Şengal: Interviews mit bewaffneten Êzidinnen

JINHA von Gulan Botan aus Şengal, 29.9.2016

Was den Frauen von Şengal, den Ezidinnen, Selbstvertrauen gibt, das sind die YJŞ (Yekîneyên Jinên Şengalê = Fraueneinheiten von Şengal), ihre bewaffneten Einheiten, in denen sie sich selbst organisieren und selbst verteidigen. Die Kämpferinnen der YJŞ zeigen, dass die Kämpfe gegen die Macho-Mentalität verstärkt werden müssen, bis alle Frauen befreit sind.

Nein, die Êzidi – Frauen sind nicht nur Opfer. Nach den Şengal-Massakern vom 3. August 2014 haben sie sich auf militärischer und gesellschaftlicher Ebene neu organisiert.

So dass die Verheerungen vom 74. Ferman (Vernichtungsbeschluß) in jeder Hinsicht wieder auszugleichen begonnen wurde. Nach dem Überfall der IS-Islamisten auf Şengal haben auch die Êzidi-Frauen bewaffnete Verteidigungseinheiten aufgestellt, die ersten im Januar des Jahres 2015 unter dem Namen YPJ-Şengal mit dem Schlachtruf: “Wir werden die ermordeten und gefangenen Frauen rächen!” Später, im Februar 2016, stellten sie die YJŞ auf und spielen unter diesem Namen eine aktive Rolle an vorderster Front. Man kann sagen, dass sie einen geradezu historischen Widerstand aufgenommen haben, um Rache zu nehmen an allen Gräueltaten des IS gegen das Volk von Şengal, an allen Untaten der Männerherrschaft, an allen Denkweisen, mit denen die Frauen unterdrückt und versklavt werden. Wir interviewten zwei Teilnehmerinnen der Konferenz:

Auch Zevîn Şoreşger (26) aus dem Dorf Siba Şexidir hat sich den YJŞ angeschlossen. “Ich möchte die YJŞ stärken, um mit ihnen den Ferman zu rächen”, versichert sie. Zevîn ist Mutter von drei Kindern und hat im Jahr 2014 sieben Tage lang ums Überleben ihrer drei Kinder Dılgeş, Dilşad und Dılnaz gekämpft in den Bergen von Şengal. Sie hatte nur unghekochte Milch für sie, bis sie nach sieben Tagen im Dorf Qerseye auf die Einheiten von HPG und YJA-STAR stieß. In ihrem ganzen Leben hatte sie nie noch etwas von HPG und YJA-STAR (Männer- und Frauen-Guerilla der PKK) und von YPG und YPJ (Männer- und Frauen – Selbstveteidigungskräfte von Rojava) gehört; nun lernte sie sie dort kennen, als Retter in der Not. Die heutige YJŞ-Kämpferin erzählt: “Auf allen vier Seiten waren wir sozusagen vom Feuer eingeschlossen – und sie holten uns dort raus und brachten uns wieder zurück ins Leben. Die IS-Islamisten rissen den jungen Frauen den Schmuck weg. Den Zivilisten schnitten sie die Köpfe ab, auch wenn sie die weiße Fahne hissten. Wenn die Führung (Öcalan) nicht gewesen wäre, würden wir noch immer als SklavInnen leben. Die Gedanken der Führung haben uns gerettet!

Ich bin verheiratet und habe Kinder; aber ich habe mich für den Kampf entschieden für meine Kinder und mein Volk. Um die Frauen, die in Gefangenschaft des IS geraten sind, zu retten, habe ich mich den YJŞ angeschlossen. Ich möchte sowohl mich als auch mein Volk organisieren. Ich möchte, dass jede Frau und jeder Mann den YJŞ und YBŞ beitreten. Für die Mädchen, die gerettet werden wollen, müssen wir uns selber organisieren. Wir wollen Rache nehmen an allen Räubern und Plünderern, vor allem an den IS – Banditen. Um mich selbst und um meine Kinder mache ich mir keine Sorgen; wir sind nicht in den Händen des IS. Aber von unserem Volk ist noch die große Mehrheit im Exil; ihr Leben ist zerstört. Und ein Teil ist sogar noch in Gefangenschaft vom IS.

Vor dem Überfall der IS-Banden hatten wir ein ruhiges und glückliches Leben in Şengal. Damals quoll die Şengal-Gegend über von Menschen. Jetzt ist sie menschenleer. Früher kamen die Leute zu Besuch, interessierten sich für uns. Jetzt ist alles verbrannt und zerstört; wenn wir das sehen, blutet uns das Herz. Wie ist es möglich, dass in Şengal, wo es vor Menschen nur so wimmelte, jetzt keine Seele mehr zu finden ist? Du schaust dein Land an, und du siehst keinen einzigen Menschen mehr. Da ist doch klar, dass unsere Herzen verbrennen. Wir wollen unsere Ländereien befreien, unser Volk wieder zurückholen. Unser Volk, das auf fremder Erde, in der Hand des Feindes lebt. Die Peschmerga von der KDP haben uns gesagt: ‘Wir kümmern uns um eure Verteidigung.’ Aber als wir überfallen wurden, haben sie uns allein gelassen und sind abgehauen. Nicht einen einzigen Schuss haben sie abgefeuert zur Verteidigung des Volkes. Jetzt wollen wir uns selbser organisieren und verteidigen.

Ich rufe allen jungen Leuten zu: Alle, die von Şengal sind, sollen wiederkommen und ihren Platz in den Reihen von YBŞ und YJŞ einnehmen! Dass nach dem Ferman die YBŞ und die YJŞ entstanden sind, ist für uns fast wie die Erscheinung von etwas Heiligem. Ich kämpfe für die Zukunft von meinem Volk und meinen Kindern. Dafür, dass in Zukunft die Kinder auf freiem Boden frei spielen können. Mit dem Exil soll Schluss sein – und ich bin entschlossen, dafür bis zum Ende den Kampf zu führen.Mein Volk soll in sein Land zurückkehren!”

Eine andere YJŞ – Kämpferin, Gulçin Genco aus dem Dorf Til Ezer (Qehtani), hat sich mit ihren zwei Brüdern den Verteidigungseinheiten angeschlossen: “…um die Frauen und unsere Leute, die in den Händen vom IS sind, zu retten. Nach den Massakern, die wir erleben mussten, kann nur helfen, wenn wir uns selber organisieren und verteidigen. Dass die YJŞ für die Êzidi-Frauen entstanden sind, das ist wirklich eine wunderbare Entwicklung. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben die Êzidi-Frauen zu den Waffen gegriffen und den Widerstand aufgebaut. Das ist neine neue Quelle der Kraft, um uns zu sammeln und zu organisieren. Ich rufe alle auf, die eine Waffe in der Hand halten können, den YBŞ und YJŞ beizutreten. Befreien wir unsere Ländereien und bringen wir unser Volk in seine alten Dörfer zurück. Als YJŞ führen wir unseren Kampf so lange, bis die Frauen und unser Land frei sind!”

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