Hier haben sie mich als Sklavin verkauft

(Wir berichteten im Info Nr. 60, dass Kämpferinnen der YJŞ (Fraueneinheiten von Şengal) an der Rakka-Front eingetroffen sind, um Rache zu nehmen.)

Hêzda Şengal ist eine von den Tausenden Êzidî-Frauen, die der IS nach dem 3. August 2014 versklavt und verkauft hat. Sie konnte nach 10 Monaten Gefangenschaft fliehen und kehrt nun als YJŞ – Kämpferin zurück. Sie zeigt im Sînaa-Viertel von Rakka auf ein Gebäude mit roten Ziegeldach: “Diese Schule da drüben haben sie als Frauenmarkt benutzt. Und jetzt sind wir dabei, diesen Ort zu befreien!”

 

Êzidin befreit Rakka

 

Hêzda war 17 Jahre alt, als sie nach dem 3. August 20124 mit 25 Familienmitgliedern in Xanesor in Gefangnenschaft geriet, weil Araber, die den IS unterstützten, sie auf der Flucht aufhielten und auslieferten. Hêzda wurde mit Tausenden anderer Frauen in einem Gefängnis im Zentrum von Şengal eingesperrt. Später brachte man sie zusammen mit anderen jungen Frauen nach Mossul, während die Männer von ihnen getrennt und hingerichtet wurden. Die Familien wurde auseinandergerissen; Hêzda wurde mit anderen jungen Frauen nach Rakka gebracht.

In dieser Stadt war sie 10 Monate lang Gefangene. Dreimal wurde sie an IS-Leute verkauft. Und dreimal versuchte sie, sich das Leben zu nehmen wegen der unglaublichen sexuellen Gewalt, der sie unterworfen war. Aber dann gelang es ihr, mithilfe einer kurdischen Familie aus Rakka zu fliehen und das Gebiet der DKS (Demokratischen Kräfte Syriens) zu erreichen. Sie kehrte nach Şengal zurück und schloss sich dort den YJŞ an. Unter der Losung “Rache für die Êzidî-Frauen!” zog eine YJŞ-Einheit nach Rakka und bezog Stellung an einem strategischen Punkt der alten Stadtmauer.

“Noch heute höre ich die Schreie in den Ohren” Wenn Hêzda jetzt an die Orte zurückkehrt, wo sie selbst gefangen war, um die Frauen zu befreien, die bis jetzt noch in Gefangenschaft sind, dann überwätigen sie Erinnerungen. Sie holt tief Luft, bleibt einige Augenblicke stumm, richtet den Blick dann nach oben und beginnt zu erzählen.

“Die Hitze der Hölle hat im August Şengal ergriffen. Ich höre heute noch das Geschrei und Wehklagen in meinen Ohren. Nachdem man die Männer ermordet hatte, wurden die alten und jungen Frauen zusammen mit ihren Kindern nach Til Afer, Mossul und Rakka verschleppt.

25 Mitglieder meiner Familie waren gefangen, 2 Nichten von mir, 2 Tanten, 6 Töchter meines Onkels, ein Bruder, 2 Schwestern mit deren Kindern – zusammen waren wir 25 Personen. Meinen Onkel mit seinen Töchtern haben sie in Mossul von uns getrennt. Die anderen haben sie alle in Rakka auseinandergerissen. Jede wurde an jemand anderen verkauft.

Jahrelang glaubten meine Leute, ich sei tot

Eine Êzidîn, die meinen zweiten Selbstmordversuch miterlebt hatte, war dann freigekommen und hatte meinen Eltern in Şengal berichtet, dass ich tot sei. Nachdem ich mich gerettet hatte, habe ich meine Eltern nicht benachrichtigt, sondern mich den YJŞ angeschlossen. Eineinhalb Jahre war ich in Ausbildung. Danach nahm ich politische Aufgaben wahr. Wir gingen in Şengal von Haus zu Haus. Dabei traf ich auch auf meine Familie. Als sie mich sahen, waren sie einerseits sehr froh, andererseits aber auch sehr verärgert. Wir umarmten uns und weinten stundenlang.”

“Da drüben!”

Ich frage Hêzda: “Erkennst du die Orte wieder, wo du gefangen warst?” Um eine Antwort zu geben, steht sie auf und schaut um sich: “Hier ist das Sînaa-Viertel.” Sie zeigt auf ein Gebäude mit rotem Ziegeldach rechts von uns: “Da drüben, in den Keller dieser Schule haben sie uns zuerst gesteckt, damit niemand abhaut. Nur die IS-Leute kannten diesen Ort. Am Morgen holten sie uns raus und führten uns herum. Die Emire und die einfachen IS-Leute kamen und nahmen sich die Frauen, die ihnen gefielen. Die Ersten unter uns wurden einfach verschenkt. Die anderen wurden dann verkauft. Diese Schule mit  ihrer Umgebung wurde zu einem Markt umgewandelt. Und jetzt befreien wir die Orte, wo wir als Sklavinnen gehalten wurden. Unsere Stellung hier liegt an den historischen Stadtmauern. Wir verteidigen das Mauertor. Der Ort, den sie als Sklavenmarkt benutzten, liegt zu unserer Rechten. Dorthin haben wir eine militärische Operation durchgeführt. Er ist jetzt unter unserer Kontrolle.”

 

Nazım Daştan, Dihaber /Rakka, 20.7.2017

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