Bündnis in Nordsyrien. Kämpfen doch die Araber und die Kurden in Rojava und Nordsyrien gemeinsame gegen den IS. Vielleicht wurde das noch nicht so recht gewürdigt, aber die Araber zählen im Kampf gegen den IS Hunderte von Gefallenen. Das alles stärkt die Perspektive für die Demokratische Nordsyrische Föderation, zu einer „demokratischen Nation“ zu werden, wie der Führer Apo sein Projekt einer auf einer organisierten Gesellschaft gegründeten demokratischen Nation und einer demokratischen konföderalen Struktur definiert.

Die Wahlen, welche demnächst in Nordsyrien stattfinden, werden diesen Ausgang festigen. Denn sie betreffen ja nicht nur die demokratische Autonomie der Kurden in ihren Siedlungsgebieten, um ihre autonomen Verwaltungen. Sicher, in der nordsyrischen Föderation wird es autonome Regionen geben, die sogenannten Kantone der Kurden. Die Kurden wrden hier sich selbst verwalten, ihre Kultur und ihre Identität pflegen. Aber genau so werden die Aramäer an ihren Orten für sich selbst aktiv sein. Und die Araber werden in ihren Siedlungsgebieten auf der Grundlage der örtlichen Demokratie ihre eigene Autonomie aufbauen, sich selbst verwalten. Und zweifellos wird diese Selbstverwaltung nicht nur die Verwaltung der dort lebenden Araber oder Kurden sein, sondern die Selbstverwaltung aller dort lebenden Völker. In den Räten der Kantone und Kommunen, in den Selbstverwaltungstrukturen der Kurden werden diese zweifelsohne in der Mehrheit sein. Aber Mehrheit bedeutet nicht, dass Herrschaftsbeziehungen, dass Hegemonialstrukturen aufgebaut werden. Auch hier werden alle gleich und frei sein. Die Mehrheitsgesellschaft wird natürlich an ihrem Ort sich selbst verwalten, ihre eigenen Schulen einrichten, ihre eigene Kultur pflegen, ihre eigene Identität. Aber das gilt für alle. Für die Kurden, für die Araber, für die Aramäer, für die Tschetschenen, die Turkmenen…

Rakka wird ein wichtiges Vorbild sein

Rakka mit seinen unterschiedlichen Identitäten im Zivilen Rat und der autonomen Verwaltung wird ein wichtiges Modell sein. Die Stadt wird von den Einheimischen geführt werden. Von denen, denen Rakka gehört. Wer sind diese? Araber, Kurden, auch Aramäer und Leuten anderer Gesellschaften. Jedenfalls keine Leute von außerhalb. Sie werden in den demokratischen Räten gemäß ihres Anteils an der Bevölkerung vertreten sein. Die DKS (Demokratischen Kräfte Syriens) werden ihre Selbstverteidigung sein. So ist es ausgeschlossen, dass in kurdischen Gebieten die Araber die Herrschaft ausüben und in arabischen die Kurden.

Heute ist das schon in Minbic realisiert: die Einwohner der Stadt verwalten sich selbst; es sind in ihrer Mehrheit Araber. Auch die Leute von Rakka werden sich selbst verwalten, und das sind auch in ihrer Mehrheit Araber. Aber auch Kurden werden dabei sein. Denn die Kurden stellen einen wichtigen Teil der Bevölkerung. Vielleicht ist der größte Teil von ihnen nach der Besetzung der Stadt durch den IS weggezogen. Aber nach der Befreiung wird Rakka wieder zu ihrer ursprünglichen Zusammensetzung der Bevölkerung finden. Die demographische Struktur, die verschiedenen Gesellschaften aus der Zeit vor dem IS werden dort im Demokratischen Rat vertreten sein und auch ihre eigenen lokalen Räte bilden. Sowieso wird in der Nordsyrischen Föderation jede Stadt sich selbst verwalten. In der Föderation wird es keine zentrale Verwaltung geben. Es wird eine Föderation aus lokalen demokratischen Autonomien sein. Deshalb wird die nordsyrische Föderation Strukturen und Merkmale aufweisen, die auf ganz Syrien ausstrahlen werden. Es ist vorbei mit einer zentralistischen hegemonialen Verwaltung in Syrien.

Natürlich wird es noch eine allgemeine, eine demokratische Verwaltung für ganz Syrien geben. Aber ein demokratisches Syrien wird keine Zentralverwaltung haben wie früher, vom Zentrum, von Damaskus aus bis in die Dörfer. Im Zeitalter der Demokratie und der Freiheit gibt es lokale Demokratie, lokale Räte und lokale Autonomien. Und die verwalten sich selbst, bis zum Kanton, bis zur Region. Aber die autonome Region wird keine Zentralgewalt haben. Jede Kleinstadt und jede Stadt wird sich selbst verwalten. Angelegenheiten von allgemeiner Bedeutung werden vom allgemeinen Rat behandelt, aber alles andere von den Stadträten, Stadtteilräten, also von den lokalen Verwaltungskräften. Das derzeitig funktionierende Sytem in Rojava von lokaler Demokratie und lokalen Räten wird in der Nordsyrischen Föderation weiter existieren. Auf dieser Grundlage wird allmählich das Gebilde eines demokratischen föderalen Syrien entstehen. Deshalb zeigt die Befreiung von Rakka nicht nur die Zukunft von Rojava und von der Nordsyrischen Föderation, sondern sie weist auf eine Syrische Föderation überhaupt.