Syrien: Rakka – die finale Szene

Von Amed Dicle, ANF, 3.11.2016

karte_albab

legende_live_war_map

Der wichtigste städtische Stützpunkt des IS (Daesh) in Syrien ist Rakka. Die politischen, diplomatischen und militärischen Vorbereitungen zum Angriff auf die Stadt laufen von Rojava aus. Vor allem die US-Regierung macht Druck: in ein paar Tagen sind die Präsidentschaftswahlen.

Die Türkei wird nicht dabei sein

Die Türkei bemühte sich sehr, damit die Kräfte von Rojava und Nordsyrien nicht an dieser Operation teilnehmen. Immer wieder erklärte Erdogan, dass er darüber mit Obama gesprochen habe. Aber seine Anstrengungen waren nicht von Erfolg gekrönt. Weder in der Region noch in der übrigen Welt glaubt jemand, dass die Türkei gegen den IS tatsächlich kämpfen werde. Die diplomatisch nötigen Erklärungen reflektieren nicht die Wirklichkeit. Auch an der Operation gegen Mossul nimmt die Türkei nicht teil. Genausowenig wird sie in Rakka dabei sein.

Die Kräfte der USA und Nordsyriens werden die Operation durchführen

Die Rakka-Operation wird aus der Luft von der US-geführten Koalition und auf dem Boden von den nordsyrischen Streitkräften, deren Teil die YPG ist, ausgeführt werden. Die amerikanischen Verantwortlichen sind bereits nach Rojava gekommen, um hier die Einzelheiten zu besprechen. Man rechnet nicht damit, dass die Operation nur kurze Zeit in Anspruch nehmen werde. Denn der IS setzt hier seine letzten Trümpfe ein. Da die Mossul-Operation zur gleichen Zeit weitergeht, bleibt dem IS keine Ausweichmöglichkeit, wohin er sich zurückziehen könnte; er muss vor Ort einen Kampf auf Leben und Tod liefern.

Die Säuberung von Rakka ist für Rojava lebenswichtig

Bisher war Rakka ein großer Gefahrenherd für Rojava; er muss endgültig liquidiert werden. Nach der Einnahme der Stadt wird sie wie in Minbic, Tel Abyad und Sheddade dem Willen und der Initiative des Volkes abgegeben werden. Wenn durch diese Operation die Gefahr, die vom IS ausgeht, beseitigt wird, dann zeigt das politische und militärische Modell von Rojava und Nordsyrien dem ganzen Land eine Alternative, die sich dann als höchst glaubwürdig erweist.

Rakka ist vor allem für Rojava wichtig: die Beziehungen zu den USA und zur westlichen Welt werden nach dieser Operation nicht mehr nur (militär-) taktischer Natur sein, sondern sie werden sich auf die politische und strategische Ebene ausdehnen.

Die Türkei wollte teilnehmen, um Rojava zu bekämpfen

Nicht um den IS, sondern um Rojava zu bekämpfen, wollte die Türkei mitmachen an dieser Operation. Dass stattdessen die militärischen Kräfte von Rojava teilnehmen, macht ihre Pläne zunichte.

Der erste Feind für Rojava ist nicht mehr der IS, sondern die Türkei!

In der derzeitigen Situation ist der wichtigste Feind für Rojava nicht mehr der IS. Das ist er gewesen, bisher. Nach drei Jahren harten Krieges ist der IS nun in Rakka eingeklemmt. Für Rojava und Nordsyrien ist jetzt der größte und wichtigste Feint die türkische Regierung. Das liegt nicht daran, dass Rojava dies ausgesucht hätte, sondern es liegt daran, dass die türkische Politik von der Kurdenfeindschaft geleitet wird.. Bisher bediente sich die Türkei des IS als Werkzeug für diese Feindschaft. Jetzt ist eine militärische Lage entstanden, in der der IS dafür nicht mehr brauchbar ist. Jetzt soll die türkische Armee selber diese Feindschaft mit Leben füllen.

Dass die Türkei an der Rakka-Operation nicht teilnimmt, stellt für Rojava und Nordsyrien eine Errungenschaft dar in jeder Hinsicht. Aber man darf nicht glauben, dass die Türkei deshalb alle ihre Pläne aufgegeben habe. Ihre Politik der Besetzung von Cerablus, Azaz und Mare (auf syrischem Boden) wird sie unter verschiedenen Vorwänden weiter vorantreiben. Sie hat sowieso offen erklärt, dass sie auch El Bab und Minbic einnehmen will. Man darf damit rechnen, dass die Türkei nach Beginn der Rakka-Operation Angriffe gegen Rojava starten wird.

Es ist ausgeschlossen, dass die Türkei Minbic besetzt

Eine andere Rechnung macht die Türkei mit Minbic auf. Dass die Demokratischen Kräfte Syriens Minbic eingenommen haben, ist für die Türkei einfach nicht möglich. Aber wenn sie Minbic angreift, wird sie auf harten Widerstand stossen. Und die internationalen Kräfte mit den USA an der Spitze werden sich gegen eine solche Initiative stellen. Das haben die amerikanischen Verantwortlichen auch den türkischen und anderen regionalen Behörden deutlich zu verstehen gegeben. Kurz – es ist ausgeschlossen, dass die Türkei Minbic besetzt, aus miitärischen, politischen und diplomatischen Gründen.

Wer in El Bab einmarschiert, das ist noch nicht klar. Wenn sich die Türkei Russland annähert und Russland sich mit den USA überwirft, dann ändert sich das Kräfteverhältnis in der Region. Die Türkei will El Bab einnehmen und gegen die militärischen Kräfte von Rojava und Nordsyrien in Stellung bringen. Die Widerstandskräfte in der Region Şehba (der Hauptort El Bab ist) sind dementsprechend vorbereitet. Im Hinblick auf die erwartete Operation gegen Rakka drehen sie in der Region Şehba ihre militärischen Aktivitäten (in Richtung El Bab) nicht zurück, sondern intensivieren sie sogar.

Die politischen Auswirkungen der Operation gegen Rakka

Das Zentrum all dieser Bewegungen in der Region bildet zweifelsohne Rakka. Die politischen Auswirkungen dieser Operation werden die Zukunft von ganz Syrien bedingen. Man muss genau verfolgen, welche Haltung das syrische Regime und Russland gegenüber dieser Operation einnehmen. Denn wenn dem IS ein tödlicher Schlag versetzt worden ist, dann steht die Zukunft Syriens von Grund auf neu auf der Tagesordnung. Und die Kräfte an Ort und Stelle werden das Sagen haben.

Die Völker von Rojava und Nordsyrien werden ihren politischen Willen anmelden

Kurz gesagt: Die Operation gegen Rakka und damit die Säuberung vom IS ist nicht nur eine Auseinandersetzung im militärischen Sinne. Mit dieser Operation werden die Syrien-Pläne der Türkei, die Beziehungen zwischen der Koalition unter der US-Führung mit Rojava und Nordsyrien, die Pläne Russlands mit der Führung von Damaskus, kurz die Zukunft von ganz Syrien neu gestaltet werden. Insofern ist Rakka “die finale Szene”, der letzte Auftritt. Das heißt nicht, dass damit das Spielen zu Ende ist, sondern dass ein neues Spiel beginnt. Denn in der Region sind noch viele Rechnungen offen. Etliche Kräfte werden sich nach dem IS auf andere Rechnungen konzentrieren. Die Ausmerzung des iS ist wichtig, aber einen stabilen Frieden und ein demokratisches Syrien herzustellen, dazu braucht es noch viel Zeit und Kraft.

Die Kräfte Nordsyriens sind dafür unabdingbar, genauso wie sie nötig sind für die Liquidierung der IS-Barbaren. Die Völker von Rojava und Nordsyrien werden im Verlauf dieser Operation der Welt klarmachen, welche politischen Absichten sie mit ihrem demokratischen Modell verfolgen. Die militärischen und politischen Entwicklungen werden in naher Zukunft gleichzeitig sich intensivieren.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.