In der Gegend um Rakka erblüht neues Leben

Von Abdurrahman Gök, Dihaber / Rakka (Nordsyrien), YÖP 16.1.2017

 Die “Demokratischen Kräfte Syriens” (DKS) haben bisher in ihrer Offensive gegen die IS-Hochburg Rakka 180 Dörfer befreit, ca. 50 000 Einwohner auf 2.644 km² (s. Karte im “Info zur Kurd. Rev.” Nr. 39). Dass es sich um Befreiung und nicht um Eroberung handelt, wird im Bericht des Journalisten Abdurrahman Gök von seiner Reise ins Hinterland deutlich. (d.Red.).

 2.600 junge Leute aus den vom IS geretteten Dörfern schlossen sich bereits den DKS an. Schon die Liste der bewaffneten Gruppen, welche die Offensive unter dem Dach der DKS tragen, gibt Aufschluß über ihren Charakter:

– Schuhada Al Raqa = Bataillon der Märtyrer von Rakka

– Ahrar Al Raqa = Freiheitsbataillon von Rakka

– Suwar Tel Abyad = Revolutionäre von Tel Abyad

– Liwa Al Tahrir = Freiheitsbataillon

– Katibai Schuhada Al Firat = Bataillon Märtyrer des Euphrat

– Katibai Schahid Al Dschimo = Bataillon des Märtyrers Dschimo

– Süryani Askeri Meclisi = Aramäischer Militärrat

– Dscheysch Al Senadid = Truppen der Burschen (vom Schammar-Stamm)

– YPG/YPJ

– Deir Az-Zor Soldatenrat

– Nukhbe-Kräfte (die Besten, die Ausgewählten)

– Teyyar Al-Khad = Bewegung der Zukunft

– Suwar Al Raqa = Revolutionäre von Rakka

(Jüngste Meldung der Google-Agentur vom 17.1.: „28 arabische Stämme aus Rakka verkünden ihre volle Unterstützung der DKS und und rufen die Bevölkerung auf, sich ihren Rängen anzuschließen.” d.Red)

Mit Ehmed Şêxo, dem Ko-Präsidenten vom TEV-DEM Kobanê, sowie Abdurrehman Demir vom TEV-DEM Sirrîn sowie dessen Frauen-Verantwortlicher Newroz Ciman verlassen wir den Kanton Kobanê Richtung Rakka.

 Wochenmärkte wieder eröffnet

Im Vergleich zur Zeit unseres ersten Besuches hier vor einem Monat fällt der dichte Verkehr auf den Strassen auf. Ehmed Şexo: “Früher, unter dem IS, war es sogar verboten, die Dörfer zu verlassen. Jetzt gehen die Dorfbewohner nach Minbic, Sirrîn und Kobanê, um einzukaufen und Handel zu treiben.” Wir erreichen das Dorf Ebêdat und treffen auf ein Gewimmel von Leuten: Hier ist ein Wochenmarkt (Mezat) eröfnet worden. “Wir haben dafür gesorgt, dass die Leute wieder wie früher Wochenmärkte haben. Jetzt kommen sie jeden Samstag aus den umliegenden Dörfern hierher nach Ebêdat, um Schafe, Stroh, Obst und Gemüse zu verkaufen und sich die Artikel des täglichen Bedarfs zu besorgen. In Sirrîn ist Mittwoch Markt. Bald wird der Donnerstags-Markt in West-Sêgul anfangen. So werden die Beziehungen zwischen den Landsleuten, die vorher abgerissen waren, durch den Handel wieder geknüpft.”

 Zwei Brotfabriken eröffnet, zwei weitere werden folgen

Ebdurrehman Demir betont, dass jeden Tag neue Gebiete befreit werden und dadurch die Bedarfe zunehmen: “135 befreite Dörfer (inzwischen 180!), das sind schätzungsweise 50.000 Bewohner. Während der Krieg in aller Schärfe weiter geht, müssen wir als Erstes diese Leute mit Brot versorgen. Wir setzen alles dran, damit da kein Mangel auftritt. Nach der Einnahme des Dorfes Til Osman und des Städtchens Cirniye haben wir 2 Brotfabriken ingang gebracht.. Derzeit reicht das nicht aus für die Nachfrage, und wir bekommen noch Unterstützung von den Brotfabriken in Kobanê, Şêran, Zerik und Mezxene. Wir sind dabei, noch 2 Brotfabriken zu eröffnen, in Şemseddîn und Mehmedlî. Taglich liefern wir eine Portion (10 Brote) für 4 Personen; das bedeutet täglich 12.500 Portionen Brot.”

Heizöl wird preiswert verteilt

 Die TEV-DEM – Verantworliche von Sirrîn, Newroz Ciman, erzählt von einem weiteren dringenden Bedarf: dem Heizöl. “Jeden Monat geben wir jeder Familie ein Fass, das sind 200 bis 220 Liter Öl, und zwar für 12.000 syrische Lira (ca. 25 €). Familien, die Äcker besitzen, kriegen den Kraftstoff je nach Bedarf zugeteilt. Außerdem haben wir in den befreiten Dörfern bisher 10.000 Gasflaschen verteilt. Die Leute registrieren genau, wie wir uns bemühen. Und sie vergleichen: Unter dem IS kostete ein Zehnerpaket Brot 400 Lira (75 €Cent), bei uns 50 bis 60 Lira (10 bis 12 Cent). Ein Ölfass zu 12.000 Lira kostete unter dem IS das Vierfache. Für eine Gasflasche zahlen sie uns 2.200 Lira (2,30 €), beim IS kostete sie 15 bis 16.000 Lira.”

Lachende Gesichter geben Hoffnung

 Wir fragen Newroz, wie es ihrer Meinung nach den Leuten jetzt ginge, wo sie doch fast jeden Tag in neuen Dörfern Versammlungen abhält: “Je nach Größe der Dörfer richten wir provisorische Komitees ein. In der Kleinstadt Cirniye machten wir zwei Versammlungen, auf denen es ziemlich lebhaft zuging und die mit Musik und Tanz endeten. Die Leute sagten, nach 5 Jahren konnten sie nun zum ersten Mal wieder feiern; da waren sie sehr gelöst und zufrieden. Wieder Lachen in den Gesichtern der Leute zu sehen, das macht uns große Hoffnung.”

Was den Frauen passiert ist, können sie noch nicht mitteilen

Was manche Frauen erleben mussten, das zu erzählen muss man sie regelrecht zwingen, berichtet Newroz Ciman: “Wir hörten zum Beispiel, dass die schönen Mädchen der Gegend an die Emire des IS verkauft wurden. Wir kennen sogar Familien, deren Kinder verkauft worden sind. Viele Leute bestätigten uns, dass sowas vorkam, wollen aber nicht sagen, wer das konkret gemacht hat. Vor allem die Verwandten schämen sich. Wir berichteten, was den Êzidî-Frauen angetan wurde, und fragte, ob es hier in der Gegend verkaufte Êzidî-Frauen gab. Alle genieren sich, über dieses Thema zu sprechen, und niemand teilt etwas mit. Aber es gibt auch Anzeichen dafür, dass diese Blockade überwunden wird.”

Jetzt wird wieder Wasserpfeife geraucht – mit Genuß

Während wir reden, schaue ich auf die Straßenschilder. Beim Dorf Heci Elî stossen wir auf den Euphrat. Mir fällt ein schönes hundertjähriges Gebäude auf mit Blick auf’s Wasser. Während meine Begleiter vom TEV-DEM an der Türe mit Passanten sprechen, betrete ich gleich das Haus. Drinnen finde ich den Besitzer, mit seinem Bruder zusammen Wasserpfeife rauchend. Ich versuche ein paar Worte auf Arabisch, er empfängt mich mit seinen drei Worten Kurdisch. ‘”Was, ihr raucht?” frage ich gespielt vorwurfsvoll, und er antwortet mit einem tiefen Seufzer: “Wenn das der IS sähe!” und hüllt sich in eine Rauchwolke.

In Cirniye tilgt man die Spuren des IS

Die Kleinstadt Cirniye liegt am Fuß eines Felsenhügels und zählt etwas 400 Häuser. Man sagt, an die 50 Dörfer gehören zur Stadt Cirniye. Drei Viertel der Einwohner seien Akademiker. Der Anteil der Frauen, die lesen und schreiben können, sei hier höher als in den anderen Städten der ganzen Gegend. Im Provisorischen Rat der Gemeinde sind 5 Frauen: die eine war schon Leiterin in der Frauen-Vereinigung des Regimes, die vier anderen waren Lehrerinnen. Am Eingang der Stadt und an vielen Gebäuden im Zentrum gibt es noch Inschriften, Zeichen und Farben vom IS. Hier ist auch das Speichergebäude, wo die Leute einen Teil dessen, was sie täglich oder monatlich erarbeiteten, als “Zekat” abliefern mussten. Der Rat beschloss zusammen mit TEV-DEM, die Spuren des IS in der Öffentlichkeit zu tilgen.

Wie überall in den befreiten Gebieten, so machten alle Kinder, sobald sie unser Auto sahen, das Siegeszeichen, das “V” mit den Fingern, und riefen “Hurriye”, Freiheit. Auffälliig auch die bunten Kleider der Frauen, auch in den schaufensterlosen Läden.

Jedem fällt sofort Schlimmes ein

In den befreiten Dörfern hat jeder Mensch schlimme Erinnerungen an die Zeit des IS. Eine Frau im Dorf Girêdanê wollte ihr schwer erkranktes Kind in die Stadt Sırrîn bringen, noch unter der Herrschaft des IS. Im Krankenhaus wurde der Arm des Kindes behandelt; dabei bemerkte man, dass die Mutter unter dem schwarzen Umhang ein buntes Kleid trug. Sofort wurde sie verhört und bekam eine Strafe von 80.000 syrische Lira. Sie hatte nur 40.000 bei sich. Darauf nahm ihr der IS das Kind weg: “Geh’ zuerst ins Dorf und hol’ die restlichen 40.000, dann kriegst du das Kind zurück!” Die Frau geht ins Dorf, holt das Geld, kehrt ins Krankenhaus zurück und nimt sich ihr Kind. Danach hat sie kein einziges Mal mehr das Dorf verlassen.

Selbst in den Dörfern sind die Frauen nicht mehr aus dem Haus gegangen, erzählen die Landsleute: “Wenn eine Frau draußen gesehen wurde, kriegte ihr Mann Prügel oder musste sich einer Scharia-Lektion unterziehen.”

Überall ähnliche Geschichten. Dann kommen wir ins Dorf Hurriye. Die Hauptstrasse zerbombt, die Häuser links und rechts dem Erdboden gleichgemacht. Wir besuchen Dörfer wie Kuliye, Sêvgir, Xirab Cehs, Karwan, Terge, Heddace.

Dann gelangen wir nach Mehmudlî (einem schwer umkämpften Ort nicht weit vom Tabqa-Staudamm). Hier haben sich die Bewohner aus Sicherheitsgründen in Zelten außerhalb des Ortes niedergelassen. TEV-DEM verteilt an die Leute, die aus ihren Häusern nur ein paar Sachen und die Herde mitgenommen haben, Heizöl und jeden Tag Brot. Sie verhandeln mit der Kommandantur der “Zorn des Euphrat” – Offensive gegen Rakka, das sie so schnell wie möglich in ihre Häuser zurückkehren wollen. Während in vielen anderen Dörfern die Frauen sich verstecken, sobald sie die Kamera sehen, will hier je Frau sofort mit ihrem Kind im Arm aufgenommen werden. Sie meinen, Aufnahmen werden wohl im Ausland gezeigt werden, und dann können ihre Verwandten sehen, dass sie noch am Leben sind.

An den ersten Tagen in Freiheit wird wieder Fußball gespielt

Dann kommen wir ins Dorf Şetha, das erst 2 Tage zuvor gerettet worden ist. Hier sehen wir, wie Junge und Alte auf dem Dorfplatz Fußball spielen. Die Frauen, die ihre Hände zur Feier der Befreiung mit Henna gefärbt haben, laden uns zum Tee ein. Sie haben noch keine Gasflaschen und bereiten den Tee auf Ölöfen vor, “papur” genannt. “Habt ihr denn keine Gasflaschen?” – “Nein. Zur Zeit des IS kosteten die 15 bis 16.000 Lira; das konnten wir uns nicht leisten”. Die Leute vom TEV-DEM notieren sofort den Sachverhalt und sagen zu, dass Gasflaschen geliefert werden.

Am Samstag der erste Schultag

Während wir den zuckrigen Tee schlürften, berichteten uns die Dorfbewohner, dass ihre Kinder schon seit langem die Schule nicht mehr besuchen konnten. Wann wird sie wieder eröffnet? fragten sie die TEV-DEM – Verantwortlichen. Darauf antwortete Ehmed Şêxo: “In eurem Dorf gibt es Lehrer. Ruft die Kinder zusammen und fangt sofort mit dem Unterricht an. Wir werden das Unsrige tun. Als Ergebnis wird die Schule dastehen.” Ehmed Şêxo sorgte dafür, dass seinerseits die notwendigen Schritte unternommen werden, wie schon vorher für die Stadt Cirniye und das Dorf Kuliye, und verkündete, dass ab kommenden Samstag der Schulunterricht auch hier beginnen werde.

Bald kriegen wir Licht vom Tabqa-Staudamm

Bei Sonenuntergang verlassen wir das Dorf Şetha. Als uns auffällt, dass es in den Dörfern keinen Strom gibt, klärt man uns auf, dass der IS bei seiner Niederlage in allen Dörfern die Elektrizität abgeschaltet hat. “Das macht nichts”, sagen die Dörfler, “Bald ist der Tabqa-Staudamm befreit, und dann kriegen wir so viel Strom, dass die Nacht zum Tage wird!”

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