Türkisch-Kurdistan: Wie ist der bewaffnete Widerstand in den Städten ausgegangen?

(Eine Übersicht von Ingo, 26.6.16) In unserem Infoblatt zur Kurdischen Revolution stand der bewaffnete Widerstand in den Städten von Türkisch-Kurdistan bis April im Mittelpunkt: als Selbstverteidigung der selbstverwalteten Städte bzw. Stadtviertel. Dieser Kampf ging zu Ende am 25. Mai mit dem Rückzug der YPS (die “Zivilen Verteidigungskräfte”) aus den letzten kämpfenden Städten Nusaybin und Şırnak (vergl. Erklärung der YPS im Infoblatt Nr. 13 und den Kommentar dazu auf “ak-zur-kurdischen-revolution.de”).

Und seither? Kehren die Bewohner in ihre bombardierten Häuser zurück?

Nichts dergleichen. Nach wie vor ist es ihnen in der Regel verboten, zurückzukehren. In Şırnak, Cizre oder Idil hausen sie in Zelten in der Nähe ihrer Städte und weigern sich, wegzuziehen. Die “Rojava-Komitees” aus der ganzen Türkei schicken Hilfskonvois; aber die werden abgefangen, beschlagnahmt, die Leute schikaniert.

Wenn die türkische Regierung bei den Kämpfen systematisch und in aller Ruhe aus der Entfernung ein Haus nach dem anderen kaputtbombardierte, so setzt sie jetzt diese Arbeit mit Bulldozern und anderen Baumaschinen fort. “Wegen Einsturzgefahr” ist den Eigentümern der Zugang zu ihren Häusern verboten. Aber auch Gebäude, die keinen Schaden genommen haben, werden jetzt eingeebnet.

In Cizre z.B. zählt die kurdische Gemeindeverwaltung 1 200 schwer beschädigte Gebäude – der Gouverneur zählt 3 200, die alle “wegen Einsturzgefahr” plattgemacht werden. In Şırnak werden 7 aufständische Viertel dem Erdboden gleichgemacht, dazu noch die Viertel Aydınlıkevler und Vakıfkent, wo es gar keine Kämpfe gab. Die kurdische Stadtverwaltung darf die zerstörte Wasserversorgung nicht reparieren. In Gever (türkisch: Yüksekova) werden seit der Beendigung der Kämpfe 5 Stadtviertel systematisch ausgeraubt, dann verbrannt und zerstört. Im Cumhuriyet-Viertel verblieben Mitte Juni noch 2 000 der ursprünglichen 20 000 Einwohner; wer ihnen Hilfe bringt, wird von der Polizei bedroht. Aber als die AKP Hilfsgüter verteilen wollten, wurde sie von den Bewohnern weggejagt, und ihre Geschenke wanderten in den Müll.

Grund und Boden der Städte wurde zum größten Teil als “Notmaßnahme” verstaatlicht. In Sur fast das ganze Stadtviertel, obwohl nur ca 30 % zerstört ist. Die Eigentümer lehnen aber eine Entschädigung ab und ziehen vor Gericht, mit Unterstützung der kurdischen Gemeindeverwaltung und kostenlosen Rechtsanwälten _ “bis zum Europäischen Gerichtshof nach Strasbourg, wenn es nötig ist!”. In Idil wurde die weitere Zerstörung der Gebäude schon gerichtlich gestoppt.

Was die türkische Regierung bezweckt, ist offensichtlich: Die aufständischen Städte und Stadtviertel sollen leergemacht, ihre kurdischen Bewohner in den Westen der Türkei oder zumindest in unwirtliche Neubauviertel vertrieben werden. 22 000 Bewohner von Sur mussten ihre Wohnungen verlassen. Der Vertriebenen-Verband Göç-Der beziffert die Zahl der seit den “Ausgehverboten” Geräumten auf über eine Million. Aber die kurdische Bewegung beschwört die Bewohner, ihre Häuser – und ihre Lebensart! – nicht aufzugeben. Mussten vor 25 Jahren doch schon 3 Millionen Landbewohner ihre Dörfer aufgeben und in die Städte ziehen. Und jetzt wieder einen Exodus? Für die Kurden ein “kultureller Genozid”! Eine starke Solidaritätskampagne im ganzen Land, ja in ganz Europa unterstützt die Ausgebombten, damit sie ihre Städte nicht verlassen.

Die Bilanz der Auseinandersetzungen?

PKK-Führer Murat Karayılan zieht am 21.6.16 im Stêrk TV eine positive Bilanz. Zunächst gibt er genaue Zahlen bekannt:
Verluste der türkischen Seite: 4 362
Verluste der Kurden: 721 (YPS =Selbstverteidigungseinheiten: 376, HPG = PKK-Gerillas: 3445) und nicht 7 500, wie die Regierung behauptet.
“Ihr Ziel war, die kurdische Gesellschaft einzuschüchtern… Sie haben verloren. Sie konnten nicht in die Städte eindringen, sondern sie haben sie zerstört. In Sur haben 70 Leute 105 Tage lang die Regierung gestoppt. Erst, als alles in Trümern lag, konnte sie rein. Das ist eine Schande für eine Armee… Sind die YPS besiegt worden? Das kann jeder selbst einschätzen. Die Bevölkerung geriet in eine schlimme, aussichtslose Lage. Das ist uns sehr bewusst. Deshalb wurde schließlich für Şırnak, Gever und Nusaybin beschlossen, sich zurückzuziehen… Die Lehre aus dem städtischen Widerstand: Wenn wir uns gut vorbereiten und unsere Erfahrung von 32 Jahren (bewaffneten Kampf) hinzunehmen, dann können wir diesen Feind aus dem Lande vertreiben. Aber unter der Bedingung, das Volk und Kämpfer eins sind.”

Und die Aussichten auf Frieden?
“ Die AKP-Regierung hat mit der Ausweitung des Krieges alle bestehenden Brücken gesprengt. Wenn sie noch die (kurdischen) Rathäuser an sich reißen und Treuhänder als Bürgermeister einsetzen, dann werden wir diese aufs Korn nehmen, egal wer es ist. Das sage ich ganz offen.

In Sur und Gever kann man zusehen, wie die Zerstörung weiter geht. Seit dem 25. Mai gibt es in Şırnak und Nusaybin keinen Krieg mehr, aber die Häuser werden weiter zerstört…Wir lassen es nicht zu, dass die AKP unser Volk in Sur, in Şırnak, in Nusaybin gefangen nimmt. Dagegen muss ein entschlossener Kampf geführt werden. Der eigentliche Kampf hat jetzt erst begonnen.

Wir sind offen für eine friedliche Lösung; aber wir haben Bedingungen: die Autonomie Kurdistans und die Freilassung des Vorsitzenden Apo. Sonst kann der Krieg nicht gestoppt werden… Freilassung der Führung, autonomes Kurdistan und demokratische Türkei – wenn sie das nicht akzeptieren, dann kommt die Unabhängigkeit von Kurdistan auf die Tagesordnung.”

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.