Der Kanton Afrin: Trotz Blockade eine Insel des Friedens

Bericht von Özgür Serhat aus Afrin (Nordsyrien) / YÖP 2.12.2016

Der Kanton Afrin hat es vor allem dem Widerstand der Frauen zu verdanken, dass er seit Jahren der Blockade und den Beschießungen von außen die Stirn bietet. Denn die Frauen geben nicht auf, sondern engagieren sich im Gegenteil beim Aufbau eines demokratischen Syrien.

Der seit 5 Jahren andauernde Krieg in Syrien hatte vielleicht auf Rojava noch die geringsten Auswirkungen. Die Städte Hama, Homs, Deir Ez-Zor und Rakka sind heute nicht wieder zu erkennen. Wenn man von Damaskus nach Afrin fährt, trifft man kilometerweit auf keinen Menschen und auf kein unbechädigtes Haus. Aber sobald man die Grenzen von Afrin überschreitet, glaubt man sich in einem Paradies.

Mit seinen 7 Kleinstädten und 366 Dörfern ist Afrin wie eine Oase in der Wüste. Die Kriegslandschaft grauer Ruinen verwandelt sich jenseits der Grenze in ein liebliches Tal. Grüne Olivenbäume, soweit das Auge reicht. Freilich verbirgt dieses friedliche Panorama eine Wirklichkeit dahinter, die ganz anders ist.

Von vier Seiten Krieg

 Der 400 000 Einwohner zählende Kanton Afrin führt seit vier Jahren einen erbitterten Widerstandskampf gegen den Mangel, den die strikte Blockade und die Angriffe bewirken. Die türkische Regierung holzte Hunderte von Olivenbäumen ab, um auf dem grenznahen Gebiet von Afrin eine Mauer aus Beton zu errichten. Und sie griff Dutzende von Zivilisten an, die sich dagegen zur Wehr setzten. Während die türkische Regierung die Grenzübergänge schloss und der Bevölkerung den Übertritt verwehrt, legte sie sogar asphaltierte geheime Übergänge an, um jede Art von Logistik für die islamistischen Banden in Syrien zu sichern. Aufgrund des Kriegs, der Afrin von allen vier Seiten gemacht wird, sind sämtliche Zugangswege zu diesem Kanton geschlossen.

Auch von den anderen Kantonen Rojavas ist Afrin aus geographischen Gründen abgeschnitten. Und trotz der Blockade hat Afrin so viele Flüchtlinge aufgenommen, wie es selber Einwohner hat.

Und wie verläuft das Leben in diesem kurdischen Kanton, der derart in die Mangel genommen wird? Das Volk von Afrin, einerseits vom Krieg und andererseits von der Blockade in die Zange genommen, gab sich nicht geschlagen, auch wenn es am Anfang sehr schwer war. Trotz Krieg und Blockade begann es, ein neues Leben aufzubauen.

 Zuerst das Verteidigungs-System

Zuerst stellte man sowohl auf militärischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene ein Verteidigungssystem auf die Beine. YPG und YPJ (Männer- und Frauen-Einheiten von Rojava), HPC (Selbstverteidigungseinheiten) und die Polizei für die öffentliche Sicherheit und den Verkehr wurden fest strukturiert. Zum ersten Mal für Rojava war es in Afrin, wo auch Zentren für Polizistinnen eingerichtet wurden. Zehntausende von Frauen und Männern werden an den Waffen trainiert. Vor allem nach der Katastrophe, die 2014 über die Êzidî in Şengal hereinbrach, meldet sich sehr viele Frauen freiwillig zur militärischen Ausbildung in den Camps.

Das Leben dreht sich um die Frauen

 Im Vergleich zu den anderen Kantonen Rojavas ist das Leben in Afrin noch viel mehr von den Frauen geprägt. Schon allein deshalb, weil die Frauen in der Bevölkerung in der Überzahl sind.

In jedem Dorf, in jeder Kommune gibt es Verteidigungskomitees, in denen auch Frauen vertreten sind, sowohl kurdische als auch arabische. Diese Komitees treffen eigene Vorsichtsmaßnahmen gegen Angriffe von außen. Die Ausbildung besteht aus militärischen Training wie auch aus ideologischer Bildung. Die Frauen von Afrin sehen ihre Selbstverteidigung als lebensnotwendig, und durch die Teilnahme an den Selbstverteidigungseinheiten steigt auch ihr Vertrauen in die eigene Kraft. Gegen die Angriffe mobilisieren die Frauen in der ersten Reihe, damit Gebiete von Afrin nicht besetzt werden, und versuchen unter Einsatz ihres Lebens, zu verhindern, dass die Olivenbäume, die sie seit Jahren hegen und pflegen, ausgerissen werden. Viele Frauen sind dabei schon verletzt worden, und Leyla Ozo ist die erste Frau, die in Rojava in den Reihen der HPC (Hêzên Parastina Civakî) fiel.

Das Bewußtsein der Frauen entwickeln

 Im Kanton Afrin spielt die (Frauen-Organisiation) Yekitiya Star seit Beginn des revolutionären Prozesses bei der Organisierung auf politischer, ökonomischer, sozialer, militärischer und kultureller Ebene eine aktive Rolle und trägt entscheidend zur Lösung der Probleme im Erziehungswesen, bei Familienfragen, in Politik und Wirtschaft sowie bei der Aufstellung der Polizeikräfte bei. Sie eröffnete die “Star-Gedanken-Akademie” zur Schärfung des Bewußtseins der Frauen. Nicht nur der kurdischen, auch der arabischen und christlichen Frauen. Hunderte Frauen durchliefen bereits Kurse in Politik, Wirtschaft, Sprache, Kultur und soziale Fragen.

Die Blockade macht erfinderisch

 Unter den Bedingungen von Blockade und Amgriffen musste das Leben neu strukturiert werden, und die Frauen spielten dabei in der Wirtschaft die dominierende Rolle. Afrin’s Wirtchaft basiert auf der Landwirtschaft; der Bedarf wird von der eigenen Produktion gedeckt. Das Land, ist so fruchtbar, dass niemand verhungern muss, wenn man sich darum kümmert, wie es die Frauen mit großem Engagement und voller Erfindergeist tun. Neben den Olivenhainen als wichtigster Ertragsquelle des Kantons sind viele Frauen in der Gemüse- und Obst-Produktion beschäftigt.

Um die Beschäftigung der Frauen zu fördern, wurde das “Zentrum für die ökonomische Stärkung der Frau” gegründet. Ausgehend von diesem Zentrum wurden bereitsd 11 größere oder kleinere Kooperativen gegründet, unter anderen eine Nähwerkstatt, die landwirtschaftliche Genossenschaft im Bezirk Reco, eine Bäckerei, im Dorf Mehmûdiyê ein Näh-Atelier, ein Ersatzteil-Laden…

 Ein Beispiel für ganz Syrien

 Tatsache ist, ohne den Widerstand der Frauen hätte man der seit Jahren andauernden Blockade nicht so gut standhalten können. Weil die Frauen Mittel und Wege fanden, wie trotz Blockade und Einschnürung das Leben organisiert und mit der Produktion der Bedarf gedeckt werden kann, ist es dem Volk von Afrin gelungen, mit den Gefahren seitens der Türkei und der islamistischen Banden fertig zu werden. Statt sich dem Embargo und dem Krieg zu ergeben, haben die Frauen gezeigt, wie mit dem System der Föderation ein demokratisches Syrien aufgebaut werden kann.

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