Alya: Mit 4 Jahren verkauft

Von Nûciyan Erhan aus Şengal (Nordirak), YÖP 13.12.2016.

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Alya ist mit 4 Jahren durch die IS-Banditen von ihrer Mutter getrennt worden. Man hat ihr mit Eyeliner die Augen nachgezogen und sie auf dem Markt feilgeboten. Später ist ihr mit der 13-jährigen Besma die Flucht gelungen.

Die schmutzigste Art, wie Männer denken können, hat sich zweifelsohne am 3. August 2014 in Şengal gezeigt. Und die schlagendste Antwort auf diese Mentalität haben zweifelsohne die êzidischen Frauen gegeben. “Geht zuerst gegen die Fauen vor!” – so sind sie angegriffen worden. “Zuerst die Freiheit!” antworteten die “Yekitiya Jinên Şengalê” (Frauen-Einheiten von Şengal) mit der militärischen Offensive “Rache für die Êzidî-Frauen” vor einigen Wochen.

Im Verlauf der ersten Sonder-Operation dieser Offensive wurden 3 Frauen und 5 Kinder aus den Händen der IS-Banden befreit.

Als der IS am 3. August 2014 Şengal überfiel, war Alya ein Mädchen von gerade 4 Jahren. Im Dorf Til Azer gehörte ihre Familie zu den Ärmeren. Sie konnte nicht wissen, was sie an diesem schwarzen Tag erwartete, als sie zu ihrer Großmuter zum Geburtstags-Besuch ging. Ihr Vater hat sie an diesem Tag nicht begleitet.

Von der Mutter getrennt

Im nahen Dorf Siba Şêx Xidir gabe es Kämpfe; sowieso erwarteten alle an diesem Tag einen Angriff. Die Bauern von Qiblet hat sich schon um Mitternacht auf die Flucht gemacht; es war also noch Zeit, dass der Vater Frau und Kinder nahm. Trotzdem zogen sie es vor, allein zu fliehen. Alya’s Mutter Nadya geriet mit ihren 4 Kindern in die Hände der Islamisten. Mehrmals versuchte sie, zu fliehen; deshalb wurde sie auf alle möglichen Arten gefoltert, und die schlimmste Strafe war, dass sie von ihren Kindern getrennt wurde. Die 10-jährige Schwester Alya’s wurde, “weil sie nach der Scharia schon in heiratsfähigem Alter war“, an einen Typen ohne Menschlichkeit als Nebenfrau verkauft. Die beiden Brüder Alya’s kamen in Gehirnwäsche-Schulen zur militärischen Ausbildung.

Was Alya angeht, so zog man ihr mit Eyeliner die Augenlider nach, mit einem Lippenstift die Lippen, und bot sie zum Verkauf. Wie provisorisch wirken die Farbzüge auf ihrem Gesicht, aber über Facebook fand sich ein Käufer.

Sie suchten einen Weg zur Flucht

Besma war 13 Jahre alt, als sie im Dorf Digura den Islamisten in die Hände fiel. Sie geriet in den brutalen Strudel des Mädchenhandels und wurde schließlich Nebenfrau eines 25-jährigen islamistischen Syrers namens Ebu Feysal. Besma erblickte eines Tags auf dem Handy von Ebu Feysal das Foto von Alya und sagte ihm, dass sie gerne das Mädchen bei sich hätte. So kreuzten sich die Schicksale der beiden.

Besma suchte über das Handy einen Weg zur Flucht und stieß auf eine Sondereinheit der “Offensive zur Rache für die êzidischen Frauen”. Sie nahm Alya zur Hand, und zwei Tage und zwei Nächte lang marschierten und liefen sie heulend und vor Angst zitternd durch die Gegend. Schließlich trafen sie auf zwei Frauen mit vier Kindern, die von woanders herkamen, und erreichten mit diesen schließlich sicheres Gelände.

Zwei Worte: “Sie haben mich verkauft!”

Am 17. November 2016 wachten wir mit der guten Nachricht auf, dass einige Gefangene befreit worden waren. Da ich sowieso im Operationsgebiet Dienst hatte, ging ich mit hin, die Gäste in Empfang zu nehmen. Als die Frauen vom Fahrzeug stiegen, hielten sie ihre Kinder fest an der Hand geklammert. Mir fiel ein Kind auf, das im Schoß einer der Kämpferinnen von den “Yekineyên Berxwedanan Şengalê” (YBŞ) auf dem Fahrzeug schlief. Als es aufwachte, ging es weiter weg und lief allein umher. Ihr Gesicht ein einziger Ausdruck von Traurigkeit, die auch durch ihr Alter nicht gemildert wurde. Wie wenn sie sagen würde: “Jeden nur erdenklichen Schmerz habe ich erlebt; es gibt keinen mehr, der darüber hinausgeht.” Mit ihren 6 Jahren trug sie schon den Gram eines 60-jährigien Lebens. Mit ihrer Haltung, ihrem Blick, ja ihrem Schweigen drückte sie zwei Worte aus, die wie ein scharfes Messer in ihren Körper gestochen waren: “Ez firotim!” Sie haben mich verkauft!

Wie kann man mit einem derart erbarmungslosen Wort das Leben eines 6-jährigen Kindes prägen? Sein ganzes Leben lang wird es aus diesem winzigen Körper nicht mehr zu entfernen sein. Erdrückend wie der Hauch des Todes…

Dabei konnte es auch wie ein kleines Mädchen spielen

Die Verwandten kamen und holten die aus IS-Gefangenschaft Geretteten. Außer Alya. Niemand kam, um sie zu holen. Die Kämpferinnen der YJŞ hatten Alya, als sie über einem Abgrund der Finsternis hing, in eine andere Welt gebracht. Ich musste mit den Kämpferinnen zu einen Auftrag anderswohin und kam dann wieder zurück. Diesmal empfing mich ein Kind, das herumhüpfte und zu allen Streichen aufgelegt war. Bis in den Abend tollte Alya von einem Zimmer ins andere, spielte im Garten mit dem Hund, sprang einer Kämpferin auf die Schultern, ritt auf dem Rücken einer anderen, band zwei Kämpferinnen an ihren Haaren zusammen und lachte sich halbtot. Nach zwei Jahren  erinnerte Alya sich daran, dass sie ein kleines Kind war. Sie öffnete sich wie eine Blume. Wenn sie erzählte, wie Ebu Tarik mit seinem dicken Bauch Süßigkeiten verschlang, oder wie Ebu Feysal ihre Freundin Besma schlug, weil ihr ein Teller kaputtgegangen war, und wie sie mitweinte aus Angst und dafür auch Schläge bekam, dann kriegte sie gar nicht mit, wie den Kämpferinnen dabei sich die Kehle zusammenschnürte.

Die Vater-Kandidaten

Die Nachricht von Alya verbreitete sich in alle Winde. Bis zum Abend präsentierten sich vier sechs Kandidaten als ihr Vater. Die einen wollten nur in Süd-Kurdistan mit befreiten Gefangenen handeln und Geld herausschlagen, die anderen suchten wirklich nach ihren in Gefagnenschaft geratenen Kindern. Der Frauenrat von Şengal stellte Nachforschungen an und machte schließlich den leibhaftigen Vater des Kindes aus.

“Gebt mich nicht weg! Niemandem!”, schluchzte das Kind

Am Tage darauf wird das Kind seinem Vater ausgehändigt, hieß es. Wir nahmen unsere Kameras und gingen zum Quartier der Fraueneinheit. Die Frauen vom Frauenrat teilten Alya mit großer Freude mit, dass ihr Vater nun gekommen sei, sie zu holen. Aber wie Alya darauf reagiert, das ließ allen Anwesenden das Blut in den Adern erstarren: “Lasst mich nicht, gebt mich niemandem weg!” schluchzte sie und klammerte sich an Genossin Sorxwîn von den YPŞ. “Wir gehen woanders hin!” sagte Sorxwîn und brachte sie in ein anderes Zimmer, wo ihr Vater war.

Kaum war Alya eingetreten, umarmte Ilyas sie und fing an zu weinen. Aber Alya’s Gesicht nahm den Ausdruck an, den sie bei unserer ersten Begegnung hatte. Alya blieb stumm wie der Tod. Sorxwîn meinte, sie könne vielleicht sehr erschrocken sein, und zog sie in die Küche. Kaum war die Tür hinter ihr zu, klammerte sich Alya an Sorxwîn und bestürmte sie: “Ich will nicht weg. Ihr dürft mich niemandem weggeben!”

Derweil klärte uns ein Verwandter auf, dass Alya’s Vater Ilyas nach dem “Ferman” (Vernichtungsbeschluss vom 3.8.14) wieder eine Frau geheiratet hätte, dass sie sich wegen Unstimmigkeiten wieder getrennt hätten und dass er vor einem Monat wieder eine Ehe eingegangen wäre.

So ist das halt mit den Mänern

Während seine Ehefrau und seine kleinen Mädchen jeden Tag der Gewalt der Islamisten ausgesetzt sind, während seine Söhne zu Selbstmordattentätern trainiert werden, spaziert der Mann, wie wenn nichts gewesen wäre, durch die Flüchtlingslager und hat es fertiggebracht, bereits zwei Mal wieder zu heiraten!

Und da rede einer von Ehre und Ansehen. Es ist einfach unbeschreiblich, zu was die Männlichkeit fähig ist. Der wichtigste Ort der Welt, zwischen zwei Beinen eingeklemmt… Die Mentalität der Islamisten ist offensichtlich bis in die die letzten Zellen der Gesellschaft eingedrungen. Niemand hat ihn gefragt, wieso denkst du nur ans F… , während deine Familie in den Krallen der Islamisten jeden Tag auf dem Markt feilgeboten wird? Wie auch? Weiß doch ein jeder: “Er ist ein Mann; er kann nicht allein bleiben.”

Und was wird aus Ayla?

Vielleicht muss sie das Hausmädchen für ihre Stiefmutter machen. Vielleicht muss sie Geld verdienen, weil “ich soviel ausgeben musste, um mein Kind zu retten.” Alya zahlt am Boden der Mauer den Preis für die Gefühllosigkeit der Gesellschaft.

So ist das halt, die Familie ist die Grundlage des Privateigentums. Und wenn dies dem Kind in keinster Weise gerecht wird, so gehört es doch der Familie. Da kann Alya noch so zappeln, um bei den Kämpferinnen, die sie gerettet haben, zu bleiben – die Gesellschaft akzeptiert das nie. Es braucht Zeit, bis sich das ändert. Und wer weiß, wievielen Menschen noch in dieser Zeit das Leben zerstört wird, bis es so weit ist.

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