Die Bevölkerung kümmert sich in Afrîn um die Flüchtlinge

von Berîtan Sarya / ANF News, Afrîn:

 Afrîn ist mit 600.000 Bewohnern der kleinste der selbstverwalteten Kantone in Nordsyrien. Eine Insel des Friedens eine halbe Autostunde nordwestlich von Aleppo. Kein Wunder, dass immer wieder Flüchtlinge nach Afrîn strömen, letzten November und Dezember aus dem bombardierten Aleppo, und in den letzen Wochen aus Şehba, der Gegend um El Bab, wo die Türkei pausenlos bombardiert. Inzwischen sind es über 200.000, die in Afrîn Zuflucht gefunden haben. Dabei ist der kleine Kanton abgeschnürt und isoliert nicht nur von den anderen Kantonen Kobane und Cizire, sondern auch von der Türkei und dem übrigen Syrien.

Arife Bekir, die zuständige Ko-Vorsitzende des Demokratischen Rates der Autonomen Verwaltung, berichtet unserer Nachrichtenagentur, wie trotz der unzureichenden Mittel die Flüchtlinge von der Bevölkerung versorgt oder in zwei grossen Lagern untergebracht werden:

‘Am Anfang bemühten wir uns, die Flüchtlinge in unseren Wohnungen aufzunehmen’

 Als der Krieg in Syrien begann, kamen auch schon die ersten Flüchtlinge, berichtet Arife Bekir. “Da es noch keine Lager gab, organisierten wir das so, dass jede Familie einen oder mehrere Flüchtlinge bei sich unterbrachte. Das Volk von Afrîn war regelrecht mobilisiert, um die Leute aufzunehmen. Man öffnete ihnen die Türen, man teilte mit ihnen das Brot, und man tut das bis heute.

Aber es kamen immer mehr Wellen von Flüchtlingen. Aus den Provinzen Qunaytira, Hama, Homs, Aleppo und dann wieder aus Kobanê. Ich kann sagen, aus dem großen Umkreis, wo halt Krieg war und die Leute fliehen mußten, machten sie sich auf nach Afrîn. Sogar aus Palästina kamen Flüchtlingen nach Afrîn!”

‘Zwei Flüchtliungslager wurden in Afrin eingerichtet’

 “Als so viele bei uns Zuflucht suchten, mußten wir Lager errichten. Zuerst das Lager Rubar. Mit unseren knappen Mitteln stellten wir 100 Zelte auf. Als immer mehr Flüchtlinge eintrafen, vergrößerten wir unser Lager. Derzeit haben sich 550 Familien, das sind 6.000 Personen, im Lager Rubar niedergelassen.

Als das Lager Rubar voll war, haben wir das Lager Şehba aufgebaut. Das war zu Beginn des Şehba-Krieges. Denn aus Şehba kommen grosse Mengen an Flüchtlingen: Derzeit leben in unserem Lager mehr als 250 Familien, das sind 3.000 Leute. Hier sind 90 % vom arabischen oder turkmenischen Volk, die meisten natürlich Frauen und Kinder. Von ihren Ehemännern sind manche im Krieg gefallen, manche kämpfen noch.”

‘Als die Lager nicht mehr ausreichten, haben wir Moscheen und Schulen in Anspruch genommen’

 Arife Bekir betont, dass sie als Demokratische Autonome Verwaltung von Beginn an alle Mittel, die ihnen zur Verfügung standen, mobilisierten. “Einige der Flüchtlingen besorgten sich aus eigenen Möglichkeiten Unterkünfte in der Stadt. Wer keine Möglichkeit hatte, den siedelten wir in den Lagern an; aber als auch da die Plätze nicht mehr reichten, brachten wir unsere Flüchtlings-Landsleute in Moscheen, Schulen und anderen Gebäuden, die früher von der Regierung benutzt wurden, unter. Und immer mehr Flüchtlinge kommen in Afrîn an.”

‘Von den internationalen Organisationen kommt keinerlei Hilfe’

 Die Flüchtlingen leben trotz aller Bemühungen in sehr prekärer Lage, und dennoch kam von den internationalen Organsimen und Vereinen bisher keinerlei Hilfe, beklagt Arife Bekir: “An die 25 Organisationen haben wir angeschrieben, über die Situation im Lager berichtet und um Hilfe aufgerufen. Den Vereinten Nationen und ihren Hilfsorganisationen haben wir in Hunderten Briefen detailliert die Lage und die Bedürfnisse der Flüchtlinge beschrieben. Aber bis jetzt ist keinerlei Hilfe angekommen.

Derzeit versorgt die Demokratische Autonome Verwaltung die Leute mit Wasser, Brot uns sonstigen lebensnotwendigen Dingen. Aber da keine Hilfe von außen kommt, gehen unsere Möglichkeiten zu Ende, und wir wenden uns wieder an unser Volk. Wir gehen von Tür zu Tür, klopfen an, schildern unseren Leuten die Lage der Flüchtlinge, und sie helfen uns. Bis jetzt konnten wir die Flüchtlinge, die in Afrîn Zuflucht suchten, nur auf diese Art und Weise über Wasser halten.”

‘Jetzt brauchen wir Nothilfe’

Bekir macht darauf aufmerksam, dass Kinder wegen der Kälte und der unzureichenden Mittel in den Flüchtlingslagern sterben, und richtet einen Notruf an die internationalen Hilfsorganisationen: “Jeder, der sich als Mensch versteht, soll nach Afrîn kommen und sich die Lage hier anschauen. Seit 5 Jahren ist unser Volk umzingelt und verarmt immer mehr. Vor allem die Bewohner von Şehba mussten nach der IS-Herrschaft die Angriffe der Türkei aushalten; aufgrund dieses Terrors retten sie sich nach Afrîn. Tagtäglich wächst hier die Zahl der Zufluchtsuchenden. Wir haben alles getan, was in unseren Möglichkeiten lag, und wir werden es weiter tun. Aber als Volk von Afrîn übersteigt dieser Flüchtlingsstrom einfach unsere Kräfte.

Diese Leute suchen bei uns Zuflucht, um ihr nacktes Leben zu retten. Aber uns fehlt es an Mitteln. Kinder sterben vor Kälte, weil sie bis jetzt keine Öfen, keine Heizgeräte haben. Die internationalen Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen müssen Nothilfe schicken.”

 

 

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