Dieses Mal der Zorn von Raqqa!

Fehim Taştekin, für gazete duvaR., 07.11.2016

Er hat befohlen, soweit er befehlen konnte: „Die YPG darf die westliche Grenze zum Euphrat nicht  überqueren!“

Sie haben  die Grenze überquert. Sie haben die Shehba Region, die als unantastbar galt,  nicht nur östlich, sondern auch westlich betreten.

Dann hat er erneut befohlen:  „Hashd al-Shaabi1 darf Mosul nicht betreten!“ Sie haben Mosul betreten. Sie haben ihn noch nicht mal beachtet.

Als würde der Krieg in der Heimat nicht reichen, sieht es danach aus, als würde der Krieg in der Welt jeden Moment ausbrechen. Es ist ein nebeliger Dunst in der Atmosphäre.

30 Waggons voller Soldaten werden mit Gebeten und Allahuekber Ausrufen verabschiedet. Als ob dieses Land formatiert und in ein Zeitalter der Mobilisierung teleportiert wäre. Keiner fragt; „was soll das Ganze, was für ein Kriegszug?“

Keiner hat Angst vor deiner Wut. Warum ziehst du trotz dieser Feststellung immer wieder rote Linien?

Warum sagst du „Mossul gehört den Sunniten“, anstatt zu sagen „der Irak gehört den Irakern“!

Warum sagst du immer wieder, während die Syrer, mit ihren Kurden, Arabern und Turkmenen für ihre Heimat ihr Leben lassen, dass „diese Organisation nicht dahin kann oder nicht da bleiben kann“!

Und wieso nimmt man nach so viel Geschrei die Blamage vor der Weltöffentlichkeit in Kauf!

Ist es so schwer zu sagen, dass „Syrien den Syrern“ und „der Irak den Irakern“ gehört?

Das Beharren, das Spiel auf internationaler Ebene im „Rüpel-Jargon“ zu spielen, hat dazu geführt, dass Probleme, die durch kleine diplomatische Schritte gelöst werden könnten, sich zu feurigen Showdowns entwickelten. Ein kurzsichtiges, unbegrenztes und unkalkulierbares Rudern; jedes Mal, wenn sie der Diplomatie keinen Raum lassen, finden sie die Lösung in der Anhäufung von Soldaten an der Grenze.

Inzwischen stellt jeder in dieser schrecklichen Kakophonie dieselbe Frage: „Warum stört euch die Niederlage des IS so sehr?“

Dies ist eine Frage, die sich wie ein Stein in das Herz festsetzt.  Wenn das Herz noch ein Herz ist…

Es wurde immer noch nicht verstanden: Die Außenpolitik läuft nicht wie auf dem Bazar, nach dem Motto: Wer mehr schreit, verkauft mehr Wassermelonen. Insbesondere im Mittleren Osten bringt weniger Reden mehr Gewinn. Ein libanesischer Politiker hatte die Türkei am Anfang der Syrienkrise darauf aufmerksam gemacht.

Das jüngste Beispiel hierfür ist Raqqa. Sie haben gesagt: „Wenn die YPG sich an der Operation Raqqa beteiligt, sind wir nicht dabei“. Am 5.November haben die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) unter der Führung der YPG die Operation Raqqa gestartet.  Frei nach dem Motto „wie du mir, so ich dir“ wurde die Operation in Anlehnung an die Operation „Euphrat-Schutzschild“ der Türkei in Syrien, Operation „Zorn des Euphrat“ genannt. Es wurde doch nach den Obama-Erdogan Gesprächen behauptet, dass die Stadt durch eine türkisch-amerikanische Koalition befreit werden soll. Was ist aus diesen Plänen geworden? Keiner wird zur Rechenschaft gezogen. Im neuen System läuft es halt so ab.

Ich habe den YPG-Oberbefehlshaber Sipan Hemo zu den aktuellen Geschehnissen befragt. Gemäß seinen Angaben wird die internationale Koalition unter der Führung der USA Raqqa aus der Luft, und werden syrische Bodentruppen aus dem Norden, Osten und Westen einkesseln. Nachdem sie den Euphrat erreicht haben, werden sie einen Plan bezüglich des Stadtzentrums entwickeln.  Da Syrien und Russland mit Aleppo beschäftigt sind, kümmert es sie nicht, dass die gegnerische Koalition Raqqa befreit. Zumindest verhalten sie sich so. Eine Art der Zustimmung zum geringeren Übel. Die Operation wird voraussichtlich sehr lange dauern. Raqqa ist schließlich das Epizentrum des IS. Außerdem hat es eine symbolische Bedeutung für den IS. Der IS, der in Manbij 73 Tage Widerstand geleistet hat, wird hier eine ganz andere Dimension der Kriegsführung an den Tag legen.

An der Operation „Zorn des Euphrat“ sind neben der YPG und YPJ auch Organisationen wie Liva Sukur er-Rakka, Liva et-Tahrir, Liva Şuheda er-Rakka, Tugaya Şuheda Hamam el Türkmen, Liva Ahrar er-Rakka, Suvvar Tel Ebyad und der assyrische Militärrat beteiligt. Also kämpfen Kurden, Araber, Turkmenen und Assyrer Schulter an Schulter. Ein Großteil der Kämpfer der Operation kommt aus Raqqa. Der Prozess zur Befreiung der Stadt soll vom Raqqa-Militärrat verwaltet werden. Die Kurden werden sich nach der Etablierung einer Ordnung zurückziehen. Also werden in Raqqa Menschen aus Raqqa regieren. Genauso wie es in Hol, Shedadi und Tel Abyad der Fall ist. Die Kurden definieren ihre Rolle als „Hilfe für die Menschen in Raqqa“. Alles andere wäre ohnehin nicht möglich.

Der Zorn von Raqqa enthält wichtige Implikationen, nicht nur für die Kurden, sondern auch für die Türkei, die ihre ganze Strategie basierend auf einer anti-kurdischen Haltung entwickelt.

Zweifelslos werden die Kurden durch diese Operation ihre Legitimität auf internationaler Ebene verfestigen. Trotz der Empörung Ankaras werden in der internationalen Arena nicht nur die Rojava- Administration und die PYD, sondern auch die YPG/YPJ mehr Anerkennung finden.

Die Verhandlungsposition der Kurden gegenüber dem syrischen Regime wird gestärkt,  und die Verhandlungen werden gleichberechtigter ablaufen.

Die Befreiung der Euphrat Linie vom IS wird dazu führen, dass die Angriffe auf Rojava reduziert zurückgehen. Dies wiederum wird den Kurden und ihren Partnern die Möglichkeit geben, in den befreiten Zonen zu schlichten.

Ich werde nicht auf die Spekulationen eingehen, dass Raqqa sich der Demokratischen Föderation Nordsyrien-Rojava anschließt. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand, was in Raqqa passieren wird. Das einzige, was die Akteure vor Ort sagen können, ist: „Die Menschen aus Raqqa werden darüber entscheiden, was mit Raqqa passieren wird.“

Das Ergebnis einer Außenpolitik, die im innenpolitischen Stil geführt wird, ist peinlich:

Die Vereinigten Staaten haben sich anstelle einer Partnerschaft mit ihrem NATO Verbündeten  für eine Partnerschaft mit der YPG entschieden, die von der Türkei als Terrororganisation eingestuft wird.  Sie können die Niederlage mit einer „noch mehr Geschrei“- Taktik vertuschen. Aber praktische Folgen wird das nicht haben. Denn sie werden sich kaum trauen, den amerikanischen Botschafter auszuweisen und den Luftstützpunkt Incirlik zu schließen. Auch eine Ausrede wie bei Mossul, wo es von türkischer Seite hieß, „wir greifen aus der Luft an“, wird im Falle von Raqqa offenkundig nicht ziehen.

Der Beginn der Operation mit der SDF hat die Türkei in vielerlei Hinsicht ins Leere fallen lassen:

Erstens wollte die Türkei die bewaffneten Gruppen, die sie unterstützt, in al Bab einschleusen und  über Kobanê und Afrin den Plan eines „kurdischen Korridors“ vom Süden aus zerstören.  Bekanntlich hat die Jarablus-Aktion der TSK (türkischen Armee) die Pläne eines Korridors im Norden verhindert. Wenn die Türkei an der Operation beteiligt wäre, würde sie auf dem Weg nach al Bab und Raqqa  eigentlich Rojava einkesseln. Somit könnte sie mit dem Plan der Zerstörung der Autonomie beginnen.

Eine Zusammenarbeit mit den USA in Syrien hätte dann sicherlich auch die Gelegenheit für die Türkei geboten, die SDF aus Manbij zu vertreiben.  Ein anderer Plan der Türkei war es, die Raqqa-Operation über den Osten des Euphrats zu führen, um so die Kontrolle über Tel Abyad zu sichern und so die beiden Kanton Cizîrê und Kobanê erneut voneinander zu trennen. Das hätte zwar den Konflikt mit den Kurden weiter verschärft. Aber die Türkei hat ohnehin darauf spekuliert, dass die USA im Gegenzug für die gemeinsame Operation auf Raqqa die Kurden fallen lässt.

Zu jetzigen Zeitpunkt hat sich keine dieser Berechnungen bewahrheitet.

Kann die Türkei aber eine de-facto Situation erschaffen und ihr Spiel gegen die Kräfte im Norden Syriens ausbreiten? Bei den Osmanen nehmen die Spiele kein Ende, heißt ein türkisches Sprichwort. Aber an dieser Kreuzung ergeben sich einige rote Lichter:

  • Zum einen die Amerikaner, die auch nach den Wahlen am 8.November sehr wahrscheinlich mit den Kurden zusammenarbeiten werden….
  • Zwar ist die Freundschaft zu Putin wieder erblüht. Aber die S-300 und S-400 Raketen der Russen in Syrien drücken zugleich aus, dass die Liebe im Krieg doch anders tickt.
  • Das Recht der syrischen Armee, ihr Land und ihre Souveränität zu gewährleisten….
  • Die Reaktion der lokalen Kräfte, die die Türkei als Kolonialmacht wahrnehmen…

Und wenn immer noch die Aussage fällt: „Niemand soll es wagen, die Macht des Türken testen“, werde ich nach einem letzten Satz von meinem Recht, zu schweigen, Gebrauch machen:

Erliegt nicht den Flammen der Lust, es ruft euch nämlich nicht das Paradies!

 

Im türkischen Original ist der Artikel unter folgendem Link erschienen: http://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2016/11/07/bu-kez-rakkanin-gazabi/

 

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