Die neuen Spielchen der Türkei in Syrien


Seyit Evran, Firatnews, 04.04.2017

Recep Tayyip Erdoğan und seine AKP schmieden derzeit neue Pläne für Syrien, Nordsyrien und Rojava. In den vergangenen Tagen war immer wieder die Rede davon, die für abgeschlossen erklärte Euphrat-Shield Operation unter einem neuen Namen möglicherweise fortzusetzen. Eingebunden in diese Pläne sind auch die USA. Doch während die Türkei von neuem anfängt ihre Syrienpläne mit den USA zu entwerfen, leiden hierunter zeitgleich die Beziehungen zu Russland.  Zudem beschleunigt die Türkei derzeit ihre Politik des demographischen Wandels in der Shehba Region in Nordsyrien.

Eine neue Front gegen Russland

In den vergangenen Tagen hatte die Türkei ihre Besatzungsoperation im Norden Syriens, die sogenannte Operation „Euphrat-Shield“, für beendet erklärt. Ausschlaggebend für die Erklärung dürfte der internationale Druck auf die türkische Regierung gewesen sein, der vor allem von Russland, den USA und dem Iran ausging. Doch trotz dessen, dass der Einsatz für beendet erklärt worden ist, hält die Besatzung von Städten wie  Cerablus (Dscharablus), al-Rai, Azaz, Soran, Dabik, Exterin und al-Bab durch das türkische Militär weiter an. Zudem verkündete der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım, dass die Operation womöglich unter einem anderen Namen fortgesetzt werden könnte. Und gestern erklärte Staatspräsident Erdoğan schließlich, dass bislang die erste Etappe von Euphrat-Shield abgeschlossen worden sei und die Operation fortgesetzt werde.

Diese zum Teil widersprüchlichen Erklärungen aus den Mündern der türkischen Staatsvertreter werden zugleich von einigen praktischen Schritten begleitet. So wurde nach dem Gespräch des türkischem Verteidigungsministers Fikri Işık mit seinem Amtskollegen aus den USA im vergangenen Monat deutlich, dass gewisse Schritte zur Fortführung der Besatzung Syriens eingeleitet worden sind. Nach diesem Zusammenkommen wurde an zahlreiche zersplitterte bewaffnete Gruppierungen in Syrien, die vor allem in den Regionen Idlib, Hama, Homs, Latakia und Aleppo aktiv sind, die Botschaft vermittelt, dass sie sich unter einem Dach wiederfinden sollten. Es werde eine stärkere militärische Aktivität von diesen Gruppen erwartet. Nur sechs Stunden nach Entsendung dieser Botschaft haben zwölf Gruppe aus Hama, Homs, Latakia und Aleppo erklärt, dass sie eine Dachorganisation gegründet haben und fortan gemeinsam agieren werden. Teil dieses Zusammenschlusses sind Gruppen wie die Freie Armee von Idlib, die Jaysh al-Izza, Jaysh al-Nasir, Jaysh al-Nuhbe, die 23. Division, sowie zwei turkmenische Brigaden.

Die USA hatte zuvor den syrischen Oppositionellen gedroht, dass man die Unterstützung für sie einstellen werde, wenn die genannten Gruppierungen sich nicht zusammenschließen können. Dass nun ein solcher Zusammenschluss kurz nach den Gesprächen zwischen der Türkei und den USA zustande kommt, deutet darauf hin, dass die AKP wieder verstärkt auf die USA im Syrienkonflikt setzen wird und ihre Pläne gegen das Assad-Regime nicht ad-acta gelegt hat.

Die turkmenischen Brigaden, die Teil des neuen Zusammenschlusses sind, haben ihr Zentrum in Latakia. Im Jahr 2015 hatten diese Gruppen in einer Region, die sich der turkmenische Berg nennt, mit Unterstützung aus der Türkei eine Operation gegen die syrischen Regimekräfte gestartet. Im Rahmen dieser Angriffe wurde dann im November 2015 eben der russische Jet abgeschossen, dessen Pilot anschließend durch einen Anführer der turkmenischen Brigaden ermordet wurde. Die aktuellen Entwicklungen machen deutlich, dass die Türkei das, was sie sich für Syrien erhofft hatte, im Bündnis mit Moskau nicht erzielen konnte, weswegen sie nun abermals die Fronten wechselt und auf der Seite der USA ihren Platz gegen das Bündnis Russland-Iran-Syrien einzunehmen versucht.

Angriffe auf Damaskus, Hama und Homs sind Teil des neuen Bündnisses

Die beschriebenen Schritte nach dem letzten Zusammentreffen der beiden Verteidigungsminister haben zu gewissen Ergebnissen geführt. So hat dieser Zusammenschluss der verschiedenen bewaffneten Gruppen bereits seinen Platz in den Kämpfen in Damaskus, Hama und Homs eingenommen. Sie kämpfen dort Seite an Seite mit den islamistischen Gruppen der al-Nusra Front und Ahrar al-Sham gegen die Regimekräfte. Dieser Krieg gegen das syrische Regime kommt zugleich gewissermaßen einer Kriegserklärung gegen Russland gleich. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kämpfe sich noch ausweiten und auch auf Städte wie Latakia übergreifen. Manch einer wertet die neuerlichen Kampfhandlungen auch als den Versuch, die Region Idlib, die unter der Kontrolle der Oppositionellen steht, vor einem Angriff der Regimekräfte zu schützen,

Verfolgen die USA und die Türkei nun dieselben Ziele?

Mit dem Zusammenschluss der oppositionellen Gruppen im syrischen Bürgerkrieg verfolgen die USA und die Türkei zwei unterschiedliche Ziele. Die USA zielt darauf auf, neben der militärischen Zusammenarbeit mit den Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) beim Kampf gegen den IS einen zweiten militärischen Partner in Syrien zu etablieren. Sie will die Zusammenarbeit mit beiden Gruppen parallel führen. So soll gewährleistet werden, dass von Derik im Osten bis nach Idlib im Westen ein zusammenhängendes Gebiet im Norden Syriens unter der Kontrolle von Gruppen steht, mit denen die USA zusammenarbeiten kann. Die Türkei hingegen zielt darauf ab, die Gruppen unter der neuen Dachorganisation gegen die Föderation Nordsyrien und Rojava einzusetzen. Bereits jetzt kommt es seitens der bewaffneten Gruppen, die unter der Kontrolle der Türkei stehen, immer wieder zu Angriffen in der Shehba-Region auf die kurdischen Gebiete.

Das Gebiet Shehba: Angriffe auf die kurdischen Gebiete  und die Politik des demographischen Wandels

Nach der Vorstellung der Türkei soll dieses Bündnis vor allem in der Region Afrin und Shehba zum Einsatz kommen. Ohnehin haben sich große Teile der bewaffneten Gruppen in diesem Bündnis in den Militärkasernen in der Shehba-Region einquartiert. Von dort aus greifen sie tagtäglich Dörfer an, die unter der Kontrolle der kurdischen Verteidigungseinheiten stehen. Gleichzeitig werden Kämpfer weiterer islamistischer Gruppierungen und ihre Angehörigen aus Hama oder Homs ins Shehba Gebiet übergesiedelt. So wird die demographische Zusammensetzung des Gebiets nachhaltig verändert. Aktuell ist hiervon dasDorf  Şudud betroffen, um nur ein Beispiel zu nennen. Dort wurden bislang rund 40 neue Familien angesiedelt, während 20 kurdischen Familien ein Ultimatum aufgesetzt wurde, ihr Heimatdorf zu verlassen. Auch in anderen Dörfern in der Umgebung gebe es entsprechende Umsiedlungspläne, die demnächst umgesetzt werden sollen.

Der sunnitisch-turkmenische Plan aus Ankara

Egal in welchem internationalen Bündnis sich die Türkei gerade befindet, sie hat stets anihrem längerfristigen Ziel, nämlich eine unter ihrer Kontrolle stehende sunnitisch-turkmenische Generation aufzuziehen, festgehalten. So agieren auch in diesem neuen Bündnis, das im Februar auf Bestreben Ankaras und Washingtons entstanden ist, turkmenische Kampfverbände mit einer eigenen Agenda. In den Reihen dieser Gruppen ist ohnehin der türkische Geheimdienst MIT aktiv.

In den letzten Tagen machte zudem die Gruppe Liva Suleyman Shah von sich Reden. In Zukunft wird diese Gruppe wohl die Aufgabe haben, die unterschiedlichen turkmenischen Kampfverbände unter ihrem Dach zu vereinen und sie zum Teil der türkischen Intervention in Syrien zu machen.  Interessant ist die Zielsetzung dieser Gruppe. Denn sie fordert einen „turkmenischen islamischen Staat“. Das zeugt davon, dass die Gruppen, mit denen die Türkei in Syrien arbeitet, letztlich der Mentalität des IS – einem ehemaligen Verbündeten der Türkei – nicht so fern sind.

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