„Mein Sohn heißt Verrat“

Von Aladdin Sinayiç, aus YÖP vom 4.1.2016

 Es gibt Schmerzen, die sind unermeßlich, die können nicht erzählt, die können nicht verstanden werden. Manche sind so groß, dass unsere Wirklichkeit nicht ausreicht, sie zu ermessen, sie als tatsächlich zu akzeptieren. Wenn eine Mutter ihr Kind, ein Stück von ihr selbst, den Namen “Verrat” gibt.

Im Zentrum der Stadt Duhok in Süd-Kurdistan steht ein fünfstöckiger Rohbau, in dem sich Êzîdî-Kurden eingerichtet haben. Ihr “Heim” ist ein Beton-Skelett. Mit Decken, Zelten und Holzbrettern haben sie Wände gemacht und Zimmer. Das Gebäude hallt wider vom Lärm der Kinder. Treppen ohne Geländer, Ränder ohne Schutzmauern. Ohne auf den kalten Wind zu achten, wäscht im dritten Stock eine Mutter ihr Kind in einer Plastikwanne.

Zwei Leute von der UNO sind gekommen, um den beiden Frauen in dem Gebäude neue Ausweise zu machen und ihre Kinder zu registrieren. Im Schoß der einen Frau, sie mag 25 Jahre alt sein, ist ein einjähriges Kind. Die Leute von der UNO stellen sich vor und erklären, warum sie gekommen sind. Sie beginnen, über die Kinder Auskünfte einzuholen. Als erstes fragt der UNO-Angestellte, wie das Kind heißt. “Mein Sohn heißt Mixabin”, antwortet die Mutter. Zur Sicherheit frägt er nochmal. Und kriegt die gleiche Antwort. “Mixabin” ist kurdisch und bedeutet “hoffnungslos”. Dem Angestellten fällt es schwer, die Antwort zu verdauen, aber er fährt fort mit seiner Aufgabe.

Jetzt ist die andere junge Frau dran, ein gleichaltrige Verwandte mit gleichaltrigem Söhnchen. Wieder beginnt der UNO-Mann mit der gleichen Frage: Name des Kindes? Die Antwort schockiert ihn noch mehr: “Mein Sohn heißt Xayîn”, auf Deutsch: Verrat.

Der Mann schaut eine Weile ungläubig der Frau ins Gesicht, in ein Gesicht,  das vergessen hat zu lachen, auf dem kein Ausdruck außer Schmerz und Empörung zu lesen ist, dann schaut er auf seinen Kollegen, um sich zu versichern, ob er auch richtig gehört hat. Die junge Frau wartet nicht, bis er ihr die Frage noch mal stellt, sondern wiederholt zornig: “Mein Sohn heißt Xayîn!”

Geburtsdatum: Sommer 2015.

Geburtsort: Rakka / Syrien.

Name des Vaters: ……….

Religion: ……….

Die beiden UNO-Leute versuchen die Frauen zur Änderung der Namen zu bewegen. Sie sollten sich die Namen der beiden Kinder noch einmal überlegen, mit diesen Namen würden die Kinder in Zukunft noch große Probleme kriegen. Die Mutter von Xayîn gibt nur einen Satz zur Antwort: “Die Welt hat uns verraten.”

Und die Kinder wurden mit den Namen ‘Mixabin’ und ‘Xayîn’ offiziell registriert. In ihrem Personalausweis steht vor dem Familiennamen der Vorname Xayîn und Mixabin. Seine Freunde werden ihn Xayîn rufen!

Die beiden jungen Frauen waren gerade ein paar Monate verheiratet, als in den Dörfern von Şengal am 3. August 2014, sie waren tief im Schlaf, schwarzbärtige Geschöpfe ihren weiteren Lebenslauf in die Hölle leiteten. Sie wurden nach Mossul, eine Weile später nach Rakka gebracht. Was sie dabei durchmachten, können sie selber nicht mitteilen und kann auch kein Gegenüber aufnehmen. Jede Sekunde Folter, Vergewaltigung, Barbarei…

Und mitten in dieser Barbarei, mitten in diesem Schrecken werden zwei Kinder geboren. Und auch wenn das Kind der einzige Grund war, warum sie auf den Beinen blieb in dieser Hölle, so soll sein Namen doch auch Symbol für die erlittenen Schrecken sein. Jedesmal, wenn die Mütter von Mixabin und Xayîn sie ansehen, spüren sie von Neuem jede Sekunde der durchlebten Schmerzen. Und diese unschuldigen Kinder…

Beide Frauen wurden im Juni 2015 aus den Händen des IS gerettet und kamen nach Süd-Kurdistan. Noch haben sie nicht herausgefunden, was mit ihren Ehemännern, Vätern, Geschwistern ist, ob sie noch am Leben sind oder nicht.

Der Völkermord, den die Êzîdî im August 2014 durchgemacht haben, ist nicht vergleichbar mit den anderen Massenmorden, den anderen “Ferman” (Vernichtungs-Beschlüssen). Kind und Kegel und auch die Alten wurden mit  Bajonetten niedergestochen, aber doch wurden in all diesen Schrecken die Frauen und Mädchen nicht auf Sklavinnenmärkten verkauft, wurden die Kinder nicht in Lagern zu Selbstmord-Attentätern dressiert. Dieses Mal konnten sie dem Morden der islamistischen Basnditen nicht Einhalt gebieten, konnten nicht einmal die Zahl der entführten Frauen und Mädchen in Erfahrung bringen!

Zweieinhalb Jahre sind seit der Katastrophe vorbei, und die Schmerzen haben kein bißchen nachgelassen; immer noch sind sie unterwegs, immer noch führen sie in Verschlägen, in Parks, in Lagern, in halbfertigen Gebäuden, auf dem Weg nach Europa ein erbärmliches Leben… Noch sind nach offiziellen Zahlen ungefähr 3500 Frauen und Kinder in den Händen der schwarzbärtigen IS-Barbaren. Bis jetzt haben sich etwa 1000 Frauen gerettet oder sind gerettet worden. Der größte Teil von diesen wird in Deutschland behandelt, ohne dass ihre Wunden geheilt, ihre Erinnerungen getilgt werden können. Und Hunderte versuchen wie die oben beschriebenen jungen Mütter in Südkurdistan in halbfertigen Gebäuden und Lagern stumm ihr Leben fortzuführen.

Unter diesen Verhältnissen finden die Verantwortlichen der KDP (Kurdische Demokratische Partei von Barzani) als einzige Lösung: “PKK raus aus Şengal!”

Unter diesen Verhältnissen ist “Yazda”, eine zivilgesellschaftliche Organisation in Süd-Kurdistan, die von Nadia Murad, Symbol der entführten Êzîdî-Frauen und Trägerin des Friedens-Nobelpreises, unterstützt wird, sind die Büros dieser Organisation in Süd-Kurdistan gestern von der Sicherheitspolizei der KDP aus unbekanntneen Gründen geschlossen und versiegelt worden.

‘Mixabin…’

 

 

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