Frauenkommandantin Rakka: Uns geht es nicht nur um Eroberung von Land

ANF-Korrespondentin Hîvda Hebûn aus Rakka, 14.7.2017
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Clara Rakka stammt selbst aus der Stadt Rakka. Heute ist sie Kommandantin der SDK (Syrischen Demokratischen Kräfte) und der YPJ (Frauenverteidigungseinheiten) an der Front von Rakka. Sie beantwortet die Fragen der ANF-Korrespondentin zur Rolle der Frauen im Krieg.Sie sind in Rakka geboren und aufgewachsen. Wie war die Stadt vor dem Krieg?

 Rakka nimmt eine strategische Lage am Ufer des Euphrat ein. Aufgrund des Staudammms (von Tabqa) und der wirtschaftlichen Möglichkeiten, der Entwicklung in der Landwirtschaft und der Industrie sind viele Menschen zugewandert. Auch meine Familie ist aus ökonomischen Gründen hierher gekommen. Hier bin ich geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Bis zum Ausbruch des sogenannten Arabischen Frühlings lebten wir dort. Als der Krieg begann, mussten meine Leute, da sie Kurden waren, Rakka verlassen. Sie siedelten um in ein Dorf bei Kobane.

Rakka wird vor allem von Arabern bevölkert. Dazu gibt es Kurden, Turkmenen und Aramäer. Im Grunde ist es ein Mosaik von Völkern.

Es gibt noch Bauwerke aus der Zeit des Sultans Saladin. Die Kalifen lebten hier und machten die Stadt zu ihrem Zentrum. Unter Harun Al-Raschid war es die Hauptstadt. Deshalb hat auch der IS sie zu seiner Hauptstadt erkoren, aus historischen Gründen. Für den IS war das eine heilige Stadt. Wie wichtig die derzeitige Offensive ist, das sieht die ganze Welt. Früher wurde bezweifelt, dass die SDK die Stadt einnehmen könnten. Und jetzt ist die SDK dabei, ins Zentrum der Stadt vorzudringen. Das kostete ungeheure Anstrengungen. Der Preis, der dafür bezahlt werden muss, ist sehr hoch und wird auch jetzt täglich von uns abverlangt. Wir haben schon viele Stadtteile und strategische Punkte besetzt. Das ist zweifellos von großer Bedeutung. Und dann ist es absolut nicht selbstverständlich, als Frau an diesem Krieg teilzunehmen, ja diesen Krieg anzuführen. Das hat eine große Bedeutung.

Welche Bedeutung? Und welche Gefühle hegen Sie dabei?

 Die Stadt war zu einer Art Marktplatz geworden. Die Frauen waren Folterungen unterworfen, wie man sie sich gar nicht vorstellen kann. Auf offener Straße wurden sie ermordet; sie wurden verkauft, gefoltert, in ihren Häusern gefangen gehalten. Und jetzt läuft die Offensive unter Führung von Frauen. Viele hochgeschätzte Genossinnen haben sich ganz bewußt in dieser Offensive engagiert, haben an diesem Krieg teilgenommen und sind gefallen. Hier wird für alle Frauen Rache genommen.

Jede Frau, die unter dieser Gewaltherrschaft lebte, hat ihre eigenen, sehr schmerzhafte Geschichte. Wir, die wir die Grausamkeiten am eigenen Leib erlebten, spüren das noch tiefer. Wenn Menschen das als Zeugen miterleben und mit eigenen Augen sehen, dann entwickeln sie einen unwiderstehlichen Zorn, Rache zu nehmen. Dazu noch an einem Ort, wo du geboren und aufgewachsen bist, wenn du ihn dann mit den eigenen Händen unter größten Mühen und Opfern befreist, dann wirst du von ganz persönlichen Gefühlen überwältigt. Aber von dieser persönlichen Seite rede ich nicht. “Die Befreiung einer jeden Frau bedeutet so viel wie die Befreiung eines Landes.” Unter diesem Leitspruch haben wir angefangen. Als YPJ sehen wir unsere Führungsmission darin, im Mittleren Osten und in der ganzen Welt das Selbstvertrauen und die Persönlichkeit der Frau sicherzustellen.

Unter den arabischen Frauen gab es auch etliche, die dem IS starken Widerstand geleistet haben. Könnten Sie uns Beispiele geben, welches Echo die YPJ unter den arabischen Frauen finden?

 Es gab in Rakka Frauen, die dem IS großen Widerstand entgegensetzten. Eine davon ist die Araberin Henna. Obwohl ihre vier Kinder vor ihren Augen getötet wurden, ist sie vor dem IS nicht in die Knie gegangen und hat dessen Willen nicht nachgegeben. Sie war nur eine Mutter und Hausfrau, aber sie wurde zum Symbol für den Kampf um ihr eigenes Land und ihre Würde. In dem Streit um den Widerstand von Henna hat der IS, hat seine ganze Denkweise eine Niederlage erlitten. Henna’s Haltung zeigt, welchen Grad das Freiheits-Bewußtsein erreicht hat. Sicherlich hat der Kampf, den die YPJ seit Jahren in Rojava und Syrien führen, allen Frauen in Syrien und im ganzen Mittleren Osten Kraft, Zuversicht und Hoffnung gegeben.

Warum bezeichnen Sie die Rakka-Offensive als Offensive der Frauen, und welches ist Ihre persönliche Mission dabei?
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 Uns geht es nicht nur um die Eroberung von Landfläche. Auch bei dieser Offensive haben wir eine freie, bewußte, gleiche und demokratische Gesellschaft zum Ziel. Und unsere Offensive ist zumindest ein erster Schritt in diese Richtung. Auch jede arabische Frau, der das klar wird, will mitmachen. Sie ruft bei diesen Menschen, die seit Jahren unter grausamer Willkür gelebt haben, Erstaunen hervor, wenn sie Frauen sehen, die Krieg führen und Widerstand leisten. Denn die Gesellschaft hat erlebt, dass jeglicher eigenständiger Wille gebrochen wurde. Sie war wie ein auf Beinen stehender Toter. Jetzt braucht es riesige Anstrengungen. Jetzt muss alles Nötige in Angriff genommen werden, was sie zu einer demokratisch bewußten, moralischen und politischen Gesellschaft macht. Sowohl die YPJ als auch die SDK sind voll in diesem Kampf engagiert.

Bei der Rakka-Offensive bilden die Frauen im Gegensatz zu den anderen Offensiven die Koordination und das Gehirn des Krieges. Wie ist diese Entwicklung zu interpretieren, diese Militarisierung der Frau?

 Als YPJ haben wir sehr große Erfahrungen gesammelt. Und viele Genossinnen haben sich heldenhaft geopfert. Alle Schwierigkeiten verwandelten sich in gemeinsame Erfahrung. In den Fragen der Taktik wurden wir zum Gehirn des Krieges. Mit den alltäglichen Problemen umzugehen, das Volk nicht aus den Augen zu verlieren und die Werte und Würde des Volkes zu schützen, das alles machen die Frauen besser als die Männer. Die Frau kennt ihre historische Mission, und die erfüllt sie fest entschlossen und mit grossem Kriegs-Geschick. Die YPJ nahmen an allen Kriegen und Offensiven in Rojava aktiven Anteil. Sie stellten ihre Fertigkeiten sowohl in der Kriegskunst als auch auf Kommando-Ebene unter Beweis.

Wenn du im Krieg bist als Kommandantin, dann siehst du alles und erlebst alles mit. Hier lernst du sowohl die Kriegskunstals auch das Bewußtsein für den Krieg. Das entwickelt bei dir ein Kriegshirn, einen Kriegssinn. Wenn das Kriegsgeschehen sich verdichtet, sammelst du am meisten Erfahrung sowohl in taktischen Fragen als auch bei der Aufstellung der Kriegsstrategie.

Sie haben angesprochen, dass die YPJ in den vorherigen Phasen der Rakka-Offensive auch als Kontrollkraft fungierte. Könnten Sie das näher ausführen?

 Innerhalb der SDK gibt es unterschiedliche Kräfte. Der Krieg ist ein ganz anderer Zustand (als der Frieden). Im Krieg ist nur sehr schwer herauszufinden, was wann sein wird. Die Lage entwickelt und ändert sich von einem Augenblick zum anderen. Und dauernd pfeifen Geschosse, knallen Explosionen, gibt es Tote… Neben dir fällt ein Kriegskamerad, und wenn du dem keinen Sinn geben kannst, kriegst du die Krise. Die Philosophie der YPJ, nämlich sich als eine Kraft zu verstehen, welche die Werte der Frau schützt und entwickelt, ermöglicht ihr, an der Front als Kontrollkraft zu wirken. Wie oft kämpften wir zusammen mit unseren arabischen Kameraden in einer Stellung. Manchmal kam es vor, dass sie die Stellung verlassen wollten. Aber dass die Frauen, die an ihrer Seite kämpften, die Stellung nicht verließen und vielleicht fielen, hat auf sie einen großen Eindruck gemacht. Das hat bei ihnen die Kampfentschlossenheit gewaltig gestärkt.

Wenn wir in diesem Krieg engagiert sind, haben wir immer den kompromißlosen Schutz der moralischen Werte des Krieges und der humanitären Werte vor Augen. Vielleicht dass die männlichen Kämpfer Augenblicke erleben, wo sie das nicht so genau nehmen, wo sie nicht so sehr darauf achten. Aber jede Frau in unseren Einheiten wirkt gleichzeitig als Kontroll-Instanz in der Einheit. Jede Kämpferin engagiert sich ganz bewußt in dieser Hinsicht.

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