Interview mit Êzidî-Kommandantin Viyan Hebabî

ANF / Mahir Yılmazkaya, Şengal (Nord-Irak) 8.2.2017:

 Die “Fraueneinheiten von Şengal” – YJŞ – und die “Widerstandseinheiten von Şengal” – YBŞ – , das sind die Selbstverteidigungskräfte der Êzidî in ihrem traditionellen Siedlungsgebiet im Nordirak. Jetzt fordern manche Verantwortliche der Türkei und der KDP, der Partei Barzani’s, dass sie aus Şengal abziehen sollten: “Wer unseren Abzug fordert, das sind diejenigen, welche (2014) das Volk dem Massaker überlassen haben und abgehauen sind”, sagt die YJŞ – Kommandantin Viyan Hebabî dazu.   Die Êzidî-Frauen haben sich nach dem Massaker vom 3. August 2014 militärisch und gesellschaftlich organisiert. Sie haben nach der Offensive des IS auf Şengal aktiv an den Verteidigungskräften teilgenommen. Im ersten Monat des Jahres 2015 bildeten Êzidî-Frauen die Frauen – Verteidigungseinheiten YPJ unter der Parole “Wir rächen die ermordeten und versklavten Frauen!”. Dann im Februar 2016 wurde die “Yekîneyên Jinên Şengalê” (YJŞ) als Verteidigungs-Armee der Êzidî-Frauen gegründet. Grundlage ist , Rache zu nehmen an all den vom IS gegen das Volk von Şengal und seinen Frauen gerichteten Untaten, seine männerherrschaftlichen Strukturen und die frauenunterdrückende und -versklavende Ideologie.

Wir sprachen mit YJŞ-Kommandantin Viyan Hebabî darüber, wie die Êzidî-Frauen durch die Schaffung der YJŞ ihre Lage veränderten.

Unter welchen Umständen sind die YJŞ – Einheiten entstanden, und wie haben sie sich entwickelt?

Die IS-Banden begannen am 3. August des Jahres 2014 ihre Besetzungs- und Massaker – Offensive. Tausende Êzidî wurden Opfer des Massenmordes, Hunderttausende wurde aus ihrer Heimat vertrieben, Frauen und Kinder wurden auf Märkten verkauft.

Nach dem Völkermord schworen wir als Êzidî-Frauen Rache. Deshalb gründeten wir die YJŞ eine Selbst-Organisation, mit äußerst beschränkten Mitteln. Gestützt auf den Ideen des Führers Apo entwickeln wir uns selbst und wachsen jeden Tag im Kampf gegen den Feind.

Welche Kehrtwende spielte sich bei den kämpfenden Frauen in dieser Phase ab?

 In der Gesellschaft wird die Frau als Haussklavin gesehen, wie ein Baum mit abgebrochenen Ästen. Bei so einer Definition der Frau ist es ausgeschlossen, dass sie rausgeht, die Welt kennenlernt, die Freiheit atmet und gar Forschungen anstellt. Ihr Willen ist systematisch der Männerherrschaft ausgeliefert, und sie bleibt der Gewalt dieser Mentalität ausgeliefert.

Ich zum Beispiel hatte als Êzidî-Frau überhaupt nicht das Selbstvertrauen, dass ich die Waffe in die Hand nehmen könne, um gegen den Feind zu kämpfen. Aber jetzt machen nicht nur ich, sondern alle Êzidî-Frauen bei den Selbstverteigigungseinheiten der YJŞ mit und kämpfen, weil sie ideologisch und militärisch Bewußtsein erlangt haben. Ich kann sagen, dass wenn die Êzidî-Frauen sich vor der Sklaverei gerettet haben und nun zur Freiheit eilen, dass dies erst möglich geworden ist, weil die Philosophie des Führers Apo in Şengal sich verbreitet hat. Und mit dem erworbenen Selbstvertrauen ist die ganze Gesellschaft angesteckt worden.

Wir sehen, wie die YJŞ von Tag zu Tag größer werden. Woher kommt diese Anziehungskraft?

 Nach der Offensive des IS auf Şengal sind Tausende von Êzidî-Frauen in Gefangenschaft geraten und wurden auf den Märkten von Mossul und Rakka verkauft. Das hat ihre Ehre erchüttert, hat ein Trauma hervorgerufen. Und überdies einen riesigen Zorn und starke Rachegefühle. So kam es, dass die Rache-schwörenden Frauen zu einer Armee wurden, die täglich wächst. Im Grunde sind die Êzidî-Frauen sich der Freiheit bewußt geworden, und in den YJŞ sehen sie ein Instrument dafür. Gestützt auf die Philosophie von Ocalan werden sie immer größer.

Wo steht jetzt euer Kampf als YJŞ gegen die Dunkelheit des IS, die ja in der ganzen Welt noch ziemlich die Tagesordnung bestimmt?

 Die IS-Banden machten allen Menschen große Angst. Niemand wagte, gegen sie in den Kampf zu ziehen. Die kurdische Frau hat diese Angst zunichte gemacht. Die Frauen haben im Kampf gegen den IS Tausende von Frauen gerettet. Vor allem in Rojava haben sie historisch einmaligen Widerstand gezeigt. Auch wir als YJŞ haben in den Kämpfen um die Stadt Şengal, um Sekîneye und Mendîban, an jeder Front in vorderster Reihe teilgenommen. Bis heute erfüllen wir bei jeder Mobilisierung unsere Aufgabe. Gäbe es die YJŞ nicht, könnte keine einzige militärische Offensive in Şengal unternommen werden.

Die letzte von den YJŞ begonnene Offensive “Rache für die Êzidî-Frauen” kann als Beispiel dienen. In ihrem Verlauf haben die YJŞ große Erfolge errungen. Das Dorf Sekinêye, in dem wir uns gerade aufhalten, ist nach dieser Offensive befreit worden. Auch in Zukunft werden wir an jeder Offensive unsere Aufgabe erfüllen und kämpfen.

Ich bin fest überzeugt, dass die kurdische Frau ihren Kampf fortführen wird,bis der IS mit seiner ganzen Mentalität vernichtet ist. Wir sind bereit, nicht nur in Şengal, sondern überall, wo die Frau versklavt wird, unser ganzes Leben dafür zu opfern, dass sie befreit wird. In diesem Punkt sind wir unser selbst sicher.

Manche Kreise verlautbaren, dass Şengal geräumt werden müsse, sonst werde militärische Gewalt angewendet. Können Sie dazu etwas sagen?

 Bis heute wurden schon dutzende Male derartige Erklärungen abgegeben. Ich kann nur Eines sagen: Damals hat das Volk von Şengal der KDP (Barzanis) getraut und geglaubt, dass diese es schützen werde. Aber gleich am ersten Tag des Angriffs überließ diese das Volk von Şengal schutzlos dem Massaker. Dass die KDP-Peschmerga unsere Heimat im Stich gelassen haben, hat überhaupt die ganze Tragödie erst möglich gemacht. Was uns noch mehr schmerzt und in Rage bringt, noch mehr als das Massaker, ist die Tatsache, dass sie uns allein ließen. Sie haben uns dem “Ferman” (Tötungsberschluß) schutzlos ausgeliefert und fordern uns jetzt auf, Şengal zu räumen. Ich frage sie, was habt ihr bis heute gemacht, außer abzuhauen? Die YJŞ und die YBŞ sind die eigenen bewaffneten Kräfte von Êzidxan, der Heimat der Êzidî, aufgestellt eigens vom Êzidî-Volk zur Selbstverteidigung. Wer fordert, dass Şengal geräumt werden müssen, der macht sich wieder aus dem Staub und überläßt das Volk schutzlos dem “Ferman”.

Deswegen sage ich unserem Volk, es darf nicht noch einmal Vertrauen in diejenigen setzen, die sein Vertrauen mißbrauchen. Es darf nicht der Schmutzpropaganda gegen YJŞ und YBŞ Glauben schenken. Es soll sich der Freiheit zuwenden und den Reihen von YJŞ und YBŞ beitreten, die ausschließlich aus jungen Leuten der Êzidî zusammengestellt sind. Vor allem die Êzidî, welche sich zur Zeit in Nord- und Südkurdistan aufhalten, rufe ich auf: ‘Kehrt zurück nach Şengal!’

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