Ilham Ehmed: Rußland droht den Kurden mit der Türkei

ANHA / 31.05.2017

Die Ko-Vorsitzende des Rates Demokratisches Syrien, Îlham Ehmed, gab bekannt, dass die Türkei, da sie von den USA keine Unterstützung für einen Angriff auf Rojava bekommt, sich Rußland annähert, und dass Rußland den Kurden damit gedroht hat, dass die Türkei sie angreift.
ilham ehmed
In einem Interview mit der Zeitung “Özgürlükçü Demokrasi” sagte sie, die Russen machen einen historischen Fehler, wenn sie die Kurden zwingen, sich zwischen dem Baath-Regime und einem Angriff der Türkei zu entscheiden.

“In den letzten zwei Tagen läßt Rußland verlautbaren, dass es Verdächtigungen gegenüber den “Kräften des Demokratischen Syrien” (KDS) gäbe. Einerseits würden die USA die Kurden für ihre eigenen Interessen einsetzen, andererseits würden die Kurden wegen ihrer Haltung zur Türkei die Sicherheit in Nordsyrien gefährden. Der letzte Vorwurf ist, die KDS hätten mit dem IS vereinbart, ihm Tadmur (Palmyra) zu überlassen. Das kann man so lesen: “Wenn ihr eure Regionen nicht dem Regime (Damaskus) öffnet, dann wird die Türkei losschlagen, und wir können nichts tun”. Das heißt, es wird mit der Türkei gedroht. Man weiß ja, dass die USA auf die Wünsche des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan nicht eingeht und der sich der Achse Rußland – Iran annähert.

Sowieso will der Iran die Linie zwischen dem Irak und Syrien unter Kontrolle nehmen, und dagegen stehen die USA. In den letzten Tagen sind die Kurden verschiedenen Drohungen ausgesetzt. Zum Beispiel Drohungen, als wären sie in den Deir Ez-Zor, dabei sind sie dort gar nicht. Die Türkei will mit einer Truppe, die sie aus Kontras und Agenten aufgestellt hat, Rojava angreifen. Rußland hat davon Wind bekommen und behauptet nun, “die Sicherheit in Nordsyrien wird kaputt gemacht”. Die Türkei sieht, dass sie nicht in Idlib einmarschieren darf, und stellt nun die Besetzung von Afrin auf die Tagesordnung. So entsteht eine gefährlich Lage. Wenn Rußland vor diesen Schachzügen der Türkei die Augen verschließt, dann macht es einen Kardinalfehler in Syrien. Die Kurden dem Regime zu verpflichten, wäre eine Grobheit und Brutalität von historischem Ausmaß. Kurdenfeindschaft ist in diesem Jahrhundert fehl am Platze; da sollten die Russen ihre Finger lieber ganz von Mittleren Osten lassen.

Der Iran und die Türkei vertreten weiterhin die Linie des Nationalstates wie bisher. Einerseits schmiedet die Türkei an Bündnissen gegen die Kurden, andererseits verbreitet sie das Gerücht, die Kurden würden mit dem Iran zusammenarbeiten. Um sich in der Gegend einzunisten, spielt sie damit, die Grenzen aufzuweichen. Zum Beispiel verschiebt sie im (von ihr besetzten Teil von) Şehba die demographischen Gegebenheiten (Kurden werden vertrieben, dafür Turkmenen angesiedelt). Tausende von Leuten werden von Haus und Hof weg ins Exil gezwungen, und an ihre Stellen werden Migranten aus anderen Gegenden angesiedelt. So sind die Türken in Cerablus und El-Bab vorgegangen, und das gleiche wollten sie in (der Provinz) Idlib machen. Aber man sieht, dass es hier nicht geklappt hat.

Das syrische Regime glaubt immer noch, jeder Fußbreit des syrischen Bodens würde noch unter seiner Herrschaft stehen. Ganz so geht es vor. Statt die Veränderungen zur Kenntnis zu nehmen, tut es so, als bestünde noch die alte, die Vorkriegs-Situation. Im Grunde sieht es ein, dass es nicht mehr soviel Kraft hat wie früher, aber im psychologischen Krieg behauptet es immer noch, es hätte noch die Herrschaft und müßte zu allem seine Zustimmung geben. In dieser Hinsicht stützt es sich auf kurdische Parteien, die nach außen hin gegen Assad auftreten, in Wirklichkeit aber gegen die demokratische Autonomie-Verwaltung sind. Diese Parteien setzen alles dran, um die Revolution anzuschwärzen und zwischen den Völkern und Konfessionen Zwietracht zu sähen. Sie wollen nur eines, dass das Volk sich nicht mehr für die Revolution begeistert.

Nun intensivieren sich die Kämpfe um Rakka, und der Tag der Befreiung naht  für die Stadt. Die Hoffnung der Türkei, die Operation gegen Rakka anzuführen, hat sich zerschlagen, und sie versucht nun, ihre Energie auf andere Felder zu leiten. Sie hat eingesehen, dass sie ihre Kraft nicht wie gewollt auf dem syrischen Schlachtfeld investieren kann. Die Positionen schälen sich allmählich klarer heraus: welche Kraft wo in Stellung geht. Aber der Iran wird noch als ungeliebter Gast gesehen. Auch das wird sich in der kommenden Phase klären. Die KDP (Barzanis) hätten gerne in Rojava mitgespielt. Das geht halt nicht, weil die Kräfte, an die sie sich lehnt, ein falsches Spiel treiben, und weil ihre eigenen Truppen nicht so stark sind. Obwohl sie nicht zum Ziele kam, beharrte sie auf ihren Fehlern und nimmt weiter gegen Rojava Stellung. Genauso wie die Türkei.

Dass die USA der YPG schwere Waffen lieferte, hat einige Kräfteverhältnisse und Bündnisse in dieser Region durcheinander gebracht. Die USA schätzen die regionale Lage besser ein und wollen ihre Verbündeten stärken. Die Türkei zeigte, dass sie das nicht akzeptieren kann. Sie war davon ausgegangen, dass es unwahrscheinlich ist, dass ihre Verständigung mit den USA so ohne weiteres zerstört werden kann. Sie beschuldigt die USA, “die PKK zu unterstützen”. Aber der US-Präsident Donald Trump hat auf der Pressekonferenz mit Erdoğan offen gesagt, dass er “gegen den IS und gegen die PKK die Türkei unterstützt”.

Dass er diese beiden Namen auf die gleiche Ebene stellte, hat bei vielen Kurden einige Unruhe hervorgerufen. Denn die PKK hat im Krieg gegen den IS den Kurden in Rojava große Unterstützung zukommen lasssen. Und sie rettete die Êzidî-Kurden vor der Ausrottung. Der IS sieht in der PKK seinen größten Feind. Deshalb können die Kurden auf keinen Fall hinnehmen, dass die PKK mit dem IS auf die gleiche Stufe gestellt wird.“

 

 

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