Die Revolution in Rojava – ein Hoffnungsstrahl für die ganze Menschheit

ANF 10.9.2016 Mehmet Nuri Ekinci aus Hesekê/Rojava:
Interview mit dem französischen Genossen Soran.

“Soran der Franzose” wird er von den YPG-Mitkämpfern genannt. Ein internationalistischer Genosse, der sich seit einem Jahr den Reihen der Revolution in Rojava angeschlossen hat, wie andere aus anderen Ländern auch. Wir sprachen mit ihm über die Gründe, die ihn zu diesem Engagement bewegt haben. (Das Interview wurde am 4. September 2016 auf Kurdisch geführt – Soran spricht Kurdisch – und am 10. September von der Nachrichtenagentur ANF auf Türkisch veröffentlicht.)

– Was hat dich auf Rojava gebracht?

Seit längerem verfolge ich interessiert die Revolution von Rojava. Vor allem der Erfolg von YPG und YPJ gegen die IS-Banden hat mich beeindruckt. Vor etwa einem Jahr kam ich nach Rojava, um sowohl gegen den IS zu kämpfen als auch am Aufbau der Revolution mitzuarbeiten. Die internationalistischen GenossInnen, die aus anderen Ländern nach Rojava kommen, haben ein Grundproblem. Sie kennen Rojava kaum, weder das kurdische Volk noch die Geschichte des Mittleren Ostens. Sie kommen nach Rojava, weil sie gehört haben, dass der IS, eine Geißel für die ganze Menschheit, bekämpft werden muss.

Ich bin nicht nur gekommen, um den IS zu bekämpfen, sondern auch, um die Revolution zu sehen. Und ich habe erfahren, dass die Ursache dafür, dass YPG, YPJ und das Volk von Rojava so erfolgreich gegen den IS sind, dass diese Ursache in ihrer ideologischen, philosophischen Stärke liegt. Die Kraft, die sie aus der Ideologie schöpfen, der verdanken sie ihre Entschlossenheit und ihre Gedankenwelt fern von jeglicher Engstirnigkeit.

Tatsache ist, dass wir heute im Mittleren Osten nur im demokrtischen System von Rojava ein gesellschaftliches uind ökologisches Konzept finden, das fern von jeglichem Nationalismus jedes Volk und die Gleichberechtigung der Geschlechter mit einschließt. Wie ein offenes Tor für die Sehnsüchte und Hoffnungen der fortschrittlichen Menschen überall auf der Welt. Ein zweites derartiges Beispiel gibt es nirgendwo.

Diese Besonderheit ist der Grund dafür, dass ich nach Rojava kam. In der Geschichte der Menschheit gibt es viele Revolutionen, die nicht vor dem Scheitern gerettet werden konnten, weil sie sich von den Werten der Demokratie und der Freiheit entfernten. Deshalb strahlen die Errungenschaften des demokratischen Systems von Rojava heute nicht nur auf den Mittleren Osten aus, sondern wirken als sehr schöne Beispiele auch auf mein Land Frankreich und auf die ganze Welt.

– Vor 100 Jahren hat der französische Kolonialismus die nationalstaatlichen Grenzen in Syrien und Rojava gezogen. Könnte dein Kommen hierher als eine Art Wiedergutmachung seitens des französischen Volkes gesehen werden?

Ja, vor 100 Jahren war die französische Regierung Teil des Sykes – Picot – Abkommens, mit dem Kurdistan und der ganze Mittlere Osten zerstückelt wurden, was sich verheerend auswirkte. Meinen GenossInnen in Frankreich erkläre ich, welche Fehler die französische Regierung in diesen Regionen gemacht hat. Das ist manchem nicht mehr so wichtig. Trotzdem kann man die Revolution, die in Rojava ausgebrochen ist, unterstützen. Ich mache unseren GenossInnen klar, dass die Massaker, die der IS in Frankreich anrichtete, grundsätzliche Fragen für die ganze Menschheit aufwerfen. Die Europäer verfolgen die Nachrichten, aber was dahinter steckt, das – so denken sie – ist nicht mein Problem, wenn sie ins Bett gehen. Jetzt werden aber die IS-Banden, welche von YPS und YPJ bekämpft werden, zur Gefahr, zur Geißel für die ganze Menschheit. Wenn das Haus meines Nachbarn brennt, dann muss ich hin und löschen helfen.

– Was bedeutet deiner Ansicht nach die Revolution von Rojava für die menschlichen Werte im Lichte der Oktoberrevolution 1917, der Pariser Kommune, von Vietnam, Kuba und der Französischen Revolution 1789?

In der Geschichte der Menschheit stehen bei den Revolutionen die Merkmale Freiheit, Gleichheit und Demokratie an erster Stelle. Der französische Schriftsteller Victor Hugo sagt: “Eine kleine Elite, die den Staat vertritt, hält die Möglichkeiten und Reichtümer des Landes in der Hand und übt ihre Herrschaft über das Volk aus.” Obwohl das Volk diese elitäre Schicht auf seinem Rücken trägt, erkennt es nicht, dass die Unterdrückung von dem System kommt, das der Staat bildet. Da es dieses System nicht erkennt und nicht versteht, kann es im Kampf seine Kraft nicht darauf konzentrieren. Im Lauf der Geschichte kam es immer wieder zu instabilen und krisenhaften Situtionen. In diesen Phasen der Krise und des Chaos, wo das Volk nicht in Gleichheit und Freiheit lebte, sondern sich unterdrückt sah, brach es einen Aufstand vom Zaum und begann eine Revolution. Die Französische, Russische, Spanische Revolution haben sich so entwickelt. Wie wir sehen, ist auch in Rojava so eine revolutionäre Situation ausgebrochen.

Aber da in der Geschichte der Menschheit viele Revolutionen auf der ideologischen und organisatorischen Ebene nicht auf eine ausreichende Kraft trafen, wurden sie besiegt. Zum Beispiel wurde in der Französischen Revolution der König hingerichtet. Aber die neu hinzugekommene Bourgeoisie brachte alles, was dem Volk materiell und ideell gehörte, unter Kontrolle und verleibte sich alles der eigenen Herrschaft ein.

Im Verlauf der Revolution von Rojava wurden die humanitären Werte und Ideale über alles gestellt. Deswegen hat die Revolution von Rojava auch viele Feinde, nicht nur die Islamisten des IS. Das syrische Regime, die türkische Regierung, das KDP-System im Nordirak und die dahinter steckenden Kräfte, alle sind ihr feindlich. Syrien will ein System beibehalten, in dem nur die Familie Assad das Sagen hat. Die türkische Regierung will alle Errungenschaften der Kurden vernichten. Die äusseren Kräfte wissen nur zu gut, dass das Rojava-Projekt nicht auf Rojava beschränkt bleibt, sondern sich asuf die ganze Welt auswirken kann. Die linken Bewegungen in den westlichen Ländern wie Europa und den USA wurden in den vergangenen 100 Jahren immer schwächer. Die Revolution in Rojava dagegen, obwohl sie erst 5 Jahre alt ist, hat eine sozialistische Lebensweise und ein demokratisches System verwirklicht.

Nachdem die Sowjetunion zerbrochen ist, glaubte man in vielen Kreisen, der Sozialismus sei zu Ende. In Wirklichkeit war der sowjetische Sozialismus zwar im Namen des Volkes und für das Volk errichtet, aber nur ein mittelmässiges System, in dem nichts dem Volk gehörte. Der Zusammenbruch Sowjet-Russlands war kein Sieg des Kapitalismus. Das dürfen die Leute nicht glauben. Das kapitalistische System ist vor allem zu einem Krisensystem geworden. Die Zerstörung der Natur, die wirtschaftlichen Probleme, die Klassen-Gegensätze zwischen den gesellschaftlichen Schichten, das alles spitzt sich immer mehr zu.

Als die syrische Krise ausbrach, entstand in Rojava unter unmöglichen Bedingungen ein System aus neuen Gedanken und aus allen Völkern gemeinsamen Werten. Ein System, das den Menschen auf der ganzen Welt einen neuen Ausweg, eine neue Hoffnung aufzeigt. Dieses System ist fern von Nationalismus, religiöser Eiferei und Sexismus – es hat die moralischen und politischen Werte zum Leitbild. Das System von Rojava gründet auf Demokratie, Gleichheit zwischen den Geschlechtern, Achtung für die Erde und respektvoller Umgang zwischen den Ethnien. Das sind die Merkmale, welche von den Menschen auf der ganzen Welt als die notwendigsten angesehen werden. In Rojava, wo die globalen und regionalen Krisen virulent sind, entwickelt sich ein System, das auf der ganzen Welt analysiert und mit Neid verfolgt wird. Ein auf Kantonen aufgebautes System kann ein demokratisches Modell für ganz Syrien abgeben, je dem ganzen Mittleren Osten einen Ausweg aus der Krise aufzeigen. Auch in Europa und Amerika kann es als Beispiel dienen.

– Hat die Revolution in Rojava so viele Feinde, weil ihre Auswirkungen so durchschlagend sind?

Das Volk und die Bewegung in Rojava kennen die Schwachstellen der bisherigen Revolutionen in der Welt sehr gut und ziehen die Konsequenzen daraus. Wenn ein Beschlus gefasst wird, der in der Praxis keine Grundlage findet, dann wird sofort nach einer neuen Lösung gesucht. Deswegen ist das Rojava-Projekt nicht utopisch. Ich konnte selbst sehen, wie realistisch und durchführbar es ist, und deshalb begann ich mich dafür zu begeistern. Ich muss sagen, dass ich in der Revolution von Rojava vier wesentliche Grundlagen wahrnahm. An erster Stelle steht das System des “demokratischen Konföderalismus”. Dabei handelt es sich nicht um ‘demokratisch’ als Schlagwort wie bei der EU oder den USA, sondern es stützt sich auf das Volk und bezieht alle mit ein.

In einem Land wie Frankreich wählt das Volk alle paar Jahre. Aber ob Frankreichs Präsident rechts oder links ist – er führt die Staatspolitik durch. Deshalb gibt es keine Veränderung. Das System von Rojava stützt sich nicht auf die zentralen Autoritäten des kapitalistischen Systems bzw. des Nationalstaats, sondern auf das Volk selbst mit den Kommunen als örtliche Kräfte. Die Kommunen der Dörfer oder der Stadtviertel bilden die Stadträte, Vertreter der direkten Verwaltung. Fehlt z.B. irgendwo eine Schule, eine Straße, elektrischer Strom – dann diskutieren die Bewohner dort, um eine Antwort zu finden; für ihre Probleme finden sie also selbst Lösungen.

Der zweite wichtige Punkt in der Revolution Rojavas ist die Ökologie. Ökologie und menschliches Leben gehören zusammen. Produktion – so viel wie nötig. Konsum – so viel wie nötig. Aber dabei muss die Natur geschützt sein. Zwischen den Menschen muss ein wirtschaftliches und soziales Gleichgewicht stabilisiert werden, so dass die Ökologie, die Natur nicht zerstört werden kann. Um die Luft, das Wasser, die Erde zu schützen, müssen die Menschen für den neue anfallenden Müll eine grundsätzliche Lösung finden.

– In Europa ist die Frau frei, heißt es. Was ist der Unterschied zur freien Frau in Rojava?

Einer der wichtigsten Prozesse in der Revolution von Rojava ist die Revolution der Frau. Ein System wurde entwickelt, in dem die Frau dem Manne gleichgestellt ist. Während im Mittleren Osten die Frau zu einem Nichts degradiert ist und im Westen zu einer Ware, spielt die Frau in der Rojava-Revolution in jedem Lebens- und Aufbau- Bereich die Hauptrolle, bis hin zur bewaffneten Selbstverteidigung. Diese Entwicklung hat auf den Wandel der Geselllschaft im Mittleren Osten große Auswirkungen. Frauenhäuser wurden eröffnet, und es gibt Frauen-Akademien. Mit diesen Realisationen wird auch die Veränderung der Mentalitäten beschleunigt.

Im Kapitalismus wird der Frau Freiheit innerhalb seiner eigenen Grenzen zugestanden. (…) Hier kann alles gekauft und verkauft werden. Aber die Gehirne der Menschen werden beherrscht. Der Frauenkörper ist zur Ware geworden und wird als Reklame-Träger zur Schau gestellt. Überall stößt man auf pornografische Sachen. Der Frau gab man derart falsche Massstäbe der Freiheit in die Hand, dass ihre Bestrebungen nach wirklicher Freiheit gar nicht mehr zur Geltung kommen können. Und bei den Männern, die im Kapitalismus leben, gibt es diese Unterdrückung genauso. Die Leute greifen in ihrer Enge zu Alkohol und Drogen; so kriegt man ihre Gehirne leer.

In Rojava spielt die Organisierung im Leben der Frau eine große Rolle. Abgesehen von der Selbstverteidigung nimmt die Frau teil beim kollektiven Leben, den Räten und bei der Leitung auf allen Ebenen. Und die Frau zeigt in diesen Aktivitäten erstaunliche gesellschaftliche Kraft und grosses Selbstvertrauen. Gleichzeitig zeigt sie den fortschrittlichen Leuten in der Region und auf der ganzen Welt, welche Stärke für die gesellschaftliche Transformation von ihr ausgeht.

Ich bedaure sehr, dass am Verlauf der Revolution von Rojava so wenig Genossinnen (aus dem Ausland) teilnehmen. Dass so wenig von ihnen beim bewaffneten Kampf der Frauen hier mitmachen, kann man sich aus ihrer Sozialisierung erklären.

– Die jüngere Geschichte des Mittleren Ostens ist geprägt von ethnischen Massakern. Und in Rojava ist alles anders?

Doch, in Rojava leben trotz der ethnischen und religiösen Differenzen die Kurden, Araber, Aramäer und Assyrer, Turkmenen, Tschetschenen und weitere Völker gemeinsam und in Frieden zusammen. Das ist nicht selbstverständlich, sondern hat seinen Grund in der Ideologie und Philiosophie, wie sie in der Revolution entwickelt wurden.

Vor kurzem nahm ich am Sturm auf Minbic teil. Bei den KämpferInnen war ein Mosaik von Völkern und Farben vertreten. Der eine verrichtete regelmäßig sein Gebet; andere aus anderen Ländern störte das überhaupt nicht, sondern sie assen alle gemeinsam und tranken aus derselben Flasche. Die einen hatten den Koran in der Tasche, die anderen trugen das Kreuz am Hals, und Kurdisch, Arabisch, Turkmenisch sowie Englisch und Französisch Sprechende kämpften Schulter an Schulter gegen denselben Feind. Das ist das demokratische System, welches die Welt braucht.

In Europa und anderen Weltregionen hält man am (homogenen) Nationalstaat mit nur einer Farbe fest. Der Mittlere Osten ist aber ein Mosaik von Völkern und Farben. Das Zusammenleben verschiedener Völker und Kulturen hat die Entwicklung von Gelassenheit, Frieden und Brüderlichkeit gefördert. Jetzt tritt Erdogan auf den Plan mit seiner Vorstellung von einer homogenen Nation. Er hetzt die Völker gegeneinander auf, so dass sie einander umbringen. Mit dieser faschistischen Denkweise geschahen in der Vergangenheit die Massaker an den Armeniern, Griechen und Assyrern, und jetzt will man damit Massaker an den Kurden provozieren.

Trotz dieser Widersprüche und Zusammenstösse, welche wir in der Welt und in unserer Region derzeit erleben, haben die verschiedenen Völker, Farben, Religionen und Kulturen in Rojava ein neues Leben aufgebaut, weil sie sich in gemeinsamen demokratischen Werten wiederfinden. Ein so wunderbares System, wie es von den Menschen auf der ganzen Welt als Utopie und zugleich als Notwendigkeit ersehnt wird, muss doch Menschen von überall her anlocken. Denn das Zusammenleben in Rojava ist ein sehr schönes Beispiel.

Hast du Rojava erst hier vor Ort kennengelernt?

Ich bin von der Herkunft her Franzose, und meine ganze Familie hat französische Wurzeln. Ich mag mein Land sehr. In meiner Jugend verfolgte ich mit grossem Interesse in der Presse und im Fernsehen die Fragen des Mittleren Ostens, insbesondere die Ereignisse nach dem Anschlag von Al-Kaida vom 11. September. Ich begann mich zu fragen, warum im Mittleren Osten gerade dauernd Krieg herrscht und die Menschen sterben. Ich ging in den Libanon, um das zu verstehen, und blieb ein Jahr lang dort. Ich war Student, kehrte in mein Land zurück, ging später nach Süd-Kurdistan und blieb dort drei Jahre lang. Im Verlauf dieser Jahre begann ich durch Lektüre und durch das praktische Leben, die Kurden besser kennenzulernen. Die Revolution von Rojava interesssierte mich von Anfang an, und ich verfolgte die Geschehnisse von Tag zu Tag. In erster Linie machten die Siege gegen die IS-Banden von Kobanê und Şengal auf mich einen großen Eindruck. Ich beschloss, mich diesem Widerstand anzuschliessen, und kam deshalb nach Rojava.

Auch während meines Aufenthalts in Süd-Kurdistan habe ich das Volk kennen und lieben gelernt. Die Kultur des kurdischen Volkes ist wunderbar. Und die Kultur von Süd-Kurdistan ist unterschiedlich von der in Rojava oder Rojhilat (Ost-Kurdistan), hat aber auch sehr schöne Seiten. Aber ich begriff genau, dass das politische System in Süd-Kurdistan nicht sehr gut ist. Insbesondere als ich erlebte, wie die Peschmerga, ohne zu kämpfen, Şengal, Ninive (Provinz mit der Hauptstadt Mossul) und Makhmur dem IS auslieferten, ging ich in kritische Distanz zum System. Ich konnte nicht einsehen, warum die Peschmerga, die doch über Waffen, Technik und materielle Möglichkeiten verfügten, sich nicht dem Kampf stellten. Sie verkaufen Erdöl, und Amerika und Europa beliefern sie mit Waffen. Das muss am dadurch hervorgerufenen System und seiner Denkweise liegen.

Warum die Peschmerga sich aus Şengal zurückzogen, warum sie auch die christlichen und turkmenischen Völker den Islamisten überließen, das wurde mir klar, als ich nach Rojava kam. Jeder weiß, dass die Revolution in Rojava mit äußerst beschränkten Mitteln begann. Die Revolution fing mit ein paar Leuten an; sie hatten nur leichte Waffen, und die materiallen Möglichkeiten waren äußerst begrenzt. Trotzdem nahmen sie einen entschlossenen Kampf gegen die islamistischen Banden auf und errangen grosse Erfolge. Grundlage für diese Erfolge war zweifelsohne ihr felsenfester Wille auf ideologischer und philosophischer Grundlage. Der Sieg von Kobane und die darauffolgenden Schläge gegen den IS brachten den Kampf mit ideologischer Kraft und Entschlossenheit weiter voran.

Hätte die YPG in Şengal nicht interveniert, wäre es zu einem großen Massaker an den Jesiden gekommen. Nach dem Sieg von Kobane wurden Til Hemis, der Kizwan-Berg (Djebel Abdelaziz), Scheddade, Hol, Girê Spi und schließlich Minbic dem IS entrissen und befreit. Unter Führung von YPG und YPJ wurden im Verlauf eines Jahres Flächen dreimal so groß wie der Libanon von der Besetzung durch den IS befreit. Ich kam nach Rojava und konnte selber miterleben, wie sich die Revolution und der Widerstand entwickeln. Wie in Rojava die im Widerstand geborene Revolution zur Quelle einer wunderbaren Denkweise wird. Die Kräfte der YPG und YPJ kämpfen in Rojava gegen die IS-Banden nicht wegen materieller Vorteile. Sondern für das Land, für eine Zukunft in Freiheit. Diese KämpferInnen wissen genau, für was sie kämpfen.

Du bist viel herumgekommen; was unterscheidet YPG-YPJ von anderen bewaffneten Kräften?

Bevor ich mich der YPG anschloss, habe ich in Frankreich keinen Wehrdienst geleistet und kannte mich in militärischen Dingen nicht aus. In diesem Fach lernte ich alles in Rojava. Von Soldaten im Solde einer Regierung weiß ich ein bißchen: In meiner Familie gab es einige Berufssoldaten. In Ländern wie Frankreich oder Amerika kriegen die Soldaten Sold und gehen dann wieder nach Hause. Aber YPG und YPJ sind keine Kräfte, die aus materiellem Anreiz kämpfen. Sie widmen ihr Leben völlig der Revolution. Was mich in den Einheiten von YPG und YPJ am meisten beeindruckt, das ist der Umgang der GenossInnen miteinander und ihre Opferbereitschaft. Wenn es gerade keine Offensive gibt und die GenossInnen in ihren Stellungen sitzen, sind sie immer beieinander. Ihr ganzes Leben ist “kommunal” (kollektiv) und gemeinsam. Alle Aktivitäten finden im Bataillon, in der Einheit statt. Ihre Ausbildung und Kultur ist von hohem Niveau. Diese KämpferInnen haben gelobt, sich selbst für die Rettung ihres Landes zu opfern, und sie sind der Revolution wegen ihrer Ziele beigetreten. Sie haben ihr Wort gegeben für die Kurden, für Rojava und für die Menschheit; dass sind KämpferInnen für ein Ideal und von außerordentlicher Entschlossenheit.

Insgesamt zehn Monate bin ich jetzt in den Reihen der YPG/YPJ. Das ist eine neugeschaffene Armee, und hin und wieder zeigen sich auch Unzulänglichkeiten, zum Beispiel bei der Disziplin. Das ist für Leute, die von außen kommen, vielleicht nicht die wichtigste Frage, aber wenn man dauernd im Krieg ist, hat das sein Bedeutung. Seit einem Jahr erlebte ich da große Fortschritte.

– Wie erlebst du als “Soran der Franzose” den Alltag in der YPG?

In jeder Hinsicht läuft das Leben gemeinsam ab. Der ganze Tagesablauf, das Essen, die sozialen Aktivitäten, die kulturellen Unternehmungen, alles verläuft gemeinsam und in Einheit. Am Morgen wacht jeder mit einem “Rojbaş’ auf. Nach Entgegennahme des Tagesplans reinigt jeder seine Waffen und pflegt seine Geräte. Dann wird das Frühstück eingenommen. Nach einer Stunde persönlicher Beschäftigung folgt das Morgen-Training. Im Allgemeinen besteht es aus Ausbildung an den Waffen und in anderen militärischen Angelegenheiten. Der Nachmittag dagegen ist normalerweise der politischen und ideologischen Ausbildung gewidmet. Um 11 Uhr 30 ist Mittagessen, dann eine Stunde Mittagspause, um 4 Uhr 30 oder 5 Uhr nach dem Unterricht macht man Sport, hauptsächlich Volley-Ball und Kriegsspiele. Am Abend nach dem Essen wird TV geschaut oder diskutiert oder was anderes unternommen, ganz wie man will. Um 10 Uhr müssen sich alle Schlafen legen. Die Sicherheit ist sowieso eine permanente Aufgabe.

– Du bist nach Rojava gekomen und hast so viel erlebt – siehst du jetzt die Welt mit anderen Augen?

Allerdings, in dem Jahr in Rojava habe ich viel gesehen und viel erlebt. Auf jeden Fall gab es in meinem Leben wichtige Veränderungen. Das kann ich in aller Ruhe sagen, wenn ich auf mein früheres Leben zurückblicke. Wenn GenossInnen gefallen sind, mit denen du in Rojava alles geteilt hast, dann ist es Dir nicht möglich, sie zu vergessen. Dann kannst du nicht mehr dein altes und normales Leben wieder aufnehmen. Damit ich den Gefallenen gerecht werde, fühle ich mich zu viel mehr Anstrengungen verpflichtet.

Auf dem Arm eines Kämpfers steht sozusagen immer YPG geschrieben, also Volksverteidigungs – Einheit. Weder ich noch meine kriegführenden GenossInnen lieben den Krieg, und die Uniformen finden wir auch nicht so toll. Wir stecken halt in der unabdingbaren Notwendigkeit, nicht nur die Feinde von Rojava, sondern die der ganzen Menschheit zu bekämpfen. Diese Feinde der Menschheit wollen, dass die Völker beherrscht werden.

Unsere gefallenen GenossInnen haben ihr Leben eingesetzt, weil sie diese Herrschaft nicht akzeptieren wollten. In diesem Krieg wird für alle Völker gekämpft, damit die Menschen unabhängig von ihrer Sprache, ihres Glaubens und ihrer Farbe leben können. Im Krieg von Rojava wird für die humanitären Werte der Welt ein hoher Preis bezahlt. Einerseits wird gegen die IS-Banden und die dahinter stehenden Kräfte gekämpft, andererseits arbeitet man weiter am Aufbau auf militärischem, wirtchaftlichen und politischen Feld. Als Beispiel für die ganze Welt und für den Sieg der Weltrevolution sozusagen bauen wir Rojava auf.

– Wenn ihr für die ganze Menschheit Krieg führt, was willst du den fortschrittlichen jungen Leuten mitgeben? Wie können die internationalen Organisationen beim Aufbau mithelfen?

Den Jugendlichen in Ländern wie Frankreich, Europa und Amerika kann man schlecht sagen, welche Möglichkeiten sie in ihrem Leben haben. In diesen Ländern denken die Menschen nur an sich selbst. Darüberhinaus geben sie anderen kaum Hilfe. Die Jugend stellt keine politische Kraft dar. Und doch darf sie nicht vergessen, dass der Kampf in Rojava für die Zukunft und die Freiheit der Jugendlichen auf der ganzen Welt im Gange ist.

Um einen Ausweg aus dem System zu finden, muss der Kampf gegen die IS-Banden geführt werden. Dieser Ausweg ist nur mit der Kraft möglich, die aus den Werten der Freiheit gezogen wird. YPG und Rojava sind demokratische Kräfte. Unsere jungen Freunde müssen sich klarmachen: Im kapitalistichen Sysstem kann man vielleicht ganz gut leben – aber die ideelle und moralische Grundlage ist äußerst schwach. Mit den Freiheitswerten von Rojava, seiner Philosophie und Ideologie gewinnt der Mensch das, was dem Menschen ureigen ist. Es gibt doch die Möglichkeit, herzukommen, die Augen aufzumachen, und wenn man will, wieder in sein Land zurückzukehren. Nur wenn man den Sinn des Lebens verstanden hat, kann man das Leben besser aufbauen. Wenn man nur vor dem Fernseher sitzt und mit den Nachrichten, welche das System einem liefert, die kaputte Welt beklagt, dann kann sie nicht in Ordnung gebracht werden. Man darf nicht vergessen: Um die Welt in Ordnung zu bringen, ist es in der Verantwortung der jungen Leute, etwas zu tun. In Rojava gibt es dafür Projekte.

Rojava wird weiter angegriffen. Deshalb ist es nötig, die Revolution zu verteidigen, mit der Waffe. Am 16. August erfolgten gleichzeitig drei Offensiven: die des Regimes gegen Hesekê, die des IS auf Şeddadê und die Besetzung von Cerablus durch die Türken. Rojava tut sich weiter selbst verteidigen; aber jetzt müssen die internationalen Organisationen sowohl materielle als auch ideelle Unterstützung leisten, damit das neue Leben schneller aufgebaut werden kann. Die Leute, die in Rojava bleiben, das sind die Schichten der Bevölkerung, die dem Land am festesten verbunden sind und die den höchsten Preis bezahlen müssen. Unter Bedingungen, wo es an allem fehlt, wird Rojava aufgebaut. Die Menschen haben Grundbedürfnisse – aber auf Rojava lastet ein Embargo. Rojava hat keine Fabriken, zu wenig Schulen, die Infrastruktur muss überall aufgebaut werden. Dazu braucht es ausgebildete Leute wie Ingenieure und Ärzte. Die brauchen ja gar nicht dauernd in Rojava bleiben, sie können auch für eine gewisse Zeit ihren Beitrag und ihre Unterstützung leisten.

Derzeit lernen die Schüler im Kanton Kobanê in der sechsten Klasse Kurdisch, Arabisch und Englisch, also drei Sprachen. Zu Zeiten des Regimes war Kurdisch verboten. Arabisch ist die Sprache der Region, und Englisch ist wichtig für die Verbindung in die Welt draußen. Die verantwortlichen Erzieher selbst haben da noch große Lücken.

In Rojava ist die Erde, ist die Landwirtschaft fruchtbar. Und es gibt Erdöl. Aber das Regime hat hier überhaupt nicht investiert. Und meiner Ansicht nach liegt der größte Reichtum Rojavas in der Stärke der humanitären Werte und in der Ideologie und Philosophie der Revolution. Wenn doch die Internationalisten kämen und diese Schönheiten sähen! Wenn doch die Bewohner, welche aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen haben, wieder zurückkehrten in ihre Länder und sie wieder aufbauten!

– Du kommst in einem Dokumentarfilm über die Veränderungen in Rojava vor. Was wollt ihr mit diesem Dokumentarfilm ausdrücken?

Das soll ein Beitrag von außen für die Revolution in Rojava sein. YPG und YPJ haben keine Nachwuchssorgen. Die Internationalisten, die hierher kommen, leisten ihren Beitrag und berichten, wenn sie wieder in ihre Länder zurückkehren, von der Wirklichkeit. Ich will auch von der Wirklichkeit hier erzählen, wenn ich wieder in mein Land zurückgekehrt bin. Jede Revolution muss bekannt gemacht werden. In Rojava tobt ein Krieg gegen die Feinde der Menschheit. In dieser Hinsicht tragen alle fortschrittlichen Menschen ihre Verantwortung. Hier wird Geschichte geschrieben, und jeder muss die Wahrheit dieser Geschichte kennen.

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