Zwischen Bombardement und Fussballtunier – Leben in Sengal

“Wie ist die Lage?”, fragt mich eine Freundin am Telefon. Wir sind zusammen nach Rojava gekommen, sie ist dort geblieben, ich bin nach Sengal aufgebrochen. “Gut. Alles ruhig”, antworte ich, “Besuch kam, wir haben Volleyball gespielt und unseren beiden Hundewelpen gehts super”, nach kurzem zoegern fuege ich hinzu, “aber man weisz ja nie, es ist immer wie die Ruhe vor dem Sturm. Eben noch ist alles ganz normal, das alltaegliche Leben laeuft, aber im Hinterkopf, im Unterbewusstsein, weiszt du immer, morgen kann alles anders sein.” Seit drei Monaten bin ich nun hier. Sengal – in den Medien vor nicht allzu langer Zeit viel besprochen, als Gebiet in dem DAESH besonders schwer gewuetet hat und einen Genozid begangen hat – am ganzen jezidischen Volk, aber besonders die Frauen waren Opfer und Ziel der Gewalt. Langsam erholen sich die Menschen, der Genozid ist noch lange nicht verkraftet und wird es vermutlich nie sein. Aber die Hoffnung beginnt wieder zu keimen, das Leben geht weiter, alles wird neu aufgebaut und waechst. Besonderns jetzt im Fruehling, wenn alles gruen wird und die Blumen wachsen, Felder angelegt, Gemuese und Baeume gepflanzt werden und mit der Sonne und den Sproesslingen kommt auch die Hoffnung immer mehr zum Vorschein.

Diese wird allerdings getruebt, durch die Erfahrung, die so tief sitzt, durch die Unsicherheit: wie lange die Ruhe dauern wird, wann wieder angegriffenwird und durch das heimliche Wissen, dass es wieder passieren wird, dass diese Ruhe nicht von Dauer ist. Ein paar Stunden nach unserem Gespraech am Telefon passiert es wieder. Es ist die Nacht von Montag, den 24. April auf Dienstag, den 25. April. Wir sind noch nicht lange schlafen gegangen als wir geweckt werden. Es ist kurz nach zwei Uhr und alle sind in Aufruhr. Was ist los, frage ich? Die Antowort ist kurz, aber pregnant “Bombabaran” – Bombenregen. Keine Minute dauert es bis droehnende Schlaege ertoenen und der Himmel aufleuchtet. In der Ferne, die doch so nah ist, oben auf dem Berg, sehen wir die Bomben einschlagen. Einmal, Zweimal. Der Stuetzpunkt der Verteidigungseinheiten (YBS – jezidische Volksverteidigungseinheiten Sengal) in Amud wurde getroffen. Einige Minuten spaeter ertoent das Droehnen der Flugzeuge wieder am Himmel. Nocheinmal ertoenen die Schlaege und nocheinmal ist der Himmel erleuchtet. Einmal, zweimal. Dann ist es wieder ruhig. Als waere nichts gewesen huellen sich die Berge und das Tal wieder in Dunkelheit und Schweigen. Aber diese Nacht wird niemand mehr schlafen. Eine Schwere liegt in der Luft, das Wissen, dass Menschen dort oben waren, dass Wissen, dass es passiert ist und doch zu hoffen, dass sich alle retten konnten. Viele Informationen sind diese Nacht im Umlauf, es ist von Toten die Rede, von Verwundeten, doch noch ist nichts klar, alles ist durcheinander. Im Morgengrauen machen sich die ersten Familien auf den Weg ins nahegelegene Krankenhaus, um Verletzte zu besuchen und Informationen zu bekommen. Als dann langsam die Voegel beginnen zu zwitschern, wie jeden Tag, die Sonne aufgeht und die Luft klar wird, wird auch klar was genau passiert ist. Drei Orte der YBS wurden getroffen und das Denkmal fuer Abdullah Oecalan und die in Sengal Gefallenen. Aber nicht nur die Haeuser sind in Schutt und Asche gelegt und in der Mitte des Denkmals ist ein groszes Loch zu sehen, dort wo die Bombe einschlug, auch wurden einige Menschen verletzt. Doch was alle besonders trifft, ein Junge aus einem der Camps im Tal ist bei dem Angriff ums Leben gekommen. Sifyan Casam war dreizehn Jahre alt und zu Besuch in einem der Haeuser der YBS, die bei dem Angriff komplett zerstoert wurden. Viele Menschen, die er kannte und lieb hatte sind bei den Einheiten und er kam ab und an, um sie zu besuchen. So auch an diesem Abend, aber anders als sonst, ging er am naechsten Tag nicht wieder nach Hause. Zu seiner Beerdigung am naechsten Tag kommen viele Menschen. Alle sind sehr betroffen und erschoepft von einer Nacht ohne Schlaf mit viel Angst und Sorge. Seine Mutter kommt nicht. Sie kann nicht kommen. Sie ist eine der vielen Frauen, die von DAESH verschleppt wurden und sich noch immer in deren Haenden befinden. Seine Schwester, die nicht viel aelter ist als er war, sitzt neben seinem Grab, heftige Schluchzer schuetteln sie, waehrend Traenen ueber ihr Gesicht rinnen. Auch die vielen Muetter, die gekommen sind, weinen und rufen, zu viele haben ihre Kinder verloren. Gut koennen sie den Schmerz nachempfinden, sie fuehlen ihn selbst jedes Mal wieder, denn jedes Kind ist eines zu viel, ob das eigene oder das einer der anderen Familien. “Glueck besser gesagt Ahnung war, dass nicht noch mehr passiert ist. Wir sind schon die ganze Zeit in Bereitschaft gewesen, allen war klar, dass die tuerkische Armee irgendwann wirklich angreifen wird”, sagt Ciya, eine junge Frau, die hier Jugendarbeiten macht, “anders sah das in Karacuk bei Derik in Rojava aus. Der Angriff kam ueberraschend und die Kaempfer*innen der YPG und YPJ konnten sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen.” 20 Menschen sind bei den Angriffen ums Leben gekommen, 18 Weitere sind verletzt. An diesem Dienstag, den 25. April, ist die Stimmung gedrueckt. Alle hier fragen sich, wann es endlich genug ist? Wann die Menschen hier genug gelitten haben? Die Antwort Erdogans ist wohl: noch lange nicht. Er hat grozse Plaene. Anspannung liegt in der Luft, ruhig schlafen werden die Menschen in Sengal die naechsten Naechte nicht. Was sich beim Lesen dieses Berichts vielleicht besonders ruehrselig anhoert, soll kein Mitleid erregen, es ist ein Versuch die Realitaet in der die Menschen hier leben zu schildern, greifbar zu machen und die Menschen, in Deutschland zum Handeln zu bewegen. Dazu zu bewegen, die politischen Umstaende und das kapitalistische System, die das Leben hier und an so vielen weiteren Orten der Welt so schwer machen, nicht mehr zu akzeptieren. Denn neben der Realitaet des Krieges zeigen Rojava und Sengal auch, dass eine andere Welt moeglich ist, wenn wir sie gemeinsam aufbauen und verteidigen. Und diese Hoffnung haelt hier alles am Laufen und so arbeiten heute alle wieder, an Alltaeglichem und daran ein neues Leben aufzubauen. Auch die Jugendarbeiten laufen weiter und das Fussballtunier, dessen Start fuer heute geplant war, beginnt. Zwei Spiele finden heute statt und ab dann jeden Tag, aber das sind erst die Vorrunden, das grozse Finale folgt dann in drei Wochen – hoffentlich.

Schreibe einen Kommentar