Erklärung der êzidischen Vereine zum 3. Jahrestag des Völkermords

3. August – Gedenktag des Genozids/Völkermords an den Êzîdinnen und Êzîden

   03.08.2014  –  03.08.2015  –  03.08.2016  –  03.08.2017

WIR WAREN – WIR SIND – WIR WERDEN SEIN

ORGANISIEREND, SELBSTVERWALTEND UND SELBSTVERTEIDIGEND ZUR AUTONOMIE UND FREIHEIT VON ŞENGAL

Auch am 3. Jahrestag des Genozids/Völkermords an der Glaubensgemeinschaft der Êzîden erheben wir unsere Stimme und demonstrieren für die Forderung der Anerkennung des Genozids/Völkermords sowie für die Selbstverwaltung/einer Autonomie, den Selbstschutz und die Freiheit der Êzîden.

Die Glaubensgemeinschaft der Êzîdinnen und Êzîden gehört zu den ältesten noch bestehenden Glaubensgemeinschaften der Welt. Der Großteil dieser Gemeinschaft lebt – bedauerlicherweise gegenwärtig in der Vergangenheitsform, „lebte“ – im Şengal-Gebiet (Süd-Kurdistan/Nord-Irak). Über Jahrhunderte hinweg erlebten die Êzîden Verfolgung, Unterdrückung, Zwangskonvertierung/Zwangsislamisierung, Verleumdung, unzählige Massaker und Genozide. Seit der Staatsgründung des Iraks – im Zuge der territorialen Verschiebungen nach dem 1. Weltkrieg – bis heute hat man es versäumt, der Stimme der Êzîden Gehör zu verleihen. So wurde der Status der Êzîden als Glaubensgemeinschaft bisher nicht anerkannt, weder durch den Irak noch durch die Vereinten Nationen. Ein Versäumnis, das bittere Konsequenzen nach sich zog und zieht.

Durch den Angriff des Islamischen Staat IS  am 3. August 2014 wurde die êzîdische Gemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Mord, Vergewaltigung, Enthauptung, Verschleppung von Frauen und Kindern, Zwangskonvertierung/Zwangsislamisierung, Zwangsverheiratung, Sklaverei sowie eine Massenflucht von Hunderttausenden von Êzîden aus ihrer Heimat brachte die Barbarei des IS über die êzîdische Glaubensgemeinschaft. Ein Genozid im 21. Jahrhundert mit solch einer Brutalität sollte der Weltgemeinschaft mehr als nur ein einfacher ‚Fingerzeig‘ sein!

Vor allem sind Frauen und Mädchen von den brutalen Angriffen und der Unmenschlichkeit des IS betroffen

Noch heute werden Tausende gefangen genommene Frauen versklavt, zwangsverheiratet und verkauft; Kinder werden in speziellen Lagern isoliert und für den islamistischen Kampf ausgebildet und benutzt. Die Terrorgruppe Islamischer Staat IS entführt und vergewaltigt Frauen und verkauft sie zur sexuellen Ausbeutung wie eine Ware. Mit ihrer Interpretation des Islams begründet sie ihre patriarchale Gewaltherrschaft. Imame vollziehen auf einige Stunden befristete »Eheschließungen«, um Frauenhandel und -versklavung zu legitimieren. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass über 2.000 Frauen auf den von den IS-Milizen errichteten Sexsklavinnenmärkten in Mossul verkauft und vergewaltigt wurden und dass über 4.000 weiteren bevorsteht. Es sind vor allem êzîdisch-kurdische und christliche Frauen und Kinder von diesen Gräueltaten betroffen. Einige konnten befreit werden bzw. aus der Gefangenschaft des IS entkommen. Auch die lebendige Verbrennung von Frauen, welche sich dem nicht fügen, was ihnen aufgezwungen wird, ist eine Praxis des IS. Diese Menschen sind höchst traumatisiert und brauchen dringend unsere Hilfe und Unterstützung. Die humanitäre Situation vor Ort ist immer noch katastrophal, und das Ausmaß des Genozids wird immer klarer und deutlicher – ohne Zweifel ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ein Armutszeugnis für die Menschheit. DIE BEFREIUNG DER FRAUEN UND MÄDCHEN LIEGT IN DER VERANTWORTUNG UND VERPFLICHTUNG VON UNS ALLEN!

Zu diesem 74. Genozid in der Geschichte der Êzîden konnte es im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts kommen, weil die Bevölkerung von Şengal dem sog. IS schutzlos ausgeliefert worden war. Trotz des Rückzuges der KDP-Kräfte (Einheiten von Mesud Barzani) aus der Şengal-Region, die den Schutz und die Verteidigung übernehmen wollten, gelang es durch den mutigen Einsatz von neun PKK-Guerillakämpfern, die in das Şengal-Gebirge geflüchteten Êzîden zu verteidigen.

Zur Verstärkung eilten die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) aus Rojava/ Nordsyrien zu Hilfe. Während sie den Berg Şengal gegen den IS schützten und verteidigten, konnten innerhalb von fünf Tagen 20.000 Êzîden aus dem Gebirge über einen von Einheiten der PKK-Guerilla – der HPG (Volksverteidigungskräfte) und der YPG/YPJ erkämpften humanitären Fluchtkorridor nach Rojava/Nordsyrien in Sicherheit gebracht werden.

Es ist für die Êzîd*innen ein großer Lichtblick für die zukünftige Erhaltung und Freiheit der wichtigsten Region unserer Glaubensgemeinschaft – mit großer Anerkennung haben wir die frohe Botschaft dieser Aktion vernommen und begrüßt. Es ist von großer Wichtigkeit, dass jetzt noch intensiver weitere Befreiungsaktionen unterstützt werden. Jeder weitere Erfolg gegen den IS ist ein großer Schritt für die Verteidigung und den Schutz der Werte unserer aller Menschheit und Menschlichkeit.

Nach den Angriffen sowie den damit verbundenen Massakern und Vertreibungen mit dem Ziel eines Völkermordes war klar: So wie bisher kann und darf es nicht weitergehen. Eine Änderung der politischen und gesellschaftlichen Situation ist für den Schutz und die Verteidigung von Şengal und den Êzîd*innen  unabdingbar – denn das Fehlen von Strukturen zur Selbstverwaltung, zum Schutz und zur Verteidigung waren mit die ausschlaggebenden Gründe für das Ausmaß des versuchten Völkermordes sowie die Vernichtung des Êzîdentums in Şengal.

Mit der Autonomie von Şengal zu einer demokratischen Gesellschaft

Trotz dieser Verbrechen und trotz der Katastrophe vor Ort gibt es auch Lichtblicke und Errungenschaften. Die Bevölkerung der êzîdischen Glaubensgemeinschaft hat sich entschieden, gerade aus den negativen Erfahrungen ihrer Geschichte, dass Taten folgen müssen, die das (Über-)Leben der Êzîden nicht nur gewährleisten, sondern ihnen ermöglichen, ihre Zukunft selbstbestimmt zu gestalten. Ihr Vorhaben und ihr Ziel: ORGANISIEREND, SELBSTVERWALTEND UND SELBSTVERTEIDIGEND ZUR FREIHEIT VON ŞENGAL!

Heute, 3 Jahre nachdem Angriff auf Şengal, haben die Êzîden in dem Gebirge Şengal eigene Einheiten, die Verteidigungseinheiten von Şengal (YBŞ) und die êzîdischen Frauenverteidigungseinheiten (YJŞ), die sich aus Êzîden der Region zusammensetzen, die unter andrem für den Schutz und die Verteidigung der Bevölkerung vor Ort sorgen, aber auch an vorderster Front für die Befreiung von Regionen und vor allem der Frauen und Mädchen kämpfen. Darüber hinaus sind Selbstverwaltungsstrukturen wie Frauen- und Volksräte gegründet worden. Insbesondere sind es die Frauen, die diesen Prozess der Selbstorganisierung als Antwort auf den Genozid und Feminizid vorantreiben und aktiv durchführen. Sie wollen nicht nur Opfer sein, sondern ihr Schicksal als Subjekt selbst bestimmen, und organisieren sich nun als Frauenfreiheitsbewegung der Êzîd*innen (TAJÊ) in Şengal und auch international.

Die Gefahr, in der sich die êzîdische Glaubensgemeinschaft befindet, dauert noch an, sowie der Genozid und der Feminizid an ihnen. Es befinden sich zahllose êzîdische Frauen, Mädchen und Jungen in den Händen des sog.  IS.

Obendrein finden nunmehr mehrfach Angriffe durch das türkische Militär völkerrechtswidrig, teilweise angeleitet von den Geheimdienstlern des MIT (türk. Geheimdienst), gemeinsam mit den Peshmerga der KDP-Kräften (Einheiten von Mesud Barzani), gegen die Menschen der Şengal-Region im Nordirak statt. Diese Angriffe unterstützen sowohl mittelbar als auch unmittelbar das Vorhaben des sog. IS, die Êzid*innen auszurotten. Dabei verfolgen die KDP als auch die türkische Regierung eigene machtpolitische und geopolitische Interessen mit dem Ziel, die Grenzen der Türkei nach dem Vorhaben der AKP mit ihrem Staatspräsidenten Erdogan an der Spitze auszuweiten wie im damaligen Osmanischen Reich.

Nicht nur dort in der Region, sondern auch in Europa, wie kürzlich wieder bekannt wurde, insbesondere in Deutschland, versucht die türkische Regierung mit ihren Geheimdienstlern, politisch aktive Êzid*innen und Kurd*innen zu eliminieren.

Wir werden diesen Angriffen gegenüber, die der Ausrottung der Kurd*innen und Êzid*innen dienen, nicht schweigen

Kein Mensch verdient den Tod auf Grund seiner ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit bzw. seines Glaubens. Verbrechen ist Verbrechen, und Verbrechen zu relativieren ist wieder ein Verbrechen.

Im Gedenken an die Opfer dieses Genozids und zum Zeichen der Geschwisterlichkeit der Völker werden wir weiterhin alles Notwendige dafür tun, dass die Tatsache des Genozids an unserer Glaubensgemeinschaft, aber auch an allen anderen Opfern der Unmenschlichkeit des IS, anerkannt wird – wir werden weiterhin alles daran setzen, dass alle Gräueltaten aufgedeckt werden.

Wir appellieren an alle Freundinnen und Freunde sowie Verteidiger und Schützer der Werte der Menschheit und der Menschlichkeit – lasst uns gemeinsam weiterhin für Şengal und die Êzîden in Süd-Kurdistan/Nord-Irak einstehen. Jetzt geht es darum, in den befreiten Regionen Sicherheit für ihre Bewohnerinnen und Bewohner herzustellen.

Es wird dringend Unterstützung für den Wiederaufbau gebraucht, damit die hunderttausenden Geflüchteten aus Şengal und dem Nord-Irak, die jetzt unter anderem unter elenden Bedingungen auf der türkischen Seite an der Grenze und unter der aktuellen politischen Lage in der Türkei ausharren, in ihre Heimat zurückkehren können.

Deswegen fordern wir unter anderem:

  • Die internationale Anerkennung der Êzîden als eigenständige und unabhängige Glaubensgemeinschaft.
  • Ein sofortiges Ende aller Massaker in Şengal und ganz Kurdistan.
  • Einen Status in Form einer Autonomie für Şengal auf Grundlage des demokratischen Konföderalismus.
  • Die Selbstverwaltung der Êzîden soll durch die EU, USA und die UN anerkannt und deren demokratische Bestrebungen unterstützt werden.
  • Strafrechtliche Verfolgung der Täter, Anstifter, Beihelfer und Unterstützer des Genozids/Feminizids, national und international – insbesondere die Verfolgung der Staaten, die darin verwickelt sind und den IS finanziell, politisch und militärisch unterstützt haben und weiterhin unterstützen.
  • Die Unterstützung Şengals sowie aller Regionen der Êzîden und Christen auf allen Ebenen zur Prävention weiterer Massaker.
  • Die Klassifizierung und Einstufung der Massaker und Gräueltaten/des Feminizids vom 03.08.2014 (und der folgenden Zeit) als Genozid durch die verantwortlichen Institutionen der UN sowie die Anerkennung des 3. August als internationalen Tag des Völkermords an den Êzîden.
  • Die êzîdische ‚Widerstandseinheiten Şengal‘ (YBŞ) und die ‚Widerstandseinheiten der Frauen von Şengal‘ (YJŞ), welche den Schutz und die Verteidigung der Êzîden im Şengal gewährleisten, sollen als solche anerkannt und deren Ausrüstung und Ausbildung zur weiteren Bekämpfung des IS gefördert werden.
  • Ein konsequentes und gemeinsames Handeln gegen die Terrormiliz Islamischer Staat IS.
  • Internationale Fonds und politische Unterstützung beim Wiederaufbau des Şengal-Gebiets sowie die Errichtung eines Hilfskorridors, um den dort erforderlichen Wiederaufbau zu ermöglichen

Gelebte Menschlichkeit und Solidarität führt zur Verteidigung und zum Schutz der Werte unserer Menschheit

Bielefeld, Juli/August 2017

NAV-YÊK – Zentralverband der Êzîdischen Vereine e.V. (navyek.eziden@gmail.com)

SMJÊ – Dachverband der Êzîdischen Frauenräte (ezidischer-frauenrat@web.de)

HCÊ – Bündnis der Êzîdischen Jugend (hce.eziden@web.de)

MŞD – Rat der Êzîden aus Şengal  in Europa

PHKÊ – Plattform der Êzîdisch-Kurdischen Sänger und Künstler


*mögliche Schreibweisen: Şengal/Shengal/Şinjar    –    weiterführende Informationen: www.civaka-azad.orgwww.isku.org