Bericht von der Rakka-Front: Rettung der Zivilisten

Nazım Daştan, DIHABER/Rakka, 25.7.2017

Heute ist der 50. Tag des „Großen Krieges“, wie die DKS (Demokratischen Kräfte Syriens) die Rakka-Offensive nennen. Die Befreiung der Stadt kann noch Monate dauern. Denn die DKS gehen Schritt für Schritt vor. Ihr oberstes Anliegen: die Zivilbevölkerung zu retten. Dafür haben sie Sondereinheiten gebildet. Ihre Aufgabe: Korridore herzustellen und zu sichern, durch welche die Zivilbevölkerung sich retten kann.

Aus dem Stadtviertel Teyar im Südwesten der umzingelten Stadt konnten heute etwa 500 Leute in langen Zügen aus dem IS-Gebiet gerettet werden. Sie kamen auch aus Deriyê, Hattîn und anderen Vierteln und benutzten die provisorisch gesicherte Strecke, als einer auf eine Mine trat. Sie explodierte und verletzte 5 Stadtbewohner an Händen, Armen und Beinen. Die Verletzten wurden sofort vom DKS-Sanitätsdienst in Lazarette gefahren.

Rakka - Flüchtlinge

Um sich vor den IS-Kämpfern zu schützen, hatten sich die Zivilisten tagelang in ihren Häusern versteckt; einige von ihnen wurden aufs Korn genommen bei dem Versuch, die Reihen der DKS zu erreichen. „Was, ihr geht zu den Ungläubigen?“ rief man ihnen zu und schoss auf sie. Ohne Essen und Trinken haben sie zuhause ausgeharrt – ihre einzige Rettung: in die von den DKS gesicherten Gegenden zu gelangen. Viele Zivilisten wußten, wo der IS die Minen gelegt hatten, und wichen entsprechend aus. Trotzdem war die Flucht für alle ein großes Risiko.

Die Geretteten brachen oft in Jubel aus. „Ehlen“, „Selam“, „Xilas Daış” (vorbei mit dem IS) und “Allah yêh mi kom“ (Allah schütze euch) riefen sie. Manche zeigten mit den Fingern das V als Siegeszeichen, manche Frauen trällerten ihr „Jujuju“. Die Stadtbewohner bildeten lange Schlangen auf dem Weg zu sicheren Gebieten, mit Säcken und Utensilien auf dem Rücken und in den Armen. Unter ihnen Greise, die an die 100 Jahre alt sein müssen, in Rollstühlen oder auf Tragahren. Allen ist anzusehen, wie glücklich sie sind, den langen Alptraum hinter sich zu lassen. Viele können ihre Tränen nicht zurückhalten, viele holen tief Luft, richten ihr Blicke nach oben und danken Allah.

Jede Frau aus Rakka, die ins Objektiv der Kamera gerät, will das Erlebte in Worte, in Sätze fassen, wie sie gefoltert, erniedrigt und unterdrückt wurde. Die eine oder andere nimmt die Waffe eines Kämpfers, hebt sie in die Höhe und schwört dem IS Rache. Die allermeisten sind Frauen und Kinder. Manche laufen barfuß, manche fassen sich an den Händen. Wenn sie auf SDK-KämpferInnen treffen, lachen sie. Die KämpferInnen begleiten sie und sperren ihnen den Wegrand ab, wo die Minen versteckt sind, und mahnen sie dauernd zur Vorsicht.

Haben die Zivilisten sicheres Gebiet erreicht, wird ihnen zuerst einmal zu Essen und zu Trinken gegeben. Dann werden sie ausgefragt, um die unter ihnen eingesickerten IS-Kämpfer herauszufinden. Die geretteten Zivilisten werden dann in Autobussen oder auf Lastwagen zu den Lagern in den Dörfern Xatunîye und Hewil Hewa gefahren.