Êzîdî wieder in Gefahr!

YÖP vom 4.1.2017. Interview von Ramazan Marankoz mit Feleknas Uca

Am 3. August 2014 überfiel der IS (Islamische Staat) das kurdische Volk der Êzîdî (Jesiden) in ihrem Siedlungsgebiet Şengal (Nordirak), um sie auszurotten. Tausende wurden geötet, Tausende Frauen und Kinder versklavt. Aber Hunderttausende konnten sich dank der militärischen Intervention der PKK retten.

ezidiIm türkischen Teil Kurdistans ließen sich 33 000 Êzîdî nieder, versorgt von der Bevölkerung und den kurdischen Stadtverwaltungen. Jetzt hat Erdoğan die kurdischen BürgermeisterInnen verhaften lassen und Statthalter eingesetzt. Sämtliche zivilen Organisationen, Zentren und Initiativen wurden verboten, auch die, welche sich um die Flüchtlinge kümmerten. Und die 1029 Êzîdî-Flüchtlinge, die noch im Lager Fidanlık von Diyarbakır leben, sollen jetzt gegen ihren Willen in AFAD-Lager (der Regierung) deportiert werden. Feleknas Uca, HDP-Abgeordnete von Diyarbakır, schlägt Alarm:

 (…) Wie bekannt, haben sich z.B. in dem AFAD-Lager von Nizip (Provinz Gaziantep) 30 Männer, die im Kinderlager beschäftigt waren, des sexuellen Mißbrauchs schuldig gemacht. (…) Der IS hat dort freie Hand. Im Dezember zeigte das deutsche ARD-Fernsehen, dass in der Stadt Gaziantep Büros existieren, über die man Êzîdî-Frauen kaufen kann. (…)

Seit bald zweieinhalb Jahren leben Êzîdî-Flüchtlinge, die sich vor dem Völkermord retten konnten, nun in der Türkei. Haben sie die gleichen Rechte wie die Flüchtlinge aus Syrien?

Die Êzîdî haben bis heute noch kein Statut. Sie sind weder Eingewanderte noch Flüchtlinge noch Gäste. Die Rechte der Flüchtlinge aus Syrien genießen sie nicht: dass sie (im Prinzip) einen Ausweis kriegen und versorgt werden mit Schulen, Gesundheitsdienst, Unterkünften; dass sie in gewissen Abständen eine kleine Summe Geld kriegen. Die Êzîdî kriegen keine medizinische Prognose, keine Diagnose und keine Behandlung. Sie sind nicht einmal ihres Lebens sicher in diesem Land.

Die Êzîdî haben sich vor dem Völkermord und allen möglichen Grausamkeiten hierher gerettet, sie sind schwer traumatisiert, und nun zwingt man sie in AFAD-Lager. Wie wirkt sich das auf sie aus?

Sie flohen vor dem IS und kamen psychisch krank hier an. Die kurdischen ‘Gemeinden und die Bevölkerung kümmerte sich um sie. In den zweieinhalb Jahren, die sie im Lager Fidanlık verbrachten, haben wir sie immer wieder besucht; wir konnten sehen, wie sie denen, die dort arbeiteten, völlig vertrauten. Vertrauliche Beziehungen sind für die Êzîdî, die dem Völkermord entkommen sind und schwere Traumata mit sich tragen, absolut notwendig. Aber jetzt werden sie wieder unter Zwang umgesiedelt. Sie wissen nicht, wohin, und was sie dort erwartet. Jetzt fühlen sie sich wieder im Ungewissen, ohne Vertrautheit, wehrlos. Sie haben keine Ahnung, was mit ihnen geschieht. Ob sie in den Lagern auf IS-Leute stoßen oder nicht, ist noch nicht bekannt, denn das Lager von Midyat zum Beispiel, wo sie hin sollen, ist nicht nur für Êzîdî. Dort sind auch Flüchtlinge aus Syrien. (…) Die Frauen und Kinder haben ihre Traumata vom Völkermord noch nicht überwunden. Für ihren Gemütszustand ist es ein großes Risiko, dass sie einem derartigen Mangel an Vertraulichem ausgesetzt werden.

Was erwartet sie dort, wohin zu gehen sie gezwungen werden?

Nach dem Völkermord sind ungefähr 33 000 Êzîdî in die Türkei gekommen: nach Orten wie Batman, Siirt, Amed, Diyarbakır, Urfa, Midyat und Nusaybin. Im Lager Fidanlık von Amed lebten am Anfang 7000. Als dann Şengal großteils wieder befreit war, ist ein großer Teil zurückgekehrt. Außerdem zog ein Teil nach Europa und ein Teil nach Zakho und Duhok (irakisch-Kurdistan). Jetzt blieben noch 1029 Leute. Die Regierung hat ihnen nie auch nur die geringsteHilfe geleistet. (…) Es waren die Gemeindeverwaltung von Diyarbakır und die Bezirksverwaltung von Yenişehir, die ihnen Hilfe leisteten, materielle und ideelle. Es war ein großartiges Beiispiel von praktischer Solidarität. Den Êzîdî wurden Gebetsräume eingerichtet, und die Kinder kriegten Unterricht. Und zwar in ihrem eigenen Glauben, in ihrer eigenen Sprache und Kultur. Die Frauen konnten in verschiedenen Werkstätten Sachen herstellen. Mit Unterstützung der Gemeinde wurde ein Gemüsegarten angelegt. Es gab psychologische Therapie. Aber als Statthalter der Gemeinde aufgezwungen wurden, hat man auch den Êzîdî Statthalter vor die Nase gesetzt. Den Êzîdî kommt das vor wie ein zweites Şengal-Genozid; sie halten das für ganz gefährlich. (…)

Wissen Sie, wieviel Êzîdî nach Şengal zurückgekehrt sind, nachdem ihr Herkunftsgebiet befreit worden ist?

Aus Nordkurdistan sind Tausende zurückgekehrt; aber genaue Zahlen können wir nicht sagen. Sogar in dieser Woche sind Leute, die nicht ins AFAD-Lager wollen, nach Şengal zurückgekehrt – wieviel genau, das wissen wir nicht, aber es waren etliche. (…)

 

Letzte Nachricht vom 6.1.17 (ANF, aus Mardin):

Die aus dem Lager Fidanlık geräumten Êzîdî wurden in das AFAD-Lager von Midyat (Provinz Mardin) gebracht, in dem bereits syrische Flüchtlinge leben. Zwei Stunden mußten sie am Eingang warten und eine scharfe Kontrolle durch Soldaten passieren. Mitgebrachte Heizgeräte, Teppiche, Decken, Plastikwannen und Küchen-Utensilien wurden ihnen weggenommen.

Dann wurden sie in die Zelte auf blosser Erde eingewiesen. Ein AFAD-Verantwortlicher: „Hier ist es nicht so wie dort, wo ihr herkommt. Hier gibt es Regeln, hier herrscht Disziplin. Wer Probleme macht, der fliegt!“

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