Letzte armenische Familie in Rakka gerettet

ANHA Rakka, 8.8.2017

Sehr wenige Armenier überlebten den Völkermord vor 100 Jahren in der syrischen Wüste. Von ihren Nachfahren lebten in Rakka bei Ausbruch der syrischen Krise etwa 60 Familien. Heute ist nur noch eine 8-köpfige Familie übrig geblieben. Sie wurde heute, am 8. August, zusammen mit 150 anderen Zivilisten im Westteil der Stadt gerettet.

Mutterr Araksî Gomeciyan erzählt, dass ihre Familie schon seit über 60 Jahren in Rakka lebt: „Als die islamistischen Banden die Stadt besetzten, konnten wir unsere Häuser nicht mehr verlassen. Wir erfüllten unsere religiösen Pflichten zu Hause, weil sie unsere Kirchen eingerissen hatten. Sie zwangen uns, schwarze Kleider zu tragen, sogar schwarze Handschuhe. Wer nicht folgte, wurde festgenommen. Die Banden haben uns nicht einmal erlaubt, unser Haus zu verkaufen und wegzuziehen.

Wir sind die letzte armenische Familie in Rakka, und es macht uns traurig, dass wir jetzt die Stadt verlassen müssen. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig, wegen der intensiven Kämpfe und weil wir kein Brot und kein Wasser mehr kriegten. Wir überlebten nur noch mit Reis und Bulgur.“

Einerseits ist sie traurig, die Stadt zu verlassen, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat; andererseits ist sie glücklich, dass sie sicheres Gebiet erreicht hat: „Das haben wir nicht erwartet, dasss wir so herzlich begrüßt und empfangen werden von den KämpferInnen der SDK und sogar des Aramäischen Militärrats.“

Ihr Mann, Karbîs Gomeciyan, berichtet, dass der IS zuerst, als er in die Stadt eindrang, die Armenier in Ruhe ließ. Aber dann änderte sich die Lage; die Männer über 18 Jahre mussten sich Bärte wachsen lassen und die Ungläubigen-Steuer namens „Ciziye“ zahlen.

Wer nicht gehorchte, wurde vertrieben. „Das erste Massaker mit Vertreibung vollbrachten die Türken (vor 100 Jahren), und das zweite erleben wir heute durch den IS. Die Absicht ist die gleiche: die Leute von ihrem Land zu vertreiben.“

Karbîs Gomeciyan erzählte auch, dass sie mit vielen Muslimen zusammenlebten und immer Freud und Leid miteineander geteilt haben. Der IS aber, so meinte er, respektiert überhaupt keine Sekte oder Religion. „In der islamischen Religion wird nicht getötet. Das ist eine Religion der Barmherzigkeit. So haben wir das von Kind an gelernt. Die IS-Banden haben doch nichts mit dem Islam zu tun.“ Und er schloß: „Wir verließen Rakka ganz niedergeschlagen. Aber in dem Augenblick, als wir die SDK-KämpferInnen sahen, wußten wir: endlich Frieden! Die KämpferInnen umarmten uns und retteten uns vor den IS-Banden.“