Ezidi in Deutschland: Gerettet?

ANF 3.8.2016:

Die Meinung von Xidir, einem Ezidi-Flüchtling in Hannover:
„Auch in Deutschland sollen wir vernichtet werden!“

Azad Saleh Xidir musste vor dem Völkermord nach Europa fliehen: „Der Ferman (Vernichtungs-Erlaß) reicht bis nach Europa. In Şengal ging es um unsere physische Vernichtung, hier geht es um die seelische.“

Von den IS-Banden, die am 3.8.2014 in Şengal einfielen, sind Tausende Eziden massakriert worden, und ebenso viele wurden gefangen
genommen und versklavt. Zehntausende von Eziden, die sich vor dem Massaker retten konnten, verteilten sich auf die übrigen Teile Kurdistans und in viele andere Länder der Welt. Nach nicht-offiziellen Zahlen kamen etwa 50 000 Ezidi nach Deutschland. Die meisten von ihnen leben in den Flüchtlings-Unterkünften und erleiden Aggressionen von Arabern, Tschetschenen und Afghanen, zusätzlich zu den schlechten Lebensbedingungen.

Einer der nach Deutschland Gekommenen ist Azas Saleh Xidir. Zusammen mit seiner Familie rettete er sich vor dem Massker. Er ist 30 Jahre alte, der Älteste einer Familie mit 10 Kindern. Derzeit wohnt er in einer Kleinstadt bei Hannover. Wie Tausende anderer Bewohner von Şengal hat er das Massaker vom 3. August als Zeuge miterlebt. Er erinnert sich an alles:

„Wir lebten in Tilqesad, einem Dorf in einer arabischen Umgebung. In der Nacht des 3. August gegen 1 Uhr begannen sie, unser Dorf wie andere auch zu überfallen. Bis 3 Uhr haben die Bewohner irgendwie Widerstand geleistet. Aber da die Peschmerga, die Şengal verteidigen sollten, geflohen sind, fingen die Leute auch an, ihre Angehörigen zu nehmen und in die Berge zu fliehen. Unsere Familie hat sich auch gegen Morgen mit unserem Auto in Richtung Berge aufgemacht. Dabei behinderten die Peschmerga, die vor den IS-Banden flohen, die Leute auf ihrer Flucht. Die IS-Kämpfer brachten unterwegs Hunderte um und verschleppten die Überlebenden als Gefangene. Eine Gruppe von nur 6 Gerillas kam den Bewohnern zu Hilfe. Sie bemächtigten sich eines von den Peschmerga verlassenen Doçka-Fahrzeugs und kämpften mit dem darauf montierten Maschinengewehr. Tausende von Leuten wurden so gerettet. Wir blieben 12 Tage lang verloren in den Şengal-Bergen, ohne Wasser, ohne Nahrung. Von dort gelangten wir durch den gesicherten Korridor nach Rojava, von dort nach Süd-Kurdistan (im Irak) und dann nach Nord-Kurdistan (Türkei). Dort blieben wir so ein Jahr in einem Lager in Şırnak. Aber als in Nord-Kurdistan die türkische Regierung ihre Repression und ihren Krieg gegen die Kurden intensivierte, nötigte uns unsere Mutter mithilfe der Onkel, nach Deutschland zu kommen – über 7 Länder, über Meere und Grenzen.“

Er ist also nicht aus freiem Willen nach Deutschland gekommen, betont Azad Saleh Xidir, und fährt fort: „Im Grund wollten wir nicht nach Deutschland. Aber unsere Mutter hat darauf bestanden. Deutschland kann ja nie unsere Heimat sein, und war es auch nie. Aber in Şengal galt der Ferman, dass wir vernichtet werden sollten. In Deutschland wird dieser Ferman auch vollzogen. Dort wollten sie physisch und mit Gewalt uns unsere Kultur und unseren Glauben wegnehmen. Aber in Deutschland wird uns ohne Zwang unsere Kultur und unser Glauben weggenommen. Vielleicht, dass sich einige junge Leute von uns retten können. Aber auf diese Art gehen uns unsere Kinder verloren.

Heute lebe ich mit meiner Familie in Deutschland. Ich bin gezwungen, mich nach einem System zur richten, das obligatorisch ist. Es gibt mir Brot und Unterstützung. Aber andererseits nimmt es mir mein Selbst weg. Unsere Kinder gehen in die Schule, in den Kindergarten. Das bedeutet, dass sie vom Kurdentum, von der Kultur und vom Glauben entfernt werden. Ich grüsse die Ezidi-Kinder hier mit „Rojbasch!“, und sie sagen „Hallo!“ zu mir. Sie haben schon ihre Muttersprache vergessen. Wenn ein Kind seine eigene Sprache nicht mehr kennt, wie können Sie ihm dann seinen Glauben erklären, seine Kultur lehren… Wie können Sie ihm sein Land, seine Vergangenheit beibringen? Sie geben uns Brot, und sie nehmen uns unsere Kinder, entfernen uns von unserer Kultur, unserem Glauben. Trotz aller Gewalt und Massaker – wären wir doch nicht hierher gekommen, wären wir doch in unserem eigenen Land geblieben. Heute hängen vor allem in Griechenland und in einigen anderen Ländern und zwischen den Grenzen Tausende von ezidischen Familien verlassen und im Elend.

Hier sind wir den Aggressionen von Arabern, Afghanen und Tschetschenen ausgesetzt. Vor denen sind wir doch geflohen und hierher gekommen, und hier leben wir an denselben Orten wie sie. In den Unterkünften, wo wir mit ihnen zusammenleben, erleiden wir täglich ihre Aggressionen. Denn sie sind IS-Anhänger. Die Zuständigen mischen sich nicht ein. Wir wollen hier nicht leben. Wir wollen nur frei auf unseren Ländereien bleiben. Deshalb wollen wir von Europa aus mithelfen, dass die IS-Banden von unseren Ländereien gesäubert werden.“

Und Azad Saleh Xidir ruft die Ezidi in Kurdistan auf: „Kommt nicht hierher! Hier werden eure Familien auseinandergerissen, hier verliert ihr eure Kinder. Der jetzige Ferman ist der schlimmste!“

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