Der Wettlauf nach Mossul

Von Muzaffer Ayata, YÖP 22.10.2016.

Der IS hatte vor über zwei Jahren Mossul erobert, ohne kämpfen zu müssen. Die irakische Armee dort hatte sich in Luft aufgelöst. Wenn der IS in diesem Tempo und in diesem Schwung auf Bagdat marschiert wäre, statt sich anderen Zielen zuzuwenden, hätte er seine Herrschaft auf den ganzen Irak ausdehnen können. Und genauso hätte der IS in Syrien, wenn er seine Streitkräfte auf das Regime konzentriert hätte, die Herrschaft an sich reißen können. Niemand konnte ihn aufhalten, keine Streitmacht.
Aber er nahm sich bestimmte Völker und Konfessionen aufs Korn, was die Lage änderte. Er griff Şengal an. Er zielte auf die Christen. Er attackierte das kurdische Flüchtlingslager Maxmur, ging auf Erbil los. Die USA musste mit ihrer Luftwaffe eingreifen.

Die türkische Regierung, die AKP, griff nicht ein gegen den IS, muckste sich nicht einmal. Ihre mächtige Armee sagte nicht: “Erobern wir Mossul, säubern wir den IS raus”. Der IS nahme Rakka ein. In Mossul und Rakka fielen ihm riesige Waffenbestände und Militär-Ausrüstungen in die Hände; ganze Armeen konnte man damit ausrüsten. Mehr als der IS brauchte, und dazu bekam er von rechts und links Unterstützung. Aber der IS beging einen Kardinalfehler. Er nahm sich die Türkei zum Partner, und die lenkte ihn in die falsche Richtung. Er griff Kobanê an, eine Stadt ohne strategische Bedeutung. Den gleichen Fehler machte er mit Şengal. Er rechnete nicht mit Gegnern von der Stärke der PK und der YPG. Er nahm die Kurden nicht ernst.

Der Kampf gegen Kobanê und die Verluste, die er kostete, hätten ausgereicht, um in aller Ruhe ganz Syrien einzunehmen. Aber er stieß mit dem Kopf gegen einen Felsen. Denn Kräfte wie die PKK und die YPG, das sind Bewegungen mit hartem ideologischen Grund. Ihre KämpferInnen engagieren sich aus freiem Willen, nciht wegen materieller Vorteile; das sind Menschen, die ausgebildet sind, ihr Leben zu opfern. Nur eine solche Kraft konnte die Angriffe des IS konnte zurückschlagen. Seine psychologische und moralische Überlegenheit wurde zerschlagen. Während die irakische und die syrische Armee nicht vor ihm standhielten und ihm ihre Waffenlager überließen, wurde der IS von PKK und YPG gestoppt. Es wurde vor den Augen aller gezeigt, dass man ihn bekämpfen kann. Die Staaten der Region, die USA und Europa gewannen Zeit – Zeit, um Vorbereitungen zu treffen, eine politische Strategie auszuarbeiten. Am wichtigsten jedoch ist, dass diesen Kräften die Überzeugung gegeben wurde: der IS kann besiegt werden.

Was dem IS in der Region Einhalt gebot, das war die Kurdische Befreiungsbewegung mit ihren beschränkten Möglichkeiten und leichten Waffen. Das hat bei den Ländern und Regierungen der Region Alpträume ausgelöst. Die USA und die Koalitionskräfte unter ihren Fittichen sowie Rußland traten in einen regelrechten Krieg. Alle effektiven Kräfte der Welt und der Region engagierten sich in diesem Krieg zur Neuordnung der Region. Die Möglichkeit eines Weltkriegs schimmert am Horizont auf.

Die Kurdische Befreiungsbewegung hatte sich zu einem Machtfaktor, zu einer angesehenen und legitimen Kraft entwickelt. Die Türkei geriet darob so in Panik, dass sie ein russisches Flugzeug abschoss, um die USA und die NATO gegen Rußland aufzubringen. Das ging in die Hose, und die Türkei musste vor Rußland auf die Knie gehen und schmerzliche Konzessionen gewähren, um die Beziehungen wieder zu kitten. Nachdem sie sich mit den USA und dem Iran, mit dem syrischen Regime und mit Rußland wieder geeinigte hatte, schickte sie ihre Armee nach Syrien. Das Ziel für dieser Besetzung ist aber die kurdische Bewegung. Der IS dient nur als Vorwand.

Jetzt versucht die Türkei, das Gleiche mit dem Irak zu machen. Wie ein Kraftmeier in einer Kneipe. Ich bin auf jeden Fall bei der Mossul-Operation dabei, sagt sie. Woher diese Gier, dieser Zorn, diese Wut, in den Krieg zu ziehen? Die Türkei stürzt sich in die Krise einerseits aus konfessionellem Fanatismus, andererseits aus unausrottbarer Kurdenfeindlichkeit, weil sie auf jeden Fall verhindern will, dass die Kurden ein politisches Statut erringen.

Die Türkei hat derart Angst, in der Region wieder außen vor zu bleiben, dass sie sich sowohl im Irak wie in Syrien in den Krieg stürzt. Die Völker der Region sind ihr wurscht, und Demokratie und Friedene kümmert sie einen Dreck. So wie sie innenpolitisch den Krieg gegen die Kurden auf die Spitze treibt, so weitet sie ihn außenpolitisch aus und intensiviert ihn. Schritt für Schritt entwickelt sie sich zu einem rassistischen und faschistischen Regime.

Die Kurden haben als einzige Kraft bewiesen, dass sie den IS effektiv bekämpfen können. Jetzt, wo es um Mossul geht, sind die Dienste von PKK und YPG nicht mehr gefragt. Genau die Kräfte, die vor dem IS nicht schnell genug davonrennen konnten, wollen jetzt Mossul vom IS befreien. Und die Türkei, der zuverlässigste Partner des IS bisher, will unbedingt mitspielen. Als die Türkei vor einigen Wochen Cerablus vom IS besetzte, musste sie keinen Schuss abfeuern. Genauso wie bei dem strategisch wichtigen Ort Dabık vor ein paar Tagen: Die türkische Regierung rühmt sich sogar, die von ihr “befreiten” Orte heil und unversehrt übernommen zu haben, während die revolutionären Kräfte QSD und YPG zwei Monate heftiger Kämpfe gebraucht hatten, um Minbic vom IS zu befreien. Erdogan träumte wohl, Mossul zu “befreien”, indem die Islamisten dort kampflos unter türkischer Regie ihre Uniformen auswechseln, wie in Cerablus. Während die Selbstverwaltung und Selbstverteidigung der Êzidi in Şengal westlich von Mossul liquidiert werden sollten. Jetzt, wo seine Mossul-Pläne zerrinnen, läßt er seinem Zorn freien Lauf, indem er seine Panzer und im Norden von Aleppo gegen die befreiten Dörfer schickt.

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