Der Wiederaufbau von Kobane

Zwischenbilanz und Schwierigkeiten

kobane-wiederaufbauEin Bericht der Selbstverwaltung Kobanês, 01.11.2016

Die Stadt Kobanê musste während den brutalen Angriffen des Islamischen Staates (IS) einen hohen Preis zahlen. Die Besatzungsangriffe des Islamischen Staates auf Kobanê haben den anfänglichen Entwicklungen im sozialen, kulturellen, politischen und städtischen Bereich, die parallel zu den entstandenen revolutionären Bedingungen in Syrien unternommen wurden, einen großen Schlag versetzt.
Während die Stadt mit der revolutionären Phase in vielen Bereichen Schritte der Veränderungen unternommen hat, haben diese Angriffe die Entwicklung um Jahre zurückgeworfen. In Folge der Angriffe brach die Infrastruktur der städtischen Dienstleistungen vollständig zusammen. Das Wasser- und Elektrizitätssystem wurden vollständig beschädigt, circa 80% der Stadt wurde zerstört. Der größte Teil der Straßen war nach dem Krieg kaum benutzbar. Die Krankenhäuser und medizinischen Einrichtungen waren entweder teilweise oder gar vollkommen zerstört. Während vor dem Krieg in der Stadt insgesamt 26 Schulen (Grund-, Mittel- und Oberschulen) vorhanden waren, war nach dem Krieg keine einzige Schule mehr nutzbar. Alle Schulen wurden beschädigt, ein Großteil der Schulen wurde vollständig zerstört. Auch die Wohnungen waren zum größten Teil zerstört, sodass die Menschen in Zelten oder in den Ruinen leben mussten.

Der heldenhafte Widerstand der Volks- und Frauenverteidigungseinheiten der YPG und YPJ fand in der ganzen Welt ein Echo, und mit der Zeit entwickelte sich Kobanê zum Symbol für den Widerstand gegen den IS. Diesem Widerstand, der von gesellschaftlicher Unterstützung genährt war, gelang es, die Stadt vom IS zu befreien. Nach der Befreiung kehrte die Bevölkerung von Kobanê – nachdem sie infolge der Angriffe die Stadt verlassen musste – wieder zurück.

Vor allem nachdem die Bevölkerung begonnen hatte, nach Kobanê zurückzukehren, hat die Selbstverwaltung des Kantons ein Komitee zum Wiederaufbau von Kobanê gegründet, um die Zerstörung in der Stadt schnellstmöglich zu beheben. Nachdem die Angriffe des IS die Stadt regelrecht in eine große Ruine und Schutt und Asche verwandelt hatte, wurde mit der Aufräumarbeit begonnen. Mit Arbeitsmaschinen wurde der Schutt von den zerstörten Häusern und zerstörten Straßen außerhalb der Stadtgrenzen transportiert. Diese Aufräumarbeit nahm eine lange Zeit in Anspruch. Während auf der einen Seite diese Aufräumarbeit geleistet wurde, wurde parallel dazu die Stadtverwaltung reorganisiert, damit sie die Dienstleistungen für das öffentliche Leben wieder aufnehmen konnte. In erster Linie wurde mit dem Aufbau der Wasser- und Stromversorgung begonnen, und während der Reparaturarbeiten wurde die Wasserversorgung der Bevölkerung durch tägliche mobile Austeilung gewährleistet.  Gegenwärtig ist der Aufbau der Infrastruktur für die Wasserversorgung und -entsorgung beendet. Die Stadt wird komplett mit Wasser versorgt. Am Anfang wurde der Strombedarf durch Generatoren, die in den Stadtvierteln verteilt wurden, begrenzt gedeckt. Später konnte dieser Bedarf nach der Befreiung des Tishrin-Staudamms gewährleistet werden. Gegenwärtig gibt es 24 Stunden Strom in Kobanê. Auch die Kanalisations- und Straßenräumungsarbeiten wurden von der Kommune vollzogen. Mit dem Asphaltieren der Straßen wurde mit den zur Verfügung stehenden Mitteln begonnen.

Im Rahmen der Wiederaufbauarbeiten wurde eine ehemalige Zementfabrik wieder in Betrieb genommen. Der hier produzierte Zement wird dem Volk für die Reparaturen ihrer Wohnungen und Häuser verteilt. Im Rahmen der Arbeiten des Wiederaufbaukomitees wurde damit begonnen, für diejenigen, deren Wohnräume unbewohnbar sind, neue Wohnflächen zu bauen. Zur Deckung des von Mehl- und Brotbedarfs wurden sowohl alte Mühlen und Bäckereien repariert und in Betrieb gesetzt, als auch neue zusätzlich gebaut.

Ein Überblick über die Bildungsarbeit und die medizinische Versorgung

Für Bildungsarbeiten wurden 13 Schulen (im ersten Jahr sieben, im zweiten Jahr sechs) repariert und wiedereröffnet. Mit Schulen, die aus Fertig-Containern bestehen, wurde in zwei Stadtteilen, in denen es keine Schulen gibt, die Bildung der Schüler gewährleistet. In den umliegenden Dörfern wurden fast 320 Dorfschulen eröffnet, und an Orten, in denen diese noch fehlen, dauern die Bauarbeiten und die Ausbildung von Lehrern weiter an. Für fehlende Bänke, Tische, Stühle, Tafeln und andere Schulmaterialien wurden die zur Verfügung stehenden Ressourcen verteilt und die alten Materialien repariert und an die Schulen verteilt. Doch immer noch gibt es einen Mangel an Material und Zubehör in den Schulen. Auch wenn versucht wird, mit den Akademien der Ausbildung von neuen Lehrern nachzukommen, ist die Zahl der Lehrer immer noch unzureichend.

Im Rahmen der medizinischen Versorgung wurde eine Vielzahl von Aktivitäten durchgeführt. Insbesondere die Krankenhäuser haben ihre Arbeiten in der Kriegsphase fortgeführt. Nach dem Krieg haben sie ihre eigene Organisierung fortentwickelt, um den medizinischen Bedürfnissen der Gesellschaft genügen zu können. In der Stadt haben ein allgemeines und ein privates Krankenhaus ihre Arbeiten ohne Unterbrechung fortgeführt. Dazu haben in dieser Phase das von Heyva Sor a Kurdistane (“Kurdischer Roter Halbmond”) eröffnete Krankenhaus und die von der internationalen Organisation ICOR aufgebaute und an Heyva Sor übergebene Frauenklink ihre Arbeit aufgenommen. Zudem haben die Ärzte der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ an verschiedenen Orten der Stadt Beiträge zur Gesundheitsversorgung geleistet. Trotz der medizinischen und technischen Probleme im Gesundheitsbereich wurden mit den gegebenen Möglichkeiten die Arbeiten fortgeführt. In der kleinen arabischen Stadt Sirrin (Sarrin)  außerhalb des Stadtzentrums und in einigen zentralen Dörfern wurden ebenfalls Gesundheitszentren aufgebaut und die Gesellschaft medizinisch versorgt. Heyva Sor leistet zudem für die medizinische Versorgung der Kinder und Gesellschaft einen bedeutenden Beitrag.

Das Embargo erschwert die Aufbauarbeiten massiv

Bei der Durchführung all dieser Arbeiten ist das Embargo gegen Rojava der problematischste Punkt. Die gegebenen Ressourcen für die Aufbauarbeiten und für die Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse sind begrenzt und unzureichend. Die fehlende Unterstützung von außen erschwert die Arbeiten. Es gibt dadurch nicht die Möglichkeit, die angestrebte Qualität in der Arbeit zu erreichen. Die Dienstleistungen im Lande hängen direkt mit den außerhalb geführten politischen und diplomatischen Aktivitäten zusammen. Die Feindschaft der Nachbarländer gegenüber Rojava legt insbesondere die Aufbauarbeiten in Rojava sowie die gesellschaftlichen Dienstleistungen lahm. In diesem Punkt treten am meisten im Gesundheits-, Bildungs- und Verwaltungsbereich Probleme auf. Im Gesundheitsbereich ist die Medizin ein großes Problem. Kinderimpfungen, grundlegende Gesundheitsgeräte, die fehlende Ausbildung der medizinisch Tätigen und das Problem der technischen Geräte sind Schwierigkeiten, bei denen wir in der gesundheitlichen Versorgung an Grenzen stoßen. Technische Unzulänglichkeiten führen zu Problemen bei der Diagnose von Krankheiten und der Mangel an Medizin führt zu Behandlungsproblemen.

Auch die Schäden an Schulgebäuden und das fehlende Schuldmaterial schaffen große Probleme im Bildungsbereich. Irreparable Schäden an Schulgebäuden im Stadtzentrum und den Dörfern sind der Grund für das Fehlen von Schulen an vielen Ortschaften und  für Kapazitätsprobleme durch Überbelegung der Klassen. Es gibt auch Probleme bei den Schulbüchern. Insbesondere das Fehlen einer Druckerei führt zu Schwierigkeiten bei dem Druck von Schulbüchern und Materialien. Dies ist ein Hindernis für die Stabilisierung des Bildungssystems. Noch immer fehlt es in der Stadt an einer Bibliothek, welche den Bildungsbedürfnissen gerecht wird.

Für die Gemeindearbeiten stellen die begrenzten Geräte und Mittel ein Hindernis dar, die angestrebte Qualität in den Arbeiten zu verwirklichen. Bei der Wasser- und Elektrizitätsversorgung und der Ausstattung der Infrastrukturanlagen gibt es auch ernsthafte Probleme. Die Reparaturen und Erneuerungen der gegebenen Installationen reichen nicht aus. Es besteht zudem das Problem, dass von außen keinerlei Geräte nach Rojava oder Kobanê durchgelassen werden. Die Hauptursache unserer bestehenden Probleme ist daher die Embargo-Politik gegenüber Rojava und Kobanê.

Sprengstoff-Rückstände des Krieges weiterhin ein Problem

Ein anderes Problem sind die Kriegshinterlassenschaften, die sich immer noch in unserem Gebiet befinden. Insbesondere nicht explodierter Sprengstoff und Minen gefährden die Sicherheit der Gesellschaft. Auch wenn es von militärischen Einrichtungen einige Initiativen gibt, wurden die Kriegsmaterialien aufgrund des Fehlens von professionellen Fachleuten und dem Fehlen an Materialien nicht alle eingesammelt. Viele Menschen, darunter auch Kinder, haben ihr Leben aufgrund der Explosion von Sprengstofffallen verloren. Auch wenn kurzfristige Sicherheitsmaßstäbe getroffen wurden, ist eine langfristige Lösung nicht gefunden.

Das, was Kobanê nach wie vor am dringendsten braucht, ist politische Unterstützung, um die Embargo-Politik gegen Rojava zu durchbrechen. Der Aufbau von gesellschaftlichen und politischen Druck auf die Türkei, Syrien und die Regierung Südkurdistans kann einige Ergebnisse erzielen und den Wiederaufbau von Kobanê beschleunigen. Das Embargo hat das Niveau einer politischen Haltung überschritten. Es ist die Hauptursache dafür, dass  die Hauptbedürfnisse der Gesellschaft wie im Bereich der Medizin und Bildung nicht befriedigt werden konnten. Das gegenwärtige Embargo ist keine politische Haltung, sondern stellt eine Strafmaßnahme gegenüber einer ganzen Gesellschaft dar. Das Embargo muss als ein humanitäres Problem aufgefasst, und es muss eine Haltung dagegen entwickelt werden.

„Viele Hilfsorganisationen und Staaten haben ihre Versprechungen nicht eingehalten“

In der vergangenen Phase haben viele internationale Einrichtungen und Staaten Kobanê besucht und Versprechen gemacht, die bislang zu keinen praktischen Veränderungen geführt haben. Insbesondere die schnelle Reaktion  gesellschaftlicher Hilfseinrichtungen gegenüber Kobanê in der ersten Phase hat bei uns Hoffnungen geweckt und uns Kraft gegeben. Doch viele Versprechungen von internationalen Hilfsorganisationen blieben unerfüllt. Auch wenn einige sehr wertvolle Unterstützung leisten, trifft dies nicht für alle zu. Wir danken allen Organisationen, die ihre Versprechungen für Hilfe umgesetzt haben. Doch es muss betont werden, dass diese leider nur die Ausnahme darstellen.

In diesem Sinne hat die internationale Solidarität in Hinsicht auf Kobanê eine große Bedeutung. Es ist zu allererst eine moralische Motivation, dass eine Stadt im Kampf gegen den IS als Verteidiger der menschlichen Werte international nicht alleine gelassen wurde. Wir sind uns der ideellen Bedeutung dieser Solidarität bewusst und schätzen sie sehr.

Doch der Wiederaufbau und die damit verbundenen Schwierigkeiten bedürfen ohne Frage auch einer materiellen Unterstützung für Kobanê. Aus diesem Grund möchten wir auf diesem Wege nochmal alle Menschen dazu aufrufen, gemeinsam mit uns die Widerstandsfestung Kobanê mitaufzubauen und mit Leben zu füllen.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.