Schlusserklärung vom 2. Kongress des Volksrates von Şengal


ANHA / Şengal (Nordirak), 1.6.2017
Şengal 3
Der Konstituierende Rat von Şengal hielt am 30. und 31. Mai seinen 2. Kongreß ab. Er fand statt in den Şengal-Bergen im Beisein von 400 Êzidî als Delegierte sowie als Gäste aus Europa, aus Rojava und aus vielen verschiedenen Gegenden. Es wurden wichtige Beschlüsse zur Zukunft des Volkes von Şengal gefasst, und es wurde ein neuer Rat von 101 Mitgliedern gewählt.

Doppelspitze: Frauen auf jeder Ebene

Nachdem in den Dörfern und Kreisen Kommunen organisiert wurden, ging es nun um die Schaffung des Konstituierenden Rates von Şengal. Der Kongress hat sich für das System der Doppelspitze (eine Frau – ein Mann) entschieden. Er hat beschlossen, dem Willen der Frauen von Şengal, die großartige Anstrengungen unternommen und heldenhaft Widerstand geleistet haben, die gebührende Vertretung zuzuerkennen. Deshalb wird auf allen Ebenen der zu schaffenden Kommunen und Räten von jetzt an das System der Doppelspitze verwirklicht.
Şengal
In den zwei Jahren seiner Arbeit hat der Konstituierende Rat seine Aufgabe erfüllt und sich nun als Rat des Autonomen Demokratischen Şengals neu organisiert. Dieser 2. Kongress hat neue Methoden angewandt und sich vorgenommen, seine Aufgaben und Verantwortlichkeiten in breiterem Umfang in Angriff zu nehmen. Die Unzulänglichkeiten, welche auf dem 1. Kongreß aufgrund der schwierigen Bedingungen in den Şengal-Bergen aufgetreten waren, konnten überwunden werden; jetzt geht man auf der Demokratischen Autonomie als fester Grundlage aufbauend weiter. Der neue Rat versteht sich als verantwortlicher Verhandlungspartner für die nationalen Institutionen (des Irak) und für die Besatzungskräfte.

Die Autonomie von Şengal muss respektiert werden

Entsprechend dem Auftrag des Kongresses wird der Rat in naher Zukunft einen Exekutivausschuss bilden. Gleichzeitig wird unser Rat in kurzer Zeit zur Lösung der Probleme, welche die Êzidî in Şengal haben, Projekte ausarbeiten und der Öffentlichkeit vorstellen. Der Kongress muss die Rechte der Êzidî sichern und auf eine gemeinsame politische und diplomatische Perspektive für die Êzidî hinarbeiten. Er setzt sich dafür ein, dass dem Volk von Şengal ein Statut zuerkannt und für die Anerkennung der Demokratischen Autonomie von Şengal und den Êzidî eine dauerhaft Lösung gefunden wird.

Aufruf zu einem gemeinsamen Oberbefehl

Von Anfang an erklärten wir uns offen, mit der irakischen sowie der (kurdischen Regional-) Regierung und allen Parteien Gespräche zu führen. Ein weiteres Problem, dessen sich der Kongress annahm, war, dass zur Vermeidung von Zwietracht sämtliche Organe, Vereine und Organisationen, die sich um die Sache der Êzidî kümmern, ohne jegliche Diskriminierung vom Rat anerkannt werden. Jede (bewaffnete) Kraft und Gruppe, die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Êzidî zu schützen, wird von unserem Kongress anerkannt und dazu aufgerufen, sich unter einen gemeinsamen Oberbefehl zu stellen. Zu diesem Zweck hat der Kongress den Rat beauftragt, die Initiative zu gemeinsamen Bemühungen zu ergreifen und eine aktive Rolle zu übernehmen.

Unser Kongress nimmt alle Anstrengungen wichtig, die Einheit und Solidarität der Êzidî zu entwickeln, und unterstützt sie. Grundlage sind auch die Organisationen der Êzidî in der Diaspora, die gemäß der Perspektiven, wie sie auf diesem stattgefunden Kongress beschlossen wurden, arbeiten, und insbesondere der Êzidî-Rat von Berlin, der diesem Kongress seine Unterstützung zugesagt, sich selbst als Teil davon definiert und seine Verantwortung im Rahmen des Gründungskongresses von Şengal übernommen hat.

Den barbarischen Völkermord überall bekannt machen

Für die Einheit und die Zukunft der Êzidî-Gesellschaft rufen wir alle Parteien, Familien und Stämme (der Êzidî) auf, unabhängig von ihren politischen und parteiischen Ansichten, die Einheit der Êzidî-Gesellschaft als feste Grundlage ihrer Arbeit zu nehmen. Und wir rufen alle internationalen Organisationen auf, des (Jahrestags des) Völkermords von Şengal am 3. August 2014 zu gedenken.

Diejenigen, welche diesen Völkermord in die Wege leiteten und die ihn vollbrachten, müssen von internationalen Gerichten verurteilt werden. Die jahrtausendealte Kultur der Êzidî und ihr Glaube waren Dutzende Male dem Völkermord ausgesetzt und in Gefahr, vernichtet und ausradiert zu werden.

Unser Kongress richtet einen Aufruf an die internationalen Organisationen, Maßnahmen zu treffen, um den Glauben und die kulturellen Werte der Êzidî zu schützen. Nach dem Völkermord hat die Êzidî-Gesellschaft ihre Selbstverwaltung praktisch in die Hand genommen und die nötigen Beschlüsse gefasst, damit ihr das Statut der Demokratischen Autonomie auf internationaler Ebene zuerkannt wird und die zuständigen Regierungen dies entsprechend in ihren Verfassungen garantieren.

Unterstützung sichern

Nach dem letzten Völkermord sind die Êzidî in alle vier Richtungen auf der Welt zerstreut. Um den Êzidî die Rückkehr in ihr Land zu ermöglichen und dort ein sicheres Leben zu garantieren, muss der Neuaufbau in Şengal die notwendige Unterstützung finden. Ansprechpartner für diese Unterstützung sind weder die regionale Regierung noch die irakische Regierung. Damit die regionale Regierung nicht die Hilfe zu ihrem eigenen Vorteil abzweigt, müssen über die internationalen Nichtregierungsorganisationen örtliche Ansprechpartner gefunden werden.

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