Minbic im vierten Monat nach der Befreiung

Von Aburrahman Gök / Dihaber, aus Minbic, 9.12.2016

Die Stadt Minbic in Nordsyrien (zwischen Kobanê und Al Bab) ist am 12. August nach 73 Tagen des Kampfes vom Minbic-Militärrat mit Unterstützung der “Demokratischen Kräfte Syriens” von der Herrschaft des IS befreit worden. So sehr das Volk auch sich bemüht, die Spuren des Krieges, zu tilgen, so ist die Erinnerung an die Grausamkeiten des IS in den Köpfen noch sehr frisch. Ein Spaziergang durch Minbic macht aber auch deutlich, dass die Leute wieder lachen und ihre Zuversicht auf ein gemeinsames Leben zunimmt.

In den Monaten September, Oktober, November und Dezember des Jahres 2014, als Kobanê von drei Seiten vom IS angegriffen wurde, war in den Nachrichten auch oft die Rede von Minbic: “Nachdem die IS-Banden große Verluste erlitten hatten, gingen sie dank des Nachschubs aus Minbic erneut zum Angriff über. Mit Autos, die Sprengstoff geladen hatten, wollten sie die Posten von YPG und YPJ sprengen.”

Es ist also gar nicht so lange her, knapp 2 Jahre, dass Minbic für die Stadt Kobanê eine grosse Gefahr darstellte. Heute ist Minbic von den IS-Banden gesäubert und wieder zu einer Stadt geworden, in der die Völker zuversichtlich den Aufbau gemeinsamen Zusammenlebens in die Hand genommen haben.

Auf dem Weg: überall Spuren des Krieges

 Der Ansturm zur Befreiung von Minbic begann am 1. Juni 2016, und am12. August, nach 73 Tagen, war die Stadt vollständig befreit. Wer erinnert sich nicht an die Bilder der Männer, wie sie sich ihre Bärte abschneiden, und der Frauen, wie sie ihre schwarzen Umhänge wegwerfen! Seither versucht Minbic, die Spuren des Krieges zu tilgen.

Wir waren sehr gespannt, als wir uns von Kobane aus auf den Weg machten. Unterwegs überall die Spuren des Krieges. Als wir in Qereqozak vorbeikamen, wehte dort nur noch der Wind, wo früher das Grabmal von Sultan Süleyman gestanden hatte (damals von der Türkei rapatriiert, Anm.d.Ü.). Die Brücke über den Euphrat bei Qereqozak war vom IS gesprengt, aber auf einer Spur wieder repariert worden; wir sahen, wie sicher der Verkehr sich darüber bewegt. Auf der ganzen Strecke begegnen wir Sicherheitsposten von Uniformierten, die Arabisch und Kurdisch sprechen. Die kurdischen Kämpfer sagen den Reisenden “ser seran ser çavan” (mit Dank zurück), die arabischen “ela resiweleyn”, alle mit einem freundlichen Lächeln.

Am Straßenrand fallen die Kiefern auf. In der Provinz Cêzirê hatte das Baath-Regime den Leuten verboten, Bäume zu pflanzen (nur Monoproduktion von Getreide, vergl. “AK zur Kurd. Rev.” Nr. 10, Anm.d.Ü.). Aber sobald die Brücke von Qereqozak überquert ist, säumen den ganzen Weg bis Minbic auf beiden Seiten 6 bis 7 Reihen Kiefern die Strasse. Und es fällt auf, dass hinter jedem Haus ein Garten mit Oliven-und Pistazienbäumen ist.

Ebu Leyla schaut auf die Stadt

 Kaum sind wir in der Stadt angelangt, treffen wir auf dichten Verkehr, Zeichen dafür, dass die Stadt ihren alten Rhythmus wiedergefunden hat. Gleich am Anfang der Straße eine Autowerkstätte, auf deren Rolläden auf arabisch “Ebu Leyla – Werkstätte von Şemsi Şimal” steht (der Kommandant Ebu Leyla fiel bei der Befreiung). Und auch der Poster von Ebu Leyla in einem Spielsalon in der Stadtmitte hält die Erinnerung an diesen großen Revolutionär lebendig.

Im Zentrum gehen wir als Erstes zu einem Ort, den der IS “Mirebha Emni” (Sicherheitsort) genannt hatte. Das ist ein Hotel gleich am Anfang des Platzes; es wurde vom IS als Quartier benutzt. Die Ko-PräsidentInnen von Yekîtiya Ragihandina Azad in unserer Begleitung, Ekrem Berekat und Şehnaz, berichten uns, dass von diesem Hotel oft Menschen kopfüber hinuntergestürzt wurden; das war eine Art der Hinrichtung.

 Im Schatten der Grausamkeiten des IS

Die Journalisten-Kollegen zeigen uns auch auf diesem Platz ein Bassin, in das  die abgetrennten Köpfe von Hingerichteten geworfen wurden. Eine Grube in der Mitte des Platzes fällt auf, mit zementierter Bodenplatte. Hier wurde eine Frau gesteinigt, erzählen sie. Bis zum Hals eingeraben, wurden Steine auf sie geworfen, und zur Erinnerung an die Grausamkeiten wurden nach der Befreiung der Stadt die dafür benutzten Steine um die Grube herum gereiht. Gleich neben Mirebha Emni steht ein hitorisches Hammam; es wurde vom IS als Druckerei und Verlag benutzt.

Ebenfalls im Zentrum kommen wir zu “Dewer Rabıta” auf der Aleppo-Straße. Die Erinnerung an die IS-Herrschaft ist für die Stadtbewohner eine offene Wunde. Am Anfang der Strasse ist ein Schiff aufgebaut, das vom IS für Hinrichtungen gebraucht worden ist. Man ließ sie hier drin 4 Tage lang warten, bis man ihnen die Köpfe abschnitt. Jeden Tag mussten die Verwandten 4 Stunden lang beim Schiff sein, und auch ihre Kinder wurden gezwungen, die abgeschnittenen Köpfe anzuschauen. Danach wurden die Leichname nicht den Familien übergeben, sondern irgendwo weggeworfen.

„Das können wir nicht rechtfertigen“

In derselben Straße wurde ein Eisenkäfig als offene Gefangenenzelle verwendet, um Männer und Frauen zu bestrafen, die in der glühenden Sonne ohne Wasser und Nahrung gelassen wurden. Ein Ingenieur, der sich uns als Tscherkesse und selbst Einwohner von Minbic vorstellt, begleitet uns und erklärt auf Arabisch, als er sieht, wie wir den Eisenkäfig fotographieren: “Hinter diese Eisenstäbe haben sie Hunderte unserer Landsleute gesteckt, Junge und Alte. In meinem ganze Leben haben wir solche Scheußlichkeiten noch nicht gesehen. Ich komme einfach nicht zur Ruhe, aber ich finde niemanden, mit dem ich darüber reden kann. Dass die jungen kurdischen Leute für uns ihr Blut vergossen haben, das zerreißt mich, das können wir nicht rechtfertigen. KämpferInnen wie Arin Mirkan und Ebu Leyla sterben für uns, und was machen wir?”

Die Frauen wieder in bunten Gewändern

 Die Strassen waren zu Zeiten des IS für Frauen verboten, jetzt sind sie wieder voll von ihnen. Frauen mit unbedecktem Haar, Frauen mit Kopftuch, unter ihnen auch Frauen mit bunten Gewändern. Minbic ist doch der Sage nach von einer Göttin gegründet worden. Unter dem IS waren die Frauen zuhause gefangen gehalten, und ihre Farben sah man nicht mehr auf den Strassen. Heute aber fällt auf, wie zahlreich die Frauen auf den Strassen und in den Gremien vertreten sind, bis hin zu den Sicherheitskräften und den Militärs.

Wenn Kinder uns erblickten, dann machten sie als Erstes als Begrüssungszeichen das V (mit Mittel- und Zeigefinger). Und eine alte Frau machte auch mit lachendem Gesicht das V, als sie uns sie fotographieren sah. Und sagte dann im Vorbeigehen: “Wenn das der IS sähe, der würde uns in Stücke hacken!” Und dann drehte sie sich noch einmal um, lächelte, stellte ihre Taschen auf den Boden und machte mit beiden Händen das Siegeszeichen.

Die Wunden verbinden

Beim Gang durch die Stadt sind wir Zeugen, wie mit Traktoren und Müllwagen aufgeräumt wird, dass die Brücke über den Kanal, der die Stadt in zwei Hälften trennte, wieder hergesellt ist, und dass man sich bemüht, den dringendsten Dienstleistungen wie die Versorgung mit Wasser und Strom nachzukommen. Sofort nach der Befreiung der Stadt wurde ein neunköpfiges Komitee im Rathaus eingesetzt, das die städtischen Ämter wieder ingang brachte. Unter-Einheiten dieses Komitees wurden gebildet, die sich dranmachten, den Müll, der in den etwa drei Monaten des Befreiungskampfes nicht abgeführt worden war und sich deshalb zu Bergen angesammelt hatte, abzutragen. Und zum Abfall auf den Strassen kamen noch die zerstreuten Überreste der Kriegsruinen hinzu. 80 Leute waren in zwei Schichten ununterbrochen damit beschäftigt. Zuerst hat man nur mit Traktoren, die das Volk freiwillig zur Verfügung gestellt hat, den Abfall weggeräumt; dann kamen auch Müllwagen hinzu. Eine Schicht arbeitet von 8 bis 15 Uhr, die andere von 15 bis 19 Uhr, pausenlos jeden Tag. Dank diesem intensiven Einsatz konnten die Müllberge abgetragen werden, und nun ist man dabei, zu säubern und das Strassenbild hübscher zu ordnen. Jeden Tag waren 170 to Müll und Ruinenreste weggebracht worden.

Nun hatte der IS überall Minen versteckt, auch unter dem Müll, und bei der Abfuhr kam es dreimal zu Explosionen. Dabei wurden auch MüllarbeiterInnen verwundet.

Die für das Gemeinde-Komitee zweitwichtigste Dienstleistung ist die Wasser-Versorgung, die Reparatur des Wassernetzes. Noch kann nicht die ganze Stadt 24 Stunden am Tag mit Wasser versorgt werden. Man unternimmt große Anstrengungen, dass jeder Haushalt mit Wasser beliefert wird. Was die Stromversorgung angeht, so ist sie im Großen und Ganzen durch die Tişrin-Talsperre gesichert. Auf Vorschlag der Einwohner von Kobanê und mit Zustimmung ihrer Selbstverwaltung wurde sogar die 24-stündige Stromversorgung von Kobanê um 8 Stunden verringert, damit den Leuten von Minbic eine größere Menge zugeteilt werden kann. Das festigt ganz sicher die Perspektive auf ein friedliches Zusammenleben der Völker!

Aufbau, wohin man sieht

 Als wir weiter in die Stadtmitte vordringen, wird die Menschenmenge und der Autoverkehr immer dichter. Gäbe es nicht die Spuren von Krieg und Gefechten an den Häusern, dann würde man gar nicht glauben, dass diie Stadt eben aus einem Krieg kommt. Der zivile Rat von Minbic arbeitet daran, den dichten Verkehr zu lenken und diie Moblititätsprobleme in den Griff zu bekommen. Einerseits repariert er die Brücken, die der IS zerstört hatte, andererseits bemühen sich die Frauen und Männer der Verkehrs- und Sicherheitspolizei, dass der Verkehr ruhiger fließt. Überall trifft man auf fiebrige Aktivitäten. Mittel- und langfristige Projekte können noch nicht in Angriff genommen werden, da die entsprechenden Baumaschinen fehlen. Also behilft man sich mit Ersatzstrukturen und freiwilliger Mitarbeit.

Die Geflohenen kehren zurück

 Vor dem Krieg zählte die Stadt Minbic 90 000 Einwohner; aber ihre Zahl fiel wohl auf die Hälfte. Viele Bewohner kehrten noch während der Kämpfe zurück, weil sie fest damit rechneten, dass der IS besiegt wird. Außerdem kamen viele, die vor den IS-Grausamkeiten aus Raqqa, Bab, Cerablus, Rai, Azaz und Aleppo geflohen waren, nach Minbic, wo man ihnen Wohnungen zur Verfügung stellt.

Die Handelswege sind frei

 Die Stadt liegt auf dem Handelsweg nach Aleppo, ist also ein wichtiges internationales Handelszentrum. Dennoch sind ihre Einwohner so fleißig, dass sie sich aus der eigenen Produktion selbst versorgen. Jetzt ist auch die Verbindung zu Kobanê und dem Kanton Cizîrê wieder frei. Das führt zu neuem Leben in Handel, aber auch in der Kultur. Auf der Überlandstrasse ist der Verkehr in den letzten beiden Monaten von Null auf ein Niveau gestiegen, wo er oft verstopft ist, vor allem weil der Übergang beim Tişrin-Staudamm und die Brücke von Qerekozak schnell repariert wurden.Es ist berkannt, dass Minbic eine der aufgeklärtesten Städte von Syrien ist. Es war sogar die einzige Stadt, die sich auflehnte gegen das Vorgehen des IS. Nach zwei Jahren werden die Schulen wieder eröffnet, für Tausende von Schülern. Das freut vor allem die Mädchen. In den vergangenen Tagen wurden 2 Schulen mit Kurdisch-Unterricht aufgemacht. Und in Minbic ist das Gedenken an Abu Leyla überall präsent. Bei jedem Gespräch mit Bewohnern von Minbic wird sein Name erwähnt.

Die militärischen Angriffe wurden nicht eingestellt

Nach der Säuberung der Stadt vom IS wurde sie dem zivilen Rat von Minbic übergeben. Die militärischen Kräfte zogen sich zum größten Teil aus der Stadt zurück. Für die Sicherheit in der Stadt sorgen die “Asayış”. Der Militärrat hat die Aufgabe, gegen Angriffe von außen für Stabilität in der Stadt zu sorgen. Es kommen immer noch Angriffe der islamistischen Banden vor, und die jungen Leute, seien es nun Araber, Tscherkessen, Turkmenen, Kurden oder Aramäer, nehmen ihr Schicksql gemeinsam in die Hand und verkaufen ihr Leben so teuer wie möglich, um ihre Stadt zu schützen.

Dass es der Militärrat von Minbic verstanden hat, die Angriffe der türkischen Regierung auf Dörfer westlich von Minbic zu beantworten, läßt das Vertrauen der Bevölkerung wachsen. Am Anfang herrschte ein Spannung bei den Leuten, aber jetzt, wo sie zur Selbstverteidigung an den Kämpfen teilnehmen, ist ihre Zuversicht gewachsen, was auch in ihren entspannten Gesichtern zum Ausdruck kommt. Dass in den letzten zwei bis drei Monaten mehr als 2 000 Männer und Frauen in die Reihen des Militärrats von Minbic eingetreten sind, darunter viele Araber, ist Ausdruck dieses Vertrauens. Das sind Zahlen aus militärischen Quelllen. Schließlich festigt die Tatsache, dass bei den letzten IS-Angriffen neben Kurden und Arabern auch zwei internationalistische Krieger gefallen sind, das Bewußtsein bei den Leuten von Minbic, dass sie einen gemeinsamen Kampf aller Völker führen.

 

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