Warum bombardiert das Assad-Regime jetzt Hesekê ?

Qamişlo (Rojava) ANF – Berîtan Sarya, 18.8.2016.

(In Hesekê wie in Qamişlo, den beiden größten Städten des Kantons Cezire in Rojava, existieren noch militärische Basen des Assad-Regimes, die von den Befreiungskräften geduldet werden, solange sie die Selbstverwaltung nicht angreifen. Am 16.8. begannen die Assad-Kräfte aber mit militärischen Angriffen in Hesekê, am 17.8. sogar mit Bombardements. Warum? Für die westlichen Medien ein Rätsel, da sie die Vorgänge in Nordsyrien (jüngst die Befreiung von Minbic) immer noch mit ethnischen Kategorien („ die Kurden…“) zu erklären versuchen. Und Hesekê ist genauso wie Minbic überwiegend arabisch…

Umso wichtiger finden wir die Antwort von Rêzan Gulo, dem Präsidenten der Verteidigungsrats der Demokratischen Autonomen Selbstverwaltung von Rojava: In der Analyse stringent und illusionslos, dabei entschlossen kämpferisch.) (Ingo)

Nach Rêzan Gulo zielen die militärischen Angriffe des syrischen Regimes, nachdem sich der Erfolg der Minbic-Operation abzeichnete, auf die Torpedierung des demokratisch-föderativen Systems von Nordsyrien. Genau das ist der Zweck des sich neu anbahnenden Bündnisses zwischen der Türkei und Syrien. „Der Krieg seit zwei Tagen in Hesekê und das kürzliche Attentat von Qamişlo haben es auf die Zivilbevölkerung abgesehen; damit soll Chaos angerichtet werden. Ganz bewußt soll das demokratische föderale System für die Bevölkerung Unsicherheit erzeugen, damit sie darin kein Vertrauen hat.

Nach dem Sieg von Minbic kriegen sie Angst

Gulo erninnert daran, dass die Angriffe auf Hesekê nicht die ersten sind: „Aber diesmal sind sie viel intensiver, und zum ersten Mal bombardiert das Baath-Regime Hesekê aus der Luft. Die Angriffe jetzt finden in einer Phase statt, wo der Kamppf um Minbic erfolgreich abgeschlossen wurde, wo der Militärrat von Bab seine Erklärung abgegeben hat (dass die Befreiung von Bab als nächstes dran ist…), wo die Befreiung von Cerablus vorbereitet wird und wo die Gebiete von Nordsyrien bald zu einer zusammenhängenden Föderation werden können. Die jetzigen Angriffe und die vorherigen Attentate von Qamişlo und Hesekê sind Teil eines gezielten Planes“.

Die Türkei und das Assad-Regime Hand in Hand

Gulo betont, dass die Entwicklung der Demokratie in Nordsyrien, die Vereinigung der syrischen Völker zu einer demokratischen Föderation, große Unruhe im Regime und in der türkischen Regierung hervorrufen. Er erinnert daran, vor kurzem zwischen der türkischen Regierung und Vertretern des Regimes in Algier durch Vermittlung des iranischen Regimes Gespräche stattgefunden haben. Die Offensive von Hesekê ist ein Produkt der dort ausgeheckten Pläne. „Unserer Ansicht nach hat Syrien während des ganzen Bürgerkrieges, egal wie brüchig die Beziehungen mit der Türkei auch waren, diese nie völlig abgebrochen. Als das Regime gegen die Revolution von Rojava nichts unternahm, wollte die türkische Regierung unsere Revolution mithilfe der Al-Nusra – Front zerdrücken. Aber ohne Erfolg, so daß sie mit allen Mitteln den IS unterstützte. Um die Kurden zu massakrieren und die Revolution von Rojava zu liquidieren, lieferte sie dem IS jegliche Hilfe an Rüstungsgütern und auf wirtschaftlichem und logistischen Gebiet.

Aber jetzt ist der IS besiegt worden. Nach dem Erfolg von Minbic naht sich das Ende des IS. Der türkische Aussenminister Çavuşoğlu hat gestern in einer Rede gesagt, dass er eine Föderation von Nordsyrien nie akzeptieren werde. Deshalb hat die türkische Regierung auch, als sie mit dem IS keinen Erfolg hatte, wieder mit dem syrische Regime neue Pläne aufgestellt. Die zerrütteten Beziehungen zum syrischen Regime wurden auf dieser Grundlage wieder neu geknüpft. Man will wieder mit dem Regime wie früher schon eine Politik führen, die auf der Leugnung der Kurden basiert. Das syrische Regime sieht darin eine Chance für sich. Und die türkische Regierung meint, das sie es mit diesem Plan fertigbringt, die Kurden im Norden (d.h. in der Türkei) zu zerschmettern“.

Bei den Attentaten von Qamişlo wie bei denen von Hesekê hatte das Regime seine Finger im Spiel

Nach Ansicht von Rêzan Gulo beschränkt sich die Kollaboration der beiden Regime nicht auf die jüngsten Militärangriffe auf Hesekê. Schon die Attentate von Qamişlo und vorher die von Hesekê sind Produkte der Zusammenarbeit zwischen der türkischen Regierung und dem syrischen Regime dar. „Sie akzeptieren die Demokratische Föderation von Nordsyrien nicht und gehen mit einem gemeinsamen Konzept dagegen vor. Aber da sie gegen die YPG und die YPJ wenig ausrichten können, da dies bewaffnete Kräfte sind, nehmen sie bewußt die Zivilbevölkerung aufs Korn. So soll ein Chaos entstehen. Die Selbstverwaltung und die Demokratische Föderation sollen unglaubwürdig gemacht werden. Deshalb waren die Attentate von Qamişlo und von Hesekê auf die Zivilbevölkerung gerichtet. Und auch die derzeitigen Angriffe in Hesekê zielen auf die Zivilbevölkerung. Andererseits leistet das Volk Widerstand und räumt die angegriffenen Gegenden nicht. Das geht ihnen gegen den Strich. Sie wollen die Gegenden leeren, deshalb greifen sie die Zivilbevölkerung an.“

Was die Attentate von Qamişlo und die vorher von Hesekê angeht, so verfügt er dazu über Beweise, sagt Gulo. „Diese Angriffe sind vom IS ausgeführt worden, aber das Regime hat seinen Anteil daran. Wir haben Dokumente, die beweisen, dass zu den Attentaten von Qamişlo Damaskus von Kräften des Regimes beglückwünscht wurde. Wir haben auch noch andere Beweise. Das Regime wußte schon vorher, dass es die Explosionen geben würde. Und wer dem Lastwagen mit den Explosivstoffen den Weg nach Qamişlo ermöglichte, das war das Regime. Wenn das Regime nicht geholfen hätte, wie hätte dann der Lastwagen den ganzen Weg durch Rojava mit all seinen Kontrollpunkten überhaupt zurücklegen können vom IS-Gebiet bis nach Qamişlo. In dieser Frage sammeln wir noch andere Beweise. Wir werden der Öffentlichkeit in dieser Frage noch eine umfassende Erklärung abgeben.“

Nach der Befreiung übergeben wir dem Volk die Verwaltung

Der Krieg geht ja weiter, sagt Gulo, und wenn die Angriffe fortgeführt werden, dann darf man sich auf ein gehörige Antwort gefasst machen. Manche arabische Familien, aus denen junge Leute sich den YPG-Kräften angechlossen hatten, sind jetzt von den Kräften des Regimes aufs Korn genommen worden: so versuchen sie, dass die Araber sich gegen die Demokratische Föderation Nordsyriens wenden. „Aber die Araber und die Aramäer, alle Völker Syriens haben in diesem System ihren Platz und sehen darin ihre Zukunft. Die Kriegsflugzeuge bombardieren heute in Hesekê vor allem Viertel, die von Arabern bewohnt werden. Aber unser Volk identifiziert sich mit dem System, das alle umfaßt. Wenn das Regime seine Haltung nicht revidiert, dann wird ganz Hesekê vollständig befreit und die ganze Verwaltung dem Volk übergeben.“

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