Minbic: Die Steinigung von Zehra

Von Binevş Sarya/JINHA, 12.10.2016.

Nach der Befreiung von Minbic (Nordsyrien, im August 2916) kam die Geschichte von Zehra an den Tag. Wie vor 30 Jahren Süreyya im Iran, so wurde Zehra Icêlo in der von den Islamisten besetzten Stadt aufgrund von Verleumdungen verhaftet und auf Befehl des IS (Islamischen Staates) gesteinigt.
Bei der Steinigung hatte Zehra widerstanden, mit gestreckter Brust und erhobenen Hauptes, so dass sie schließlich mit drei Kopfschüssen getötet werden musste. Zehra’s Bruder will, dass ihre Geschichte wie die von Süreyya die ganze Welt hört.

Überall in den Regionen des Mittleren Ostens sollen die Frauen sich mit einem Leichentuch verhüllen, und überall versuchen sie es zu zerreissen, wozu man viele Geschichten, viele Beispiele finden kann. Ein Ort, wo die Frauen mit Begeisterung ihre Befreiung feierten, ist Minbic. Die Stadt war zweieinhalb Jahre lang von den islamistischen Banden besetzt und wurde vom Minbic-Militärrat in einer 72-tägigen Offensive befreit. Jetzt treffen wir beim Gang durch das befreite Minbic in jeder Strasse auf die Spuren der Gräueltaten, die hier vorkamen. Menschen wurden enthauptet, wurden gefoltert, Frauen wurden gesteinigt, man bestrich sie mit Zucker und setzte sie der Sonne aus, bis sie tot waren.

Wer kennt Zehra’s Geschichte? In Minbic jeder.

Was die Bewohner in dieser Stadt erlebt haben, was ihnen die Islamisten angetan haben, wenn sie das erzählen, dann spiegeln sich in ihren Gesichtern die Angst und in ihren Augen der Schmerz. Dabei nimmt die Geschichte von Zehra Icêlo beim Volk einen besonderen Platz ein. Alle, die in der Stadt leben, kennen Zehra’s Geschichte. Bevor wir sie erzählen, ist es nützlich, Süreyya in Erinnerung zu rufen. Denn was mit Zehra geschah, das erlebte Süreyya etliche Jahre früher. Auch wenn Jahre dazwischen liegen und die Orte unterschiedlich sind, so waren doch die Methoden die gleichen.

Süreyya Menudschehri kam im iranischen Dorf Keredschê 1951 zur Welt. 1986 wurde sie aufgrund von falschen Anschuldigungen ihres Ehemannes und von lügnerischen Zeugen und dem Dorfimam zum Tode verurteilt. Vor den versammelten Dorfbewohnern wurde sie in der Dorfmitte barbarisch gesteinigt. Die Tante und die Nichte von Süreyya schrieben die Geschehnisse auf und schickten den Artikel einer Zeitung, so dass die ganze Welt die Geschichte erfuhr. Es wurde sogar ein Film gedreht: “Die Steinigung von Süreyya”.

Und 30 Jahre später geschieht das Gleiche in Minbic. Zehra, eine Araberin, wurde am 12. Februar 1974 geboren. In der vom IS besetzten Stadt erlitt sie die Grausamkeiten der Islamisten und wurde an ihrem Geburtstag, den 12. Februar 2014, am Ort Rebe Emnî gesteinigt.

Dass Zehra Ärztin wurde, war ihnen unerträglich

Zehra’s Bruder will seinen Namen nicht nennen. Als er von Zehra erzählt, kann er seine Tränen nicht zurückhalten: “Zehra hat an der Universität ihre Medizinstudien beendet. Auch nach ihrer Heirat gab sie ihren Beruf nicht auf. Ihr Mann trieb Handel in verschiedenen Städten. Zehra arbeitete hier in der Stadt. Sie wollte nicht zu Hause sitzen. Nach einigen Jahren trennte sie sich von ihrem Mann.Sie lebte allein und übte weiter ihren Beruf als Ärztin aus. Als die IS-Banden in unsere Stadt kamen, wurde unser Leben zur Hölle. Vor allem die Frauen wurden aller Rechte beraubt. Dass Zehra als Ärztin arbeitete, fanden sie unerträglich. Immer neue Vorwände fanden sie, um sie daran zu hindern. Eines Tages kamen sie: ‘Zehra versteckt Waffen!’ und nahmen sie fest. Dann verhafteten sie auch mich. Drei Tage später brachten sie einen Mann, den wir gar nicht kannten, und behaupteten: ‘Zehra hat Beziehungen zu diesem Mann, die beiden lieben sich.’ 6 Monate lang blieben wir im Gefängnis.”

Für die Êzidi-Frauen war das Gefängnis die Hölle

Ihr Bruder berichtet, dass im Gefängnis 10 Êzidi-Frauen waren. “Der IS hatte die Frauen aus Şengal verschleppt und hierher gebracht: die hätten keine Moral, keine Sitten, und dergleichen Verleumdungen. Die muslimischen Frauen waren ja gezwungen, ihr Gesicht mit einem Tuch zu verhüllen. Die Êzidi-Frauen dagegen zeigen ihr Gesicht offen. Also kamen sie jeden Tag, die Frauen mussten sich in einer Reihe aufstellen, und welche davon ihnen gefiel, die nahmen sie mit. Die Êzidi-Frauen wurden von vielen Männern sexuell mißbraucht. Unter ihnen war eine Frau, die war schwanger. Zehra gab den Frauen Pillen, damit sie nicht schwanger wurden. Sie blieb mit diesen Frauen eingesperrt, und als die eine ihr Kind gebar, gaben sie ihm den Namen Zehra. Gleich nach der Geburt wollten die Banditen die Mutter wieder vergewaltigen; sie konnte das nicht mehr ertragen und verbrannte sich selbst. Wirklich, für die Êzidinnen war das Gefängnis die reine Hölle.”

Ihr Bruder betont, das Zehra im Gefängnis vor den Männer standhaft blieb und nicht nachgab. Auf die Beschuldigung des Mullah’s, sie hätte Ehebruch begangen, antwortete sie: ‘Nein, das habe ich nicht. Aber ihr wollt verhindern, dass die Frauen zusammenhalten. Allah weiß, dass ich nicht gesündigt habe, und der Tag wird kommen, wo ihr wegen eurer Sünden im Höllenfeuer schmoren werdet.’ Daraufhin verurteilte sie der Mullah zum Tode durch Steinigung. Auch der mit ihr zusammen verleumdete Mann wurde mit Zehra zusammen hingerichtet.

Zehra’s Bruder erinnert sich noch gut an den Tag, an dem sie zum Tode durch Steinigung verurteilt wurde: “Nach dem Urteilsspruch kam sie zu mir: ‘Ich gehe, aber ich bin ohne Sünde. Sie haben so über mein Schicksal bestimmt. Aber du musst fest und willensstark bleiben. Geh’ weg von dieser Stadt und pass’ auf dich auf!’ Dann brachten sie Zehra zu einer Auto-Garage und gruben dort eine Grube. Sie steckten Zehra und diesen Mann bis zur Hüfte in den Boden. Dann riefen die Banditen die Leute auf: ‘werft Steine!’ Mit drei Steinen starb der Mann. Was Zehra angeht, so überlebte sie alle Steine und wurde schließlich mit drei Schüssen getötet.
Zehra’s Körper wurde zur Hälfte zum Friedhof gebracht; die andere Hälfte blieb dort im Boden. Die Banditen töteten jeden Freitag an diesem Ort Leute. An dem Tag, an dem Zehra hingerichtet wurde, regnete es sehr stark. Wie wenn der Himmel sich geöffnet hätte, eine wahre Sturzflut. Drei Tage später sprossen an der Stelle, wo sie hingerichtet worden war, Pflanzen aus der Erde. Alle waren überzeugt, dass Zehra ohne Sünde war. Zehra ging, aber Allah ließ die Tyrannen nicht davonkommen. Jetzt ist Minbic frei, dank des Volksrates von Minbic. Ich glaube, dass alle das Schluchzen von Zehra hören. Alle Leute erinnern sich an die Grausamkeiten der Islamisten, wenn sie an Zehra’s Hinrichtungsort den Baum sprießen sehen. Diese Geschichte wie die von Süreyya, die müssen die ganze Welt kennen.”

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