Wie der US-Verantwortliche den Kampf um Rakka sieht

Brett McGurk ist „Special Presidential Envoy for the Global Coalition to Counter ISIS“, also der Sondergesandte des US-Präsidenten für die Anti–IS–Koalition. Er hielt am 4. August 2017 im Außenministerium eine Pressekonferenz ab, in der er detailliert auf die Kampf-Situation im Irak und in Syrien einging. Wir haben aus dem Protokoll einige interessante Auszüge ausgewählt, die Anhaltspunkte dafür geben können, ob sich die nordsyrische Revolution nicht etwa dem US-Imperialismus ausliefert.

„In Syrien arbeiten wir bevorzugt mit den DKS (Demokratischen Kräften Syriens). Die zählen etwa 50 000, die Hälfte Araber, die Hälfte Kurden. Nicht nur, dass sie noch nie eine Schlacht verloren haben, auch die Ausbildungskurse – ich war jetzt sechs Mal in Syrien, drei Mal allein in den letzten 6 Monaten – unsere Ausbildungkurse an Ort und Stelle in Syrien sind voll. Und wir bewegen uns in Regionen, wo vor allem Araber leben, sunnitische Araber, und unsere Ausbildungslager sind voll, weil diese Leute wieder heim wollen und den IS aus der Region rausschmeissen wollen.“

„Es geht um eine Vernichtungskampagne. Bevor wir eine militärische Operation beginnen, wollen wir sicherstellen, dass wir den Feind einkreisen, so dass keine Feinde, vor allem nicht die ausländischen Kämpfer, entkommen können. Sie sollen nicht wieder aus Syrien entwischen können.“

„Wir schätzen die Zahl der IS-Kämpfer, die noch in Rakka sind, auf etwa 2 000. Ich zögere immer, solche Zahlen zu nennen, denn das – das ist immer ungenau. Wir denken, ungefähr 2 000 IS-Kämpfer sind in Rakka geblieben, und sie werden höchstwahrscheinlich in Rakka sterben. Die UN schätzen die Zahl der Zivilisten, die noch in der Stadt sind, auf 25 000. Es könnten auch mehr sein, aber das ist die UN-Schätzung. Was tatsächlich in Rakkka vor sich geht – ähnlich wie das, was wir in Mossul gesehen haben, nur in kleinerem Maßstab – ist, dass die IS-Kämpfer die Zivilisten in der Schlacht als Schutzschilde für sich selbst benutzen, als Geiseln.

Sie setzen ihre Scharfschützen ein, um die Zivilisten zu töten, wenn sie zu fliehen versuchen. Sie versuchen, Selbstmordattentäter unter die Kolonnen von Fliehenden zu schmuggeln – genau die Methoden, die wir auch von den barbarischen Terroristen-Organisationen in anderen Städten kennen. Derzeit haben die DKS (Demokratischen Kräfte Syriens) das taktische Ziel, ihre westliche und östliche Front zu verbinden. Sie könnten das jetzt schon machen, aber sie müssen noch einige hohe Gebäude säubern, bevor sie ihre Kräfte auf der Straße fusionieren (Anm.d.Red.: am 10.8.17 erreicht). Das wird die zweite Phase der Operation zur Säuberung der restlichen Stadt gehörig voranbringen.

Heute kämpft der IS in Rakka um jeden letzten Häuserblock und versucht, auch diejenigen Häuser, die schon fast verloren sind, um jeden Preis zu verteidigen. Sie kämpfen ja ums eigene Überleben. Die Lage hat sich grundlegend gewandelt. Die Rakka-Operation zur Einnahme der Stadt begann am 6. Juni, und heute haben, wie gesagt, die DKS 45 % der Stadt eingenommen.“

McGurk erzählt, dass die Einnahme von Tabqa und des Tabqa-Staudamms ermöglicht hat, den IS sozusagen von hinten zu überraschen und Rakka vollständig einzukreisen. Die Tabqa-Operation begann damit, das US-Hubschrauber die DKS-Kämpfer über den 8 km breiten Staudamm des nachts ans andere Ufer brachten. „Das war ziemlich gewagt. Diese Kämpfer sind unglaublich mutig. Die meisten sind ja noch nie in einem Hubschrauber geflogen.“

„Die IDP (Internal Deplaced Persons = Binnenflüchtlinge) aus den Gebieten, die unter Kontrolle des IS, standen, also Leute, die in den letzten 3 Jahren unter Kontrolle des IS lebten, wir beobachten, dass all diese IDPs in den Norden strömen, zu den Linien der Kräfte, mit den wir zusammenarbeiten. Sie strömen nicht nach Westen in die vom Regime (Assads) gehaltenen Gebiete, sie verlassen nicht das Kampfgebiet nach Osten, um weiter mit dem IS zu leben, und sie strömen auch nicht südwärts in die Wüste. Sie kommen alle in die Gebiete der Demokratischen Kräfte Syriens. Nach offiziellen US-Zahlen gibt es jetzt 324 000 IDPs von Rakka.

Wir verfolgen das jeden einzelnen Tag. Was den Zeitpunkt heute morgen angeht, so halten sich etwa 146 000 an vorbereiteten Orten und in Lagern auf, etwa 177 000 in den Städten und Dörfern. Und was wir in Syrien derzeit erleben: die Leute kommen ja aus Gebieten, wo noch gekämpft wird, sie haben sich nur vorübergehend woanders niedergelassen. Und sobald die Herkunftsgebiete gesäubert sind, sobald sie entmint sind, dann kehrt die Bevölkerung wieder zurück. Wir haben dieses Muster jetzt schon öfters gesehen; es ist ein ziemlich gutes Muster.“

„Wir arbeiten auch mit dem „Zivilen Rat von Rakka“, einer Gruppe von Zivilisten aus der Region. Er tagt in Ayn Issa. Das ist eine vorläufige Struktur. Im Mai nächsten Jahres soll es in Rakka Wahlen geben. Aber diese Struktur ist jetzt schon notwendig, denn wir brauchen jetzt schon Leute an Ort und Stelle, die uns behilflich sind, die Hilfe zu transportieren und zu verteilen. Der ZRR allein hat die Verteilung von 830 to humanitärer Hilfe in den Gegenden rund um Rakka koordiniert, und sie sind sehr kompetent bei der Planung der Aktivitäten am Tage danach (der vollständigen Befreiung Rakkas).

Ich möchte noch einmal betonen, was der Außenminister hier Anfang der Woche schon gesagt hat: Stabilisierung ist sehr wichtig, ihr sind wir verpflichtet. ‚Das isit nicht zu verwechseln mit ‚Rekonstruktion‘ oder mit ‚nation building‘. Stabilisieren heißt ‚Entminen‘. Das heißt, die Bedingungen müssen erfüllt werden, damit die Leute heimkehren können. Der IS hat überall Landminen versteckt, so daß die Leute nicht zurück können. Wir sind verpflichtet, alles zu tun, was wir können, um den Leuten vor Ort zu helfen, Orte der Infrastruktur von Minen freizumachen, damit die Leute wieder heim können.

Stabilisierung heißt auch, den Schutt wegzuräumen, damikt Lastwagen und ausrüstung dorthin gebracht werdeen können, wo sie gebraucht werden. Es heißt Grundversorgung mit Strom, mit Wasser, das Abwassersystem, die Grundbedürfnisse sichern, damit die Leute heim können. Und wir haben gefunden – da haben wir einiges vom Irak gelernt – dass die Konzentration auf Grundelemente der Stabilisierung der kritische Punkt ist, was die Leute in die Lage versetzt, heimzukehren.

Manchmal, wernn wir uns mit lokalen Räten treffen, sagen sie: ‚Wir können euch wirklich brauchen, die USA, um uns zu helfen – ihr könnt doch Krankenhäuser organisieren, nicht wahr? Und unser Schulsystem auf die Beine stellen.‘ Nein, das können, das tun wir nicht. Wir haben da einige Lektionen gelernt; darin sind wir nicht gut, und das ist auch nicht unse3re Verantwortung. Wir kümmern uns um die Grundlagen der Stabiliserung.

Wenn es um Sachen geht wie Schulen, wenn der lokale Rat uns sagt: ‚Hier in der Gegend gibt es fünf Schulen, und der IS hat sie total mit Explosions-Vorrichtungen und Minen elektrisch verbunden. Könnnt ihr uns da behilflich sein?‘ – Ja, sowas werden wir machen. Wenn sie Pulte brauchen oder Sitzbänke oder Tafeln, dann können wir im allgemeinen helfen, örtliche Lieferanten zu finden, die das bewerkstelligen.

Ich möchte wieder auf Tabqa als Beispiel kommen. Der Zivile Rat von Tabqa, mit dem wir auch arbeiten, das sind Leute vom Ort, ich habe mit ihnen gesprochen. Noch vor kurzem lebten sie alle unter dem IS, und jetzt versuchen sie miti großem Eifer, ihre Community wieder mit Leben zu füllen. Sie berichteten uns von einer Anzahl Schulen, die vermint sind, und wir besorgen Fachleute für die Gegend, um diese Schulen zu entminen. An die fünf sind schon suber. Wir tun alles, was uns möglich ist, damit so viele Schulen wie möglich in Tabqa bei Schujahresanfang am 15. September fertig sind. Aber nochmal, was den Lehrplan angeht, die LehrerInnen, all das liegt in der Verantwortung der Syrer an Ort und Stelle, nicht in unserer.“