Die kurdische Revolution erfasst die arabischen Frauen

Internet-Zeitung “Umut” (Hoffung) vom 29.06.2017:
arabicwoman
Der Journalist Nabi Kımran interviewte zwei Kämpferinnen der BÖG (Vereinigte Freiheits – Kräfte), Aynur und Bilhak, beide aus Thrakien (europäische Türkei), die ihr Studium abbrachen, über ihre Erfahrungen in Nordsyrien. Auszüge:

Nabi Kımran:

Wie wird denn in den Gegenden von Rojava aufgenommen, dass junge türkische Frauen wie ihr dort als Guerillas, als Kämpferinnen präsent sind, junge Leute mit ganz anderen Lebensgewohnheiten, mit einer ganz anderen Kultur wie z.B. Anarchisten mit langen Haaren? Welche Auswirkungen hat das ?

Aynur:

Also wir (in unseren Uniformen) treffen uns mit Frauen, die jünger sind als wir und schon 3 bis 4 Kinder haben. Uns kommen die komisch vor, und wir kommen ihnen komisch vor. Sie fragen: “Bist du nicht verheiratet? Wieso bist du nicht bei deinen Eltern? Rufst du ihnen an?” Das wundert sie schon. Aber befremdlich finden sie das nicht. Wir merken, dass sie eigentlich auch so leben möchten. Wie sie uns grüssen, wie sie uns anschauen – da sieht man es. Auch gegenüber ihren Männern, gegenüber den männlichen Verwandten im Hause ändert sich ihre Haltung, ihr Benehmen. Wenn wir beieinander sitzen und uns unterhalten, dann ist es so, als wären die Männer nicht da – die halten sich sowieso schüchtern zurück. Für uns ist entscheidend, dass wir Frauen sind, dass wir uns unter Frauen unterhalten, selbst wenn wir ihre Sprache nicht verstehen (wir beide verstehen nur wenig Kurdisch und noch weniger Arabisch). Wir haben eine gemeinsame Sprache mit den Frauen, wirklich.

Frauen, die älter sind als wir, verhalten sich, als ob sie unsere Mütter wären, ganz im Ernst. Und das nicht nur die Mütter von Gefallenen; von denen gibt es so viele hier, vor denen kann man sich nicht retten. Beim Kommen und beim Gehen umarmen und küssen sie uns, wecken so ein Sehnsuchtsgefühl… Das ist einfach ein Aspekt unserer Tätigkeit. Ausser den Dorffrauen haben wir   unsere Mutter Meryem. Sie sagt, ich bin eure Mutter, und wir sagen, du bist sowohl unsere Mutter als auch unsere Kommandantin. Im Grunde fühlen wir, dass wir Teil der Frauern in der ganzern Welt sind. Wir können uns ganz leicht und einfach mit ihnen verstehen und verständigen.

Nabi Kımran:

Ich kann mir vorstellen, dass das ihr Leben ziemlich erschüttert, wenn sie euch so bei ihnen sitzen sehen, sowohl als Kriegerinnen als auch als junge Menschen, die für ihre Befreiung kämpfen. Ändert das nicht ihr zukünftiges Verhalten?

Aynur: Schau, sie erzählen uns, wie schön es in Syrien früher war, vor dem Krieg, wie sehr sie ihr Land, ihre Heimat lieben. Und doch nehmen sie erstaunt zur Kenntnis, vor allem die arabischen Frauen, dass sich was Entscheidendes verändert hat, dass sich Frauen dem bewaffnete Kampf anschliessen. Es sind immer mehr Frauen an der Front zu sehen, und auch ein regelrechter Schub an arabischen Frauen. Ja, wirklich, sie machen mit. Nicht nur vorübergehend, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen, im politischen und im militärischen Bereich, mit Herz und Seele sind sie dabei. Und sie muntern alle Frauen auf, die nicht teilnehmen, die noch zögern. Im Endeffekt haben sie es fertiggebracht, zu Subjekten der Revolution zu werden. Aufgrund eigener Anstrengungen. Sicher haben die Perspektiven, die sie erhalten haben, eine Rolle gespielt, aber die eigenen Anstrengungen spielen eine grosse Rolle. Dass der IS zurückgeschlagen worden ist, das ist zum grossen Teil den Frauen zu verdanken. Frauen an vorderster Front! Ohne etwas dafür zu kriegen! Alle Frauen im Hinterland haben das mitverfolgt. Und sie konnten nur beten für uns.

Nabi Kımran:

Wie hat sich das Leben der Leute verändert? Was bedeutet für sie der Krieg, die Revolution? Verbrüderung zwischen Arabern und Kurden, die Frage der Aramäer, der Christen…?

Bilhak: Also, man kann nicht sagen, dass es unter dem Assad-Regime keine Solidarität zwischen den Völkern gab. Seit urdenklichen Zeiten leben doch die Kurden, Türken, Araber, Armenier und Aramäer hier hier friedlich miteinander. Uns wurde zum Beispiel eine wahre Begebenheit erzählt aus dem Dorf, in dem wir uns jetzt befinden, von der Familie Dürzi. Als der IS kam, haben Spitzel ihm verraten, dass die Familie Dürzi ungläubig ist. Die IS-Banditen kamen, um die Mädchen der Familie zu entführen und die anderen zu ermorden. Da liefen die arabischen Familien zusammen, stellten sich dazwischen und sagten: “Die sind doch zum Islam übergetreten! Das sind keine Ungläubigen!” Sie nahmen die Mädchen wieder zu sich, beschützten die übrigen Familienmitglieder und bestimmten: “Tut denen nichts an, das sind Moslems, das dürft ihr nicht!” Und die IS-Banditen zogen wieder ab. Auf mich hat die Geschichte einen großen Eindruck gemacht. Was für eine Courage die haben, wie die sich für einander eingesetzt haben!

Und was die Unterdrückung der Frauen und die Diskriminierung der Kurden angeht, so war die Situation unter Assad auch nicht so verschieden von der unter dem IS. Die Kurden kriegten keinen Personalausweis, keine Staatsbürgerrechte. Was für sie nicht alles verboten war! Sie durften nicht einmal Häuser mit 2 Stockwerken bauen.

Was die Frauen angeht, so wurde ihre Lage beim IS doch schlimmer. Die hatten kein Leben mehr. Das kann man nicht “Leben” nennen. Sie konnten nur noch ein- und ausatmen. Sie durften zum Beispiel nicht alleine aus dem Haus gehen. Sie durften nicht nur nicht gesehen, sie durften auch nicht gehört werden: Die Frauenstimme durfte nicht nach draußen dringen! Sie durfte nicht ihren Mann rufen; kein anderer Mann durfte ihre Stimme hören. Die Frau fegte die Wohnung, aber der Mann trug den Abfall nach draußen.

Die Frau lebte wie im Gefängnis. Tatsächlich sind die Häuser ja gebaut wie Gefängnisse, mit einer Mauer drum herum, und die Frauen können sich nur innerhalb der Mauer bewegen. Das kann man wirklich nicht “leben” nennen. Ich muss sagen, als wir hierher kamen, sahen wir trotz aller Unterschiede, dass es kulturell doch ziemlich viele Ähnlichkeiten mit unserer Familienstruktur gibt. Aber trotz aller Unterschiede und trotz der Sprachschwierigkeiten nimmt uns das Volk hier in seinen Schoß auf. Weil es die Gefangenschaft erlebt hat, und weil es weiß, was Freiheit ist, wie wertvoll dieser Begriff, dieser Sinn ist.

Ich bin zum Beispiel Chauffeur in unserem Bataillon. Das habe ich auch im Quartier gemacht. Ich bin von Statur her nicht sehr groß. Deswegen finden manche das komisch. Wie kann eine Frau ein Auto fahren, wie kann eine Frau sich so frei überall hin begeben. Das verstehen sie nicht und schauen mich lange, lange an. Mir ist klar, dass sie sowas überhaupt nicht gewohnt sind und dass sie eigentlich das selber auch so machen möchten. Ich habe eine Frau auf dem Moped fahren gesehen, und das hat mich regelrecht glücklich gemacht. Ein wunderbares Gefühl

Schaue ich in die Vergangenheit, wie man früher gelebt hat, und vergleiche ich es, wie man jetzt lebt, dann sticht der große Unterschied ins Auge. Diese Frauen kommen aus der Türkei, aus Nord-Kurdistan, aus Ost-Kurdistan, aus allen möglichen Gegenden, und nehmen am Kampf teil. Aber dass die Frauen von hier in den Reihen der YPJ sich engagieren, das hat noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Diese Frauen wollen nicht nur den IS beämpfen, sie bekämpfen gleichzeitig die Unterdrückung, die sie in ihrer Familie erlebt haben. Sie lösen sich von der Lage, in der ihnen der Hals zugeschnürt war, wenn sie sich der YPJ anschließen.

Das ist gleichzeitig eine persönliche Befreiung der Frau. Wenn ihre Familie sie zum Beispiel zu einer Heirat zwingen will, ist es ein Akt iher Befreiung, wenn sie zur YPJ geht. Die Familie will sie zu einem anderen Leben zwingen, und davor rettet sie sich. In diesem Sinne ist die YPJ nicht nur für die Araberinnen, Kurdinnen oder anderen Frauen des Mittleren Ostens, sondern für die Frauen der ganzen Welt immer mehr zu einer Organistion geworden, die wie ein Fanal aufleuchtet. Sie zeigt den Frauen, was sie machen können, wie sie sich befreien können.

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