„Bei jeder Entscheidung ist die Frauenbefreiung unser Hauptprinzip“

Foza Yusif über das System der Demokratischen Nordsyrien Föderation, 02.08.2017

In einem Interview für die Frauen-Nachrichtenagentur Şûjin hat die Ko-Vorsitzende des Exekutivrats der Demokratischen Föderation Nordsyrien, Foza Yusif Fragen bezüglich des politischen Systems der Föderation und der politischen und gesellschaftlichen Partizipation der Frauen in diesem System beantwortet.

Vor kurzem hat der Konstituierende Rat der Nordsyrien Föderation in der Stadt Rimelan des Kantons Cizîrê eine Sitzung abgehalten. In dieser Sitzung wurde über die Verwaltungsregionen und die Wahlgesetze abgestimmt. Warum wurde solch eine Sitzung abgehalten?

Wir arbeiten schon seit einer langen Zeit an diesen beiden Gesetzen. Insbesondere auf der letzten Sitzung des Rates wurde die Wahlvorbereitung beschlossen. Dafür war nun der Erlass dieser Gesetze notwendig. Somit waren die zwei Haupttagesordnungspunkte die Diskussion und Abstimmung über diese beiden Gesetze. Es ist eine seit langem andauernde periodische Arbeit.

Ja, dieses System wurde verkündet und ist allerseits bekannt. Diese Schritte sind nun in gewisser Weise Schritte zur Praktizierung bzw. Realisierung des Systems. Diese Sitzung war ein notweniger Schritt, um die Wahlphase zu starten. Es ist eine unserer Routinearbeiten, und es geht darum, den begonnen Prozess fortzuführen.

Die Sitzung hat mit zwei Beschlüssen geendet. Sowohl der Entwurf zu den Verwaltungsregionen als auch das Wahlgesetz wurden bestätigt. Somit hat es Veränderungen im System gegeben. Woher rührt das Bedürfnis nach dieser Veränderung?

Bei der Verkündung der demokratischen Selbstverwaltungsregionen waren die politischen Bedingungen anders, man war noch ziemlich unerfahren. Zum ersten Mal sollten sich die Gesellschaften selbst verwalten. Zu Beginn wurden in jedem Kanton verschiedene Exekutiven und Leitungen gegründet. Diese Arbeitsweise ging nicht von der Basis aus. Es begann mit der Leitung und Exekutive. Die Basis blieb schwach. Doch zusammen mit dem Prozess der Föderation hatten wir das Bedürfnis, unser System in den demokratischen Selbstverwaltungsregionen umzustrukturieren und zu stärken. Und natürlich waren alle drei Kantone voneinander etwas abgekoppelt. Jeder Kanton hat sich verschieden organisiert. Dies hing mit den Kriegsbedingung und den spezifischen Besonderheiten vor Ort zusammen. Nun ging es um gemeinsame Strukturen. Es war ein System notwendig, das sowohl die drei Kantone, als auch die befreiten Gebiete auf koordinierte Art und Weise zusammenführt. (…)

Wenn von Räten gesprochen wird, kommt einem Bürokratisierung in den Sinn. Was ist der Unterschied des Rates der Demokratischen Föderation Nordsyriens zu anderen Räten?

Es gibt bei uns nicht der Fall, dass tagtäglich in das gesellschaftliche Leben eingegriffen wird und wir unsere eigene Ideologie aufzwingen. Es gibt hier Räte der Gemeinde, Kommunen, Bezirke, Kantone und Regionen. Diese Räten setzten sich mit all den Dingen, die mit dem gesellschaftlichen Leben zusammenhängen, auseinander. In den Diskussionen über die Kantone oder Regionen wird versucht, den Willen der Bevölkerung zur Grundlage zu nehmen. Der Demokratische Kongress der Völker ist auf dem Niveau der Föderation. Dieser diskutiert und trifft Entscheidungen für alle strategischen Fragen, die Themen wie die Wirtschaft, die Politik, den Krieg und Frieden, sowie das ganze System betreffen. Hierbei werden der Wille und die Vorschläge der Regionen zur Grundlage genommen. Auf vertikale und horizontale Weise wird versucht, auf die Bedürfnisse der Gesellschaft zu antworten. So wird kein zentralistisches System, sondern eines, dass sich mehr auf die Basis stützt, aufgebaut. Dieser Rat führt in gewisser Weise auch die Aufgabe einer Koordinierung. Sie bringt alle Mechanismen zusammen.

Also in gewisser Weise ein Dach?

Ja, es ist spielt sowohl die Rolle eines Dachs, als auch den Ort an dem die verschiedenen Gebiete der Föderation zusammenkommen.

An vielen Orten der Welt gibt es das System von Föderationen. Wenn wir jedoch das System in Rojava und Nordsyrien betrachten, fällt einem die Beteiligung der Frauen besonders auf. Warum ist das so? Was für eine Position haben die Frauen in der Föderation?

In dieser Revolutionsphase haben die Frauen eine Vorreiterrolle gespielt. Nicht nur im Krieg, auch auf Gebieten wie der Politik und Kultur kann die Rolle der Frau nicht unbeachtet gelassen werden. Das ist entscheidend und hat sich beim Aufbau der Föderation positiv bemerkbar gemacht. In unserem gegenwärtigen Gesellschaftsvertrag sind die Frauenrechte eines unserer Hauptprinzipien. In unserem Vertrag gibt es eine 50% Frauenquote.  Das System des Kovorsitz ist von den Kommunen bis zum demokratischen Kongress der Völker ein zentraler Punkt. Es gibt Punkte in unserem Gesellschaftsvertrag, die im Mittleren Osten einer Revolution gleichkommen. (…)

Sie haben mit diesem Modell global und auch in Hinsicht auf den Mittleren Osten etwas Neues aufgebaut. Was hat sich mit diesem Modell bei den Frauen und der Gesellschaft verändert?

Mit der Rojava-Revolution hat sich vieles geändert. Es gibt in Verständnis, Leben und Mentalität viele Veränderungen. Insbesondere die bedeutende Rolle der Frauen in Politik, Kultur sowie in kritischen Bereichen wie dem Krieg hat die Revolution den Einfluß der herrschenden männlichen Mentalität auf die Gesellschaft ernsthaft zurückgedrängt. Es wäre übertrieben zu behaupten, diese Mentalität wäre vollständig beseitigt. Denn gesellschaftliche Probleme sind nicht in wenigen Jahren lösbar. Es braucht Zeit. Doch die Frauen bewegen sich überall mit Selbstvertrauen. Früher waren diese Frauen in der Position, dass der Mann diskutierte und entschied und die Frau nur ausführte. Doch jetzt haben die Frauen einen großen Einfluss, von den Diskussionen bis hin zur Praxis. In vielen Punkten spielen sie eine Vorreiterrolle. In diesem Sinne gibt es eine Veränderung. (…)

Kann man sagen, dass der eigentliche Krieg der gesellschaftliche Aufbau ist?

Ja, es ist nicht leicht, denn wir versuchen alles von Neuem zu erschaffen; den Menschen, die Mentalität, die Gefühle und Beziehungen. Dies entsteht nicht so leicht. Man sagt sprichwörtlich, dass es leichter ist, ein Atom zu spalten, als Gewohnheiten.

Das wichtigste ist, dass wir uns als Frauen dieser Situation bewusst sind. Im Allgemeinen gibt es bei den Kolonialisierten folgendes Problem: wir vergessen sehr schnell. Es wurde mit unserem Gedächtnis gespielt. Wir denken, dass wenn es eine Entwicklung gibt, sie ewig währt. Doch wenn keine der Revolution entsprechende Werte aufgebaut und geschützt werden, kann es auch nach hinten losgehen. Wir müssen als Frauen Lehren aus der Geschichte und der vorausgegangen Revolutionen ziehen. In diesem Sinne müssen wir unseren Kampf, den Widerstand und die Revolution kontinuierlich fortsetzen.

Möchten Sie zuletzt noch etwas hinzufügen?

In der gegenwärtigen Situation ist unser System vielleicht nicht ideal, aber das Passende. Es hat eine Struktur, in der jeder sich selbst ausdrücken und frei organisieren kann. Und das brauchen vor allem die Frauen. So wie die Frauen sich für die Revolution in Rojava eingesetzt haben, müssen sie sich auf für das neue System einsetzen. Soweit wie wir die Freiheit systematisieren, soweit können wir auch die Freiheit der Frau garantieren. Ich sage zuletzt, dass vor allem die Frauen sich für solch ein System einsetzen sollten.