Wieso keine allgemeine Rebellion?

Das fragt Luqman GULDIVÊ anläßlich der Schließung des kurdischsprachigen Kinder-Fernsehsenders “Zarok TV” (in der Beilage der Tageszeitung “Yeni Özgür Politika” vom 15.10.16). Er interviewte dazu Rêşad Sorgul, und der liest seinem Volk die Leviten:

“Früher, es ist noch gar nicht so lange her, bis vor 50 Jahren, basierte das kurdische Schulwesen auf den Medressen. Hier unterrichteten die Mele (Vorbeter bei den Êzidi), die Studenten der islamischen Rechtswissenschaft oder die “seydalar” (?), und zwar neben Arabisch auch in Kurdisch. Die Lehrenden begügten sich mit den Almosen der Dorfbewohner. Meiner Ansicht nach leisteten diese Menschen einen wichtigen Beitrag auf kultureller Ebene. Was die heutige Zeit betrifft, so leisten die Leute, die sich für die kurdische Sprache interessieren, die vorgeben, ein Herz fürs Kurdische und für die Kurden zu haben, nicht die Hälfte des Viertels! Sie haben keine Schüler oder sehr wenige, sie unterrichten nicht oder nur minimal, und dass auf Kurdisch Geschichten erzählt werden, das gibt es praktisch nicht mehr. Wenn freiwillige Kurdisch-Lehrer wie für eine Armee mobilisieren würden, wenn jeder von ihnen zehn Schüler unterrichten würde, dann würde dieses unglückliche System verschwinden. Aber sowas erleben wir nicht. Wenn wir das tun würden, dann würden wir diesem brutalen Feind einen deftigen Schlag versetzen – aber man hat kein Vertrauen in die eigene Kraft.

Wieso machen wir Kurden keine allgemeine Rebellion? Für eine Handbreit Land sind wir bereit zu sterben und zu töten; aber wieso mobilisieren wir nicht für unsere Kinder, nehmen ihre Zukunft nicht selber in die Hand? Unsere Leute nehmen ihre Kinder am Arm und bringen sie ohne Vorbehalt in die unterdrückerischen Schulen ihres sogenannten Feindes. So sieht unsere derzeitige Lage aus. Allgemeinpolitisch sind wir davon überzeugt, das die türkische Regierung sich feindlich gegenüber den Kurden verhält. Aber wir müssen sehen, dass die Leute mit diesem Bewußtsein dennoch ihre Kinder nehmen und sie in die Schulen des Feindes bringen. Dabei würde dieses System zusammenbrechen, wenn die Kurden mit diesem Bewußtsein ihre Kinder nicht mehr in die Schulen der despotischen türkischen Regierung schickten.”

(11 000 kurdische Lehrer wurden aus dem Schuldienst entlassen und sind jetzt arbeitslos. Anm. des Übersetzers)

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